Skip to main content

Full text of "Ut Oler Welt, Volksmärchen, Sagen, Volkslieder und Reime"

See other formats


HANDBI  »I  ND 

AT  THE 


UNTVERSITY  OF 


UT  ÖLER  WELT 


Z3~->    i     *  Vo  W. 


UTÖLERWELT 


VOLKSMÄRCHEN,  SAGEN, 
VOLKSLIEDER  UND  REIME 


GESAMMELT  VON 


WILHELM  BUSCH 


MÜNCHEN 

LOTHAR  JOACHIM  VERLAG 

1910 


F.  Bruckmann  A.-G.,   München 


VORWORT 


Hiermit  übergebe  ich  die  von  meinem  Onkel  Wilhelm  Busch  um  1850  ge- 
sammelten Märchen,  Sagen,  Volkslieder  und  Reime  der  Öffentlichkeit ;  es 
sind  nicht  Kinder-  und  Hausmärchen  wie  die  von  den  Brüdern  Grimm,  von 
Bechstein,  Musäus  u.  a.  herausgegebenen  Sammlungen;  diese  Sammlung  ist 
für  Erwachsene,  insonderheit  für  wissenschaftlich  interessierte  Leser  bestimmt. 

Diese  Sachen  »Ut  61er  weit«  (Aus  alter  Zeit)  lagen  in  sorgfältig  ge- 
schriebenen Manuskripten  meines  Onkels  druckfertig  vor.  Nur  die  Reihen- 
folge ist  z.  T.  nach  seinen  späteren  Bemerkungen  besonders  bei  den  Sagen- 
stoffen etwas  geändert.  Er  hatte  gleich  damals,  als  er  sie  sammelte,  vor- 
gehabt, sie  heraus  zu  geben,  auch  schon  den  Entwurf  zum  Titelblatt  »Volks- 
märchen« gezeichnet.  Da  fand  er  bei  den  Brüdern  Grimm,  Müllenhof,  Kuhn 
und  Schwanz  u.  a.  ähnliche  Erzählungen  oder  Stoffe  und  meinte,  die  Ver- 
öffentlichung der  von  ihm  gesammelten  hätte  deshalb  keinen  Wert.  Später 
sagte  er  wohl,  daß  doch  vielleicht  die  Wiedensahler  Überlieferung  manches 
für  den  Fachmann  Interessante  enthalten  möchte.  Aber  die  öfter  besprochene 
Herausgabe  unterblieb  doch. 

Erst  um  1900  in  Mechtshausen  kam  mein  Onkel  dazu,  einige  wenige 
Sachen  im  Korrespondenzblatt  des  Vereins  für  niederdeutsche  Sprachforschung 
zu  veröffentlichen.*)  Es  wurde  von  verschiedenen  Mitarbeitern,  Professor 
Roethe- Berlin  u.  a.  hervorgehoben,  wie  diese  Proben  der  Wiedensahler  Er- 
zählungen und  Reime  manche  bisher  nicht  bekannte  Variation  oder  gute  Dar- 
stellung anderweit  bekannter  Stoffe  enthielten. 

Hier  werden  nun  alle  von  meinem  Onkel  vollständig  niedergeschriebenen 
Stücke  der  um  1850  noch  lebendigen  Volksüberlieferung  veröffentlicht,  genau 
in  der  Darstellungsweise,  auch  in  der  Rechtschreibung,  wie  er  sie  aufgezeichnet 


*)    Vergl.  Korrespondenzbl.  f.  niederd.  Sprachforschung,  Heft  XXI,   5,6;  XXII,   1,2,3,4; 
XXIII,  6;  XXIV,  2. 

3 


hat;  die  plattdeutschen  Laute  sind  möglichst  genau  in  der  Form  wieder- 
gegeben, wie  sie  im  Korrespondenzblatt  gedruckt  vorliegen.  Die  hochdeutsche 
Fassung  einzelner  zunächst  plattdeutsch  überlieferter  Stücke  rührt  natürlich  von 
meinem  Onkel  her. 

Zu  den  mit  abgedruckten  Zeichnungen  haben  die  Märchen-  und  Sagen- 
stoffe  die  unmittelbare  Anregung  gegeben,  wie  schon  aus  Skizzenbüchern  der 
fünfziger  Jahre  zu  ersehen  ist.  Das  leider  nur  im  Entwurf  angefertigte  Titel- 
blatt und  die  Bleifederzeichnung  »Bremer  Stadtmusikanten«  sind  hier  zum 
ersten  Mal  veröffentlicht;  die  anderen  drei  Feder-  und  Tusch-Zeichnungen 
sind  schon  in  dem  Prachtwerk  »Wilhelm  Busch's  künstlerischer  Nachlaß«  er- 
schienen und  werden  hier  mit  Genehmigung  der  Hofkunstanstalt  Franz  Hanf- 
staengl  in  München  reproduziert. 

Mein  Onkel  selbst  hat  sich  verschiedentlich  zu  der  Sammlung  dieser 
Märchen  und  Sagen  geäußert.  So  schreibt  er  1893  in  der  kurzen  Selbst- 
biographie »Von  mir  über  mich«: 

»Nach  Antwerpen  hielt  ich  mich  in  der  Heimath  auf. 

Was  damals  die  Leute  ut  öler  weit  erzählten,  sucht  ich  mir  fleißig  zu 
merken,  doch  wußte  ich  leider  zu  wenig,  um  zu  wissen,  was  darunter  wissen- 
schaftlich bemerkenswerth  ist.  Das  Vorspuken  eines  demnächstig|en  Feuers 
hieß:  wabern.  Den  Wirbelwind,  der  auf  der  Landstraße  den  Staub  auftrichtert, 
nannte  man  warwind;  es  sitzt  eine  Hexe  drin.  Übrigens  hörte  ich,  seit  der 
»alte  Fritz«  das  Hexen  verboten  hätte,  müßten  sich  die  Hexen  überhaupt  sehr 
in  Acht  nehmen  mit  ihrer  Kunst. 

Am  meisten  wußte  ein  alter  stiller  für  gewöhnlich  wortkarger  Mann. 
Einsam  saß  er  abends  im  Dunkeln.  Klopft  ich  ans  Fenster,  so  steckte  er  freudig 
den  Thrankrüsel  an.  In  der  Ofenecke  stand  sein  Sorgensitz.  Rechts  von  der 
Wand  langte  er  sich  die  sinnreich  senkrecht  im  Kattunbeutel  hängende  kurze 
Pfeife,  links  vom  Ofen  den  Topf  voll  heimischen  Tabacks ;  und  nachdem  er 
gestopft,  gesogen  und  Dampf  gemacht,  fing  er  seine  vom  Mütterlein  ererbten 
Geschichten  an.  Er  erzählte  gemächlich;  wurde  es  aber  dramatisch,  so  stand 
er  auf  und  wechselte  den  Platz,  je  nach  den  redenden  Personen,  wobei  denn 
auch  die  Zipfelmütze,  die  sonst  nur  leise  nach  vorne  nickte,  in  mannigfachen 
Schwung  gerieth. 

In    den   Spinnstuben    sangen    die  Mädchen,  was  ihre  Mütter  und  Groß- 
mütter gesungen.     Während  der  Pause,  abends  um  neun,  wurde  getanzt;  auf 
der  weiten  Haustenne;  unter  der  Stalllaterne;  nach  dem  Liede: 
maren  will  wi  hawern  meihn ; 
wer  schall  den  wol  binnen  ? 
dat  schall  (meiers  dortchen)  don. 
de  will  eck  wol  finnen.« 

Als  im  Jahre  1900  die  ersten  Märchen  im  Korrespondenzblatt  erschienen, 


gab  mein  Onkel  über  unser  Heimatdorf  Wiedensahl,  wo  die  meisten  erzählt 
und  von  ihm  gesammelt  sind,  Folgendes  an*): 

»Wiedensahl,  platt  Wiensaol,  hat  seinen  Namen  zum  Theil  von  dem  in 
der  Mitte  des  Orts  befindlichen  Teiche,  dat  saol  genannt,  so  daß  jemand,  der 
Freud  am  Vermuthen  findet,  sich  denken  mag,  die  Bedeutung  des  Ganzen 
könnte  vielleicht  Wald-,  Weiden-  oder  Heiligensee  sein. 

Neben  der  Pfarre  lag  einst  der  Edelhof.  Einer  der  edlen  Herrn,  die  dort 
gehaust,  ist  wohl  ein  grimmiger  Kerl  gewesen,  denn  es  heißt,  er  habe  aus 
Ärger  über  einen  Hahn,  der  oft  über  die  Hecke  flog  und  im  adeligen  Garten 
kratzte,  seinen  Nachbar,  den  Pastor,  maustodtgeschossen. 

Draußen,  wo  jetzt  die  alte  Windmühle  ihre  Flügel  dreht,  hat  vor  Zeiten 
ein  Schloß  gestanden.  Es  ist  lange  verschwunden,  nur  der  Brunnen  blieb 
später  noch  sichtbar,  bis  schließlich  das  Gras  darüber  wuchs.  Als  die  drei 
Frölen,  denen  das  Schloß  gehörte,  nach  Bockeloh  zogen,  schenkten  sie  ihr 
Land,  die  wiäme,  der  Pfarre,  den  Wald  der  Gemeinde.  Dafür  mußten  die 
Wiedensahler  eine  Abgabe  in  Geld  entrichten.  Mal  ließ  sich  der  Mann,  der 
es  hob,  mehre  Jahre  nicht  blicken.  Dem  damals  regierenden  Burgemeister 
kam  es  bedenklich  vor,  wenn  es  so  weiter  ginge  und  dann  die  Summe  auf 
einmal  gefordert  würde.  Drum  ging  er  los,  um  sich  persönlich  deshalb  zu 
erkundigen.  In  Bockeloh,  wo  die  Sache  bereits  gründlich  vergessen  war,  hat 
man  ihn  sehr  gelobt  und  freundlich  entlassen  mit  der  festen  Versicherung, 
daß  die  Rückstände  eingezogen  und  die  Abgabe  wieder  regelmäßig  geholt 
werden  sollte,  was  denn  auch  pünktlich  geschah. 

Nicht  weit  von  der  Wiedensahler  Grenze  zieht  sich  im  Schauenburger 
Walde  der  Schanzgraben  oder  Drusenwall  hin.  Eine  Stelle,  an  der  er  doppelt 
ist,  nennt  man  den  Pferdestall.  Rückten  nun  die  Schlüsselburger  von  der 
Weser  her,  wie  sie  öfters  thaten,  zum  Sengen  und  Plündern  aus,  dann  zogen 
sich  die  Wiedensahler  hinter  den  Wall  zurück,  und  regelmäßig  eilte  ihnen  der 
tapfere  Ritter  von  Bückeburg  mit  seinen  Leuten  zu  Hülfe.  Die  Wiedensahler 
waren  nicht  undankbar.  So  oft  die  gnädige  Frau  in  Wochen  kam,  brachten 
sie  ihr  Eier  und  junge  Hähnchen.  Was  aber  gutswillens  geschah,  wurde  später 
ein  Zwang.  Die  Eier  und  Hähnchen  mußten  nach  Bückeburg  geliefert  werden, 
ob  die  Gnädige  in  Wochen  war  oder  nicht.  Bis  um  die  Mitte  des  letzten 
Jahrhunderts  ist  die  Verpflichtung  inkraft  geblieben. 

Die  Zeit  kramt  alles  um;  nur  thut  sie  es  in  abgelegener  Gegend  etwas 
später  als  anderswo. 

Erst  mit  den  zwanziger  Jahren  verlor  sich  der  Brauch,  in  der  Hespe, 
einem  Fahrweg  zwischen  zwei  Hecken,  die  Schweine  von  gemeindewegen 
durchs  wilde  Feuer  zu  treiben. 


*)    Vergl.  Nöldeke,  Wilhelm  Busch.     S.  i  ff. 


Noch  zu  Ende  der  dreißiger  oder  anfangs  der  vierziger  Jahre  sah  man 
das  Halseisen,  als  Wahrzeichen  einstiger  Bußen,  am  steinernen  Kirchhofsthor. 

Alle  ländlichen  Häuser  waren  mit  Stroh  gedeckt.  Über  dem  offenen 
Heerde  unter  der  oosten  hing  der  Kessel  oder  stand  der  Topf  auf  dem  Drei- 
fuß. In  der  Döntzen  am  drehbaren  Holzarm  schwebte  abends  der  Krüsel 
mit  Thran  gefüllt. 

Noch  immer  wurde  der  Taback,  dreißig  Pfund  für  n  Thaler,  auf  dem 
Wiedensahler  Jahrmarkt  von  den  Landsberger  Bauern  verkauft.  Noch  immer 
holten  sich  die  Großväter  aus  dem  Wald  ihren  tunder  und  dörrten  und 
klopften  ihn  tüchtig,  damit  er  gut  Funken  fing. 

So  war  es  einmal.     Jetzt  sind  es  »geschienten  ut  61er  weit«. 

Höckelheim,  August   1910. 

O.  Nöldeke. 


I.VOLKSMÄRCHEN. 


i.  De  häister  un  de  willen  duben. 

Bi  Fürst  Erenst  siner  tit,  ans  dat  swin  Dirk  häite  un  de  käo  Barteid,  do 
könne  de  häister  dat  beste  näist  bäon.  Do  käimen  de  willen  duben  na 
öne  hen  un  säen:  »Nawer,  will  ji  nich  säo  gäot  wäsen  un  üsch*)  dat  6k 
lehren  wo  ji  dat  maoket?«  »Jao,  säe  de  häister,  worümme  dat  nich;  awerst 
wat  giäwe  ji  mi?  »Die  bunte  kuh,  die  bunte  kuh,  die  bunte  kühle  säen  de 
willen  duben.  Den  häister  was  dat  recht,  un  häi  flog  mee.  Ans  häi  nu  de 
ersten  sprikker  te  höp  elegt  harre,  do  menen  de  willen  duben,  säi  können  dat 
nu  ök  all  sülbenst  un  säen:  »Nawer,  gaet  nu  man  weer  hen,  wi  willt  et  nu 
woll  sülbenst  fertig  maoken.«  De  häister  läit  sik  dat  nich  twäimaol  seggen, 
namm  sine  bunte  käo  un  flog  weg.  —  Do  nu  de  willen  duben  awerst  sülbenst 
täo  bäon  anföngen,  do  käimen  se  man  jümmer  säo  wit,  ans  de  häister  et  säi 
ewiset  harre.  Do  föngen  se  an  täo  schräin*)  un  räipen:  »Die  bunte  kuh, 
die  bunte  kuh,  die  bunte  kuh!«  un  menen,  de  häister  schölle*)  de  bunte  käo 
weer  herutgiäwen;  awerst  de  häister  was  mit  der  käo  wäge  un  blew  wäge. 
Darümme  küent  de  willen  duben  ök  vandage  noch  näin  orntliket  näist  bäon 
un  räopet  noch  jümmer:  »Die  bunte  kuh,  die  bunte  kuh,  die  bunte  kuh!«  bet 
up  düssen  dag.  Un  däi  mi  düsse  geschiente*)  verteilt  hat,  mit  däne  hebbe  ek 
sülbenst  ekört. 

2.  Die  [schwarze  Prinzessin. 

Es  war  einmal  ein  König  und  eine  Königin,  die  kriegten  gar  keine  Kinder. 
Da  sagte  die  Königin:  »Ich  wollte,  ich  kriegte  ein  Kind  und  wenn  es  auch 
vom  Teufel  wäre.«     Nicht  lange    darnach  ward  die  Königin    schwanger  und 


*)  In  allen   plattdeutschen  Stücken   ist   seh    mit  westfälischer   Aussprache  =  s — ch    oder  s— k 
zu  sprechen.     W.  B. 


gebar  ein  kleines  Kind,  das  war  eine  Dirne.  Sie  ward,  wie  sie  wuchs,  von 
Tage  zu  Tage  schöner,  so  daß  sie  ein  jeder,  der  sie  sah,  von  Herzen  gerne 
leiden  mochte.  Den  Tag  aber  vor  ihrem  fünfzehnten  Geburtstage  sagt  sie  auf 
einmal  zu  ihrem  Vater:  »Morgen,  Vater,  muß  ich  sterben.«  »Mein  liebes  Kind,« 
sagte  der  König,  »sprich  mir  doch  nicht  von  sterben.«  »Doch  Vater!  Ich 
weiß  gewiß,  daß  ich  morgen  sterben  muß.  Eins  mußt  du  mir  aber  versprechen: 
daß  mein  Sarg  in  der  Schloßkirche  vor  den  Altar  gestellt  und  ein  ganzes  Jahr 
lang  jede  Nacht  Wache  dabei  gehalten  wird.  Wenn  sich  dann  unter  der  Wache 
Einer  findet,  der  nichts  Schlechtes  gethan  hat,  so  kann  der  mich  wieder  erlösen.« 
Das  mußte  der  König  versprechen  und  ihr  die  Hand  drauf  geben. 

Wie  die  Königstochter  gesagt  hatte,  so  kam  es  auch.  Den  andern  Tag  nahm 
sie  noch  von  Vater  und  Mutter  Abschied,  legte  sich  und  starb  und  ward  dar- 
nach kohlschwarz.  Der  König  ließ  sie  nun  in  ihrem  Sarge  in  die  Schloß- 
kirche vor  den  Altar  stellen  mit  einer  Wache  dabei,  wie  die  Prinzessin  es 
verlangt  hatte.  Des  Nachts,  da  die  Glocke  gerade  Zwölf  schlug,  fuhr  die  Prin- 
zessin aus  ihrem  Sarge,  packte  die  Wache,  drehte  ihr  den  Hals  um  und  warf 
sie  in  ein  finsteres  Gewölbe,  das  da  unter  der  Kirche  war.  Sobald  aber  die 
Glocke  Eins  schlug,  mußte  sie  wieder  in  ihren  Sarg  hinein.  In  der  zweiten 
Nacht  ging  es  ebenso.  Als  die  Glocke  Zwölf  schlug,  fuhr  die  Königstochter 
aus  ihrem  Sarge,  drehte  der  Wache  den  Hals  um  und  warf  sie  in  das  Gewölbe, 
das  unter  der  Kirche  war.  In  jeder  folgenden  Nacht  ging  es  ebenso;  jeden 
Morgen  war  die  Wache  verschwunden  und  kein  Mensch  wußte,  wo  sie  ge- 
blieben war.  Nun  wollte  zuletzt  keiner  mehr  bei  der  Königstochter  wachen. 
Da  ließ  der  König  im  ganzen  Lande  bekannt  machen:  wer  seine  Tochter  er- 
lösen könnte,  der  sollte  sie  zur  Frau  haben  und  König  werden. 

Nun  war  da  ein  junger  Schäfer  mit  gelben  Haaren,  der  hieß  Jakob,  der 
reiste  nach  der  Königsstadt  und  ließ  sich  anstellen  als  Wache  bei  dem  Sarge 
der  Prinzessin.  In  der  ersten  Nacht,  da  es  kurz  vor  Zwölfe  war  und  der 
Schäfer  daran  dachte,  daß  die  andern  Wachen  alle  so  sonderbar  verschwunden 
waren,  da  ward  er  bange  und  wollte  weglaufen.  Da  rief  eine  Stimme  hinter 
ihm  her:  »Jakob,  geh  nicht  fort,  du  kannst  mich  erlösen,  wenn  du  drei  Nächte 
hintereinander  an  meinem  Sarge  wachst.«  Da  kehrte  der  Schäfer  wieder  um 
und  versteckte  sich  unter  den  Sarg  der  Prinzessin.  Als  nun  die  Glocke  Zwölf 
schlug,  fuhr  die  Königstochter  aus  ihrem  Sarge  und  suchte  die  ganze  Kirche 
durch;  in  dem  Augenblick  aber,  wo  sie  an  den  Sarg  kam  und  den  Schäfer 
eben  fassen  wollte,  schlug  die  Glocke  gerade  Eins;  da  mußte  sie  wieder  in 
ihren  Sarg  hinein.  In  der  zweiten  Nacht,  da  es  wieder  bald  Zwölfe  war  und 
der  Schäfer  daran  dachte,  daß  es  ihm  auch  ergehen  könnte  wie  den  andern 
Wachen,  da  ward  er  bange  und  wollte  weglaufen.  Da  rief  eine  Stimme  hinter 
ihm  her:  /Jakob,  geh  nicht  fort;  du  kannst  mich  erlösen.«  Als  der  Schäfer 
das  hörte,  kehrte  er  wieder  um  und  versteckte  sich  in  das  Gewölbe,  wo  die 


Leichen  der  früheren  Wachen  lagen.  Er  beschmierte  sich  Gesicht  und  Hände 
ganz  mit  Blut,  deckte  einige  der  Toten  über  sich  und  verhielt  sich  so  ruhig, 
als  ob  er  auch  eine  Leiche  wäre.  Als  nun  die  Glocke  Zwölf  schlug,  fuhr  die 
Königstochter  wieder  aus  ihrem  Sarge,  durchsuchte  die  ganze  Kirche  und  kam 
auch  zuletzt  in  das  Gewölbe,  wo  der  Schäfer  unter  den  Leichen  lag.  »Dem 
die  Füße  warm  sind,  der  ist's  I«  rief  sie  und  tastete  zwischen  den  Leichen 
herum.  Schon  war  sie  dem  Schäfer  ganz  nahe,  das  Blut  gerann  ihm  in  den 
Adern,  da  schlug  die  Glocke  Eins.  Nun  mußte  die  Prinzessin  wieder  zurück 
in  ihren  Sarg.  —  Am  andern  Morgen  kam  der  König  mit  seinem  ganzen  Hof- 
staate in  die  Kirche,  um  nach  dem  Schäfer  zu  sehen,  und  als  sie  das  viele 
Blut  in  seinem  Gesicht  und  an  seinen  Händen  sahen,  erschraken  sie  und 
meinten  nicht  anders,  denn  es  sei  ihm  ein  Leid  widerfahren.  Jakob  aber 
sprach:  »Wisset,  daß  ich  gesonnen  bin,  auch  noch  die  dritte  Nacht  Wache 
zu  halten;  Morgen  früh  Glocke  Sechs,  da  kommt  mit  Pauken  und  Trompeten 
und  der  ganzen  Musik,  denn  entweder  bin  ich  todt  oder  die  Prinzessin  ist 
erlöst.«     Das  mußte  ihm  der  König  versprechen. 

Kurz  vor  Zwölfe  in  der  Nacht  kroch  der  Schäfer  unter  den  Sarg  der  Prin- 
zessin, und  als  sie  nun  mit  dem  Schlage  Zwölf  herausfuhr,  legte  sich  der 
Schäfer  schnell  selber  in  den  Sarg  hinein.  Nun  suchte  die  Prinzessin  die 
ganze  Kirche  durch;  als  sie  aber  zuletzt  auch  an  den  Sarg  kam,  da  schlug  die 
Glocke  Eins.  In  demselben  Augenblick  fing  die  Prinzessin  an  zu  sprechen  und 
sagte:  »Jakob,  ich  danke  dir  viel  tausend  Mal;  du  hast  mich  nun  erlöst.« 
Von  Stund  an  begann  sie  auch  allmählich  weiß  zu  werden,  und  Morgens 
Glock  sechs  stand  sie  da  in  voller  Schönheit  und  weiß  wie  zuvor.  Da  kamen 
auch  der  König  und  die  Königin  mit  ihrem  ganzen  Hofstaate  und  vielem  Volk, 
mit  Pauken  und  Trompeten  und  voller  Musik;  und  als  nun  Jakob  mit  der 
Prinzessin  an  der  Hand  aus  der  Kirche  trat,  da  rief  alles  Volk:  »Vivat,  unser 
König  Jakob!«    und  wollte  des  Jubilierens  kein  Ende  wrerden. 

3.   Das  Öl  der  Zwerge. 

Es  ist  einmal  eine  Hebamme  gewesen,  zu  der  kam  in  der  Nacht  ein  kleines 
Männlein  mit  einer  Laterne  und  forderte  sie  auf,  eilig  mit  ihm  zu  gehen.  Sie 
nahm  ihren  Mantel  über  und  folgte  dem  Zwerge,  welcher  über  Feld  und 
Wiesen  voranschritt  bis  zu  einem  Wasser,  unter  welchem  er  seine  Wohnung 
hatte.  Hierinnen  lag  die  Frau  des  Zwerges  in  Kindesnöten.  Nachdem  die 
Hebamme  ihr  Beistand  geleistet  und  das  Kindlein  geboren  und  gewaschen  war, 
reichte  ihr  das  Männlein  ein  Glas  mit  wohlriechendem  Öle  und  forderte  sie 
auf,  das  Kindlein  damit  einzureiben.  Nun  hatte  die  Hebamme  trübe,  thränende 
Augen  und  darum  die  Gewohnheit,  von  Zeit  zu  Zeit  mit  der  Hand  darüber 
zu  streichen.     Als  sie  nun  so  mit  dem  Einreiben  des  Kindes  beschäftigt  war. 


juckte  und  flirrte  es  ihr  auch  wieder  in  dem  einen  Auge,  so  daß  sie  mit  dem 
Finger  herüberfuhr  und  es  auswischte. 

Nachdem  sie  nun  das  Kind  angezogen  hatte  und  sich  zum  Weggehen  an- 
schickte, gab  ihr  der  Zwerg  einiges  Geld.  Sie  ging  darauf  an  das  Bett  der  Wöch- 
nerin, um  ihr  gute  Besserung  zu  wünschen  und  Adieu  zu  sagen.  Die  Wöchnerin 
zog  sie  aber  nahe  zu  sich  und  sagte  ihr  heimlich  ins  Ohr:  sie  sollte  das  Geld, 
welches  ihr  der  Mann  gegeben,  nur  wegwerfen,  aber  statt  dessen  den  Kehricht 
aufraffen,  der  da  vor  der  Stubentür  an  der  Schwelle  läge.  Das  that  sie,  behielt 
aber  doch  auch  das  Geld.  Während  dem  hatte  der  Zwerg  seine  Laterne 
wieder  angezündet,  begleitete  die  Hebamme  nach  Hause  und  verabschiedete 
sich  von  ihr,  nachdem  er  sich  noch  vielmals  für  die  gute  Hilfe  bedankt  hatte. 
Als  jetzt  die  Frau  nach  ihrem  Gelde  sehen  wollte,  war  es  Pferdemist,  der 
Kehricht  aber  war  eitel  rothes  Gold. 

Einige  Zeit  darnach  ging  die  Hebamme  zum  Jahrmarkt  in  die  nächste  Stadt 
und  gedachte  da  tüchtig  einzukaufen,  denn  sie  hatte  nun  Geld  in  Menge.  Sie 
mußte  sich  ordentlich  drängen  lassen,  so  voll  war's  da  auf  dem  Markte.  Da 
sah  sie  auf  einmal  denselben  Zwerg,  der  sie  in  der  Nacht  zu  seiner  Frau  geholt 
hatte;  er  ging  von  einer  Krambude  zur  andern  und  packte  in  seinen  Schnapp- 
sack, was  ihm  gefiel,  schöne  Honigkuchen  und  gute,  braune  Pfeffernüsse,  Bänder 
und  Tücher,  ohne  daß  die  Eigentümer  das  Geringste  zu  merken  schienen.  Die 
Frau  drängte  sich  zu  ihm  hin,  tupfte  ihm  mit  dem  Finger  auf  die  Schulter  und 
redete  ihn  an:  »Sieh  da!  Guten  Tag,  guten  Tag,  Herr  Zwerg!  Auch  hier?« 
Der  Zwerg  drehte  sich  rasch  um  und  sah  die  Frau  so  recht  verwundert  an. 
»J!  Frau!«  —  sagte  er  —  »kann  Sie  mich  denn  sehen?«  »Oja,  recht  gut!  Warum 
das  nicht?«  »Und  mit  beiden  Augen?«  fragte  der  Zwerg.  Die  Frau  hielt  das 
rechte  Auge  zu.  »Nein,  nun  sehe  ich  ihn  nicht.«  Darauf  drückte  sie  das  linke 
Auge  zu.  »Ja,  nun  sehe  ich  ihn  wieder.«  »J!«  —  sagte  der  Zwerg  —  »das  ist 
doch  sonderbar!  Zeige  Sie  mal  her!  Puh!«  Da  pustete  er  ihr  ins  rechte  Auge, 
daß  es  sogleich  blind  wurde  und  sie  nicht  wieder  damit  sehen  konnte  ihr 
Lebelang. 

4.  Ilsabein. 

Es  war  einmal  ein  Mädchen,  hieß  Ilsabein,  das  hatte  rothe  Augen  und 
konnte  auch  nicht  zum  Besten  damit  gucken;  darum  so  wurde  es  alt  und 
wartete  lange  vergeblich  auf  einen  Freier,  der  es  möchte  unter  die  Haube 
bringen.  Endlich  ließ  sich  einer  melden  auf  den  Nachmittag,  denkend:  »es 
wird  so  schlimm  nicht  sein,  wie's  die  Leute  machen,  du  sollst  dich  selbst  erst 
überzeugen,  ob  das  Mädchen  wirklich  nicht  gut  sehen  kann.«  Da  stellte  Ilsabein 
beizeiten  eine  Leiter  an  die  Hausthüre,  nahm  eine  Nähnadel  von  der  feinsten 
Sorte    und    steckte  sie  hoch  oben  in  den  Thürriegel.     Nach  Mittag   kam  der 


Bräutigam  richtig  an,  und  Ilsabein,  die  ihn  schon  erwartet  hatte,  sprang  ihm 
munter  auf  dem  Hof  entgegen  und  faßte  ihn  bei  der  Hand,  daß  sie  ihn  ins 
Haus  brächte.  »Sieh  doch  einmal,  mein  Schatz!«  sprach  sie  da,  »dort  oben  im 
Thürriegel  steckt  wahrhaftig  eine  Nähnadel.«  »Ei  wirklich!«  sagte  der  Freier, 
der  seine  Augen  ordentlich  anstrengen  mußte,  um  die  Nadel  in  der  Höhe  zu 
bemerken,  »das  ist  wirklich  eine  Nähnadel!«  und  dachte  bei  sich:  »Das  Mäd- 
chen sieht  doch  schärfer,  als  die  Leute  wohl  denken  mögen;  die  nimm  nur!' 
So  gingen  sie  denn  ganz  einmüthig  zusammen  in  die  Stube  und  setzten  sich 
an  den  Tisch.  Mit  dem  so  brachte  die  Muhme  das  Vesperbrod  herein,  hatte 
auch  eine  schöne  große  Butterbemme  beigelegt  und  stellte  das  alles  vor  die 
Brautleute  auf  den  Tisch.  Wie  nun  Ilsabein  die  große  Butterwälze  da  so  auf 
dem  Tische  stehen  sah,  meinte  sie  nicht  anders,  als  ihre  weiße  Katze  wär's, 
welche  von  dem  Vesperbrode  naschen  wollte.  »Schuh!«  rief  sie,  »KatzutI«  und 
klappte  mit  der  Hand  in  die  weiche  Butter.  Da  merkte  der  Freier,  daß  das 
Mädchen  doch  nicht  gut  sehen  konnte,  stand  auf,  sah  nach  der  Uhr  und  that, 
als  ob  er  noch  etwas  Eiliges  zu  bestellen  hätte.  »Ich  muß  jetzt  fort,«  sagte  er, 
»Adieu,  mein  Schatz,  bis  Morgen!«  Damit  ging  er  zur  Thüre  hinaus,  kam  aber 
niemals  wieder,  so  daß  die  arme  Ilsabein  wieder  warten  und  warten  mußte; 
und  wenn  sie  noch  nicht  gestorben  ist,  dann  wartet  sie  heute  noch. 

5.  Gerdmann  un  Alheid. 

Dar  was  äis  en  gante  un  en  goos,  un  de  gante  häit  Gerdmann  un  de 
goos  häit  Alheid,  de  beiden  güngen  in  der  harwesttit  te  hope  henut  up  dat 
stoppelfeeld  un  föngen  dar  täo  fräten  an.  Gerdmann,  ans  de  kläukeste,  bleef 
jümmer  up  den  hogen  rüggen  van'n  stücke,  wo  häi  säen  könne,  wat  rund 
ümme  her  passiren  döe,  de  goos  Alheid  fratt  awerst  in  der  däipen  fore  hendal, 
dar  stünnen  de  besten  greunen  spiere,  denn  dat  wäit'n  woll,  dat  et  dar  jümmer 
natt  is,  un  wenn  emeihet  werd,  säo  kann'n  ok  mit  der  seessen  nich  orntliken 
heninraken.  Et  dure  nich  lange,  säo  maoke  Gerdmann  up  äis  sinen  hals  säo 
lang  un  keek  sick  ümme.  Do  sach  häi,  dat  de  voss  ganz  liseken  längs  in 
der  fore  herdal  sleek  un  der  goos  jümmer  nöger  kam.  Do  wolle  häi  der 
goos  beschäid  seggen  un  räip: 

»Alheid! 

Sühst  du  nich,  wat  dar  in  der  fore  geit?« 
De  goos  bleef  awerst  jümmer  mit  fräten  värtüge  un  antwore  nix  ans: 

»Tatterattatt,  tatterattatt! 

Ette  wat,  ette  wat!« 
un  meene,  Gerdmann  schölle  fräten  un  dat  kören  laten. 

De  voss,  de  sick  mitterwile  dal  eduked  harre,  kam  nu  weer  nöger  un 
nöger.     Do  räip  Gerdmann  täon  twäiten  male: 

13 


»Alheid! 

Sühst  du  nich,  wat  dar  in  der  fore  geit?« 
Awerst  Alheid  keek  sick  nich  ümme  un  antwore  nix  ans: 
»Tatterattatt,  tatterattatt! 
Ette  wat,  ette  wat!« 
Dat  schölle  säo  viäl  häiten  ans:  kör  hen,  kör  her!  ek  säie  nixl 
Mit  dessen  was   de  voss   ganz  dichte    herbi   ekuomen;  un    Gerdmann   räip 
täon  drüdden  male: 

»Alheid! 

Sühst  du  nich,  wat  dar  in  der  fore  geit?« 
Un  de  goos  antwore  weer : 

»Tatterattatt,  tatterattatt! 
Ette  wat,  ette  wat!« 
In   densülbigen   ogenblicke    sprung   de  voss    täo    un    packe   mine   läiben 
goos  bi'n  hals.    Do  fong  se  an  täo  schräin  un  räip:  »Gerdmann,  Gerdmann, 
help  mi  doch!    Sühste  nich,  wo  häi  mi  ritt,  wo  häi  mi  tüht?!« 

»Recht  di  dat,   recht   di   da — at!«    räip  Gerdmann,  breede  sine  flitke  ut 
un  streek  aber  dat  feeld  hen  na  sinen  dörpe  hentäo. 

Dat,  min  junge,  is  de  geschiente  van  den  kläoken  ganten  Gerdmann  un  der 
dummen  goos  Alheid. 

Gerdmann  und  Alheid 

(hochdeutsch). 
Gerdmann  der  Gante  und  Alheid  die  Gans  gingen  mal  in  der  Herbstzeit 
aufs  Feld  hinaus.  Gerdmann,  der  vorsichtige,  blieb  auf  dem  hohen  Rücken 
des  Ackers,  von  wo  er  weit  umher  sehen  konnte,  während  Alheid  in  der  tiefen 
Furche  fraß,  weil  da  die  grünsten  Spiere  standen.  Als  nun  der  Fuchs  heran 
geschlichen  kam,  rief  Gerdmann  warnend: 

»Alheid, 

sühste  nich,  wat  dar  in  der  fore  geit?« 
Doch  Alheid  schnatterte  sorglos: 

»tatterrattat! 

ette  wat,  ette  wat.« 
Inzwischen  schlich  der  Fuchs  immer  näher.     Zweimal  noch  vergebens  erhob 
Gerdmann    seine    warnende  Stimme.     Jetzt    sprang   der  Fuchs   zu  und  packte 
Alheid  beim  Halse.     Da  schrie  sie  kläglich: 

»Gerdmann,  Gerdmann,  sühste  nich, 

wo  häi  mi  ritt,  wo  häi  mi  tüht?« 
Aber  Gerdmann  rief: 

Recht  di  da — t,  recht  di  da — t!« 
breitete  seine  Fittiche  aus  und  flog  ins  Dorf  zurück. 

»4 


6.  Das  harte  Gelübde. 

In  einem  wilden,  wüsten  Walde  verirrte  sich  eine  Frau.  Als  nun  die 
dunkle  Nacht  hereinbrach,  überkam  die  Frau  eine  große  Angst,  so  daß  sie 
seufzend  sprach:  »Weh!  Wie  komme  ich  zu  Haus!  Wenn  doch  wer  käme  und 
mir  den  Weg  wiese  aus  dieser  Wildnis!«  Da  trat  aus  dem  Gesträuch  ein  graues 
Männchen.  »Wenn  du  mir  versprichst,  Frau,  was  du  jetzt  unter  deinem 
Herzen  trägst,  so  will  ich  dich  hinausgeleiten,  daß  du  bald  zu  Hause  bist.« 
Das  versprach  die  Frau  in  ihrer  Angst,  und  als  sie  es  versprochen  hatte,  lachte 
das  Männchen  mit  Hohn  laut  auf  und  rief:  »Der  Knabe  unter  deinem  Herzen 
ist  mein!  Nach  zwölf  Jahren  bringst  du  ihn  mir  zu  dieser  selben  Stunde,  zu 
dieser  selben  Stelle,  oder  ich  fordere  ihn  selbst.  Dann  will  ich  ihm  drei  Fragen 
aufgeben;  kann  er  die  beantworten,  so  habe  ich  keine  Macht  über  ihn;  sonst 
gehört  er  mir  für  alle  Ewigkeit.« 

Darauf  brachte  das  graue  Männchen  die  Frau  bald  aus  dem  Walde,  daß 
sie  wieder  zu  Haus  kam. 

Eine  Zeit  darnach  kriegte  die  Frau  einen  kleinen  Jungen,  der  war  ein 
stilles  gutes  Kind,  wuchs  heran  und  war  so  gelehrig,  daß  sich  alle  Leute 
darüber  verwundern  mußten.  Seine  Mutter  aber  hatte  keine  frohe  Stunde 
mehr;  immer  und  immer  mußte  sie  daran  denken,  daß  sie  ihr  liebes  gutes 
Kind  dem  Bösen  versprochen  hatte.  Wenn  sie  dann  dem  Knaben  sein  Brot 
schnitt,  so  sah  sie  ihn  immer  so  traurig  dabei  an  und  konnte  das  Weinen  nicht 
lassen.  Da  faßte  das  Kind  ihre  Hand  und  sagte:  »Mutter,  warum  seid  Ihr 
nur  so  traurig  und  weint  in  einem  fort?  Gebt  Ihr  mir  das  Brot  nicht  gern, 
oder  bin  ich  nicht  gut  und  folgsam,  daß  Ihr  immer  weinen  müßt,  wenn  Ihr 
mir  das  Brot  gebt?  Das  sagt  mir  doch!«  Aber  sie  weinte  nur  immer  mehr 
und  mochte  es  ihm  nicht  sagen,  was  ihr  das  Herz  so  schwer  machte ;  bis 
der  Knabe  so  lange  bittend  in  sie  drang,  daß  sie  es  doch  endlich  erzählte, 
wie  sie  sich  in  dem  wilden  Walde  verirrt  habe,  wie  das  graue  Männchen  ge- 
kommen sei  und  daß  sie  ihm  das  Kind  unter  ihrem  Herzen  versprochen  habe. 
»Mutter,«  sagte  da  der  Knabe,  »das  war  hart!  Doch  laßt  das  Weinen  und  seid 
nur  wieder  froh;  mit  Gottes  Hülfe  mag  noch  endlich  alles  gut  werden.«  Darauf 
ist  der  Knabe  noch  lerneifriger  geworden  als  vorher,  und  in  der  Schule  haben 
ihm  seine  Lehrer  alle  Fragen,  die  nur  zu  erdenken  gewesen  sind,  aufgeben 
müssen,  und  als  er  nun  sein  zwölftes  Jahr  erreichte,  da  hat  er  alle  und  alle 
Fragen  beantworten  können. 

Zu  der  bestimmten  Stunde  brachte  die  Frau  den  Knaben  in  den  Wald, 
und  gingen  auch  seine  Lehrer  und  viele  Leute  mit.  Als  sie  nun  bald  zu  der 
Stelle  kamen,  mußten  sie  alle  zurückbleiben;  da  ging  der  Knabe  allein  irei- 
mütig  in  den  Busch,  und  ob  ihm  gleich  durch  des  Bösen  Anstiften  allerlei 
feurige  Gespenster  begegneten,  auch  ein  Fuder  Heu  mit  Ochsen  bespannt  auf 

2  15 


ihn  zu  kam,  ihn  zu  schrecken,  so  ließ  er  sich  doch  nicht  wirren,  ging  weiter 
und  kam  zur  Stelle,  wo  das  graue  Männchen  ihn  erwartete.  »Es  ist  dein 
Glück,  daß  du  gekommen  bist!«  sprach  er;  »nun  gib  mir  Antwort  auf  drei 
Fragen;  kannst  du  sie  nicht  lösen,  so  greif  ich  dich.«  »Sag  her!«  erwiderte 
mit  ruhigem  Mute  das  Kind.  Da  fragte  das  Männchen:  »Was  ist  härter  als 
ein  Stein?«  Das  Kind  antwortete:  »Mutterherz.«  »Was  ist  weicher  als  ein 
Daunenbett?«  Das  Kind  antwortete:  »Mutterschoß.«  »Was  ist  süßer  als  Milch 
und  Honig?«  Das  Kind  antwortete:  »Mutterbrust.«  Da  ist  das  Männchen  ver- 
schwunden und  abgestunken. 

Als  nun  das  Kind  unversehrt  heraustrat,  sahen  die,  welche  zurückgeblieben 
waren,  daß  ihm  der  Arge  nichts  hatte  anhaben  können,  und  freuten  sich,  denn 
alle  hatten  das  Kind  lieb,  weil  es  so  klug  war  und  so  gut;  da  hat  auch  seine 
Mutter  wieder  frohe  Tage  erlebt. 


-ö' 


7.  Die  böse  Stiefmutter. 

Meine  Großmutter  hat  mir  erzählt,  es  wäre  mal  eine  kleine  hübsche  Dirne 
gewesen,  die  hat  eine  Stiefmutter  und  auch  eine  Stiefschwester  gehabt.  Die 
Stiefmutter  ließ  ihre  rechte  Tochter  immer  in  schönen  Kleidern'  gehen  und 
that  ihr  alles  zu  Willen;  sie  brauchte  auch  gar  nicht  zu  arbeiten;  aber  die  Stief- 
tochter mußte  den  ganzen  lieben  Tag  draußen  am  Brunnen  sitzen  und  Garn 
winden,  daß  ihr  der  Faden  zuletzt  die  Finger  ordentlich  blutig  schnitt.  Davon 
hatte  sie  aber  wenig  Dank,  mußte  immer  in  lumpigem  Zeuge  gehen,  und  ihre 
Stiefmutter  sagte  ihr  nichts  als  böse  Worte.  So  saß  sie  auch  mal  wieder  und 
wand  und  wand,  und  die  Hände  wurden  ihr  zuletzt  so  lahm  von  allem  wickeln, 
daß  ihr  unversehends  der  dicke  Knäuel  in  den  Brunnen  sprang.  Da  kriegte 
sie  große  Angst,  denn  die  böse  Stiefmutter  hätte  sie  gewiß  geschlagen,  wenn 
sie  den  Knäuel  nicht  wiederbrachte.  Darum  stieg  sie  in  den  Brunnen  hinab; 
der  war  wohl  tief,  aber  ganz  zerfallen  und  kein  Wasser  mehr  drinn. 

Wie  das  Mädchen  nun  unten  auf  den  Boden  kam,  so  war  da  eine  ordent- 
lich kleine  Thür,  die  machte  sie  auf  und  ging  hindurch;  da  war  alles  frei  und 
schön.  Dicht  neben  der  Pforte  lag  auf  einem  Blocke  ein  großes  scharfes  Beil 
und  Holz  dabei,  das  rief:  »Hau  mich  entzwei,  hau  mich  entzwei!«  Da  nahm 
das  Kind  das  Beil  und  hackte  das  Holz.  Als  es  das  gethan,  ging  es  weiter 
und  kam  zu  einem  Backofen,  drinnen  rief  das  Brot:  »Zieh  mich  raus,  zieh 
mich  raus.<  Da  zog  das  Kind  das  Brot  aus  dem  Ofen,  und  als  es  nun  weiter 
ging,  begegnete  ihm  eine  Kuh,  die  rief:  »Melk  mich,  melk  mich!«  Das  tat 
das  Mädchen  auch  und  ging  weiter.  Nicht  lange,  so  begegnete  ihm  eine  Ziege, 
die  rief:  »Melk  mich,  melk  mich!«  Als  das  Mädchen  die  auch  gemelkt  hatte, 
ging  es  weiter  und  kam  zuletzt  an  ein  Haus,  davor  saß  eine  alte  Frau  und 
spann  und  hatte  einen  Hund  und  zwei  Katzen  bei  sich.     »Du  mußt  nun  bei 

16 


mir  bleiben,«  sprach  die  Alte  zu  dem  Kinde,  und  sollst  es  gut  haben,  wenn 
du  alle  Tage  meinen  Hund  und  meine  beiden  Katzen  ordentlich  flöhen  willst; 
und  dann  habe  ich  da  drei  Stuben;  zwei  davon  mußt  du  jeden  Morgen  hübsch 
ausfegen,  aber  in  die  dritte  darfst  du  bei  Leibe  nicht  gehen,  sonst  geht's  dir 
schlecht.« 

Da  ist  denn  das  Mädchen  bei  der  alten  Frau  geblieben,  hat  den  Katzen 
und  dem  Hunde  alle  Tage  ordentlich  den  Pelz  besehen  und  auch  die  beiden 
Stuben  gefegt;  aber  in  die  dritte  Stube  ist  es  nicht  hineingegangen. 

Als  nun  der  Sonntag  herankam,  zog  die  alte  Frau  ihr  Sonntagskleid  an  und 
sagte  zu  dem  Kinde:  »Ich  will  jetzt  zur  Kirche,  darum  geh  mir  derweilen  nicht 
weg,  sondern  achte  gehörig  auf  das  Haus.«  Damit  ist  sie  fort  in  die  Kirche 
gegangen.  Das  Mädchen  aber,  während  es  so  ganz  allein  im  Hause  war, 
überkam  eine  große  Neugierde  zu  wissen,  was  die  alte  Frau  wohl  in  dem 
dritten  Zimmer  haben  möchte;  es  ließ  ihr  auch  nicht  eher  Ruhe,  bis  sie  das 
Zimmer  aufgeschlossen  hatte.  O  Leute!  Was  war  da  für  vieles  Geld!  Ein 
Sack  stand  neben  dem  andern;  hier  Kupfergeld,  hier  Silbergeld,  da  nichts  als 
lauter  Gold.  Da  raffte  das  Mädchen  schnell  einen  kleinen  Sack  voll  Gold 
in  seine  Schürze,  sprang  aus  dem  Hause  und  fort. 

Zuerst  begegnete  ihm  die  Ziege,  der  rief  es  zu:    »Verrath  mich  nicht!« 
»Ich  verrath  dich  nicht,«  sagte  die  Ziege;   »aber  lauf  was  du  kannst.«    Da  kam 
es  zu  der  Kuh  und  rief  wieder:   »Verrath  mich  nicht!«    »Ich  verrath  dich  nicht, 
sagte  die  Kuh;   »aber  lauf  was  du  kannst!«     Da  lief  das  Mädchen  weiter,  so 
schnell  es  nur  konnte. 

Mittlerweile  war  aber  auch  die  alte  Frau  aus  der  Kirche  wieder  nach 
Hause  gekommen;  als  sie  sah,  daß  die  dritte  Stube  offen  und  das  Mädchen 
fort  war,  sprang  sie  schnell  hinaus  und  hinterher.  Zuerst  kam  sie  zu  der 
Ziege  und  fragte:  »Ist  hier  nicht  eben  eine  kleine  Dirne  vorbeigelaufen :-. 
»Ne!«  sagte  die  Ziege;  »ich  habe  hier  keine  Dirne  gesehen.«  Da  lief  die 
Alte  weiter  zu  der  Kuh  und  fragte  wieder:  »Ist  hier  nicht  eben  eine  kleine 
Dirne  vorbeigelaufen ?«  »Nein!«  sagte  die  Kuh;  »ich  habe  keine  Dirne  laufen 
sehen.«  Da  ist  die  alte  Frau  wieder  umgekehrt,  denn  sie  hat  gemeint,  das 
Mädchen  müßte  wohl  einen  andern  Weg  gelaufen  sein. 

Das  Mädchen  ist  aber  glücklich  durch  den  Brunnen  wieder  heraufge- 
kommen, ist  zu  seiner  Stiefmutter  und  seiner  Stiefschwester  gelaufen  und  hat 
ihnen  das  viele  Gold  gezeigt  und  gesagt:  »Seht!  Das  habe  ich  alles  von  einer 
alten  Frau  gekriegt,  die  da  unten  im  Brunnen  wohnt.«  Wie  das  die  Stief- 
schwester hörte,  trieb  sie  der  Neid,  daß  sie  auch  alsbald  in  den  Brunnen  hinab- 
stieg, die  alte  Frau  zu  suchen,  von  welcher  ihre  Schwester  das  Gold  hatte. 
Sie  fand  unten  auch  die  kleine  Thür,  und  als  sie  hindurchging,  lag  da  der 
Klotz  mit  dem  großen  Beil  und  Holz  daneben,  das  rief:  »Hau  mich  entzwei, 
hau  mich  entzwei!        »Ich  will  dir  was  flöten!«   sagte  das  Mädchen,  denn  es 

2*  17 


war  ganz  erschrecklich  laul  und  mochte  keine  Arbeit  tun.  Als  es  eine  Strecke 
weiter  gegangen  war,  kam  es  zu  einem  Backofen,  darinnen  rief  das  Brot:  »Zieh 
mich  raus,  zieh  mich  raus!«  »Ich  will  dir  was  flöten!«  sagte  das  Mädchen 
und  ging  weiter.  Mit  dem,  so  begegnete  ihr  eine  Kuh,  die  rief:  »Melk  mich, 
melk  mich!«  »Ich  will  dir  was  flöten!«  sagte  das  Mädchen,  und  als  es  nun 
weiterging,  kam  es  zu  einer  Ziege,  die  rief  auch:  »Melk  mich,  melk  mich!« 
»Ich  will  dir  was  flöten!«  sagte  das  Mädchen  wieder  und  ging  ihres  Weges. 
Zuletzt  kam  sie  auch  an  das  Haus,  wo  die  Alte  saß  und  spann.  »Du  mußt  nun 
bei  mir  bleiben,«  sprach  die  Alte,  »und  sollst  es  gut  haben;  aber  jeden  Tag 
mußt  du  meinen  Hund  und  meine  beiden  Katzen  ordentlich  flöhen;  und  dann 
habe  ich  drei  Stuben,  davon  mußt  du  zwrei  jeden  Morgen  hübsch  ausfegen, 
aber  die  dritte  darfst  du  ja  nicht  aufmachen,  sonst  geht  es  dir  schlecht.«  Da 
ist  denn  das  Mädchen  bei  der  alten  Frau  geblieben. 

Den  nächsten  Sonntagmorgen,  als  es  Zeit  war  in  die  Kirche  zu  gehen, 
zog  sich  die  Frau  hübsch  an,  nahm  ihr  Gesangbuch  und  sagte,  als  sie  weg- 
ging: »Ich  will  jetzt  mal  in  die  Kirche;  darum  so  achte  mir  ordentlich  auf 
das  Haus,  bis  ich  wiederkomme.«  Damit  ist  sie  fortgegangen.  »Jetzt  ist's 
Zeit!«  dachte  das  Mädchen;  »nun  sollst  du  doch  mal  zusehen,  was  in  der 
dritten  Stube  ist!«  Und  als  es  die  aufmachte,  stand  da  ein  Goldsack  neben 
dem  andern.  Schnell  raffte  es  sich  die  Schürze  voll  Goldstücke  und  lief  fort 
aus  dem  Hause. 

Mittlerweile  war  aber  auch  die  alte  Frau  aus  der  Kirche  zurückgekommen. 
Als  sie  sah,  daß  die  dritte  Stube  offen  und  das  Mädchen  fort  war,  sprang 
sie  schnell  hinaus  und  hinterher.  Zuerst  kam  sie  zu  der  Ziege  und  fragte: 
»Ist  hier  nicht  eben  eine  kleine  Dirne  vorbeigelaufen?«  »Jawyohl!«  sagte  die 
Ziege;  »da  ist  sie  hingelaufen.«  Dann  kam  die  Frau  zu  der  Kuh  und  fragte 
wieder:  »Ist  hier  nicht  eben  eine  kleine  Dirne  vorbeigelaufen?«  »Ja  wohl!« 
sagte  die  Kuh;  »dort  hinten  läuft  sie  noch.«  Da  hat  sich  die  alte  Frau  ge- 
tummelt, was  sie  nur  konnte,  und  gerade,  als  das  Mädchen  durch  die  Brunnenthüre 
entspringen  wollte,  faßte  es  die  Alte  bei  den  Haaren,  nahm  das  große  Beil, 
was  da  lag,  und  hackte  ihm  damit  den  Kopf  ab. 

8.  Die  Zwerghütchen. 

Mi  is  fär  wisse  un  wohr  verteilt,  et  harre  sick  täo  edrägen,  ans  en  scheper 
des  abends  bi  sinen  schapen  up'n  feele  lag,  dat  dar  dichte  bi  ohne  herum 
fine  stimmen  wach  wören,  däi  räipen  äin  na'n  ander:  »Smiet  häutken  herut, 
smiethäutken  herut!«  »I!«  dachte  de  scheper,  »dat  schost  du  doch  ok  äis  räopen«, 
un  räip  ok:  »Smiet  häutken  herut,  smiet  häutken  herut!«  Do  antwore'ne 
stimme  ut  der  ere:  »Is  näine  mehr,  ans  den  grotevaar  sin  häot?«  »Is  ok  all  gäotl« 
säe  de  scheper,   un  kuum  dat  häi  dat  woord  esegt  harre,    säo   satt  ok   all   en 

18 


häot  up  sinen  koppc,  un  häi  sach  nu,  dat  rund  ümme  ohne  herum  viäle  lütke 
twarge  wören,  de  danzen,  süngen  un  Sprüngen.  »Juchhe,  hochtit!  Scheper 
ga  mee!  \vi  willt  üsch  äis  en  recht  lustigen  abend  maoken.«  Un  do  verteilen 
säi  den  scheper,  dat  säi  in't  dörp  na'r  hochtit  wollen  un  spreuken  ohne  täo, 
dat  häi  ok  mee  gaen  schölle,  denn  säo  lange  ans  en  jeder  sinen  häot  up'n 
koppe  behaue,  säo  lange  könne  säi  näin  minsche  täo  säin  kriegen. 

De  scheper  läit  sick  bekören  un  gung  mee;  un  up  der  hochtit  dar  wören 
säi  alle  recht  lustig,  drünken  win  un  äiten  braen  un  dicken  ries,  säo  viäl  ans 
säi  man  jümmer  möchten.  Ans  de  twarge  nu  genäog  egiäten  un  edrunken 
harren  un  weer  na  hus  mössten,  häilen  säi  rat  ünder  sick,  wo  säi't  wol  up'n 
besten  anföngen,  dat  säi  den  scheper  den  häot  weer  afnäimen,  denn  öhren. 
grotevaar  sinen  häot  dröften  säi  doch  nich  in  Stiche  laten.  Xu  was  awerst 
de  scheper  säo  lang  un  groot  tiägen  de  twarge,  dat  säi  ohne  gar  nich  afrecken 
können,  un  mit  goen  den  häot  weer  hergiäben  dat  wolle  häi  ok  nich.  »Teuf! 
dachten  do  de  twarge;  di  will  wi  anführen!«  un  bekören  den  scheper,  de  ok 
all  en  lütken  täo  viäl  harre,  häi  schölle  sick  spaosses  halber  äis  da  boxen  los 
maoken  un  sick  baben  den  grooten  riesnapp  setten,  de  dar  vär  brut  un  bröejam 
up'n  dische  stund.  De  scheper,  de  sick  up  sine  unsichtbarkeit  verläit,  döe 
dat  ok;  säo  bolle  awerst,  ans  häi  sick  nu  lütk  un  krumm  maoke,  sleugen 
ohne  de  twarge  sinen  häot  van'n  koppe  un  läipen  weg.  Dar  satt  nu  de 
scheper  up  äis  anse  botter  an  der  sünnen,  un  en  jeder  äine  was  an't  erste 
ganz  verwundert  un  röge  sick  nich.  Dat  dure  awerst  nich  lange,  do  füngen 
de  fräonslüe  luer  täo  juuehen  an  un  de  kerelslüe  haolen  öhre  witkedören 
stöcker  ut  der  ecken  un  swüngen  den  swiniägel  foorts  täo'r  dönzen  un  darna 
täo'n  huse  henut. 

Die  Zwerghütchen. 

(Hochdeutsch.) 
Als  eines  Abends  ein  Schäfer  bei  seiner  Herde  auf  dem  Felde   lag,   sah 
er  viele  ganz  kleine  Zwerge,  die  riefen  in  ein  Erdloch  hinein: 

Smiet  häutken  herut, 
und   jeder   kriegte   ein   Hütchen    herausgeworfen,    und   wenn   er   es   aulsetzte, 
wurde  er  unsichtbar.     Das  gefiel  dem  Schäfer.     Er  rief  auch  in  das  Loch: 

Smiet  häutken  herut. 
Da  rief  es  von  innen:  Is  näine  mehr 

ans  den  grotevaar  sin  häot. 
Aber  der  Schäfer  antwortete:       Is  ok  all  gäot. 

Und  das  traf  sich  auch  günstig,  denn  der  größere  Hut  war  für  den  dicken 
Kopf  des  Schäfers  grad  passend.  Im  Dorf  war  Hochzeit.  Da  gingen  die 
Zwerge  hin,  und  der  Schäfer  ging  mit,  und  weil  sie  keiner  sehen  konnte, 
aßen  und  tranken  sie,  so  viel  sie  nur  wollten.    Nun  hätten  die  Zwerge  ihrem 

19 


Großvater  seinen  Hut  dem  Schäfer  gern  wieder  abgenommen.  Sie  konnten 
nur  nicht  dran  reichen.  Da  beredeten  sie  den  Schäfer,  er  sollte  sich  doch 
über  die  große  Schale  mit  Reisbrei,  die  auf  dem  Tische  stand,  zum  Spaß  mal 
in  die  Hurke  setzen,  und  wie  er  das  tat  und  sich  klein  machte,  schnupp, 
rissen  ihm  die  Zwerge  den  Hut  weg,  so  daß  er  plötzlich  dasaß  in  seiner  Blöße 
vor  den  Augen  der  Hochzeitsgäste.  Und  so  'ne  Tracht  Schläge,  wie  da,  meinte 
der  Schäfer,  hätt  er  vorher  noch  nie  gekriegt. 

9.    Königin  Isabelle. 

Es  hatte  ein  armer  Mann  einen  einzigen  Acker;  da  kamen  die  großen 
reichen  Bauern  daher,  fragten  nicht  lange,  sondern  bauten  auf  des  armen 
Mannes  Acker  einen  langen  Schafstall.  Alle  Einreden  waren  vergeblich,  so 
daß  der  Mann  mit  seiner  Klage  endlich  vor  den  König  ging.  »Gib  dich 
nur  zufrieden,«  sprach  der  König;  »ich  will  dir  einen  andern  Acker  geben.« 
Das  that  er  auch. 

Wie  nun  der  Mann  daran  ging,  ihn  zu  bestellen,  grub  er  aus  der  Erde 
heraus  einen  goldenen  Mörserkolben,  aber  den  Mörser  dazu  konnjte  er  nicht 
finden,  so  viel  er  auch  suchen  mochte.  Da  sprach  er  zu  seiner  Tochter,  die 
hieß  Isabelle:  »Isabelle«,  sprach  er,  »der  König  hat  uns  doch  das  Land  ge- 
schenkt, nun  will  ich  ihm  auch  den  goldenen  Kolben  schenken,  den  ich  in 
dem  Lande  gefunden  habe.«  Darauf  entgegnete  Isabelle:  »Ich  rath  Euch,  Vater, 
laßt  das  lieber  sein ;  denn  wenn  der  König  den  Stößer  sieht,  so  wird  er  auch 
nach  dem  Mörser  fragen,  und  wenn  Ihr  den  nicht  schaffen  könnt,  so  wird 
er  meinen,  Ihr  hättet  ihn  für  Euch  behalten.«  Aber  der  Mann  ließ  sich  nicht 
bereden,  sondern  ging  hin  vor  den  König.  »Mit  Gunst,  Herr  König!  Ich 
wollte  Euch  wohl  einen  goldenen  Stößer  bringen,  den  habe  ich  in  dem  Acker 
gefunden,  den  Ihr  mir  neulich  geschenkt  habt,  so  Ihr  noch  wohl  wissen 
werdet.«  »Gut  das!«  sprach  der  König;  »aber,  lieber  Mann',  der  Mörser,  wo 
ist  denn  der?«  »Mit  Verlaub,  Herr,  den  Mörser  fand  ich  nicht,  so  viel  ich 
auch  gesucht  habe.«  »Ei  Mann!«  sprach  der  König;  »wo  der  Stößer  ist,  da 
muß  doch  auch  der  Mörser  sein;  du  möchtest  ihn  wohl  gern  für  dich  behalten?« 
»Gewiß  und  wahrhaftig,  Herr  König,  den  Mörser  habe  ich  nicht.«  »Ja,  warte 
nur,  Bösewicht!«  fuhr  der  König  voll  Zorns  heraus;  »ich  will  dich  setzen 
lassen  bei  Wasser  und  Brot,  und  nicht  eher  sollst  du  loskommen,  bis  du 
mir  kund  tust,  wo  du  den  Mörser  ließest,  der  zu  dem  goldenen  Stößer  gehört.« 
Da  ließ  der  König  den  armen  Mann  ins  Gefängnis  werfen;  der  fing  an  zu 
klagen  und  rief  in  einem  fort:  »Hätt'  ich  doch  meiner  Töchter  geglaubt!« 
Als  das  dem  König  hinterbracht  wurde,  ließ  er  ihn  vor  sich  fordern  und 
fragte  ihn,  warum  er  denn  immer  riefe:  »Hätte  ich  doch  meiner  Tochter 
geglaubt!«     Da  erzählte  er  dem  Könige,  wie  ihm  seine  Tochter  vorhergesagt 


hätte,  daß  es  alles  so  kommen  würde.  Sprach  darauf  der  König:  «Wenn  Eure 
Tochter  wirklich  so  klug  ist,  wie  Ihr  sagt,  so  mochte  ich  sie  wohl  sehen 
und  auf  die  Probe  stellen.«  Und  sogleich  sandte  er  seine  Diener  aus  und 
ließ  sie  rufen. 

Als  Isabelle  nun  vor  den  König  kam,  redete  er  sie  an  und  sprach:  »Ich 
habe  viel  von  deiner  Klugheit  reden  hören,  darum  will  ich  dir  jetzt  eine  Auf- 
gabe stellen,  du  sollst  zu  mir  auf  mein  Schloß  kommen;  nicht  nackt  und  nicht 
bekleidet,  nicht  gegangen  und  nicht  geritten,  nicht  zu  Pferde  und  nicht  zu 
Wagen,  nicht  bei  Tage  und  nicht  bei  Nacht;  wenn  du  das  kannst,  so  will 
ich  dich  zur  Frau  nehmen  und  sollst  die  Königin  sein.  <  Da  hat  das  Mädchen 
gesagt:  ja,  das  wollte  sie  wohl  können  und  ist  fortgegangen. 

Den  nächsten  Mittwoch  nahm  sie  ein  Fischnetz,  da  kroch  sie  splitternackt 
hinein,  band  es  einem  Esel  an  den  Sattel,  doch  so,  daß  sie  eben  mit  den 
großen  Zehen  den  Boden  streitte  und  ließ  sich  hintragen  zu  des  Königs 
Schlosse;  so  kam  sie  denn  an:  nicht  nackt  und  nicht  bekleidet,  nicht  gegangen 
und  nicht  geritten,  nicht  zu  Pferde  und  nicht  zu  Wagen,  nicht  bei  Tage  und 
nicht  bei  Nacht,  denn  es  war  an  einem  Mittwoch*)  morgen.  Als  das  der  König 
sah,  verwunderte  er  sich  zum  höchsten  über  ihre  Klugheit  und  sprach:  Ich 
will  dich  nun  zu  meiner  Frau  annehmen;  nur  eins  muß  ich  mir  zuvor  noch 
ausbedingen,  daß  du  mit  allem  zufrieden  bist,  was  ich  thue,  es  mag  sein,  was 
es  will;  solltest  du  aber  jemals  dawider  sein,  so  werde  ich  dich  aus  meinem 
Hause  verstoßen.«  Das  mußte  sie  dem  Könige  versprechen;  der  nahm  sie 
dann  zur  Frau. 

Eine  Zeit  darnach  kriegte  die  Königin  ein  kleines  Kind,  das  war  ein 
Mädchen.  Da  sprach  der  König:  »Ich  will  das  Kind  von  der  Welt  schaffen 
lassen;  wir  haben  doch  nur  Last  davon.«  Da  bebte  der  Königin  das  Herz 
in  der  Brust  vor  Schrecken,  aber  doch  blieb  sie  ihrem  Versprechen  getreu 
und  antwortete:  »Wenn  Ihr  es  wollt,  Herr,  so  bin  ich  zufrieden.«  So  ließ 
denn  der  König  das  Kind  von  seinen  Dienern  hinwegtragen. 

Es  verging  eine  Zeit,  da  kriegte  die  Königin  ein  zweites  Kind,  das  war 
ein  Knabe;  und  wieder  sprach  der  König:  »Ich  will  das  Kind  von  der  Welt 
schaffen,  wir  haben  doch  nur  Last  davon.«  »Wenn  es  Euer  Wille  ist,  Herr, 
so  bin  ich  zufrieden«,  sagte  Isabelle,  ob  es  ihr  gleich  an  die  Seele  ging,  daß 
sie  sich  von  ihrem  lieben,  unschuldigen  Kinde  scheiden  sollte.  So  ließ  es 
denn  der  König  durch  seine  Diener  hinwegtragen.  Die  Zeit  verging,  aber 
die  Königin  kriegte  nun  keine  Kinder  mehr;  sie  verschloß  ihre  Traurigkeit 
in  der  Brust,  ohne  jemals  gegen  den  König  zu  murren. 

Nun  trug  es  sich  einstmals  zu,  daß  ein  Bauer  mit  seiner  Mähre  über 
Feld   zog,   und   als   er   zu  eines   andern  Bauern  Hofe   kam,   wo   er   Geschäfte 


*)  Plattdeutsches  Sprichwort:  middewiäken  is  näin  dag. 


hatte,  band  er  derweilen  sein  Pferd  an  einen  Wagen,  der  mit  Heu  beladen 
war.  Da  traf  es  sich,  daß  die  Mähre  ein  Füllen  warf;  das  freute  den  Mann 
sehr;  als  er  aber  das  Füllen  mit  sich  hinweg  führen  wollte,  trat  der,  welchem 
das  Fuder  Heu  gehörte,  hinzu  und  sagte:  das  ginge  nur  nicht  so;  das  Füllen 
käme  von  Rechts  wegen  ihm  zu,  weil  die  Mähre  an  seinem  Fuder  Heu 
gestanden  hätte,  als  sie  das  Füllen  zur  Welt  brachte.  Weil  sie  nun  darüber 
in  heftigen  Streit  geriethen,  so  gingen  sie  zuletzt  mit  ihrer  Klage  vor  den 
König;  der  that  den  Ausspruch:  daß  der  das  Füllen  haben  sollte,  an  dessen 
Wagen  die  Mähre  gestanden  hätte.  Der  Bauer,  dem  das  Füllen  zugesprochen 
war,  ging  mit  lachendem  Munde  fort,  der  andere  aber  war  ganz  traurig  über 
des  Königs  ungerechte  Entscheidung.  Da  ward  ihm  gesagt,  er  solle  zur 
Königin  gehen,  die  wäre  sehr  klug  und  herzlich  gut  und  könne  ihm  vielleicht 
einen  nützlichen  Rath  geben.  Ging  da  der  arme  Bauer  zu  der  Königin  und 
stellte  ihr  seine  Sache  vor.  Da  sprach  sie:  »Kaufe  dir  ein  Fischnetz,  und 
Morgen  früh,  wTenn  der  König  mit  seinen  Leuten  durch  die  Stadt  gehet,  ziehe 
das  Netz  über  die  Pflastersteine,  als  wolltest  du  Fische  fangen.  Wenn  dich 
dann  der  König  fragt,  so  antworte  ihm:  »ebensogut,  wie  ein  Fuder  Heu  ein 
Füllen  werfen  kann,  ebensowohl  kann  ich  auf  dem  Pflaster  hier  auch  Fische 
fangen.«  Der  Bauer  that,  wie  ihm  die  Königin  gesagt  hatte;  und  'als  er  nun 
am  andern  Morgen  sein  Netz  durch  die  Straßen  zog,  kam  der  König  mit 
seinen  Hofleuten  auch  bald  des  Wegs  gegangen  und  fragte  verwundert:  was 
er  denn  da  thäte.  »Ich  fische,«  sagte  der  Bauer.  »Aber,  guter  Freund,«  sprach 
der  König,  »wie  magst  du  in  den  Straßen  fischen,  da  doch  kein  Wasser  ist?« 
»Ei,  Herr!«  entgegnete  der  Bauer;  »ebensogut,  wie  ein  Fuder  Heu  ein  Füllen 
zur  Welt  bringen  kann,  ebensogut  kann  ich  auf  der  Straße  hier  auch  Fische 
fangen.«  Da  erkannte  der  König  den  Bauer  wieder  und  sprach:  »Du  sollst 
dein  Füllen  ersetzt  haben;  aber  den  Einfall  mit  dem  Netze,  den  kann  dir 
niemand  gesagt  haben,  außer  der  Königin,  das  merk  ich  wohl.«  Jetzt  ist  der 
König  von  da  gleich  zu  der  Königin  gegangen  und  hat  gesagt:  »Ich  sehe 
wohl,  daß  dir,  was  ich  thue,  nicht  recht  ist;  darum  mußt  du  noch  heute  mein 
Haus  verlassen  und  hingehen,  woher  du  gekommen  bist.«  »Wenn  das  euer 
Wille  ist,«  sprach  Isabelle,  >so  will  ich  auch  zufrieden  sein.«  Da  ließ  ihr 
der  König  alte  zerrissene  Kleider  geben  und  verstieß  sie,  daß  sie  arm  und  halb 
nackt  wieder  zu  ihres  Vaters  Hause  kam;  aber  doch  sprach  sie  wider  den 
König  kein  böses  Wort. 

Über  eine  Zeit,  da  ließ  der  König  bekannt  machen,  daß  er  sich  wieder 
vermählen  wolle;  und  als  nun  die  Hochzeit  sein  sollte,  sandte  er  einen  Boten 
an  Isabelle:  sie  möchte  doch  kommen  und  in  der  Küche  behülflich  sein. 
»Wenn  es  der  König  wünscht,«  ließ  sie  widersagen,  »so  will  ich  es  gerne 
thun.«  Zur  bestimmten  Zeit  ging  sie  hin  und  half  in  der  Küche,  und  als  alles 
zum  Essen  bereit  war,    ließ  ihr  der  König  hinaussagen :    ob  sie  nicht  einmal 


hereinkommen  und  die  neue  Braut  sehen  wollte.  Wie  sie  nun  hereintrat, 
saß  da  neben  dem  König  eine  junge  schöne  Prinzessin  und  auch  ein  junger 
Prinz.  Da  sprach  der  König:  »Das  ist  meine  Braut;  nun  sag,  Isabelle,  wie 
gefällt  sie  dir?«  »O,  sehr  gut,«;  sagte  sie;  aber  bei  den  Worten  brach  ihr 
Schmerz  hervor,  daß  sie  bitterlich  weinen  mußte.  »Weine  nicht,  Isabelle,« 
sprach  der  König  und  faßte  sie  bei  der  Hand;  »sieh  I  die  da  sitzt,  ist  nicht 
meine  Braut,  sondern  unsere  Tochter,  und  da  ist  auch  unser  Sohn  ;  sie  sind 
nicht  todt,  wie  du  geglaubt  hast,  sondern  gesund  und  wohl ;  deine  Prüfungs- 
zeit ist  aus,  und  nun  sollst  du  wieder  frohe  Tage  haben.«  Da  sind  die  Kinder 
ihrer  Mutter  um  den  Hals  gefallen  und  alle  haben  sie  angefangen  zu  weinen 
vor  lauter  Freude.  Der  König  aber  und  die  Königin  haben  noch  einmal 
Hochzeit  gehalten  und  haben  glücklich  zusammengelebt  bis  an  ihr  Ende. 

10.  Die  bestrafte  Hexe. 

Es  ist  einmal  eine  rechte  alte  Hexe  gewesen,  die  hatte  zwei  Töchter, 
eine  rechte  Tochter  und  eine  Stieftochter,  und  die  Stieftochter  war  schön 
und  gut,  die  rechte  Tochter  aber  boshaft  und  häßlich.  Da  kam  ein  junger 
Jäger,  nahm  die  Stieftochter  zur  Frau,  weil  sie  ihm  gut  gefiel  und  zog  mit 
ihr  in  sein  Haus,  das  im  Walde  lag.  Die  alte  Hexe  stellte  sich  dazu  ganz 
freundlich;  in  ihrem  Herzen  wußte  sie  sich  aber  vor  Ärger  und  Bosheit  nicht 
zu  lassen,  darum,  daß  der  Jäger  ihre  eigene  Tochter  nicht  genommen  hatte, 
sondern  die  Stieftochter,  die  sie  gar  nicht  leiden  konnte. 

Über  eine  Zeit  kriegte  die  Jägersfrau  einen  kleinen  Jungen  und  mußte 
zu  Bett  liegen.  Da  wurde  die  Stiefmutter  geholt,  daß  sie  das  Kind  wüsche 
und  anzöge,  auch  die  Suppe  kochte  und  sonst  zur  Hand  wäre,  wenn  die 
kranke  Frau  ihrer  bedürfen  sollte.  Der  Jäger  aber  hatte  zur  Erheiterung  und 
Kurzweil  seiner  Frau  allerlei  Vögel  in  die  Stube  gebracht,  die  sangen,  und 
ein  Spiel  hatte  er  gemacht  von  allerlei  Glocken,  die  klangen. 

Dicht  an  dem  Flause  lag  ein  großer  Teich,  auf  dem  viele  Enten 
schwammen.  Nun  stand  eines  Tages  die  Stiefmutter  am  offenen  Fenster 
und  sab  auf  den  Teich  hinaus,  und  weil  des  Jägers  Frau  schon  wieder  auf 
Besserung  war  und  zuweilen  aufstehen  konnte,  rief  ihr  die  Hexe  zu:  »Steh 
doch  auf,  mein  Kind,  und  sieh  einmal  die  vielen  Enten,  die  da  auf  dem  Teiche 
schwimmen.«  Ohne  an  Arges  zu  denken,  stand  die  Frau  auf  und  lehnte 
sich  aus  dem  Fenster,  und  indem,  so  gab  ihr  das  boshafte  Weib  einen  hef- 
tigen Stoß,  daß  sie  hinab  in  den  Teich  stürzte,  und  verwünschte  sie  in  eine 
Ente;  da  schwamm  sie  nun  mit  den  anderen  Enten  auf  dem  Teiche  herum. 
Ihr  Kind  aber  fing  an  zu  weinen,  und  ihren  Mann  befiel  zu  derselben  Stunde 
eine  große  Traurigkeit  und  wußte  doch  nicht  warum ;  die  Vögel  sangen  nicht, 
die  Glocken  klangen  nicht.     Da  nahm  die  Hexe    ihre    eigene  Tochter,    legte 

23 


sie  in  der  Frauen  Bett  und  band  ihr  ein  Tuch  um  den  Kopf,  als  ob  sie  krank 
wäre,  so  daß  sie  der  Mann  nicht  erkennen  konnte,  als  er  kam,  seine  Frau 
zu  besuchen. 

Als  es  nun  Abend  ward  und  die  Magd  allein  in  der  Küche  war,  kam 
auf  dem  Teich  her  eine  Ente  angeschwommen,  die  schnatterte  vor  dem 
Gossensteine  wie  Enten  thun :  »Niep,  Niep !  Natt,  Natt!«  und  dann  fing  sie 
ordentlich  an  zu  sprechen : 

»Weint  mein  liebes  Kind  auch  noch  ? 

Weint  mein  lieber  Mann  auch  noch  ? 

Singen  meine  Vögel  auch  noch  ? 

Klingen  meine  Glocken  auch  noch?« 
Da  antwortete  die  Magd : 

»Eure  Glocken  klingen  nicht, 

Eure  Vöglein  singen  nicht, 

Euer  Mann  und  Kind  die  weinen.« 
Darauf  ist  die  Ente  wieder  weggeschwommen.  —  Den  zweiten  Abend 
kam  sie  wieder,  steckte  den  Kopf  durch  das  Gossenloch  und  schnatterte  ganz 
betrübt:   »Niep,  Niep!  Natt,  Natt!«  und  dann  fing  sie  an  zu  sprechen: 

»Weint  mein  liebes  Kind  auch  noch?  ■ 

Weint  mein  lieber  Mann  auch  noch  ? 

Singen  meine  Vögel  auch  noch  ? 

Klingen  meine  Glocken  auch  noch  ?« 
Und  die  Magd  antwortete: 

»Eure  Glocken  klingen  nicht, 

Eure  Vöglein  singen  nicht, 

Euer  Mann  und  Kind  die  weinen.«. 
Darauf  sprach  die  Ente:  »Nun  komme  ich  noch  ein  einziges  Mal;  dann 
fasse  mich  und  haue  mir  den  Kopf  ab,  so  bin  ich  erlöst,«  und  schwamm 
fort.  Das  alles  erzählte  die  Magd  ihrem  Herrn,  der  sagte:  »Wenn  die 
arme  Ente  so  erlöst  werden  kann,  so  mußt  du  es  thun.«  Als  nun  die 
Ente  den  dritten  Abend  wieder  den  Kopf  durch  das  Gossenloch  steckte, 
faßte  die  Magd  ein  Beil  und  hieb  ihn  ab;  in  demselben  Augenblicke,  da 
das  Blut  floß,  wich  der  Zauber ;  die  Frau  war  erlöst  und  ging  zu  ihrem 
Manne;  der  freute  sich,  daß  er  seine  liebe  Frau  wieder  hatte,  denn  sie  er- 
zählte ihm,  wie  das  alles  so  gekommen  und  welcher  großen  Gefahr  sie  ent- 
gangen war. 

Der  Jäger,  der  nun  wußte,  was  die  Stiefmutter  für  ein  böses  Weib  war, 
ließ  sich  nichts  merken,  sondern  sann,  wie  er  sich  am  besten  an  ihr  rächen 
könnte.  Auf  den  andern  Abend  lud  er  eine  große  Gesellschaft;  doch  mußte 
seine  Frau  noch  zurückbleiben.  Wie  sie  nun  alle  zu  Tische  saßen,  stand  der 
Jäger  auf  und  fragje,   was  sie  wohl  meinten,  daß  der  Mutter  geschehen  müßte, 

24 


5 


v\ 


d 


die  ihre  Tochter  in  ein  unvernünftiges  Thier  verwünscht  hätte.  Da  sprang  die 
Stiefmutter  auf  von  ihrem  Stuhle  und  war  ganz  verblendet  und  schrie:  »Die 
verdient,  daß  sie  in  ein  durchnageltes  Faß  gesteckt  und  darin  so  lange 
gewälzt  wird,  bis  sie  todt  ist.«  »Du  hast  dir  selbst  dein  Urtheil  gesprochen, 
du  Hexe!«  rief  der  Jäger  und  ließ  seine  Frau  herein  in  die  Stube  treten. 
Wie  das  die  Hexe  sah,  daß  sie  verrathen  war,  ward  sie  kreideweiß  vor  Schreck 
und  stürzte  der  Länge  nach  auf  den  Boden  hin.  Da  wurde  sie  in  ein  Faß 
gesteckt,  welches  mit  eisernen  Nägeln  durchschlagen  war;  das  wurde  auf  den 
höchsten  Berg  gebracht  und  da  hinabgerollt.  So  hat  die  Hexe  ihren  ver- 
dienten Lohn  erhalten. 


I  I. 

Märlein  vom  Schafbock,  Kuh  und  Ziegenbock,  welche  im  Walde  in  ein 
Wolfshaus  kamen.    (Vgl.  Bremer  Stadtmusikanten  von  Grimm.) 

1 2.  Kükeweih. 

Heuneken  un  häneken,  däi  breuen  beer.  Do  säi  dat  häneken  täo  den 
heuneken:  »Heuneken,  ga  äis  henut  un  smecke  dat  beer.«  Do  gung  heuneken 
henut  un  slog  up  dat  fatt  un  keek  in  dat  beer  un  fäll'r  henin.  Anse  nu 
heuneken  säo  lange  ute  bleef  un  gar  nich  weer  kämm,  do  säe  dat  häneken 
täo  seck  sülbest:  »Eck  mot  doch  äis  täo  kieken,  wo  min  heuneken  blifft«,  un 
gung  henut  in  de  küeken,  da  lag  heuneken  in  den  beere  un  was  ganz  matt 
und  all  half  dote.  Do  nam  häneken  dat  heuneken  un  dräog  et  henut  in  den 
gaaren  un  henge  et  up  den  hagen  in  de  sünnen.  Mittlerwile  dat  häneken 
weer  in  dat  huus  egahen  was,  kämm  de  kükeweih  un  hale  dat  heuneken 
weg.  Anse  nu  häneken  weer  herut  kämm  un  wolle  na  sinen  heuneken  säien, 
was  min  leiwet  heuneken  wäge.  Do  woord  häneken  ganz  bedreuwet  un  spann 
sinen  wagen  an  un  före  in  de  wie  weit,  ümme  sin  heuneken  täo  seuken. 
Ünnerweges  begegne  ohne  ne  neihnateln,  de  säe,  of  sä  woll  mehe  upsitten 
könne.  »Ja  woll«,  säe  dat  häneken,  »sette  di  fär  up,  dat  du  achter  nich  herdal 
fällst.«  Danach  kämm  en  mühlstein  un  sette  seck  ok  mehe  up.  Nich  lange, 
säo  keimen  se  an  den  kükeweih  sin  huus,  däi  was  nich  inne.  De  mühlstein 
lähe  seck  up  den  riegel,  de  neihnateln  Stack  seck  in  dat  stäolkissen  un  dat 
häneken  flog  up  kükeweih  sinen  heunerwiben,  wo  sin  heuneken  was.  Anse 
kükeweih  nu  inkamm  un  wolle  seck  up  sinen  stäol  setten,  do  stack'n  de  neih- 
natel;  do  wolle  häi  henut  lopen,  aberst  de  mühlstein  fölle'n  up'n  kopp  un 
sleug  en  dot.  Nu  sette  seck  häneken  mit  sin  heuneken  weer  in  sinen  wragen 
un  föhren  na  huus.  Un  wenn  se  noch  nich  'estörben  sind,  säo  leiwet  se 
van  dage  noch. 

27 


13.  Der  Gärtner  und  die  Kröte. 

Ein  Gärtner  hatte  einen  schönen  Garten,  dahin  kam  immer  eine  ganz 
dicke  aufgeschwollene  Kröte  und  fraß  von  dem  schönen  frischen  Salat,  der 
da  im  Garten  stand.  »Die  alte  häßliche  Ütsche,  die  wollen  wir  todtschlagen,« 
sagten  des  Gärtners  Knaben,  »die  frißt  uns  noch  all  den  schönen  grünen  Salat.« 
Nein!«  sprach  der  Gärtner  ernst,  »das  laßt!«  Er  nahm  seine  Schaufel,  unter- 
stach die  Kröte,  trug  sie  langsam  zu  der  Mauer,  die  rings  um  den  Garten 
ging,  und  setzte  sie  sanft  und  behutsam  hinüber  auf  die  andere  Seite.  »Da,« 
sagte  er,  »lauf  hin,  wenn  du  ein  Kind  kriegst,  so  will  ich  Gevatter  stehen.« 
Nicht  lange  Zeit  danach  kam  ein  Zwerg  zu  dem  Gärtner  und  bat  ihn  bei 
seinem  Kinde  zu  Gevatter.  Der  Gärtner  nahm  die  Einladung  an  und  ging 
mit.  Bei  der  Kindtaufe  war  alles  aufs  Beste  eingerichtet.  Als  sie  aber  zu 
Tische  saßen,  bemerkte  der  Gärtner  mit  einem  Mal  zu  seinem  Schrecken, 
daß  ein  Mühlstein  an  einem  Pferdehaar  über  seinem  Kopfe  hing.  Entsetzt 
von  seinem  Sitze  aufspringend,  wollte  er  das  Weite  suchen;  der  Zwerg  aber 
hielt  ihn  zurück  mit  den  Worten:  »Sei  unbesorgt.  Ebensowenig  wie  meine 
Frau  am  Leben  geblieben  wäre,  da  sie  als  Kröte  in  deinen  Garten  kam,  wenn 
du  deinen  Knaben  nicht  gewehrt  hättest,  ebensowenig  würdest  du  lebendig  von 
diesem  Orte  gehen,  wenn  ich  dein  Leben  nicht  beschützte.«  Der  Gärtner 
konnte  jedoch  keine  rechte  Fröhlichkeit  wieder  fassen  und  rüstete  sich  bald  zum 
Nachhausegehen.  Beim  Abschied  füllten  ihm  die  Zwerge  seine  Taschen  noch 
mit  Pferdemist,  der  sich  zu  Haus  aber  in  Gold  verwandelt  hatte. 

14.  Bauer  Pihwitt. 

Ein  Bauer  hieß  Pihwitt  (Kiebitz);  der  pflügte  mit  seinem  einzigen  Ochsen 
auf  dem  Felde.  Über  seinem  Kopfe  kreiste  ein  Kiebitz  und  schrie:  »Pih — witt.« 
—  »So  heiß  ich,«  sagte  der  Bauer.  —  »Pih — witt!«  »So  heiß  ich,«  sagte  der 
Bauer.  --  »Pih — witt!  Pih — witt!«  —  »Ich  sage  dir,«  rief  der  Bauer  ärgerlich, 
»schrei  nicht  immer  so  meinen  Namen  oder  ich  werfe!«  —  »Pih — witt!  Pih — witt! 
Pih — witt!«  -  -  Da  nahm  Pihwitt  seine  Pflugschaufel  und  schleuderte  sie  nach 
dem  Vogel  hoch  in  die  Luft.  »Pih — witt!  Pih — witt!«  Da  flog  er  hin;  aber  die 
Schaufel  traf  beim  Herabfallen  den  Ochsen  so  heftig  zwischen  die  Hörner, 
daß  er  todt  umfiel.  »Oh,  oh!«  rief  Pihwitt  und  kratzte  sich  hinter  den  Ohren, 
»das  ist  doch  ärgerlich;  wenn  das  meine  Frau  erfährt,  so  wirds  einen  schönen 
Lärm  abgeben.  Nur  rasch  dem  Ochsen  die  Haut  abgezogen  und  zum  Gerber 
damit,  daß  ich  meinem  Weibe  wenigstens  das  Geld  für  die  Haut  bringen  kann.« 
Wie  gesagt,  so  gethan.  Der  Gerber  war  aber  gerade  nicht  zu  Haus,  und  da  hatte 
der  Edelmann  denn  seine  Abwesenheit  wahrgenommen,  um  zu  des  Gerbers  Frau 
zu  gehen,  die  ihm  das  Beste  aufgetischt  hatte,  was  sie  in  ihrem  Haushalte  besaß; 

28 


das  durfte  aber  der  Mann  nicht  wissen.  Als  nun  Pihwitt  ins  Haus  trat,  sprang 
der  Edelmann  rasch  in  eine  große  Tonne  hinter  der  Hausthür.  Pihwitt  that, 
als  hätte  er  nichts  gemerkt;  ging  zu  der  l;rau  sprechend:  Wie  stehen  denn 
jetzt  die  Ochsenhäute  im  Preise?  Ich  habe  hier  eine,  die  wollte  ich  wohl  ver- 
kaufen.« »Ja,«  sagte  die  Frau,  »sie  kosten  jetzt  drei  Thaler;  aber  ich  kann 
euch  die  da  nicht  abnehmen,  denn  mein  Mann  hat's  Geld  in  den  Kasten 
geschlossen  und  ist  nicht  zu  Haus.«  »Na,«  sagte  Pihwitt,  »gebt  mir  die  alte 
Tonne,  die  da  in  der  Ecke  steht,  so  mögt  ihr  dafür  die  Haut  behalten. 
»Ei,  ja  wohl;  wenns  weiter  nichts  ist,  die  mögt  ihr  immerhin  nehmen,  ist 
doch  zu  nichts  mehr  zu  gebrauchen.«  Die  Frau  hatte  aber  nicht  gesehen, 
daß  der  Edelmann    sich   darin  versteckt  hatte. 

Nun  ging  Pihwitt  dabei,  nagelte  die  Deckel  recht  fest  zu,  legte  die  Tonne 
auf  die  Seite  und  rollte  sie  vor  sich  her  zum  Hause  hinaus.  Nicht  lange 
dauerte  es,  so  rief's  in  der  Tonne:  »Wohin,  wohin?«  »Ins  Wasser,  ins  Wasser!« 
antwortete  Pihwitt.  »Ach,  laß  mich  raus,  ich  will  dir  auch  hundert  Thaler 
geben.«  »Ins  Wasser,  ins  Wasser!«  »Oh  weh,«  stöhnte  es  im  Fasse,  ich 
gebe  dir  fünfhundert  Thaler,  nur  laß  mich  raus.«  »Nichts  da,  ins  Wasser, 
ins  Wasser!«  »O  weh,  o  weh;  mach  doch  auf  und  laß  mich  leben,  ich  will 
dir  auch  tausend  Thaler  geben.«  »No  ja,«  sagte  Pihwitt,  »so  komm  heraus; 
aber  ich  sage  dir,  gibst  du  mir  die  tausend  Thaler  nicht,  so  steck  ich  dich 
wieder  in's  Faß  und  rolle  dich  in  den  Fluß  hinein.«  Als  der  Edelmann  heraus 
war,  zahlte  er  dem  Pihwitt  das  Geld.  Der  ging  damit  zu  seiner  Frau:  »Sieh, 
Frau,  die  tausend  Thaler  habe  ich  für  unsern  Ochsen  seine  Haut  bekommen.« 
»Ei,  Mann,«  rief  die  vor  Freuden,  »das  ist  der  beste  Handel,  den  du  in  deinem 
Leben  gemacht  hast;«  und  das  war  viel  gesagt,  denn  sonst  gab  sie  ihm  nie 
recht  und  war  niemals  zufrieden,  er  mochte  thun  wyas  er  wollte. 

Bald  war  es  im  ganzen  Dorfe  bekannt,  daß  Pihwitt  seine  Ochsenhaut 
so  schrecklich  gut  verkauft  hatte.  Sammt  und  sonders  schlugen  nun  die  Bauern 
ihre  Ochsen  todt  und  trugen  die  Haut  zum  Gerber.  Der  wies  sie  aber  als 
Narren  mit  Spott  zum  Hause  hinaus.  Voll  Grimmes  kehrten  sie  zurück,  griffen 
den  Pihwitt,  den  Urheber  ihres  Unglücks,  fest  des  Sinnes,  ihn  stracks  in  der  Weser 
zu  ersäufen.  Nun  war's  gerad  an  einem  Sonntagmorgen;  und  als  sie  unfern 
an  einem  Kirchlein  vorüber  kamen,  da  die  Leute  so  schön  zu  der  Orgel 
sangen,  meinten  sie,  es  sei  gut,  hier  erst  einzukehren  und  den  armen  Sünder 
dann  nach  dem  Gottesdienste  ins  Wasser  zu  bringen.  Sie  steckten  ihn  darum 
in  einen  Schäferkarren,  der  nicht  weit  davon  im  Felde  stand,  schlössen  die 
Tür  und  gingen  zur  Kirche. 

Nicht  lange,  so  trieb  der  Schäfer  seine  Heerde  vorüber.  Da  rief  Pihwitt 
drinnen  im  Karren: 

»Amtmanns  Tochter  will  ich  nicht! 
Amtmanns  Tochter  will  ich  nicht!« 

29 


Narr,  nimm  se  doch!«  sagte  der  Schäfer.  »O  nein,  o  nein,  es  ist  mir 
wahrhaftig  nicht  möglich;  aber,  wenn  du  sie  willst,  so  mach  auf  und  steig 
nur  statt  meiner  hier  herein.«  Das  ließ  sich  der  Schäfer  nicht  zweimal  sagen, 
half  dem  Pihwitt  heraus  und  stieg  dann  selbst  hinein.  Da  machte  Pihwitt 
den  Karren  rasch  fest  zu  und  trieb  dann  die  Heerde  gemächlich  dem  Strome  zu. 
Als  die  Bauern  endlich  aus  der  Kirche  kamen,  setzten  sie  bald  den  Karren 
in  Bewegung;  und  weil   der  drinnen    fortwährend  rief: 

»Die  Amtmannstochter  will  ich  wohl! 

Die  Amtmannstochter  will  ich  wohl!« 
so  hielten  sie's  für  Spott,  trieben  den  Karren  eilig  an  den  Uferrand  und  stießen 
ihn  mit  Hurrah  in  den  Strom.  Nach  diesem  nahmen  sie  den  Heimweg;  als 
sie  aber  von  ungefähr  über  eine  fette  Trift  kamen,  ging  da  eine  Heerde  der 
schönsten  Schafe,  und  der  sie  weidete,  das  war  Pihwitt.  »Ei,  Pihwitt,«  riefen 
die  Bauern,  »haben  wir  dich  nicht  eben  in's  Wasser  geworfen?  Wo  kommst 
du  her?«  »Ja,  ja,«  sagte  Pihwitt,  »aus  dem  Wasser!  aus  dem  Wasser!  Als  ich 
da  unten  ankam,  das  erste  was  ich  faßte,  war  jener  fette  Leithammel,  und 
als  ich  den  nur  hatte,  kamen  die  andern  Schafe  gleich  hinterdrein.  Ich  sollt's 
eigentlich  nicht  verrathen,  aber  es  sind  auf  dem  Grunde  des  Stromes  noch  viel 
mehr  und,  ich  möchte  fast  sagen,  noch  schönere  zu  finden  als  diese  hier.  Darum 
seid  so  freundlich  und  werft  mich  noch  einmal  ins  Wasser;  denn  selbst  hinein- 
zuspringen, dazu  habe  ich  den  Muth  nicht.«  »Ne,  ne,«  riefen  die  Bauern  alle,  »das 
thun  wir  nicht;  die  schönen  Schafe  wollen  wir  selber  holen,«  liefen  darum  schnell 
zum  Flusse  zurück  und  stürzten  sich  kopfüber  hinein,  daß  sie  versaufen  mußten. 
Pihwitt  aber  behielt  die  vielen  Schafe  und  war  reich,  so  lange  er  lebte. 

15.    Muschetier,  Grenadier  und  Pumpedier. 

Ein  König  hatte  drei  Töchter,  die  machten  zu  ihrer  Lust  einen  Gang 
in  den  Wald  und  setzten  sich  unter  die  Blumen  in  das  Gras  und  strickten. 
Da  kamen  des  Weges  her  drei  Riesen.  Als  die  die  schönen  Königstöchter 
sahen,  liefen  sie  herbei,  hoben  sie  auf  ihre  Arme  und  schleppten  sie  tief  in 
den  Wald  hinein,  bis  sie  zu  einer  Höhle  kamen.  In  die  Höhle  konnte  man 
aber  nur  durch  ein  Seil  gelangen;  an  dem  ließen  sich  die  Riesen  mit  ihren 
Prinzessinnen  tief  in  die  Erde  hinab.  Zuerst  kamen  sie  in  einen  großen  Saal; 
da  hing  an  der  Wand  ein  gewaltig  langes  Schwert  und  auf  dem  Tische  stand 
eine  Flasche  Wein  und  lag  ein  Brief  dabei.  Hinter  dem  Saale  waren  aber 
noch  drei  andere  Zimmer,  für  jeden  Riesen  eins;  da  hinein  brachten  sie  die 
Königstöchter  und  sagten :  Hier  wollen  wir  zusammen  wohnen.  Und  der 
erste  Riese  schenkte  der  ersten  Königstochter  eine  goldene  Sonne,  der  zweite 
Riese  schenkte  der  zweiten  Königstochter  einen  goldenen  Mond,  der  dritte 
Riese   gab    der   dritten  Königstochter    einen    goldenen  Stern.     Aber  die  Prin- 

30 


zessinnen  mochten  die  häßlichen  Riesen  doch  nicht  leiden;  sie  wären  viel 
lieber  wieder  zu  Hause  an  des  Königs  Hofe  gewesen;  darum  saßen  sie  und 
weinten  den  ganzen  Tag. 

Als  es  nun  Abend  wurde  und  die  Königstöchter  noch  immer  nicht  zurück- 
kamen, sandte  der  König  seine  Diener  aus,  daß  sie  im  Walde  nach  ihnen 
suchen  möchten.  Sie  fanden  aber  nur  die  drei  Strickzeuge,  welche  die  Prin- 
zessinnen zurückgelassen  hatten;  und  als  sie  nun  auch  die  Spur  der  Riesen 
im  Grase  sahen,  sprangen  sie  eilig  aus  dem  Walde.  Der  König,  als  er  die 
Kunde  vernommen  und  die  drei  Wahrzeichen  erblickte,  fiel  in  große  Traurig- 
keit, legte  Trauerkleider  an  mit  seinem  ganzen  Hofe  und  gab  Befehl,  daß 
man  die  ganze  Stadt  mit  schwarzem  Flor  überziehen  sollte.  Nachdem  ließ 
er  ausschreiben  und  bekannt  machen  in  seiner  Stadt  und  seinem  Reiche,  daß 
dem  viel  Geld  und  großer  Lohn  verheißen  sei,  der  es  wagen  und  ausführen 
würde,  die  Königstöchter  aus  der  Gewalt  der  Riesen  zu  befreien. 

Da  traten  dreie  aus  des  Königs  Heer,  die  nannten  sich  Muschetier,  Gre- 
nadier und  Pumpedier,  und  wollten  Hals  und  Leben  wagen,  daß  sie  die 
Königstöchter  befreien  und  den  Lohn  erlangen  möchten.  Sie  schnürten  ihre 
Bündel  und  zogen  in  den  Wald  hinein.  Acht  Tage  waren  sie  schon  herum- 
gewandert; das  Reisebrod  ging  zu  Ende  und  Grenadier  und  Pumpedier  meinten, 
es  sei  besser  umzukehren  als  in  dem  Walde  zu  verhungern  oder  gar  den 
schrecklichen  Riesen  in  die  Hände  zu  fallen.  Aber  Muschetier  sprach  ihnen 
Muth  ein;  daß  es  schimpflich  sei,  auf  halbem  Wege  umzukehren,  daß  sie  doch 
nur  wenig  zu  verlieren,  aber  recht  viel  zu  gewinnen  hätten,  und  daß,  wenn 
sie  umkehren  wollten,  er  allein  sein  Glück  versuchen  wolle.  Da  gingen  sie 
mit.  Es  währte  nicht  lange,  so  kamen  sie  vor  ein  Schloß,  das  war  ganz  todt 
und  menschenleer,  die  Küche  jedoch  mit  allen  Vorräthen  wohl  versehen.  Das 
freute  die  drei  Gesellen,  die  nun  schon  so  lange  nur  Trockenes  gegessen, 
daß  sie  endlich  einmal  wieder  warme  Löffelkost  kriegen  sollten.  Sie  kamen 
überein,  daß  zwei  von  ihnen  auf  die  Jagd  gehen  sollten,  während  der 
dritte  das  Essen  koche;  darum  zogen  sie  die  Loose  und  kam  die  Reihe  zuerst 
an  Pumpedier.  Der  zündete  bald  ein  Feuer  an,  hängte  einen  Topf  darüber 
und  that  Erbsen  und  Speck  hinein,  denn  das  war  der  drei  Gesellen  Leibgericht. 
Muschetier  und  Grenadier  gingen  derweilen  auf  die  Jagd.  Als  nun  Pumpedier 
das  Erbsengericht  bereitet  hatte,  die  beiden  Gesellen  aber  immer  noch  nicht 
zurück  waren,  setzte  er  sich  allein  zu  Tische,  weil  er  großen  Hunger  hatte. 
Da  trat  zur  Thür  herein  ein  greises  Männchen,  das  trug  in  der  Hand  einen 
eisernen  Stock  und  sprach  den  Gesellen  an:  »Guten  Tag,  mein  Herr  !«  »Schön 
Dank,  mein  Herr!« 

»Ich  meint,  ich  wäre  hier  ganz  allein. 

Es  freut  mich,  daß  hier  auch  Leute  sein. 

Denn  ich  muß  mich  von  diesem  Schloß  nähren.« 

3  31 


Danach  bat  das  Männchen  den  Gesellen  um  etwas  Essen.  Als  er  ihm 
ein  Brod  gab,  ließ  es  wie  aus  Versehen  ein  Stück  davon  auf  die  Erde 
fallen  ;  der  Gesell  bückte  sich,  es  wieder  aufzunehmen  ;  aber  in  demselben 
Augenblicke  saß  auch  das  Männchen  ihm  auf  dem  Rücken  und  schlug  ihn 
so  heftig  mit  seinem  eisernen  Stabe  in  den  Nacken,  daß  er  die  Besinnung 
verlor.  Danach  verschwand  das  Männchen.  Pumpedier  war  noch  nicht  lange 
wieder  zu  sich  selbst  gekommen,  als  Muschetier  und  Grenadier  von  der  Jagd 
zurückkehrten ;  er  erzählte  ihnen  aber  nicht,  wie  es  ihm  ergangen  war. 

Den  zweiten  Tag  kam  an  Grenadier  die  Reihe,  das  Haus  zu  hüthen. 
Er  kochte  auch  Erbsen  und  Speck ;  als  er  sich  aber  eben  zu  Tisch  gesetzt 
hatte,  trat  wieder  das  Männchen  herein,  sprach  seinen  Gruß,  bat  um  ein 
wenig  Essen,  ließ  das  Brod  auf  den  Boden  fallen,  und  als  der  Geselle  sich 
eilig  danach  bückte,  sprang  es  ihm  auf  den  Rücken  und  schlug  ihn  mit  seinem 
Eisenstab  so  lange,  bis  ihm  die  Besinnung  ausging.  Als  er  wieder  zu  sich 
selbst  kam,  kehrten  die  beiden  anderen  gerade  von  der  Jagd  zurück  und  fragten, 
wie's  ihm  gegangen  sei.  »O,  ganz  gut,«  sagte  er,  denn  von  den  Schlägen 
wollte  er  nicht  gerne  erzählen. 

Den  dritten  Tag  mußte  Muschetier  den  Haushalt  versehen.  Auch  er 
kriegte  Erbsen  und  Speck  zu  Feuer,  denn  das  mochten  die  drei  am  liebsten 
essen.  Als  das  Gericht  nun  fertig  war,  gedachte  er,  daß  die  andern  zwei 
noch  lange  außen  bleiben  könnten,  nahm  sein  Theil  vorweg  und  stellte  das 
Übrige  in  die  Kohlen,  daß  es  warm  bliebe.  Da  trat  plötzlich  durch  die  Thür 
herein  das  graue  Männchen  mit  dem  eisernen  Stabe.  »Guten  Tag,  mein 
Herr!«  —    »Schön   Dank,  mein  Herr!« 

»Ich  meint,  ich  wäre  hier  ganz  allein. 

Es  freut   mich,  daß  hier  auch  Leute  sein. 

Denn  ich  muß    mich  von  diesem  Schloß  nähren.« 

Darauf  bat  es  um  eine  kleine  Gabe.  »Da  hast  Du  Brod,«  sprach 
Muschetier  und  gab  ihm  ein  gutes  Stück;  aber  das  Männchen  versah's  mit 
Absicht,  so  daß  das  Brod  auf  die  Erde  fiel.  »Wie?  was?«  sagte  Muschetier, 
»wirfst  du  Gottes  Gabe  auf  die  Erde?«  sprang  eilig  herzu,  riß  dem  Männchen 
den  Eisenstab  aus  der  Hand  und  prügelte  es  damit  so  tüchtig  durch,  daß 
es  erbärmlich  quiekend  durch  die  Thüre  entsprang.  Nun  setzte  er  sich  mit 
Ruhe  zum  Essen  nieder.  Bald  kamen  auch  die  beiden  andern  von  der  Jagd 
zurück;  da  wies  ihnen  Muschetier  den  eisernen  Stock  und  sagte:  »Kennt  ihr 
den?  Mich  dünkt,  daß  es  euch  hier  nicht  zum  Besten  ergangen  ist.«  Da 
mußten  die  zwei  alles  bekennen.  »Wir  haben  uns  hier  nun  lange  genug  ver- 
weilt,* sprach  Muschetier  darauf;  >  es  wird  Zeit,  weiter  zu  ziehen,  daß  wir 
womöglich  die  Riesen  bekämpfen  und  des  Königs  Dank  und  Lohn  empfangen 
mögen.«  Ob  nun  gleich  Grenadier  und  Pumpedier  gern  noch  länger  in  dem 
Schlosse  verblieben    wären,  so  mochten    sie    doch    allein    das  Wagstück   nicht 

32 


bestehen,  entsagten  darum  der  warmen  Löffelkost,  füllten  die  Ranzen  wieder 
mit  trockener  Ware  und  zogen  weiter  in  den  dichten  Wald  hinein. 

Acht  Tage  mußten  sie  wandern,  da  kamen  sie  endlich  an  das  Felsloch, 
welches  in  die  unterirdische  Höhle  der  Riesen  führte.  Weil  nun  Grenadier 
und  Pumpedier  gänzlich  der  Muth  entsank,  so  daß  sie  lieber  umkehren,  als 
Hals  und  Leben  wagen  wollten,  so  unternahm  es  Muschetier  allein,  in  das 
dunkle  Loch  hinabzusteigen.  Es  ging  nur  ein  Seil  hinunter,  daran  ließ  er 
sich  hinab,  nachdem  ihm  seine  Gefährten  hatten  schwören  müssen,  daß  sie 
ihn  wieder  aufziehen  wollten,  wenn  er  unten  das  Zeichen  geben  würde.  Zuerst 
kam  er  in  den  großen  Saal;  an  der  Wand  hing  das  Schwert,  auf  dem  Tische 
stand  die  Flasche  mit  Wein  und  daneben  lag  der  Brief;  darin  stand  geschrieben: 
»Wer  von  dem  Weine  dreimal  trinkt,  der  kann  das  Schwert 
bewegen  wie  er  will.« 

Als  Muschetier  das  gelesen  hatte,  trank  er  den  Wein,  holte  das  Schwert 
von  der  Wand  und  öffnete  leise  die  Thür,  die  in  das  Gemach  des  ersten 
Riesen  mit  der  goldenen  Sonne  ging.  Es  war  gerade  in  der  Mittagszeit,  und 
der  Riese,  vom  Essen  müde  geworden,  hatte  seinen  Kopf  in  der  Prinzessin 
Schooß  gelegt  und  ließ  sich  von  ihr  lausen,  wie  er  das  immer  nach  dem  Essen 
zu  thun  pflegte.  Durch  das  behagliche  Krauen  war  er  aber  fest  eingeschlafen, 
so  daß  er  tüchtig  schnarchte.  Wie  das  Muschetier  bemerkte,  gab  er  der 
Königstochter  ein  Zeichen,  den  Kopf  des  Riesen  leise  niederzulegen,  holte 
weit  aus  mit  dem  Schwerte  und  —  klatsch!  —  mit  einem  Hiebe  flog  der 
Kopf  vom  Rumpfe,  daß  er  weithin  auf  den  Boden  rollte;  aus  dem  Halse  sprang 
ein  schwarzer  dicker  Blutstrahl,  der  Riese  zappelte  noch  ein  wenig  mit  Händen 
und  Füßen,  dann  war  er  still  und  todt.    Mit  dem  wären  wir  also  fertig! 

Nun  ging  Muschetier  in  das  Zimmer  des  zweiten  Riesen  mit  dem  gol- 
denen Monde,  der  war  auch  eingeschlafen,  hatte  seinen  Kopf  in  den  Schooß 
der  Königstochter  gelegt  und  ließ  sich  von  ihr  lausen.  Wie  das  Muschetier 
bemerkte,  gab  er  ihr  ein  Zeichen,  den  Kopf  des  Riesen  leise  niederzulegen, 
holte  weit  aus  mit  dem  Schwerte  und  —  klapp!  —  mit  einem  Hiebe  flog 
der  Kopf  vom  Rumpfe,  daß  er  weit  hin  auf  den  Boden  kollerte ;  aus  dem  Halse 
schoß  ein  schwarzer  Blutstrahl,  der  Riese  zappelte  noch  ein  wenig  mit  Händen 
und  Füßen,  dann  war  er  todt. 

Nun  ging  Muschetier  in  das  Zimmer  des  dritten  Riesen  mit  dem  goldenen 
Stern,  der  wrar  auch  eingeschlafen,  hatte  seinen  dicken  Kopf  in  den  Schooß 
der  Prinzessin  gelegt  und  ließ  sich  von  ihr  lausen,  wie  er  das  immer  zu  thun 
pflegte,  wenn  er  was  gegessen  hatte.  Wie  das  Muschetier  bemerkte,  so  gab 
er  der  Königstochter  ein  Zeichen,  den  Kopf  des  Riesen  leise  niederzulegen, 
dann  holte  er  weit  aus  mit  seinem  Schwerte;  weil  es  nun  oben  schon  stumpf 
geworden  war,  so  wollte  der  Kopf  erst  gar  nicht  ab  ;  der  Riese  schrie  und 
spalkerte  schrecklich,  aber  mit  dem  dritten  Hiebe  flog  der  Kopf  vom  Rumpfe, 

3*  33 


daß  er  weithin  auf  den  Boden  kollerte;  aus  dem  Halse  schoß  ein  schwarzer 
Blutstrahl,  der  Riese  zappelte  noch  ein  wenig,  dann  war  er  todt. 

Da  dankten  die  Königtöchter  dem  Muschetier  vielmal  für  ihre  Erlösung. 
Der  brachte  sie  an  den  Ausgang  der  Höhle,  gab  den  beiden  Gefährten  das 
Zeichen  zum  Aufziehen,  und  so  wurden  die  Prinzessinnen  nacheinander  glück- 
lich in  die  Höhe  gezogen.  Zuletzt  hing  sich  Muschetier  selbst  an  den  Strick; 
da  schnitten  aber  die  treulosen  Gesellen  das  Seil  entzwei,  weil  sie  ihre  Zag- 
haftigkeit nicht  wollten  kund  werden  lassen,  nahmen  den  drei  Königstöchtern 
den  Eid  des  Schweigens  ab,  zogen  mit  ihnen  an  den  Königshof,  machten  da 
viel  Geschrei  von  ihren  Heldentaten  und  nahmen  Lohn  und  Ehre  und  Dank 
des  Königs  für  sich  allein. 

Nun  hört,  wie's  Muschetier  erging !  Er  war  traurig  in  der  Ries.enhöhle 
zurückgeblieben,  fand  keinen  Ausweg,  wie  er  auch  suchen  mochte  und  meinte 
schon,  das  Tageslicht  nie  wieder  zu  sehen,  als  plötzlich  das  greise  Männchen 
aus  dem  verwünschten  Schlosse  vor  ihm  stand,  das  aber  schnell  entfliehen 
wollte,  als  es  seiner  ansichtig  wurde.  »Halt!«  rief  Muschetier,  »bist  du  herein- 
gekommen, so  weißt  du  auch,  wie  man  hier  wieder  herauskommt;  zeige  mir 
gleich  einen  Ausgang  aus  dieser  Höhle,  oder  ich  prügele  dich  noch  einmal 
mit  deinem  eigenen  Stocke.«  Da  wurde  das  Männchen  ganz  demü,thig,  denn 
Muschetier  hatte  den  eisernen  Stock  noch  bei  sich,  den  er  aus  dem  ver- 
wünschten Schlosse  mitgebracht  hatte.  Das  Männchen  führte  ihn  vor  einen 
großen  Spiegel  und  ließ  ihn  da  hinein  sehen.  Da  wurde  er  zu  einer  Ameise, 
nahm  die  goldene  Sonne,  den  goldenen  Mond  und  den  goldenen  Stern, 
welche  die  Königstöchter  vergessen  hatten,  in  seinen  Ranzen  und  kletterte 
an  der  Wand  hinauf.  Als  er  oben  war,  bekam  er  seine  vorige  Gestalt  wieder, 
schritt  rüstig  weiter  und  kam  nach  acht  Tagen  aus  dem  Walde  und  in  die 
Stadt  des  Königs.  Da  sprach  er  in  der  Bude  eines  Goldschmieds  vor,  den 
fragte  er,  ob  er  keinen  Gesellen  gebrauchen  könne.  »O  ja!«  sprach  der  Meister, 
wenn  du  fleißig  sein  willst  und  eine  goldene  Sonne,  einen  goldenen  Mond 
und  einen  goldenen  Stern  zu  schmieden  verstehst,  so  kommst  du  mir  schon 
recht,  Gesell !  Denn  die  drei  Dinge  hat  der  König  gestern  bei  mir  bestellt 
und  sagte,  seine  Töchter  plagten  ihn  und  ließen  ihm  keine  Ruhe  den  ganzen 
Tag,  weil  sie  durchaus  eine  goldene  Sonne,  einen  goldenen  Mond  und  einen 
goldenen  Stern  haben  wollten.  Nun  bin  ich  in  Verlegenheit,  weil  das  Ding 
Eile  hat,  ich  dergleichen  aber  nie  gemacht  habe,  auch  wohl  nie  zu  Stande 
bringen  werde.«  »Seid  ohne  Sorgen,  Meister«,  sprach  Muschetier;  »darauf  ver- 
stehe ich  mich,  denn  das  ist  gerade  mein  Fach«;  und  verdingte  sich  also  bei 
dem  Goldschmiede.  Am  andern  Tage  ging  er,  die  Arbeit  anzugreifen,  in  die 
Werkstätte,  schloß  aber  die  Thür  hinter  sich  zu,  »denn.«  sprach  er,  »beim  Ar- 
beiten muß  ich  ungestört  sein,  das  ist  so  meine  Art«.  Es  währte  nicht  gar 
zu    lange,    so    trat  er  wieder  hervor,  trug  die  goldene  Sonne,  den  goldenen 

34 


Mond  und  den  goldenen  Stern  in  seinen  Händen,  sie  dem  Meister  zu  zeigen, 
der  den  Gesellen  ob  seiner  Kunst  höchlich  loben  mußte.  »Nun  will  ich  auch 
selber  damit  zum  Könige,  daß  ich  sehe,  ob  er  noch  etwas  daran  zu  ändern 
habe«,  sprach  Muschetier,  zog  sich  sauber  an  und  ging  auf  des  Königs  Schloß. 
Als  er  nun  vor  den  König  gelassen  wurde,  so  waren  des  Königs  drei  Töchter 
auch  da,  denen  überreichte  er  die  goldene  Sonne,  den  goldenen  Mond  und 
den  goldenen  Stern,  und  als  sie  die  drei  Dinge  und  den  Mann,  der  sie  brachte, 
genauer  ansahen,  erkannten  sie  ihn,  waren  voller  Freuden  und  sprachen  zu 
ihrem  Vater,  dem  Könige:  »Lieber  Vater,  wir  können  nun  und  nimmermehr 
verschweigen,  daß  dies  der  Mann  ist,  der  uns  aus  der  Gefangenschaft  der 
Riesen  erlöst  hat;  die  andern  zwei  aber  haben  mit  Unrecht  Dank  und  Lohn 
dafür  genommen.«  Da  ließ  der  König  Grenadier  und  Pumpedier  vor  sich 
fordern,  schalt  sie  tüchtig  aus  und  befahl,  ihnen  ihr  Geld  wieder  abzunehmen 
und  sie  darnach  in  den  festen  Thurm  zu  werfen.  Muschetier  aber  wurde  ein 
angesehener  Herr  an  des  Königs  Hofe  und  hundert  Jahre  alt.  (Das  ist  aber 
in  alten  Zeiten  gewesen,  wo  die  Jahre  noch  kürzer  waren  als  jetzt.) 

16.   Der  dumme  Hans. 

Es  ist  einmal  ein  Junge  gewesen,  der  w?ar  ein  rechter  dummer  Hans, 
aber  sonst  ganz  ordentlich  und  fleißig.  Den  schickte  eines  Tages  seine  Mutter 
in  das  nächste  Dorf,  wo  seine  Base  gerade  Hochzeit  hielt,  und  sagte,  als  er 
wegging,  zu  ihm:  »Hans,  mein  Junge,«  hat  sie  gesagt,  »nun  mach  dich  nur 
recht  lustig  auf  der  Hochzeit,  komm  aber  nicht  zu  spät  wieder  heim.«  »Seid 
ohne  Sorge,  Mutter,«  sprach  Hans,  »ich  will  lustig  sein,  daß  es  eine  Art  haben 
soll,«  nahm  seinen  Hut  und  ging  die  Straße  hin  dem  Dorfe  zu.  Als  er  aber 
vor  seiner  Base  Haus  kam,  war  darin  eine  Brunst  entstanden  und  schlug  die 
helle  Lohe  schon  zum  Dache  heraus,  so  daß  die  Hochzeitsgäste  hin  und  her 
rannten  vor  Schrecken  und  in  großer  Verwirrung.  Da  lief  Hans  eilig  herzu, 
schwang  lustig  seinen  Hut  und  schrie  in  einem  fort:  »Ju!  Hochzeit I«  Das 
verdroß  aber  die  Leute  sehr;  darum  riefen  sie:  »Stopft  doch  dem  Narren  das 
Maul;  er  will  uns  hier  wohl  noch  gar  zum  besten  haben.«  Es  waren  auch 
gleich  einige  handfeste  Männer  bereit,  die  faßten  Hans  am  Kragen  und  prügelten 
ihn,  daß  er  schreiend  aus  dem  Dorfe  lief,  auch  nicht  eher  wieder  zu  lauten 
aufhörte,  bis  er  bei  seiner  Mutter  war.  »Schon  wieder  da,  Hans?«  hat  die 
Mutter  gesagt.  »Hat's  dir  auf  der  Hochzeit  nicht  gefallen?«  »Ach  ja,  Mutter, 
das  schon,«  sagte  Hans;  »aber  als  ich  hinkam,  da  brannte  meiner  Base  Haus, 
und  da  habe  ich  in  einem  fort  geschrien:  ju!  Hochzeit!  ju!  Hochzeit!  und 
da  haben  mich  die  Leute  geprügelt  und  da  bin  ich  weggelaufen«.  »Das  war 
nicht  recht,  Hans,«  sagte  die  Mutter;  »da  hättest  du  rufen  müssen:  He,  Feuer, 
Feuerl   Wasser  her!    Wasser  her!«   s Gut  Mutter,«  sprach  Hans,  »wenns  wieder 

35 


so  kommt,  will  ich's  schon  besser  machen.«  Nun  schickte  ihn  nach  einiger 
Zeit  die  Mutter  in  die  Stadt,  beim  Bäcker  Brod  zu  kaufen ;  als  er  da  die  Glut 
im  Backofen  bemerkte,  fing  er  gleich  groß  Geschrei  an:  »Feuer!  Feuer!  Wasser 
her!  Wasser  her!«  griff  auch  in  Eile  den  ersten  besten  Eimer  und  goß  Wasser 
damit  in  die  Flamme.  Auf  den  Lärm  sammelte  sich  bald  eine  große  Menge 
Menschen  mit  Feuereimern,  den  Brand  damit  zu  löschen;  wie  die  sahen,  daß 
sie  gefoppt  waren  und  nirgends  Feuer  war,  außer  im  Backofen,  prügelten  sie 
den  Hans  zur  Stadt  hinaus,  daß  er  heulend  zu  seiner  Mutter  lief.  »Ei,  Hans, 
was  heulst  du  denn  so?«  fragte  ihn  die;  »hat  der  Bäcker  kein  Brot  gehabt?« 
j  Das  schon,«  sagte  Hans;  »aber  als  ich  hinkam,  sah  ich  den  Backofen,  der 
brannte  lichterloh,  da  habe  ich  geschrien:  He  Feuer!  Feuer!  Wasser  her! 
Wasser  her!  und  da  sind  die  Leute  herzugelaufen  und  haben  mich  zur  Stadt 
hinaus  geprügelt.«  »Ich  sehe  wohl  ein,  Hans,«  hat  darauf  die  Mutter  gesagt, 
»es  wäre  für  dich  das  beste,  wenn  du  eine  Frau  nähmest.«  »Schon  recht! 
Mutter!«  sprach  Hans;  »wenn  nur  eine  käme.«  Da  ist  Hansens  Mutter  aus- 
gegangen und  hat  auch  bald  eine  gefunden,  die  den  Hans  wohl  nehmen 
wollte ;  aber  vorher  wollte  sie  ihn  erst  sehen  und  auch  die  ganze  Hausgelegen- 
heit. Wie  nun  der  nächste  Sonntag  war,  fegte  die  Mutter  das  Haus  und 
streute  weißen  Sand,  und  als  die  Braut  ankam,  brachte  die  Mutter  das  Essen 
herein;  den  Hans  aber  schickte  sie  mit  dem  Kruge  in  den  Keller,  für  die 
Braut  einen  frischen  Trunk  zu  holen.  Nun  saß  vorn  an  im  Keller  eine  Gans 
auf  einem  Nest  voll  Eier  und  brütete.  Wie  der  Hans  an  ihr  vorbei  gehen  wollte, 
machte  die  Gans  den  Hals  lang  und  zischte,  wie  Gänse  thun.  »Sieh  mal!« 
sagte  Hans,  »du  wolltest  wohl  beißen!«  drehte  sich  um  und  klapps!  gab  er 
ihr  mit  dem  Kruge  einen  auf  den  Kopf,  daß  sie  auch  gleich  todt  war.  Da 
freute  sich  Hans,  daß  die  Gans  nicht  mehr  beißen  konnte  und  sagte:  »Um 
die  alte  Gans  ist  es  mir  gar  nicht  zu  thun;  aber  wer  soll  nun  die  Eier  aus- 
brüten!« Da  fiel  ihm  ein,  daß  in  der  Kellerecke  ein  Faß  mit  Honig  stand; 
er  zog  darum  eilig  seine  Kleider  aus,  kletterte  in  das  Faß  und  drehte  sich  in 
dem  Honig  um  und  um;  dann  rupfte  er  die  Gans,  wickelte  sich  in  die  Federn 
und  setzte  sich  schnell  auf  die  Eier,  um  sie  selber  auszubrüten.  Mit  dem,  so 
guckt  die  Braut  in  den  Keller,  zu  sehen,  warum  Hans  mit  dem  Bier  so  lange 
außen  bleibt.  Da  sah  sie  denn  den  wunderlichen  Vogel  auf  dem  Neste  sitzen, 
der  zischte  und  schnatterte  wie  eine  Gans.  Als  das  die  Braut  sah,  klappte 
sie  schnell  die  Thüre  zu  und  ist  aus  dem  Hause  gelaufen. 


r^v 


17.  Der  kluge  Bauer. 

Eines  schönen  Tages  pflügte  ein  Bauer  seinen  Acker,  welcher  an  einem 
Bache  lag,  und  als  er  eben  wieder  wenden  wollte,  hörte  er,  daß  in  dem  Bache 
etwas  knurrte  und  plätscherte.     Wie  er  nun  näher  hinzutrat,   so  sah  er,    daß 

36 


es  ein  Fuchs  und  ein  Hecht  waren,  die  hatten  einer  den  andern  halb  ein- 
geschluckt. »Ei,«  dachte  der  Bauer,  »das  ist  doch  lustig;  das  wäre  ein  Spaß 
für  den  König;  wenn  du  die  zwei  so  zum  König  brächtest,  so  würde  er  dir 
gewiß  ein  gutes  Trinkgeld  geben.«  Der  Bauer,  der  kein  Dummer  war,  fing 
sich  den  Fuchs  und  den  Hecht,  steckte  sie  in  einen  Sack  und  brachte  sie, 
weil  sie  nicht  von  einander  loskommen  konnten,  in  dieser  drolligen  Lage  zu 
des  Königs  Schloß.  »Wohin?«  rief  die  Schildwache,  welche  den  Bauern  in 
seinem  schlechten  Zeuge  nicht  durchlassen  wollte.  »Ich  will  dem  König  einen 
Fuchs  und  einen  Hecht  bringen,  die  haben  sich  einander  halb  eingeschluckt.« 
»Wenn  das  ist,«  sagte  die  Schildwache,  »so  geh  nur  hinein,  da  wird  dir  der 
König  gewiß  ein  gutes  Trinkgeld  geben;  aber  gieb  mir  auch  was  ab.«  »Recht 
gern,«  antwortete  der  Bauer,  »du  sollst  die  Hälfte  abhaben.«  Wie  er  nun 
weiter  ging,  so  stand  da  noch  eine  Schildwache,  die  wollte  ihn  auch  nicht 
durchlassen;  als  er  ihr  aber  die  Hälfte  seines  Trinkgeldes  versprach,  ließ  sie 
ihn  hineingehen. 

Der  König  saß  gerade  mit  seinen  Herren  und  Damen  zu  Tische;  der 
Bauer  klopfte  an  und  der  König  rief  herein !  Da  ging  der  Bauer  in  die  Stube, 
that  sein  Sack  auf  und  sagte,  »daß  er  ihm  da  wohl  einen  Fuchs  und  einen 
Hecht  bringen  wollte,  die  hätten  sich  halb  eingeschluckt,  i  So  was  hatte  nun 
der  König  in  seinem  Leben  noch  nicht  gesehen,  und  auch  alle  die  Hotieute 
nicht,  darum  mußten  sie  herzlich  darüber  lachen.  »Hier,  Bauer,«  sagte  der 
König,  und  schenkte  ihm  ein  Glas  Wein  ein,  »hier  trinke  Er  erst  mal,  denn 
der  Weg  ist  Ihm  doch  gewiß  sauer  geworden.«  »Mit  Verlaub,  Herr  König,« 
antwortete  der  Bauer;  »von  den  Beestern  da  sind  mir  die  Hände  so  naß 
und  dreckig  geworden,  daß  ich  mich  wohl  erst  ein  bischen  abtrocknen  möchte.« 
Da  rief  der  König  gleich  eins  von  den  jungen  Hoffräulein  und  sagte:  »He! 
Jungfer!  Hole  sie  doch  dem  Manne  mal  ein  Handtuch;  sie  weiß  ja  wohl,  in 
meiner  Kammer  gleich  rechts  hinter  der  Thür,  da  hängt  eins  am  Haken.«  So- 
gleich ist  das  Fräulein  hingelaufen,  und  als  sie  wiederkam,  hatte  sie  das  Hand- 
tuch über  die  Schulter  gehängt;  da  faßte  der  Bauer  den  einen  Zipfel,  trocknete 
seine  Hände  daran  ab  und  trank  das  Glas  Wein  aus,  was  ihm  der  König  ein- 
geschenkt hatte. 

»Mein  lieber  Freund,«  sprach  nun  der  König,  »mit  den  beiden  Thieren 
hat  er  mir  ein  großes  Vergnügen  gemacht;  nun  bitte  er  sich  auch  eine  Gnade 
aus.«  »Wenn  Ihr  mir  was  schenken  wollt,  Herr  König,«  antwortete  der  Bauer, 
»so  gebt  mir  hundert  Stockprügel.«  »Gut,«  sprach  lachend  der  König,  »wenn 's 
weiter  nichts  ist,  die  sollen  ihm  gleich  ausbezahlt  werden.«  »Mit  Verlaub,« 
sagte  der  Bauer;  »ich  darf  sie  nicht  mehr  annehmen,  denn  vorhin  habe  ich 
sie  schon  an  Eure  beiden  Schildwachen  verschenkt,  die  da  unten  im  Hofe 
stehen.«  Über  diesen  Einfall  des  Bauern  mußte  der  König  herzlich  lachen 
und  sprach:    »Er  ist  ein  drolliger  Gesell,  das  muß  ich  sagen,    darum  bitte  er 

37 


sich  noch  eine  andere  Gnade  aus,  sie  soll  ihm  gewährt  sein.«  »Nun,«  sagte 
der  Bauer,  »so  schenkt  mir  den  Nagel,  an  welchem  das  Handtuch  gehängt  hat, 
worin  ich  mich  vorhin  abgetrocknet  habe.«  »Die  Bitte  soll  dir  gewährt  sein,« 
sprach  der  König.  Da  faßte  der  Bauer  das  junge  Hoffräulein  bei  der  Hand, 
über  dessen  Schulter  das  Handtuch  gehängt  hatte,  und  sagte:  »Seht,  Herr 
König,  dies  ist  der  Nagel,  woran  vorhin  das  Handtuch  hing,  die  soll  meine 
Frau  werden.« 

Weil  sich  nun  das  Fräulein  gewaltig  sträubte  und  den  Bauern  nicht  haben 
wollte,  so  machte  ihn  der  König,  um  sein  Wort  zu  halten,  zu  einem  Edel- 
mann; da  nahm  sie  ihn. 

18.    Des  Todtengräbers  Sohn. 

Es  war  einmal  ein  armer  Kulengräber  (Todtengräber),  der  hatte  einen 
einzigen  Sohn  mit  Namen  Fritz,  und  ist  da  auch  ein  reicher  Bürgermeister 
gewesen,  der  hatte  eine  einzige  Tochter,  die  hieß  Karoline.  Weil  nun  die 
beiden  Kinder  zusammen  in  die  Schule  gingen  und  täglich  bei  einander  waren, 
auch  gleiches  Alter  hatten,  so  wurden  sie  sich  von  Herzen  gut.  Die  Jahre 
kamen  und  vergingen,  die  Kinder  wurden  groß,  aber  ihre  Liebe  blieb  dieselbe. 
Das  war  aber  dem  Vater  des  Mädchens  gar  nicht  recht,  daß  sie  sich  zu  so 
einem  armen  Jungen  hielt,  dessen  Vater  nur  ein  Todtengräber  war.  Er 
machte  dem  Fritz  das  Leben  sauer,  wie  und  wo  er  nur  konnte,  und  verbot 
seiner  Tochter  zuletzt  auf  das  strengste,  mit  ihm  zu  verkehren  und  zu  sprechen, 
sodaß  die  zwei  sich  nur  zuweilen  heimlich  sehen  konnten.  Da  dachte  der 
Fritz  endlich:  »Ich  will  nun  in  die  weite  Welt  gehen,  ob  ich  nicht  da  mein 
Glück  machen  und  Geld  erwerben  kann ;  so  geht  es  doch  nie  und  nimmer 
gut.«  Und  als  er  nun  zum  letzten  Mal  zu  seiner  Karoline  ging,  ihr  Lebe- 
wohl zu  sagen,  fing  sie  bitterlich  zu  weinen  an  und  gab  ihm  einen  Ring  und 
sagte,  daß  er  sie  doch  nicht  vergessen  möchte,  wenn  er  nun  so  weit  in  der 
Fremde  wäre.  »Nie  und  nimmer  will  ich  dich  vergessen«, 'hat  er  da  gesagt; 
»ich  gehe  nun  nach  Spanien,  das  ist  ein  weiter,  weiter  Weg;  darum  versprich 
mir,  daß  du  mir  sieben  Jahre  lang  treu  bleiben  willst;  bin  ich  dann  nicht 
zurück,  so  bin  ich  todt  und  komme  niemals  wieder«.  Das  haben  sich  die  zwei 
fest  versprochen  und  haben  mit  Weinen  von  einander  Abschied  genommen ; 
der  Fritz  ist  dann  fortgewandert  auf  dem  Wege,  der  nach  Spanien  geht. 

Gegen  Abend  kam  er  zu  einem  Schlosse,  drinnen  wohnte  ein  alter 
Ritter  mit  seiner  Frau,  die  nahmen  ihn  freundlich  auf  und  gaben  ihm  Her- 
berge. Er  erzählte  ihnen,  als  sie  zu  Tische  saßen,  wie  es  ihm  so  traurig  er- 
gangen sei,  und  daß  er  nun  hinwollte  nach  Spanien,  ob  er  da  nicht  sein  Glück 
machen  könne.  Weil  er  nun  so  offen  und  treuherzig  war,  gewannen  ihn 
der  Ritter  und  seine  Frau  lieb,  und  da  sie  keine  Kinder  hatten,  so  behielten 

38 


sie  ihn  bei  sich  als  ihren  Sohn,  gaben  ihm  gute  Kleider  und  ließen  ihn  in 
allem  unterrichten,  was  einem  Rittersmann  zukommt. 

Über  eine  Zeit,  so  ging  die  Kunde,  der  König  von  Spanien,  der  schon 
alt  und  des  Regierens  müde  sei,  hätte  eine  Krone  ausgehängt,  wer  die  in 
vollem  Jagen  herunterstäche,  der  sollte  Vizekönig  von  Spanien  sein  und  des 
Königs  Tochter  zur  Frau  haben.  Da  bat  Fritz  seine  Pflegeeltern,  daß  sie  ihn 
möchten  nach  Spanien  an  des  Königs  Hof  ziehen  lassen,  denn  das  Kronen- 
stechen hätte  er  doch  gar  zu  gerne  mitgemacht.  »Wer  weiß,  ob  es  dir  nicht 
glückt,«  dachte  er  und  bat  so  lange,  bis  ihm  der  Ritter  ein  Pferd  gab  und 
ihn  ziehen  ließ.  So  ritt  er  denn  fort  auf  dem  Wege,  der  nach  Spanien  geht, 
und  als  er  dort  ankam,  da  hatten  sich  schon  alle  Ritter  im  Stechen  versucht, 
aber  keiner  hatte  die  Krone  erlangen  können.  So  war  er  der  letzte  an  der 
Reihe,  und  richtig!  es  gelang  ihm,  die  Krone  herunterzustechen.  Da  wurde 
er  zum  Vizekönig  von  Spanien  gemacht  und  sollte  des  Königs  Tochter 
haben. 

Es  waren  aber  zu  der  Zeit  gerade  die  sieben  Jahre  herum,  darum  sprach 
er:  »Ehe  die  Hochzeit  ist,  will  ich  noch  einmal  in  meine  Heimath  zu  meinem 
alten  Vater  reisen.«  Des  war  der  König  zufrieden.  So  zog  er  denn  fort  in 
seine  Heimath,  und  als  er  da  ankam,  war  es  Abend  ;  da  kehrte  er  in  dem 
ersten  Gasthofe  ein,  der  des  Bürgermeisters  Hause  gerade  gegenüber  lag. 
Dem  Bürgermeister  sein  Haus  war  aber  ganz  hell  erleuchtet  und  war  Musik 
darin  und  wurde  getanzt.  Da  fragte  er  den  Wirth,  was  denn  das  zu  be- 
deuten hätte,  daß  es  in  dem  Hause  da  auf  der  andern  Seite  so  lustig  herginge. 
»Das  kommt  daher,«  antwortete  der  Wirth,  »daß  unsers  Bürgermeisters  Tochter 
heute  Hochzeit  hält.«  Da  fragte  er  weiter,  ob  er  es  als  Fremder  wohl  wagen 
könnte,  auch  mal  hinüber  auf  die  Hochzeit  zu  gehen.  »Das  könnt  Ihr  nur 
dreist  thun,«  sagte  der  Wirth,  »so  einen  feinen,  reichen  Herrn,  wie  Ihr  seid, 
wird  man  da  gerne  sehen.«  So  ging  er  denn  auf  die  Hochzeit;  aber  von 
den  Leuten,  die  da  waren,  kannte  ihn  keiner  wieder  und  alle  freuten  sie  sich, 
daß  so  ein  vornehmer  Herr  ihnen  die  Ehre  anthäte,  bei  ihnen  einzusprechen. 
»Ist  es  wohl  erlaubt,«  fragte  er  da,  »mit  der  Braut  einen  Tanz  zu  machen?« 
»Ei  ja  wohl«,  sprachen  alle,  »das  wird  der  Braut  eine  große  Ehre  sein.«  Da 
ging  er  hin  zu  den  Musikanten  und  bestellte  seinen  Lieblingswalzer,  den  er 
sonst  mit  seiner  Karoline  immer  so  gern  getanzt  hatte,  und  als  er  sie  nun  zum 
Tanze  holte  und  die  Musik  den  Walzer  zu  spielen  anfing,  wurde  sie  ganz 
still  und  dachte  bei  sich:  »Es  ist  doch  sonderbar,  daß  dieser  fremde  Herr 
mich  gerade  heute  an  meinen  Fritz  erinnern  muß,  der  doch  gewiß  schon 
lange  todt  ist;  nun  ich  seinen  Lieblingswalzer  spielen  höre,  wird  mir  ordent- 
lich das  Herz  schwer;«  aber  doch  erkannte  sie  ihn  nicht.  Als  nun  der  Tanz 
zu  Ende  war  und  der  fremde  Herr  wieder  fortgehen  wollte,  drückte  er  der 
Braut  ein  Papier  in  die  Hand,    und    als    sie    das   aufmachte,  so  lag  darin  der 

39 


Ring,  den  sie  ihrem  Fritz  vor  sieben  Jahren  gegeben  hatte,  als  sie  von  ein- 
ander Abschied  nahmen.  Sowie  sie  aber  den  Ring  erkannte,  wurde  sie  ganz 
blaß  und  fiel  für  todt  auf  den  Boden  hin.  Da  nahm  die  Hochzeit  ein  trauriges 
Ende.  Fritz  aber  ging  zu  seinem  Vater  und  gab  sich  ihm  zu  erkennen  und 
erzählte  ihm,  daß  er  nun  Vizekönig  von  Spanien  sei;  das  ist  dem  alten 
Manne  eine  große  Freude  gewesen. 

Den  andern  Tag  wurde  Karoline  in  ihrem  Sarge  in  das  Todtengewölbe  ge- 
bracht, denn  sie  war  nicht  wieder  zum  Leben  zurückgekommen.  Mittlerweile 
kam  ein  Bote  von  Spanien,  der  brachte  die  Nachricht  an  Fritz,  die  Königs- 
tochter wäre  plötzlich  gestorben  und  der  König  wollte  nun  die  Regierung 
ganz  abtreten ;  darum  solle  er  doch  schnell  nach  Spanien  zurückkommen. 
Weil  er  aber,  ehe  er  fortreiste,  seine  liebe  Karoline  doch  noch  zum  letzten 
Male  sehen  wollte,  so  ging  er  mit  seinem  Vater,  der  den  Schlüssel  zu  dem 
Todtengewölbe  hatte,  in  der  Nacht  dahin ;  da  lag  sie  still  in  ihrem  Sarge, 
und  als  er  sich  nun  weinend  über  sie  beugte,  um  sie  zu  küssen,  fühlte  er 
mit  einem  Male,  daß  sie  noch  leise  Athem  holte.  Da  brachte  er  sie  mit  seinem 
Vater  aus  dem  kalten  Gewölbe  ins  Haus,  und  in  der  Wärme  kam  sie  nach 
und  nach  wieder  ins  Leben  zurück;  und  als  sie  ihren  Fritz  erkannte,  fielen 
sie  sich  beide  um  den  Hals  und  weinten  vor  Freude,  daß  sie  sich  nun  endlich 
wieder  hatten. 

Den  folgenden  Tag  mußte  Fritz  wieder  fort  nach  Spanien ;  seine  Karoline 
ließ  er  aber  bei  seinem  Vater  und  sagte  ihr,  daß  sie  da  heimlich  bleiben  sollte, 
bis  er  wieder  käme.  Es  verging  ein  Jahr  und  ein  Tag,  da  kam  er  zurück 
und  veranstaltete  ein  großes  Gastmahl,  dazu  ließ  er  auch  den  Bürgermeister 
einladen,  und  als  sie  zu  Tische  saßen,  sagte  er,  er  wolle  ihnen  mal  ein 
Gleichnis  aufgeben,  darüber  sollten  sie  ihm  alle  ihre  Meinung  sagen.  »Es  war 
mal  ein  Gärtner,«  sprach  er  da,  »der  hatte  eine  wunderschöne  Blume;  die  Blume 
verwelkte,  und  der  Gärtner  riß  sie  aus  und  warf  sie  aus  seinem  Garten.  Nun 
kam  des  Wegs  ein  Mann,  der  fand  die  Blume,  nahm  sie  mit  und  pflanzte  sie 
in  seinen  Blumengarten,  und  weil  er  sie  pflegte  und  wohl  begoß,  so  wurde 
die  Blume  wieder  frisch  und  schön  wie  vorher.  Nun  sagt!  Wem  kam  die 
Blume  zur  Dem  Gärtner,  der  sie  aus  seinem  Garten  warf,  oder  dem  Manne, 
der  sie  fand  und  pflegte,  bis  sie  wieder  frisch  und  grün  geworden  war?«  Da 
sagten  sie  alle,  daß  dem  die  Blume  gehörte,  der  sie  gefunden  und  gepflegt 
hätte.  »Nun  denn,«  sagte  er,  »so  will  ich  Euch  die  Blume  zeigen!«  und 
indem  so  machte  er  die  Thür  auf  und  ließ  seine  Karoline  hereinkommen. 
Seht  her!  dies  ist  die  Blume,  die  ich  fand  und  pflegte  und  wieder  ins 
Leben  brachte,  als  sie  verwelkt  war;  nun  will  ich  sie  auch  behalten,  so  lange 
icli  lebe.« 

Da  nahm  er  sie  mit  in  sein  Königreich  und  lebte  glücklich  mit  ihr  bis 
an  sein  Ende. 

40 


i9-    Rettungsräthsel. 

Es  war  einmal  ein  Mädchen,  das  wurde  unschuldig  zum  Tode  verurtheilt, 
und  weil  es  so  viel  jammerte  und  wehklagte,  so  sagten  die  Richter  endlich, 
wenn  es  ihnen  ein  Räthsel  aufgäbe,  was  sie  nicht  errathen  könnten,  so  sollte 
ihm  das  Leben  geschenkt  sein.  Das  Mädchen  sann  und  sann,  aber  wie  viel 
es  sich  auch  besinnen  mochte,  es  wollte  ihm  gar  nichts  Schweres  einfallen. 
So  wurde  es  denn  zu  der  bestimmten  Stunde  ohne  Gnade  auf  den  Wagen 
gesetzt  und  sollte  nach  dem  Galgen  gefahren  werden.  Wie  sie  nun  so  aut 
dem  Wagen  saß  und  ganz  an  ihrer  Rettung  verzweifelte,  da  sah  sie  auf  ein- 
mal in  der  Luft  zwei  Raben  fliegen,  die  trugen  eine  Maus  und  rissen  sich 
darum,  denn  keiner  wollte  die  Maus  loslassen.  Da  sagte  das  Mädchen,  als 
es  auf  dem  Galgenberge  angekommen  war,  zu  seinen  Richtern,  sie  hätte  sich 
nun  auf  ein  Räthsel  besonnen,  das  wollte  sie  ihnen  jetzt  aufgeben;  ob  sie  das 
wohl  rathen  könnten : 

Sorge  satt  up'n  wagen, 

Sach  zwei  den  dritten  dragen ; 

Drei  Koppe  un  acht  beine 

Hatten  se  in's  gemeine. 
Da  riethen  die  Richter  hin  und  her,  aber  was  sie  auch  rathen  mochten, 
sie  konnten  es  nicht  herausbringen  und  sagten  endlich:  »Das  bringen  wir 
unsere  Lebtage  nicht  heraus;  darum  sage  nur,  was  dein  Räthsel  bedeutet.« 
Da  sprach  das  Mädchen:  »Weil  Ihr  denn  mein  Räthsel  nicht  rathen  könnt,  so 
will  ich  es  Euch  sagen  und  deuten!  Sorge  satt  up'n  Wagen,  das  bin  ich, 
denn  ich  war  in  Sorge  um  mein  Leben,  als  ich  auf  dem  Wagen  saß;  sach 
zwei  den  dritten  dragen,  das  sind  zwei  Raben,  die  ich  mit  einer  Maus  in  der 
Luft  fliegen  sah,  und  die  haben  zusammen  drei  Köpfe  und  acht  Beine,  darum 
habe  ich  gesagt,  drei  Koppe  un  acht  beine  hatten  se  in's  gemeine. 

Da  mußten  die  Richter  das  Mädchen  freigeben  und  konnten  ihm  nichts 
mehr  anhaben,  weil  sie  sein  Räthsel  nicht  errathen  hatten. 

20.  Die  launische  Ziege. 

Wenn  use  Gretwäsche  des  winter  abends  satt  un  spunt,  säo  säen  wi  kinder 
jümmer.  »no,  gretwäsche,  nu  verteilt  üsch  äis  'ne  geschiente.«  »Och,  bälger, 
säe  se  denn;  latet  mi  doch  mettäme,  ji  wiätet  jo  wol,  dat  eck  denn  jümmer 
säo  viel  häosten  mot.«  Awerst  wi  kinder  plagen  se  doch  säo  lange,  bet  se 
ter  lest  an  täo  verteilen  fong.  Do  hat  se  üsch  ök  äis  verteilt,  et  wöre  äis  en 
kerel  ewäsen,  de  hat  dräi  jungens  un  ök  ene  ziegen  hat.  Do  hat  häi  täo  den 
ölsten  jungen  esegt,  häi  schölle  de  ziegen  ütn  stalle  krigen  un  er  meh  int 
greune  täihen  un  se  da    höen,    bet  se  orntliken  satt  wöre.     De  junge  is  met 

41 


der  ziegen  6k  los  etägen,  un  hat  se  den  ganzen  dag  ehott,  un  ans  et  bolle 
abend  wert,  segt  häi:  »No,  ziege!  nu  frett  noch'n  bieten.«  »Ne,«  segt  de 
ziege  do: 

»Eck  bin  säo  satt, 
Eck  mag  näin  blatt.« 
»No,  denn  kumm  her,  denn  willt  wi  na  hüs  gaen«,  säe  de  junge  un  tög  mit 
siner  ziegen  na  hüs. 

Ans  häi  nu  inkam,  säo  fraget  de  väer  de  ziegen:  »of  se  denn  nü  ök  ornt- 
liken  satt  wöre«.     »Ne!«  säe  de  ziege. 

»Dar  satt  noch'n  blatt; 
Harr  eck  datt  noch  'e  hatt 
Säo  wör  eck  satt.« 
»I,«  segt  do  de  kerel,   »säo  schall  doch  den  jungen  dütt  un  datt!«  krigt 
sine  älen  un  prügelt  den  jungen  orntliken  dör. 

Den  andern  dag  mot  de  twäite  junge  mit  der  ziegen  los  un  hat  se  ök 
den  ganzen  dag  ehott,  un  ans  et  bolle  abend  weren  will,  säo  segt  häi  täo 
siner  ziegen:  »No  ziege!  nu  frett  noch  en  bieten,  ehr  et  düster  werd.«  »Ne!« 
segt  de  ziege  do: 

»Eck  bin  säo  satt, 
Eck  mag  näin  blatt.« 
»No,    denn    kumm    her,    denn  willt  wi  na  hüs   gaen,«  segt  de  junge,  un  tut 
mit  siner  ziegen  na  hüs. 

Ans  häi  nu  inkumt,  säo  fraget  de  väer  de  ziegen  :  »of  se  denn  nu  ök 
orntliken  satt  wöre.«      »Ne,«  säe  de  ziege: 

»Dar  satt  noch'n  blatt, 
Harr  eck  dat  noch  'e  hatt 
Säo  wör  eck  satt.« 
»I,«  segt    do  de  kerel,  »säo  schall  doch  den  jungen  dütt  un  datt!«   krigt  sine 
älen  un  prügelt  minen  läiwen  jungen  orntliken  dör. 

Den  drüdden  dag  moste  de  drüdde  junge  met  der  ziegen  lös.  »Eck  wicke 
et  di  awer,«  säe  de  kerel,  »kummst  du  mi  mit  der  ziegen  in,  un  se  is  nich 
satt,  säo  gift  et  hibe.«  Do  hodde  de  junge  de  ziegen  den  ganzen  dag,  un 
ans  et  bolle  abend  weren  wolle,  säo  segt  häi:  »No,  ziege!  nu  frett  noch  en 
bieten,  ehr  et  düster  werd;  dat  du  hernah  orntliken  satt  bist.«  »Ne!«  segt 
de  ziege: 

»Eck  bin  säo  satt, 
Eck  mag  näin  blatt.« 
»No,  denn  kumm  her,«  segt  de  junge;    »denn  willt  wi  na  hüs  gaen,«  un  tög 
mit  siner  ziegen  na  hüs. 

Ans  häi  nu  inkummt,  säo  fraget  de  väer  de  ziegen:  »of  se  denn  nu  ök 
orntliken  satt  wo  it.        »N6!«   säe  de  ziege: 

42 


»Dar  satt  noch  'n  blatt, 
Harr  eck  dat  noch  'e  hatt 
Säo  wör  eck  satt. 
»I,«  segt  dö  de  kerel:   »säo  schall  doch  den  jungen  dütt  un  datt,«  krigt  sine  älen 
van  der  wand  un  prügelt  minen  läiwen  jungen  orntliken  dör. 

Den  andern  dag  denket  de  kerel:  »du  schost  doch  äis  sülbenst  mit  der 
ziegen  losgäen,  dat  dat  arme  bäist  doch  äis  orntliken  satt  werd.«  Des  cren- 
dages  tut  häi  los  un  hot  de  ziegen  bet  et  abend  werd,  dö  segt  häi:  »No, 
ziege,  nü  frett  noch'n  bieten,  dat  du  orntlicken  satt  wärst.«   »Ne,«  segt  de  ziege. 

»Eck  bin  säo  satt, 
Eck  mag  näin  blatt.« 
»No,  denn  kumm  här,«  segt  de  kerel,   »denn  will  wi  na  hüs  gäen,«  un  trecket 
mit  siner  ziegen  na  hüs. 

Ans  häi  nu  inkam  un  sine  ziege  anbund,  do  säe  häi:  »Nich  wahr,  ziege,« 
sägt  häi,  »vandäge  bist  du  doch  äis  orntliken  satt  ewören?«  »Ne,«  säe  de  ziege 
do  ök  weer: 

»Dar  satt  noch  'n  blatt, 
Harr  eck  dat  noch  'e  hatt 
Säo  wör  eck  satt.« 
»Verdammte   ziege,«    säe   do  de  kerel;     »eben    haste    di    den    balg   säo  dicke 
fräten,  dat  du  näin  blatt  mehr  möchtest;  un  nü  segste,  du  bist  nich  satt?   Ja, 
teuf  man,  eck  will  di  betälen!«    Do  läip  de  kerel  hen  un  häole  sine  scheren  un 
snet  der  ziegen  up  äiner  halwe  alle  häre  van'n  balge,  un  ok  dat  äine  ohr  snct 
he  ör  af,  un  ans  he  dat  e  däen  harre,  do  nam  häi  sine  älen  un  klappe  mine 
läiwen  ziegen  üt'n  hüse  herüt. 

De  ziege,  de  nü  ganz  verschändet  was  un  sick  säo  vär  näinen  minschen 
säien  läten  möchte,  läip  int  holt  un  kämm  an'en  vosslock  un  dachte,  da  wolle 
se  sick  inne  verstäken.     Do  räip  de  voss: 

»Halb  geschoren,  halb  ungeschoren! 
Wer  herein  kommt 
Dem  rutsch  ich, 
Dem  stutz  ich 
Den  stuppstert 
Vorm  ase  weg!« 
Do  wörd  de  ziege  bange,  dat  se  ören   stuppstert  ök  noch  missen  schölle,  un 
fong  en  lopen  an  un  läip  jümmer  täo  in  de  wie  weit  henin,  un  wenn  se  noch 
nich  up  ehört  hat,  säo  lopt  se  vandage  noch. 

Die  launische  Ziege 

(hochdeutsch). 
Es  ist  mal  ein  Schneider  gewesen,  der  schaffte  sich  eine  Ziege  an.     Er 

43 


hatte  dreijungens,  denen  befahl  er,  einem  nach  dem  andern,  sie  zu  hüthen, 
draußen  an  der  Hecke,  bis  sie  satt  sei.  Das  thaten  sie  denn  auch  mit  allem 
Fleiß,  und  jedesmal,  ehe  sie  aufhörten  mit  Hüthen,  fragten  sie  ausdrücklich, 
ob  sie  genug  hätte,  und  jedesmal  gab  die  Ziege  zur  Antwort,  sie  wäre  so  satt, 
daß  sie  kein  Blatt  mehr  möchte;  kamen  sie  aber  nach  Hause  mit  ihr  und  der 
Vater  fragte  nach,  dann  sagte  sie  immer  das  Gegenteil.  Auf  die  Bengels  ist 
kein  Verlaß,  dachte  der  Schneider,  ich  muß  selbst  mit  ihr  los.  Als  er  nun 
meinte,  sie  hätte  sich  dick  gefressen,  fragte  er  doch  noch  der  Sicherheit  wegen: 
»Na  Ziege,  bist  du  nu  satt?« 

Eck  bin  säo  satt, 
eck  mag  näin  blatt, 
versicherte  die  Ziege.     Als  er  aber   mit  ihr   nach  Hause  kam   und   nochmals 
die  nämliche  Frage  stellte,  fing  das  launische  Vieh  an  zu  meckern  und  schrie: 

Neu 

Dar  satt  noch  'n  blatt, 
harr  eck  dat  noch  ehatt, 
säo  wör  eck  satt. 
Das  war  dem  Meister  denn  doch  zu  bunt.    Er  wurde  kraus,  nahm  seine  große 
Schere,    schor   die  Ziege    auf  einer  Seite   rattenkahl,    schnitt   ihr   ein  Ohr  ab 
und  prügelte  sie  mit  seiner  Elle  bis  in  den  Wald  hinaus.    Hier  wollte  sie  sich 
verstecken  in  einer  Höhle,    aber  im  Hintergrund    saß  der  Fuchs  und  rief  ihr 
drohend  entgegen: 

Halbgeschoren,  halbungeschoren, 
wer  herein  kommt, 
dem  rutsch  ich,  dem  stutz  ich 
den  stuppsteert  (Stumpfschwanz)  vor'm  ase  weg. 
Da   kriegte    sie's    mit    der    Angst,    daß    sie    den    Schwanz    auch    noch    missen 
sollte,  und  fing  zu  laufen  an,  immerzu  in  die  weite  Welt  hinein,  und  wenn 
sie  nicht  aufgehört  hat  mit  Laufen,  dann  läuft  sie  noch  heute. 

21.    Des  Kaufmanns  Sohn. 

Es  hatte  ein  Kaufmann  einen  einzigen  Sohn  und  auch  eine  Tochter. 
Der  Sohn  war  aber  ein  Erztaugenichts,  und  weil  er  gar  nicht  gut  thun  wollte, 
so  schickte  ihn  sein  Vater  zuletzt  unter  die  Soldaten,  da,  meinte  er,  würden 
sie  ihm  schon  Ordnung  lehren. 

Es  dauerte  nicht  lange,  so  schrieb  der  Junge  nach  Haus:  er  wäre 
Offizier  geworden  und  da  müsse  er  sich  denn  die  theure  Uniform  an- 
schaffen, darum  möchte  ihm  sein  Vater  doch  etwas  Geld  schicken.  »Der 
Junge  macht  sich,«  dachte  der  Vater  und  schickte  ihm  hundert  Thaler  hin. 
Er   war   aber   nicht  Offizier,    sondern  noch    gemeiner  Soldat  und    ein  Tauge- 

44 


nichts  vor  wie  nach,  nahm  die  hundert  Thaler  und  verthat  sie  auf  die  leicht- 
sinnigste Weise. 

Als  das  Geld  nun  zu  Ende  war,  schrieb  er  an  seinen  Vater  einen  zweiten 
Brief,  da  stand  drin:  er  wäre  jetzt  General  geworden,  darum  möchten  sie 
ihm  von  Haus  doch  etwas  Geld  zukommen  lassen.  »Der  Junge  kommt  doch 
recht  empor,«  dachte  der  Vater  und  schickte  ihm  hundert  Thaler  hin.  Aber 
der  Junge,  der  noch  immer  gemeiner  Soldat  war,  verbrachte  das  Geld  in 
kurzer  Zeit  und  machte  noch  Schulden  obendrein. 

Weil  er  nun  nicht  aus  noch  ein  wußte,  so  schrieb  er  zum  dritten  Male 
an  seinen  Vater:  er  wäre  jetzt  König  geworden,  aber  die  erste  Einrichtung 
koste  viel  Geld,  darum  sollte  ihm  sein  Vater  doch  mit  etwas  Geld  unter  die 
Arme  greifen.  »Das  kommt  mir  doch  etwas  sonderbar  vor,  daß  der  Junge 
nun  gar  König  geworden  ist, c  dachte  der  Alte;  »ehe  ich  ihm  darum  das  Geld 
schicke,  will  ich  doch  erst  mal  nähere  Erkundigungen  einziehen.« 

Da  saß  nun  der  Junge  und  wartete,  aber  es  kam  kein  Geld  und  kam 
kein  Geld,  und  weil  er  nun  seine  Schulden  nicht  bezahlen  konnte,  auch  sonst 
seinen  Dienst  nicht  ordentlich  versehen  hatte,  so  wurde  ihm  mit  Schimpf  und 
Schande  der  Abschied  und  eine  alte  zerrissene  Soldatenuniform  mit  auf  den 
Weg  gegeben.  So  ging  er  in  die  weite  Welt  und  hatte  nichts  zu  beißen 
und  zu  brechen. 

Eines  Abends  kam  er  an  den  Garten  des  Königs;  da  sah  er,  daß  ein 
Apfelbaum  darin  stand,  der  hing  voll  der  schönsten  Äpfel,  und  weil  er  hungrig 
war,  so  hätte  er  gar  zu  gern  einige  von  den  Äpfeln  haben  mögen.  Es  ging 
aber  um  den  Garten  eine  hohe  Mauer  und  war  nur  eine  einzige  Thür  darin, 
und  als  er  da  hindurch  schleichen  wollte,  um  zu  dem  Apfelbaume  zu  gelangen, 
so  stand  quer  davor  ein  Bett  und  lag  des  Königs  Tochter  darin,  die  mußte 
jede  Nacht  bei  den  Äpfeln  Wache  halten,  daß  keiner  davon  gestohlen  würde. 
Da  fing  er  mit  ihr  ein  Gespräch  an  und  fragte,  ob  es  nicht  erlaubt  wäre, 
von  den  Äpfeln  einige  zu  essen?  »Nein!«  sagte  die  Königstochter;  »aber 
wenn  du  diese  Nacht  bei  mir  bleiben  und  mir  Gesellschaft  leisten  willst,  so 
will  ich  es  dir  wohl  erlauben.«  Das  versprach  der  Junge  und  aß  von  den 
Äpfeln  so  viel  er  nur  mochte.  Dann  setzte  er  sich  zu  der  Königstochter  aufs 
Bett  und  vertrieb  ihr  die  Zeit  und  blieb  bei  ihr  die  ganze  Nacht.  Das  war 
ihr  aber  eine  große  Freude,  denn  sie  fürchtete  sich  und  hatte  Langeweile, 
wenn  sie  des  Nachts  so  allein  im  Garten  liegen  mußte,  und  da  gefiel  ihr  der 
Junge  so  gut,  daß  sie  ihm  des  Morgens  heimlich  schöne  Kleider  gab  und  zu 
ihrem  Vater  dem  König  ging  und  ihm  sagte,  es  wäre  da  ein  schöner  vor- 
nehmer Herr  angekommen,  den  möchte  sie  um  alles  in  der  Welt  gern  zum 
Manne  haben.  Erst  wollte  es  der  König  gar  nicht  zugeben;  das  Mädchen 
plagte  aber  so  lange,  bis  er  doch  endlich  ja  sagte. 

Als  der  Junge  nun  die  Königstochter   geheirathet    hatte,    sagte  er  eines 

45 


Tages,  er  wolle  mal  in  seine  Heimath  zu  seinen  Eltern  reisen,  nahm  zwei 
Jäger  zu  seiner  Begleitung  und  auch  viel  Geld  und  schöne  Kleider  mit.  Des 
Abends  kamen  sie  in  einen  Wald  und  verirrten  sich;  da  stieg  der  eine  Jäger 
auf  einen  hohen  Baum,  und  als  er  von  da  aus  in  der  Ferne  ein  Licht  schimmern 
sah,  gingen  die  drei  in  der  Richtung  weiter  und  gelangten  auch  zu  der  Stelle, 
wo  das  Licht  brannte,  und  da  sahen  sie,  daß  sie  in  eine  Mördergrube  ge- 
kommen waren.  »Von  hier  geht  kein  Weg  wieder  zurück,«  sprachen  die 
Räuber;  >  ihr  müßt  nun  sterben!«  Sie  führten  auch  die  beiden  Jäger  gleich 
auf  die  Seite,  daß  sie  sie  umbrächten,  aber  ihrem  Herrn  nahmen  sie  Geld  und 
Kleider  ab  und  stießen  ihn  fasernackt  in  den  Wald  hinaus.  Er  mußte  lange 
irren,  ehe  der  Wald  licht  wurde,  und  als  er  nun  endlich  auf  das  freie  Feld 
kam,  fand  er  da  einen  Schäfer  in  seinem  Karren  liegen,  den  sprach  er  an  um 
einige  alte  Kleider,  seine  Blöße  damit  zu  bedecken.  »Meine  Kleider  habe  ich 
selbst  groß  nöthig,«  sprach  der  Schäfer;  »aber  in  voriger  Nacht  ist  mir  ein 
Schaf  gestorben,  dem  habe  ich  das  Fell  abgezogen,  das  ist  alles  was  ich  dir 
geben  kann.«  Da  bedankte  er  sich  bei  dem  Schäfer,  hing  das  Fell  um  seine 
Schultern  und  kam  so  in  seines  Vaters  Hause  an.  Aber  seine  Angehörigen 
erkannten  ihn  nicht  wieder  und  als  er  nun  sagte,  wer  er  wäre  und  daß  er 
eine  Königstochter  geheirathet  hätte,  da  wurde  sein  Vater  zornig  und  sprach: 
»Du  bist  nie  und  nimmer  mein  Sohn!  Hinaus  mit  dir,  du  Bettler!  Bei  den 
Hunden  im  Stalle,  da  kannst  du  dein  Futter  kriegen.«  Und  als  er  das  gesagt 
hatte,  ließ  er  ihn  zu  den  Hunden  in  den  Stall  werfen,  da  mußte  er  Knochen 
nagen  und  nur  seine  Schwester,  die  den  armen,  halbnackten  Menschen  be- 
dauerte, brachte  ihm  zuweilen  heimlich  etwas  zu  essen. 

Die  Königstochter  saß  derweilen  daheim  und  wartete  vergeblich,  daß  er 
wiederkäme.  Da  wurde  ihre  Sehnsucht  nach  ihm  so  groß,  daß  sie  aufbrach, 
ihn  in  seiner  Heimath  aufzusuchen.  Zu  ihrer  Begleitung  nahm  sie  viele  Jäger 
mit  und  kam  mit  ihnen  abends  in  den  Wald  und  zu  der  Mördergrube.  Da 
sprach  die  Königstochter  zu  den  Jägern:  »Bleibt  ihr  jetzt  noch  zurück,  ich  will 
allein  hineingehen,  ob  ich  nicht  meinen  Mann  da  finde.  Wenn  ich  euch  aber  ein 
Zeichen  gebe,  so  kommt  mir  schnell  zu  Hülfe. «  Da  ging  die  Königstochter  allein  in 
die  Mörderhöhle.  »Von  hier  geht  kein  Weg  zurück!«  schrieen  da  die  Räuber; 
du  mußt  nun  sterben.«  »Wenn  ich  denn  mein  Leben  lassen  muß,«  sprach 
die  Königstochter,  »so  laßt  mich  vor  meinem  Tode  nur  noch  einmal  eine  Pistole 
losschießen,  denn  mein  Leben  lang  ist  die  Jagd  mein  größtes  Vergnügen  ge- 
wesen.« Das  erlaubten  ihr  die  Räuber  auch;  und  wie  sie  die  Pistole  abdrückte, 
so  stürzten  auch  schon  die  Jäger  herein,  nahmen  die  Kerle  gefangen  und 
stachen  sie  todt,  daß  auch  nicht  einer  mit  dem  Leben  davon  kam.  Darauf 
suchten  sie  das  Räubernest  gehörig  durch  und  fanden  eine  Masse  Gold  und 
auch  die  schönen  Kleider  ihres  Herrn;  das  alles  nahmen  sie  mit  sich  fort. 

Als  die  Königstochter  nun  bei  den  Eltern  ihres  Mannes  ankam,  so  fragte 

46 


sie,  ob  sie  nicht  einen  Sohn  hätten.  »Ja,«  sagte  der  Vater;  »aber  der  ist 
schon  vor  Jahren  in  die  weite  Welt  gegangen  und  da  gestorben  und  verdorben. 
Vor  einiger  Zeit  kam  freilich  ein  halbnackter  Bettler,  der  sagte,  er  wäre  mein 
Sohn  und  hätte  eines  Königs  Tochter  geheirathet;  ich  habe  ihn  aber  zu  den 
Hunden  in  den  Stall  sperren  lassen.  Da  ließ  sie  sich  hinbringen,  wo  er  lag, 
und  da  war  er  ganz  mit  Schmutz  bedeckt  und  sein  Haar  und  sein  Bart  waren 
so  lang  und  wüst  geworden,  daß  sie  ihn  kaum  wieder  kannte.  Da  ließ  sie 
ihn  waschen  und  scheren  und  gab  ihm  seine  schönen  Kleider  und  da  erkannten 
ihn  auch  seine  Eltern  und  seine  Schwester  wieder.  —  Nachdem,  so  gingen 
sie  miteinander  zurück  in  ihr  Königreich. 

22.  Der  Königssohn  mit  der  goldenen  Kette. 

Es  war  einmal  ein  Königssohn,  der  wollte  ausziehen,  die  Welt  zu  sehen. 
Da  ließ  ihm  sein  Vater  eine  goldene  Kette  um  den  bloßen  Leib  schmieden 
und  gab  ihm  auch  noch  Geld  dazu.  Danach  nahm  der  Königssohn  Abschied 
von  seinem  Vater  und  reiste  fort. 

Gegen  Abend  kam  er  in  eine  Stadt,  da  gingen  die  Glocken  und  als  er 
fragte,  was  das  zu  bedeuten  hätte,  daß  die  Glocken  geläutet  würden,  so  wurde 
ihm  gesagt,  es  wäre  ein  armer  Mann  gestorben,  der  wäre  aber  noch  zehn 
Thaler  schuldig  und  nun  wollte  der,  der  das  Geld  zu  fordern  hätte,  es  nicht 
zugeben,  daß  der  Arme  begraben  würde,  es  käme  denn  einer  und  bezahlte 
das  Geld  für  ihn.  Da  ging  der  Königssohn  hin  und  erlegte  das  Geld,  und 
der  arme  Mann,  der  schon  lange  über  der  Erde  gestanden  hatte,  kam  nun 
endlich  zur  Ruhe  in  seinem  Grabe,  und  der  Königssohn  ging  allein  hinter 
dem  Sarge  her. 

Nachdem  so  zog  der  Königssohn  weiter  und  kam  in  einen  finstern  Wald, 
da  begegneten  ihm  zwei  Spitzbuben,  die  fragten  ihn:  wo  denn  die  Reise  hinginge. 
»Ich  bin  ausgegangen,  das  Stehlen  zu  lernen,«  sagte  der  Königssohn.  »Wenn 
du  das  lernen  willst,«  sagten  die  beiden,  »so  bist  du  hier  gerade  recht  gekom- 
men, das  verstehen  wir  aus  dem  Grunde  gut.  Geh  nur  mit,  so  sollst  du  es 
lernen.«  Da  nahmen  sie  ihn  mit  in  ihre  Höhle,  und  waren  da  im  ganzen 
vierundzwanzig  Spitzbuben  zusammen,  die  hatten  auch  eine  Königstochter  bei 
sich,  welche  sie  geraubt  hatten  und  nun  gefangen  hielten. 

Da  sprach  eines  Tages  der,  welcher  der  Oberste  war,  es  sollten  drei 
Nächte  hintereinander  jedesmal  acht  aufs  Stehlen  ausgehen;  wer  dann  das 
meiste  mitbrächte,  der  sollte  die  Prinzessin  zur  Frau  haben.  Als  sie  nun 
die  erste  Nacht  auszogen,  ging  der  Königssohn  seinen  Weg  für  sich,  trat 
hinter  einen  Baum  und  löste  ein  Stück  von  seiner  goldenen  Kette,  die  er  um 
den  Leib  trug,  und  als  nun  die  andern  zurückkamen,  da  hatte  er  das  meiste 
mitgebracht.     Die  zweite  Nacht  machte  er  es  wieder  so  und  die  dritte  Nacht 

4  47 


auch,  und  weil  er  jedesmal  das  meiste  mit  zu  Haus  gebracht  hatte,  so  kriegte 
er  die  Prinzessin  zur  Frau. 

Die  Prinzessin  weinte  aber  so  viel  und  war  ganz  unglücklich,  daß  sie 
einen  Spitzbuben  zum  Manne  haben  und  unter  lauter  Spitzbuben  leben  sollte ; 
da  gab  sich  der  Königssohn  ihr  heimlich  zu  erkennen  und  sagte:  »Weine  nur 
nicht  mehr!  Ich  bin  kein  Spitzbube,  wie  du  wohl  denkst,  sondern  ein  Königs- 
sohn und  will  dich  aus  deiner  Gefangenschaft  befreien,  sobald  es  geht,  und 
mit  dir  zu  deinem  Vater  reisen.« 

Er  wurde  nun  ordentlich  in  die  Bande  aufgenommen  und  kriegte  eine 
Flöte,  darauf  spielte  er,  wenn  er  zu  Hause  war  und  vertrieb  der  Königstochter 
die  Zeit;  zuweilen  fuhr  er  in  der  Mittagszeit  auch  mit  ihr  spazieren,  denn  der 
oberste  der  Spitzbuben  hatte  eine  Kutsche  und  vier  Pferde  und  hatte  es  ihm 
erlaubt,  zuweilen  darin  herumzufahren,  aber  nur  ganz  nahe  bei  dem  Hause, 
damit  sie  ihn  immer  sehen  konnten. 

Nun  traf  es  sich  eines  Tages,  daß  die  Bande  gute  Beute  gemacht  hatte; 
da  stellten  sie  ein  Trinkgelage  an  und  soffen  so  viel  Wein,  daß  sie  alle  be- 
trunken wurden.  Der  Königssohn  hatte  aber  nur  gethan  als  tränke  er  mit, 
und  als  er  nun  sah,  daß  sie  alle  unter  dem  Tische  lagen,  da  ging  er  hinaus, 
spannte  die  Pferde  vor  die  Kutsche  und  jagte  mit  der  Prinzessin,  über  Stock 
und  Stein  aus  dem  Walde  hinaus  und  hörte  nicht  eher  auf,  bis  er  zu  einer 
Stadt  kam,  die  an  der  See  lag.  Über  diese  See  mußten  sie  aber  fahren,  um 
wieder  in  ihre  Heimath  zu  gelangen;  darum  beredeten  sie  sich  mit  einem 
Schiffskapitän,  der  mit  seinem  Schiffe  da  im  Hafen  lag,  daß  er  sie  mitnähme. 
Sie  wurden  mit  dem  Manne  auch  einig  und  gingen  auf  das  Schiff,  das  zur 
Rückfahrt  bereit  lag.  Da  sie  nun  vom  Lande  gestoßen  waren  und  auf  die 
offene  See  kamen,  da  zeigte  es  sich,  daß  der  Kapitän  des  Schiffes  ein  treuloser 
Mann  war. 

Er  war  aus  dem  Lande,  wo  die  Prinzessin  her  wrar,  und  da  hatte  der 
König,  ihr  Vater,  bekannt  machen  lassen,  wer  seine  Tochter  aus  den  Händen 
der  Spitzbuben  befreie,  der  sollte  König  werden  und  die  Prinzessin  zur  Frau 
haben.  Nun  hatte  aber  der  Schiffskapitän  die  Königstochter  wieder  erkannt, 
darum  machte  er  heimlich  einen  Anschlag,  wie  er  ihren  Gefährten,  der.  sie 
befreit  hatte,  von  der  Welt  schaffen  könnte.  Er  beredete  sich  mit  seinen  Ma- 
trosen, daß  sie  ihn  in  der  Nacht  binden  una  in  das  Meer  werfen  sollten  und 
verhieß  ihnen,  wenn  sie  das  thäten,  guten  Lohn.  Da  waren  die  Matrosen  auch 
bereit,  banden  ihn,  als  er  im  Bette  lag,  mit  Stricken  und  wollten  ihn  über 
Bord  in  die  See  werfen  ;  er  bat  aber  so  viel,  sie  möchten  ihm  doch  das  Leben 
lassen,  daß  sie  endlich  nachgaben  und  einen  alten  Kahn  losmachten,  da  setzten 
sie  ihn  hinein,  gaben  ihm  altes  lumpiges  Matrosenzeug,  weil  er  halb  nackt 
war,  und  stießen  den  Kahn  in  die  See  hinaus.  »Der  wird  uns  sicher  nicht 
verrathen,     dachten  sie;   »wenn  er  nicht  verhungert,  so  muß  er  doch  ertrinken, 

48 


DER  SCHATZGRÄBER. 


denn  der  alte  Kahn  wird  nicht  lange  über  Wasser  bleiben.«  Als  sie  nun 
dem  Kapitän  die  Nachricht  brachten,  daß  sie  seinen  Befehl  ausgerichtet  hätten, 
da  mußte  ihm  die  Königstochter  einen  heiligen  Eid  schwören,  daß  sie  in  ihrem 
Leben  niemandem  sagen  wollte,  was  hier  vorgefallen  und  daß  ein  anderer  sie 
erlöst  hätte.  Danach  so  fuhren  sie  weiter  und  kamen  glücklich  ans  Land 
und  in  die  Stadt,  wo  die  Königstochter  her  war;  da  gab  sich  der  Kapitän 
für  den  Mann  aus,  der  sie  von  den  Spitzbuben  befreit  hatte  und  brachte  sie 
zu  dem  Könige;  der  hatte  eine  große  Freude,  daß  er  seine  Tochter  endlich 
wiedersah. 

Nun  gut!  —  Der  arme  Königssohn,  der  fuhr  aber  derweilen  auf  der 
großen  See  in  seinem  Kahn.  Zwar  sein  Geld  und  seine  Flöte  hatte  er  ge- 
rettet, aber  was  half  ihm  das,  wenn  er  nichts  zu  essen  hatte.  Er  meinte,  er  müßte 
elendiglich  verhungern  und  hatte  sich  schon  in  sein  Schicksal  ergeben,  als 
eines  Nachts  der  Kahn  an  das  Ufer  stieß;  da  sprang  er  heraus  und  band  ihn 
fest,  und  weil  ihn  der  Hunger  trieb,  so  stieg  er  auf  einen  hohen  Tannenbaum, 
ob  er  nicht  von  da  ein  Licht  erspähen  könnte  und  so  zu  Leuten  käme,  die 
ihm  etwas  zu  essen  gäben;  aber  er  mochte  seine  Augen  anstrengen,  wie  er 
wollte,  es  zeigte  sich  nah  und  fern  kein  Licht.  Da  wurde  er  ganz  muthlos 
und  sprach :  »Was  hilft  es  mir  nun,  daß  ich  der  See  glücklich  entgangen 
bin ;  wenn  ich  hier  in  der  Wildniß  vor  Hunger  umkommen  muß,  oder  den 
Spitzbuben  wieder  in  die  Hände  falle.  Hätten  mich  die  Wellen  verschlungen, 
so  wäre  das  wohl  für  mich  das  Beste  gewesen.«  Indem  daß  er  noch  so 
klagte,  gewahrte  er,  daß  in  seinem  Kahn,  den  er  am  Ufer  zurückgelassen 
hatte,  sich  etwas  Weißes  regte,  und  als  er  näher  hinzutrat,  so  war  es  der 
Geist  des  armen  Mannes,  für  welchen  er  die  zehn  Thaler  bezahlt  hatte,  daß 
er  konnte  begraben  werden.  »Weil  du  so  gut  gegen  mich  gewesen  bist«,  sprach 
der  Todte,  »und  hast  mir  ein  ehrliches  Begräbniß  geben  lassen,  so  will  ich  dich 
nun  zum  Dank  schnell  in  die  Stadt  bringen,  wo  der  Kapitän  morgen  mit 
deiner  Frau  Hochzeit  halten  will,  wenn  du  dich  nicht  noch  zur  rechten  Zeit 
einfindest.«  Als  der  Todte  das  gesagt  hatte,  führte  er  den  Königssohn  in  dem 
Kahne  noch  denselben  Tag  zu  der  Königsstadt  bis  zu  einem  Gasthause,  welches 
dem  Schlosse  gerade  gegenüber  lag.  Der  Königssohn  fragte  die  Wirthin,  ob 
er  nicht  die  Nacht  dableiben  und  ein  Zimmer  haben  könnte  und  forderte 
sich  auch  ein  Glas  Wein.  Da  sah  ihn  die  Wirtin  ganz  verächtlich  an,  denn 
er  war  ganz  schmutzig  und  trug  noch  sein  zerrissenes  Matrosenzeug;  »geh 
nur  weiter,«  sprach  sie,  »dies  ist  hier  keine  Herberge  für  Leute  deinesgleichen; 
ich  habe  das  ganze  Haus  voll  vornehmer  Gäste,  denn  morgen  ist  Hochzeit 
gegenüber  in  des  Königs  Schloß.«  Als  er  aber  das  Glas  Wein  mit  einem 
Goldstücke  bezahlte,  da  wurde  die  Wirtin  auf  einmal  ganz  freundlich  und  gab 
ihm  auch  ein  Zimmer,  wo  er  die  Nacht  bleiben  konnte.  Da  ging  der  Königs- 
sohn hinauf,  machte  das  Fenster  auf  und  fing  auf  seiner  Flöte  zu  spielen  an. 


Das  hörte  gegenüber  im  Schloße  die  Prinzessin,  und  an  dem  Tone  und  der 
Melodie  erkannte  sie,  daß  der  gekommen  war,  welcher  sie  aus  den  Händen 
der  Räuber  befreit  hatte.  Da  fing  sie  laut  zu  weinen  an  und  ging  zu  ihrem 
Vater  und  fiel  ihm  mit  Schluchzen  rund  um  den  Hals  und  konnte  kein  ein- 
ziges Wort  hervorbringen.  »Was  fehlt  dir  denn,  mein  Kind,«  fragte  der  König 
da;  »daß  du  so  traurig  bist,  und  morgen  ist  doch  dein  Hochzeitstag?«  »Ach, 
lieber  Vater,«  sprach  die  Prinzessin,  »ich  darf  und  darf  es  niemals  sagen,  was 
mich  so  traurig  macht;  das  habeich  schwören  müssen.«  »Nun!«  sagte  der  König, 
»wenn  du  es  nicht  sagen  darfst,  so  darfst  du  es  doch  schreiben«  und  ließ 
Feder,  Tinte  und  Papier  holen.  Da  schrieb  sie  auf,  daß  der,  welcher  in  dem 
Gasthofe  die  Flöte  spielte,  sie  von  den  Räubern  erlöst  hätte ;  der  SchifFs- 
kapitän  aber  wäre  ein  Betrüger  und  falscher  Mann  und  gäbe  sich  mit  Unrecht 
für  ihren  Befreier  aus.  Als  das  der  König  las,  schickte  er  gleich  einen  von 
seinen  Dienern  hin,  daß  er  den  Mann  holen  sollte,  der  in  dem  Gasthofe  ge- 
genüber auf  der  Flöte  spielte.  Wie  aber  der  Diener  hinkam  und  den  Fremden 
darum  ansprach,  so  that  der  ganz  säumig  und  sprach;  »Wenn  dein  Herr,  der 
König,  mich  zu  sprechen  wünscht,  so  kann  er  selber  kommen ;  der  Weg  vom 
Könige  zu  mir  ist  nicht  weiter  als  der  Weg,  welcher  von  mir  zum  Könige 
geht«.  Mit  der  Antwort  ging  der  Diener  vor  den  König  und  sagte'ihm  auch, 
was  das  für  ein  schmutziger  Gesell  wäre,  der  so  verwegen  gesprochen  hatte. 
Da  redete  der  König  seiner  Tochter  zu,  daß  sie  sich  den  Landstreicher  sollte 
aus  dem  Sinne  schlagen ;  aber  die  Prinzessin  wollte  sich  nicht  eher  zufrieden 
geben,  bis  ihr  Vater  selbst  hinging  und  den  Mann  herüber  in  das  Schloß  holte. 
Da  erkannten  sich  die  beiden  und  fielen  sich  in  die  Arme,  und  dann  erzählten 
sie  dem  Könige  von  der  Treulosigkeit  des  SchifFskapitäns  und  wie  das  alles 
so  gekommen  war.  Da  gab  der  König  den  Befehl  aus,  daß  der  Kapitän  zur 
Strafe  von  vier  Ochsen  sollte  in  Stücken  gerissen  werden ;  den  Königssohn 
aber  vermählte  er  mit  seiner  Tochter  und  machte  ihn  zum  Könige,  und  das 
ist  er  auch  geblieben,  bis  er  starb. 

23.  Der  Königssohn  Johannes. 

Es  war  mal  ein  Königssohn  mit  Namen  Johannes,  der  wollte  auf  Reisen 
gehn,  und  ob  sein  Vater  gleich  dawidersprach,  weil  er  fürchtete,  es  könnte 
ihm  unterwegs  ein  Unglück  zustoßen,  so  ließ  er  sich  doch  nicht  zurückhalten, 
sondern  zog  fort  in  die  weite  Welt  hinein.  Mit  Anbruch  der  Nacht  kam  er 
in  einen  großen  Wald  zu  einem  Hexenhause,  darin  wohnte  ein  altes  Weib 
mit  ihrem  Manne.  Die  Hexe  war  aber  so  bös  geartet,  daß  sie  alle  drei  Tage 
wenigstens  einen  Menschen  fraß,  den  sie  vorher  in  ihrem  Backofen  gebraten 
hatte.  Als  sie  nun  den  schönen  Königssohn  in  ihr  Haus  treten  sah,  da  lachte 
ihr    das    Herz    im    Leibe,   daß   sie   wieder  einen    guten   Braten    kriegte.      »Du 

52 


kommst  von  hier  nicht  wieder  fort«,  sprach  sie  zu  ihm,     und  sollst  mir  tüchtig 
arbeiten.« 

Den  andern  Morgen  brachte  sie  ihn  hinaus  auf  ein  großes  Feld,  gab 
ihm  einen  Spaten  und  sagte:  »Nun  grabe  mir  das  Feld;  aber  das  wicke  ich 
dir,  bist  du  bis  Sonnenuntergang  nicht  fertig  damit,  so  geht's  dir  schlecht.« 
Damit  ließ  sie  ihn  allein  und  ging  fort.  Der  Königssohn  hatte  aber  nie  in 
seinem  Leben  einen  Spaten  in  der  Hand  gehabt,  und  nun  sollte  er  in  einem 
Tage  das  große  Feld  herumbringen.  Darüber  gerieth  er  so  in  Verzweiflung, 
daß  er  sich  bitterlich  weinend  auf  den  Boden  warf. 

Nun  hatte  die  Hexe  noch  ein  Mädchen  bei  sich  mit  Namen  Jette,  das 
mußte  dem  Königssohn  um  Mittag  was  zu  Essen  bringen,  und  als  sie  hinkam, 
da  lag  er  noch  immer  und  weinte  und  hatte  von  seiner  Arbeit  noch  nichts 
gethan.  »Was  weinst  du  denn?«  fragte  ihn  das  Mädchen.  »Ach!:  sagte  er;  »ich 
sehe  wohl,  daß  ich  die  Arbeit  doch  nimmer  fertig  bringe,  darum  bin  ich  so 
traurig.«  »Sei  nur  guten  Muthes ■-,  sprach  das  Mädchen  da;  wenn  du  mir  ge- 
treulich beistehen  willst,  daß  ich  aus  dem  Hause  der  alten  Hexe  wegkomme, 
so  will  ich  die  Arbeit  schon  für  dich  fertig  bringen.  Du  mußt  wissen,  ich 
bin  keine  gewöhnliche  Magd,  sondern  eines  Königs  Tochter;  aber  das  alte 
Weib  hat  unser  Schloß  verwünscht,  da  sind  meine  Brüder  zu  drei  Riesen 
geworden,  die  werfen  auf  dem  Schloßhofe  mit  Steinen,  daß  keiner  hineinkann, 
und  wenn  sie  niederwerfen,  so  werfen  sie  auf,  und  wenn  sie  aufwerfen,  so 
werfen  sie  nieder.  Ich  selber  muß  bei  der  Hexe  dienen  als  ihre  Magd.  Wenn 
wir  aber  fort  wollen,  so  dürfen  wür  nicht  lange  mehr  warten,  denn  von  heut 
über  drei  Tage  muß  sie  wieder  Einen  fressen  und  hat  schon  gesagt,  sie  wollte 
den  Backofen  heiß  machen.«  Da  versprach  der  Königssohn  dem  Mädchen, 
daß  er  ihr  gerne  beistehen  wollte,  und  wenn  sie  glücklich  wegkämen,  so 
wollte  er  sie  zu  seiner  Frau  nehmen.  Das  Mädchen  hatte  aber  das  Wünschen 
gelernt,  und  nun  wünschte  sie,  daß  das  Land  herum  wäre,  und  wie  sie  das 
gethan  hatte,  so  war  auch  die  Arbeit  geschehen.  Der  Königssohn  legte  sich 
nun  hin  und  schlief,  bis  die  Sonne  hinunter  war;  dann  ging  er  zu  Hause  und 
sagte,  das  Land  wäre  umgegraben.  »Gut  das !  <  sagte  die  Hexe;  morgen  will 
ich  dir  mehr  zu  thun  geben.« 

Den  andern  Tag  brachte  sie  ihn  in  den  Wald  zu  einer  allmächtig  großen 
Buche,  gab  ihm  eine  Axt  und  sagte  :  »Nun  fälle  mir  den  Baum,  und  wenn 
du  das  gethan  hast,  so  haue  ihn  in  kleine  Splittern,  daß  ich  Brennholz  kriege; 
aber  das  wicke  ich  dir,  bist  du  bis  Sonnenuntergang  nicht  fertig  damit,  so 
geht's  dir  schlecht.«  Damit  ging  sie  weg  und  ließ  ihn  allein.  Der  Königs- 
sohn hatte  aber  in  seinem  Leben  noch  keine  Axt  in  Händen  gehabt,  und 
nun  sollte  er  in  einem  Tage  den  allmächtig  großen  Baum  in  Splitter  hauen. 
Darüber  wurde  er  ganz  mißmuthig,  warf  sich  auf  die  Erde  und  fing  bitterlich 
zu  weinen  an. 

53 


Um  Mittag  hatte  er  noch  keinen  Hieb  getan,  und  als  Jettchen  mit  dem 
Essen  kam,  da  lag  er  noch  immer  und  weinte  in  einem  fort.  »Weine  doch 
nicht  mehr,«  sagte  sie  zu  ihm;  »ich  will  die  Arbeit  wohl  für  dich  thun,  wenn 
du  halten  willst,  was  du  mir  gestern  versprochen  hast.«  »Ja!«  sagte  der 
Königssohn;  »das  will  ich  dir  gewiß  und  wahrhaftig  halten.«  Da  wünschte 
sie,  daß  der  Baum  gefällt  und  in  Splitter  gehauen  wäre,  und  wie  sie  es  ge- 
wünscht hatte,  so  war  es  auch  gleich  geschehen.  Der  Königssohn  legte  sich 
nun  hin  und  schlief,  bis  die  Sonne  hinunter  war,  dann  ging  er  zu  Hause  und 
sagte,  mit  dem  Baum  wäre  er  fertig.  »Gut  das!«  sagte  die  alte  Hexe;  »morgen 
will  ich  dir  mehr  zu  thun  geben.« 

Den  dritten  Tag  brachte  sie  ihn  zu  einem  großen  Teiche,  gab  ihm  den 
Rand  von  einem  Siebe  und  sagte:  »Nun  schöpfe  mir  den  Teich  aus;  aber 
das  wicke  ich  dir,  bist  du  bis  Sonnenuntergang  nicht  fertig  damit,  so  geht's 
dir  schlecht.«  Damit  ging  sie  weg  und  ließ  ihn  allein.  Der  Königssohn  aber 
fing  bitterlich  zu  weinen  an,  denn  mit  einem  Siebrande  Wasser  schöpfen,  das 
war  ja  eine  unmögliche  Arbeit. 

Um  Mittag  kam  Jettchen  und  brachte  das  Mittagessen,  und  als  sie  ihn 
so  weinend  auf  der  Erde  liegen  sah,  sprach  sie  ihm  Muth  ein  und  sagte : 
»Weine  nicht  mehr,  Johann!  Wenn  Du  Dein  Versprechen  halten  willst,  so 
will  ich  die  Arbeit  für  dich  ausrichten.«  »Ja!«  sagte  er;  »das  will  ich  gewiß 
und  wahrhaftig  halten.«  Da  wünschte  sie,  daß  der  Teich  leer  wäre,  und 
wie  sie  das  gethan  hatte,  so  war  auch  gleich  alles  Wasser  heraus  bis  auf  den 
letzten  Tropfen. 

»Diese  Nacht,«  sprach  sie  darauf,  »will  ich  dich  wecken;  dann  wollen 
wir  zusammen  fortlaufen,  denn  es  ist  die  höchste  Zeit;  morgen  früh,  das  weiß 
ich,  will  die  Alte  den  Backofen  heizen  und  wird  dich  sicher  braten  und  auf- 
fressen, wenn  wir  nicht  machen,  daß  wir  von  hier  wegkommen.  Darum 
halte  dich  bereit.«  Das  versprach  er  auch.  Als  nun  die  Sonne  untergegangen 
war,  ging  er  zu  Hause  und  sagte,  mit  dem  Teiche  wäre  er  fertig.  »Schön!« 
sagte  die  Hexe,  »so  sollst  du  morgen  Feiertag  haben«  und  that  ganz  freund- 
lich und  lachte,  weil  sie  sich  schon  im  voraus  auf  den  guten  Braten  freute. 
Mit  dem,  so  gingen  sie  zu  Bette. 

In  der  Nacht  aber  stand  Jettchen  auf,  spuckte  dreimal  vor  ihr  Bett, 
weckte  den  Königssohn,  und  dann  liefen  sie  fort,  so  schnell  sie  nur  konnten. 
-Ich  darf  mich  aber  nicht  umsehen«,  sprach  das  Mädchen,  »sonst  hat  mich 
die  Hexe  wieder  in  ihrer  Gewalt;  darum  mußt  Du  zuweilen  zusehen,  ob  wir 
nicht  verfolgt  werden.« 

Unterdes  war  aber  die  Alte  auch  schon  aufgestanden,  denn  sie  konnte 
die  Zeit  nicht  erwarten,  daß  der  Backofen  geheizt  würde,  und  weil  Jettchen 
ihr  dabei  helfen  sollte,  so  rief  sie:  >Jettchen!«  »Ja!«  rief  die  Spucke.  Aber 
Jettchen  kam   niglrt.     »Jettchen!«   rief  sie  wieder.     »Ja!«  antwortete  die  Spucke; 

54 


aber  das  Mädchen  kam  nicht.  Da  rief  sie  zum  dritten  Male:  »Jettchen I« 
»Ja!«  rief  die  Spucke.  Aber  Jettchen  kam  noch  immer  nicht,  und  als  sie 
endlich  vor  des  Mädchens  Bett  ging,  so  war  das  Nest  leer  und  als  sie  nun 
den  Königssohn  auch  nicht  in  seinem  Bette  fand,  da  sah  sie  wohl,  daß  die 
Vögel  ausgeflogen  waren.  Da  lief  sie  schnell  hin  und  weckte  ihren  Mann, 
der  mußte  mit  drei  großen  Hunden  hinter  den  beiden  her  und  sollte  sie 
wieder  einfangen. 

Als  sich  nun  der  Königssohn  einmal  umsah,  so  war  der  Kerl  mit  den 
Hunden  schon  dicht  hinter  ihnen.  Da  wünschte  das  Mädchen  den  Königssohn 
zu  einem  Dornstrauche  und  sich  selbst  zu  einer  schönen  Blume,  die  mitten 
darin  stand.  Wie  da  der  Kerl  herankam  und  wollte  den  Dornstrauch  fassen, 
so  stachen  ihn  die  Dornen  in  die  Hände;  da  lief  er  schnell  wrieder  nach 
Hause  und  sagte  zu  seiner  Frau:  »Ich  habe  die  Beiden  nicht  fangen  können; 
es  stand  da  ein  Dornstrauch  und  eine  Blume  darin;  aber  als  ich  den  Dorn- 
strauch anfaßte,  da  stachen  mich  die  Dornen  und  da  bin  ich  weggelaufen.« 
»O,  wie  dumm!«  sagte  die  Hexe  und  schalt  ihren  Mann  tüchtig  aus;  »hättest 
du  nur  die  Blume  mitgebracht,  so  wäre  der  Dornstrauch  von  selbst  ge- 
kommen. Mach  nur,  daß  du  gleich  wieder  fortkommst  und  schaff  mir  die 
Blume.«  Da  mußte  der  Kerl  mit  den  drei  Hunden  wieder  los  und  hinter 
den  beiden  her. 

Die  waren  aber  mittlerweile  weitergelaufen.  Als  sich  nun  der  Königs- 
sohn einmal  umsah,  so  wrar  der  Kerl  mit  seinen  großen  Hunden  schon  wieder 
dicht  hinter  ihnen.  Da  wünschte  sich  das  Mädchen  zu  einem  großen  Teiche 
und  den  Königssohn  zu  einem  Enterich,  der  schwamm  darauf.  Indem,  so 
kam  der  Kerl  herzugelaufen,  und  weil  der  Enterich  immer  mitten  auf  dem 
Teiche  schwamm,  so  dachte  er  ihn  herbeizulocken  und  rief:  »Niep,  Xiep! 
Niep,  Niep!«  Aber  der  Enterich  schnatterte  immer  mitten  auf  dem  Teiche 
herum,  daß  ihn  der  Kerl  nicht  greifen  konnte.  Da  lief  er  wieder  nach  Hause 
zu  seiner  Frau  und  sagte:  »Ich  habe  die  beiden  nicht  fangen  können;  da 
war  wohl  ein  Teich,  und  ein  Enterich  schwamm  darauf,  aber  der  Enterich 
hielt  sich  immer  mitten  auf  dem  Teiche.«  »O,  wie  dumm!«  schalt  die  Hexe; 
»hättest  du  nur  den  Enterich  fangen  können,  so  wäre  der  Teich  von  selbst 
gekommen.  Lauf  nur  schnell  wieder  fort  und  schaff  mir  den  Enterich.«  Da 
mußte  der  Kerl  mit  den  drei  Hunden  wieder  los  und  hinter  den  beiden 
herlaufen. 

Die  hatten  aber  mittlerweile  ihre  natürliche  Gestalt  wieder  angenommen 
und  waren  schnell  weitergelaufen.  Als  sich  aber  der  Königssohn  einmal  um- 
sah, so  war  der  Kerl  mit  den  drei  großen  Hunden  schon  wieder  dicht  hinter 
ihnen.  Da  sagte  Jettchen :  »Ich  will  mich  jetzt  zu  einem  Gemüsegarten 
wünschen  und  du  sollst  ein  alter  Mann  mit  langem  Barte  sein,  der  in  dem 
Garten  herumgeht.«     Und  wie  sie  es  gewünscht  hatte,  so  war  es  auch  gleich 

55 


geschehen.  Indem,  so  kam  der  Mann  der  alten  Hexe  herzugelaufen,  fand 
aber  nur  einen  schönen  Gemüsegarten,  und  einen  alten  Mann  mit  langem 
Barte  darin,  den  fragte  er,  ob  er  nicht  da  eben  zwei  hätte  vorbeilaufen  sehen! 
»Gelbe  Wurzeln«,  sagte  der  alte  Mann.  »Ich  meine«,  schrie  ihm  der  andere 
zu,  »ob  Ihr  nicht  gesehen  habt,  wo  die  zwei  Leute  hingelaufen  sind,  die  hier 
eben  vorbeigekommen  sein  müssen!«  »Gelbe  Wurzeln«,  sagte  der  alte  Mann. 
Da  fragte  der  andere  zum  dritten  Male  und  schrie  noch  lauter  als  vorher, 
aber  der  alte  Mann  sagte  wieder  »Gelbe Wurzeln«.  »Hier  ist  nichts  zu  machen«, 
dachte  der  Mann  der  Hexe,  »ich  will  nur  wieder  zu  Hause  gehen.«  Damit 
trollte  er  sich  heim  zu  seinem  alten  Weibe. 

Als  Jettchen  sah,  daß  der  Kerl  fort  war,  wünschte  sie  sich  und  Johann 
wieder  in  ihre  natürliche  Gestalt;  dann  liefen  sie  weiter  und  kamen  glücklich 
über  die  Grenze,  wo  das  Gebiet  der  Hexe  aufhörte,  so  daß  sie  ihnen  nichts 
mehr  anhaben  konnte. 

Nicht  lange  darnach  kamen  sie  an  Johann  sein  Schloß.  Da  sprach  der 
Königssohn  zu  dem  Mädchen :  »Es  möchte  meinen  Eltern  nicht  recht  sein, 
wenn  ich  dich  so  ohne  weiteres  mitbrächte ;  darum  will  ich  erst  mal  allein 
zu  ihnen  gehen;  es  soll  aber  nicht  lange  dauern,  so  hole  ich  dich  auch  herein.« 
Da  setzte  sich  Jettchen  auf  einen  breiten  Stein,  der  vor  dem  Schlosse  lag  und 
wartete,  daß  der  Königssohn  wiederkäme  und  sie  abholte.  Als  der  aber  hin- 
ein zu  seinen  Eltern  kam,  vergaß  er  das  Mädchen  und  ließ  es  draußen  auf 
dem  Steine  sitzen  und  dachte  nicht  mehr  daran. 

Über  eine  Zeit  trug  es  sich  zu,  daß  der  Königssohn  sein  Fenster  offen 
ließ,  da  flog  eine  weiße  Taube  herein,  die  rief: 

»Johann  hat  Jettchen  vergessen 
Auf  einem  breiten  Stein.« 
Und  als  er  die  Worte  hörte,  da  fiel  ihm  auf  einmal  alles  wieder  ein,  was  er 
vergessen  hatte,  wie  das  Mädchen  so  gut  gegen    ihn    gewesen  war   und  daß 
er  sie  so  treulos  hatte  sitzen  lassen.     Er  hatte  auch    nicht  eher  Ruhe,  bis  er 
auszog,  das  Mädchen  aufzusuchen. 

Lange  Zeit  mußte  er  wandern,  da  kam  er  endlich  an  Jettchen  ihr  Schloß, 
das  von  der  Hexe  war  verwünscht  worden.  Es  war  gerade  Mittag,  und  um 
die  Zeit  hatten  die  drei  Riesen  eine  Stunde  Frist,  wo  sie  nicht  zu  werfen 
brauchten,  so  daß  der  Königssohn  ungehindert  in  das  Schloß  gehen  konnte. 
In  dem  Schlosse  war  aber  alles  ganz  still  und  leer;  nur  ein  alter  Mann  saß 
darin,  der  hatte  die  Hand  an  die  Wange  gelegt  und  schlief,  und  vor  dem 
Fenster,  dastand  eine  einzige  wunderschöne  Blume;  und  als  der  Königssohn 
hereintrat,  da  schlug  der  alte  Mann  die  Augen  auf  und  sagte:  »Vergiß  das 
Beste  nicht!«  »Das  Beste,  was  hier  zu  finden  ist,  wird  wohl  die  schöne 
Blume  sein,  dachte  der  Königssohn,  nahm  sie  und  wollte  wieder  aus  dem 
Schlosse  gehen.    Da  waren  aber  die  drei  Riesen  schon  wieder  dabei  und  warfen 

56 


Steine;  aber  der  Königssohn  wußte  wohl,  wenn  sie  niederwarfen,  so  warfen 
sie  auf,  und  wenn  sie  aufwarfen,  so  warfen  sie  nieder.  Darum  so  nahm  er 
die  Zeit  wahr,  wo  sie  niederwarfen,  sprang  schnell  hinzu  und  berührte  sie. 
Damit  hatte  er  es  aber  getroffen;  die  Riesen  waren  erlöst  und  wurden  drei 
Königssöhne  und  die  schöne  Blume  wurde  zu  Jettchen,  ihrer  Schwester,  die 
sich  in  die  Blume  verwünscht  hatte.  Da  sprach  Johann  zu  ihr:  »Nun  will 
ich  dich  auch  nie  und  nimmer  wieder  vergessen,  so  lange  ich  lebe«,  und  das 
hat  er  treulich  gehalten  bis  an  sein  Ende. 


5' 


24.    Das  verwünschte  Schloss. 

In  alter  Zeit  ist  mal  ein  Edelmann  gewesen,  der  hatte  einen  großen, 
schönen  Wald  und  vieles  Wild  darin,  aber  alle  seine  Jägersburschen,  die  er 
noch  gehabt  hatte,  wenn  sie  ausgingen,  in  dem  Wald  zu  jagen,  so  kamen  sie 
nicht  wieder  zurück,  so  daß  zuletzt  keiner  mehr  bei  dem  Edelmann  in  Dienst 
gehen  wollte. 

Nach  langer  Zeit  kam  endlich  mal  wieder  ein  junger,  hübscher  Bursche 
zugereist,  der  stellte  sich  dem  Edelmann  als  Jäger  vor;  da  sagte  ihm  der  Edel- 
mann, wie  es  mit  dem  Walde  bestellt  wäre,  und  daß  noch  keiner  wieder 
daraus  zurückgekommen  sei,  aber  der  Bursche  bat  so  viel,  er  möchte  ihn  doch 
annehmen,  daß  er  ihn  zuletzt  doch  in  seinen  Dienst  nahm. 

Gleich  den  andern  Tag  sattelte  der  Jäger  sein  Pferd  und  zog  zum  Jagen 
in  den  Wald  hinein.  Nicht  lange  war  er  geritten,  so  sah  er  auf  einmal  dicht 
vor  sich  elf  prächtige  Hirschkühe  und  einen  prächtigen  Hirschbock,  der  trug 
ein  Geweih  von  purem  Golde.  Da  faßte  den  Jäger  ein  heftiges  Verlangen, 
dem  wunderbaren  Hirsche  zu  folgen,  daß  er  ihn  womöglich  erjagen  möchte; 
darum  trieb  er  sein  Pferd  zu  raschem  Laufe  an.  Die  zwölf  Hirsche  aber,  als 
er  ihnen  nachsetzte,  sprangen  eilig  davon;  und  zuletzt  wurde  der  Wald  so 
wüst  und  dicht,  daß  er  die  Hirsche  ganz  aus  den  Augen  verlor  und  sich  ver- 
irrte. Mit  dem,  so  brach  auch  die  Nacht  herein.  Da  stieg  der  Jäger  auf 
einen  hohen  Baum  und  sah  von  da  aus  der  Ferne  her  ein  Licht  schimmern. 
Als  er  nun  in  der  Richtung,  wo  das  Licht  herschien,  weiter  ritt,  so  kam  er 
an  einen  großen  Pferdestall,  darin  brannte  die  Stallaterne,  und  das  war  das 
Licht  gewesen,  welches  er  von  dem  Baume  aus  hatte  schimmern  sehen.  Da 
band  er  sein  Pferd  wie  die  andern  Pferde  in  den  Stall. 

Der  Pferdestall  gehörte  aber  zu  einem  Schlosse,  das  stand  nicht  weit  davon, 
und  als  der  Jäger  da  hineinging,  so  fand  er  alles  aufs  schönste  eingerichtet, 
aber  es  war  ganz  still  darin  und  kein  lebendes  Wesen  zu  hören  und  zu  sehen. 
Nun  stand  da  ein  Schrank  voll  schöner  Lesebücher,  da  nahm  der  Jäger  eins 
von  in  die  Hand,  um  sich  die  Zeit  zu  kürzen.  Mit  einem  Male  so  wurde 
eine  Stimme  wach,  die  rief:   ^>Was  beliebt?-        Ei!     sprach  der  Jäger,   »wenns 

57 


nach  meinem  Belieben  geht,  so  möchte  ich  wohl  Waschwasser  haben  und  ein 
gutes  Abendbrot.«  Und  was  er  verlangt  hatte,  das  wurde  ihm  auch  alles  her- 
gebracht. Da  wusch  er  sich  und  setzte  sich  zum  Abendessen,  und  als  er 
gegessen  hatte,  nahm  er  wieder  sein  Buch  zur  Hand  und  las. 

Um  elf  Uhr  ließ  sich  wieder  die  Stimme  vernehmen  und  sagte:  wenn 
es  zwölf  wäre,  so  kämen  vier  Männer  und  schleppten  ihn  im  ganzen  Schlosse 
herum;  dabei  dürfte  er  aber  ja  keinen  Laut  von  sich  geben,  sonst  müßte  er 
sterben. 

Und  richtig!  Mit  dem  Schlage  zwölf  that  sich  die  Thür  auf  und  herein 
traten  vier  schwarze  Männer,  die  faßten  ihn  unsanft  an,  schleiften  ihn  Trepp 
auf,  Trepp  ab  im  ganzen  Schlosse  herum;  er  gab  aber  keinen  Laut  von  sich, 
und  als  der  Schlag  eins  aus  der  Glocke  ging,  da  brachten  sie  ihn  wieder  in 
sein  Zimmer  zurück. 

Da  sagte  die  Stimme:  auf  dem  Tische  stände  Salbe,  da  sollte  er  sich  mit 
einreiben,  und  dann  stände  in  dem  Nebenzimmer  ein  schönes  Bett,  da  sollte 
er  sich  hineinlegen. 

Das  that  der  Jäger  auch  und  den  andern  Morgen,  da  er  erwachte,  waren 
all  seine  Schmerzen  vorüber.  Es  stand  auch  schon  sein  Morgenbrod  bereit. 
Er  erhob  sich,  als  er  das  sah,  von  seinem  Lager,  verzehrte  was  ihm  gebracht 
war,  und  nachdem,  so  setzte  er  sich  wieder  hin  und  las  schöne  Geschichts- 
bücher, die  er  nach  Belieben  aus  dem  Schranke  nehmen  konnte.  Den  ganzen 
Tag  über  wurde  er  mit  Essen  und  Trinken  wrohl  versorgt,  so  daß  es  ihm 
sicher  alles  Wohlgefallen  hätte,  wenn  ihm  nicht  die  unheimlichen  schwarzen 
Männer  von  der  Nacht  vorher  noch  zu  lebhaft  in  Gedanken  gewesen  wären. 
Darum  gedachte  er,  als  der  Abend  anbrach,  heimlich  davon  zu  gehen.  Aber 
o  weh!  Die  Zugbrücke  wrar  aufgezogen  und  alle  Anstrengungen,  sie  herunter 
zu  lassen,  waren  vergeblich.  Da  mußte  er  denn  wohl  wieder  umkehren,  er 
mochte  wollen  oder  nicht. 

Um  elf  Uhr  wurde  wieder  die  Stimme  laut  und  sagte;  statt  daß  gestern 
vier  gekommen  wären,  würden  heute  Nacht  acht  kommen  und  ihn  im  ganzen 
Schlosse  herumtragen;  wenn  er  aber  den  geringsten  Laut  von  sich  gäbe,  so 
müßte  er  sterben. 

Und  richtig!  Mit  dem  Schlage  zwölf  that  sich  die  Thüre  auf  und  herein- 
traten acht  große  schwarze  Männer,  die  packten  ihn  bei  den  Beinen  und 
schleiften  ihn  mit  dem  Kopfe  zu  unterst  Trepp  auf,  Trepp  ab  im  ganzen  Schlosse 
herum,  daß  ihm  alle  Rippen  im  Leibe  knackten  und  sein  Kopf  voll  Beulen 
wurde.  Aber  doch  gab  er  keinen  Laut  von  sich ;  und  wie  der  Schlag  eins  aus 
der  Glocke  ging,  da  brachten  sie  ihn  wieder  hin,  wo  sie  ihn  hergeholt  hatten. 

Da  sagte  die  Stimme  wieder:  auf  dem  Tische  stände  Salbe,  da  solle 
er  sich  mit  einreiben,  und  in  dem  Nebenzimmer  stände  ein  schönes  Bett,  da 
solle  er  sich  hineinlegen. 

5» 


Das  that  der  Jäger  auch;  und  den  andern  Morgen,  als  er  aufwachte,  war 
sein  Kopf  wieder  heil  und  that  ihm  kein  Finger  weh.  Es  stand  auch  schon 
ein  gutes  Morgenbrod  bereit,  das  verzehrte  er  mit  Beilagen,  und  nachdem  so 
setzte  er  sich  wieder  hin  und  las  noch  viel  schönere  Bücher  als  er  den  Tag 
vorher  gelesen  hatte,  und  zu  bestimmter  Zeit  kriegte  er  auch  wieder  sein  gutes 
Essen  und  war  ganz  vergnügt  bis  zum  Abend,  wo  es  anfing  dunkel  zu  werden; 
da  fielen  ihm  die  schwarzen  Männer  wieder  ein  und  herzlich  gerne  hätte  er  sich 
auf  und  davon  gemacht,  wenn  er  nur  gekonnt   hätte. 

Um  elf  Uhr  sagte  die  Stimme:  anstatt  daß  gestern  acht  gekommen 
wären,  kämen  heute  zwölf;  er  sollte  aber  nur  standhaft  bleiben  und  kein  Wort 
sagen,  sonst  müsste  er  sterben. 

Und  richtig!  Mit  dem  Schlage  zwölf  that  sich  die  Thür  auf  und  herein 
traten  zwölf  kohlschwarze  Männer,  die  banden  ihm  Hände  und  Füße  mit 
eisernen  Ketten  und  schleiften  ihn  im  ganzen  Schloße  herum  und  zuletzt 
hinaus  auf  den  Hof  zu  einem  tiefen  Brunnen  und  thaten,  als  ob  sie  ihn  hinein- 
werfen wollten.  Aber  doch  blieb  er  standhaft  und  gab  keinen  Laut  von  sich. 
Sowie  der  Schlag  eins  aus  der  Glocke  ging,  brachten  sie  ihn  wieder  zurück 
in  sein  Gemach.  Er  war  halb  todt  und  alle  Knochen  thaten  ihm  im  Leibe  weh, 
aber  diesmal  kam  keine  Salbe  und  wurde  ihm  auch  kein  Bett  gegeben,  so  daß 
er  auf  allen  vieren  in  eine  Ecke  kroch  und  da  liegen  blieb. 

Die  ganze  Nacht  that  er  vor  Schmerz  kein  Auge  zu,  und  den  andern 
Morgen  wurde  auch  kein  Essen  gebracht;  aber  es  dauerte  nicht  lange,  so 
klopfte  jemand  an  die  Thür,  und  als  der  Jäger  »herein!«  rief,  da  erschien  ein 
wunderschönes  Mädchen,  das  gab  ihm  von  der  Heilsalbe  und  sagte :  in  dem 
Nebenzimmer  im  Schranke,  da  hingen  königliche  Kleider,  die  sollte  er  an- 
ziehen, und  wenn  er  das  gethan  hätte,  so  sollte  er  nur  oben  heraufkommen. 
Damit  ging  sie  wieder  hinaus. 

Der  Jäger  zog  nun,  nachdem  er  mit  der  Salbe  seine  Schmerzen  gestillt 
hatte,  die  königlichen  Kleider  an  und  ging  dann  oben  in  das  Schloß  hinauf, 
und  als  er  in  den  Saal  trat,  so  saß  da  eine  wunderschöne  Prinzessin  mit  ihren 
elf  Jungfrauen;  das  waren  die  zwölf  Hirsche  gewesen,  die  der  Jäger  verfolgt 
hatte;  -der  mit  den  goldenen  Hörnern  war  die  Prinzessin.  Da  bedankten  sie 
sich  bei  dem  Jäger,  daß  er  sie  durch  seine  Standhaftigkeit  nun  erlöst  hatte. 
Nachdem  so  wurde  der  Jäger  König  und  hielt  Hochzeit  mit  der  schönen  Prin- 
zessin, und  wurde  getanzt  und  geschmaust;  und  wenn  die  Hochzeit  noch 
nicht  zu  Ende  ist,  so  dauert  sie  heute  noch. 

25.  Drei  Königskinder. 

Es  war  einst  ein  König,  der  hatte  Befehl  gegeben,  daß  in  seinem  Reiche 
abends    nach   zehn  Uhr  keiner   mehr   arbeiten  sollte,  und  wer  das  doch  thäte, 

59 


der  sollte  schwerer  Strafe  gewärtig  sein.  Nun  saßen  noch  spät  abends  bei 
Licht  drei  arme  Mädchen  und  arbeiteten.  Da  sprach  die  erste:  »ich  wollte, 
ich  kriegte  des  Königs  Koch  zum  Mann,«  die  zweite:  »ich  wollte,  ich  kriegte 
dem  König  seinen  Minister,«  die  dritte  und  jüngste  aber  sprach:  »ich  wollte, 
daß  ich  den  König  selber  zum  Mann  kriegte«.  Das  hatte  der  König  alles  mit 
angehört,  denn  er  stand  hinter  dem  Fenster  und  horchte,  und  kam  ihm  so 
drollig  vor,  daß  er  beschloß,  den  drei  Mädchen  ihre  Wünsche  zu  erfüllen. 

Den  Tag  darauf  ließ  er  die  älteste  zu  sich  rufen,  die  sich  den  Koch  zum 
Manne  gewünscht  hatte  und  sprach  zu  ihr:  »ich  habe  gestern  deinen  Wunsch 
vernommen  und 

weil  du  den  Koch  begehrt, 

so  bist  des  Koches  werth« 
und  gab  ihr  den  Koch  zum  Manne.    Darauf  ließ  er  die  zweite  vor  sich  kommen 
und  sagte:   »ich  habe  gestern  deinen  Wunsch  vernommen  und 

weil  du  den  Minister  begehrt, 

so  bist  du  seiner  auch  werth« 
und  gab  ihr  seinen  Minister  zum  Manne.    Nachdem  so  mußte  die  dritte  und 
jüngste  Schwester  vor  ihn   kommen,   die   ihn    selber   zum  Manne    gewünscht 
hatte,  zu  der  sprach  er  auch:  »ich  habe  gestern  deinen  Wunsch  vernommen  und 

weil  du  meiner  begehrt, 

so  bist  du  meiner  auch  werth« 
und  heirathete  sie  und  machte  sie  zur  Königin. 

Über  eine  Zeit,  so  wmrde  die  Königin  schwanger;  da  fragte  sie  der 
König,  wen  sie  denn  am  liebsten  zu  ihrer  Pflege  bei  sich  haben  wollte. 
Da  verlangte  sie  nach  ihrer  ältesten  Schwester,  die  des  Königs  Koch  zum  Manne 
hatte.  Die  Königin  brachte  aber  einen  hübschen  Knaben  zur  Welt,  der  trug 
an  seiner  Stirn  einen  goldenen  Stern.-  Weil  nun  die  älteste  Schwester  neidisch 
war,  daß  die  jüngste  den  König  zum  Mann  gekriegt  hatte,  sie  selber  aber  nur 
des  Königs  Koch,  so  legte  sie  der  Königin  einen  jungen  Hund  ins  Bett,  nahm 
das  Kind,  klebte  ihm  ein  Pechpflaster  auf  die  Stirn,  daß  der  goldene  Stern  nicht 
zu  sehen  war  und  that  es  in  einen  Kasten;  den  Kasten  mit  dem  Kinde  setzte 
sie  heimlich  auf  den  Strom,*)  der  dicht  an  des  Königs  Schloß  vorbeifloß,  und 
da  trieben  ihn  die  Wellen  immer  weiter  hinab  in  das  Land  hinein.  Der  König, 
da  er  vernahm,  daß  seine  Frau  einen  Hund  geboren  hätte,  ward  erst  ganz 
zornig,  aber  doch,  aus  großer  Liebe  zu  ihr,  gab  er  sich  zufrieden  und  war 
freundlich  und  gut  mit  ihr  wie  zuvor. 

Zu  derselben  Zeit  wohnte  weiter  den  Strom  hinab  ein  Gärtner,  der  hatte 
drei  Kinder  und  dicht  an  dem  Strom  einen  schönen  Garten.  Da  nun  einst 
die  Kinder,  wie  sie  immer  thaten,  in  dem  Garten  dicht  am  Wasser  ihre  Spiele 


*)  Eine  Art  Nilstrom,  wie  die  Erzählerin  bemerkte.     W.  B. 
60 


trieben,  so  kam  ein  Kästchen  den  Strom  herabgeschwommen,  und  wie  es  die 
drei  Gärtnerskinder  auftischten  und  ans  Ufer  zogen,  so  lag  ein  kleiner  hübscher 
Knabe  darin,  dem  saß  auf  der  Stirn  ein  Pechpflaster.  Da  liefen  die  Gärtners- 
kinder mit  dem  Kästchen  und  dem  Kinde  darin  voller  Freuden  zu  ihrem  Vater 
und  zeigten  es  ihm,  und  der  Gärtner,  da  er  das  arme  hülflose  Kind  sah,  erbarmte 
sich  seiner  und  behielt  es  bei  sich  und  behandelte  es,  als  ob  es  sein  eigenes 
Kind  gewesen  wäre,  und  die  drei  Gärtnerskinder  warteten  es  und  spielten  damit. 

Über  ein  Jahr  kriegte  die  Königin  wieder  ein  kleines  Kind  und  das  war 
wieder  ein  Knabe  und  trug  vor  seiner  Stirn  auch  so  einen  goldenen  Stern, 
genau  wie  das  erste  Kind.  Die  neidische  Schwester  aber,  welche  die  Königin 
wieder  zur  Pflege  bei  sich  hatte,  nahm  das  Kind,  sobald  es  geboren  war, 
heimlich  weg,  legte  ein  Pechpflaster  auf  seine  Stirn  und  setzte  es  in  einem 
Kästchen  auf  den  Strom,  daß  es  die  Wellen  hinuntertrieben.  An  seiner  Statt 
legte  sie  der  Königin  einen  jungen  Hund  ins  Bett  und  ging  hin  und  sagte 
dem  Könige,  seine  Gemahlin  hätte  diesmal  wieder  einen  Hund  zur  Welt  ge- 
bracht. Darüber  gerieth  der  König  in  heftigen  Zorn,  versammelte  seine  Räthe 
und  fragte  sie,  was  sie  meinten,  daß  er  in  der  Sache  thun  solle?  Da  hielten  sie 
einen  Rath  und  sprachen;  diesmal  sollte  der  König  noch  verzeihen;  wenn  aber 
so  was  noch  einmal  wieder  vorkäme,  so  hätte  die  Königin  verdient,  daß 
sie  in  einem  Thurme  lebendig  vermauert  würde  und  kein  Essen  und  kein  Trinken 
kriegte  und  so  des  Todes  stürbe.     Damit  war  der  König  zufrieden. 

Es  begab  sich  aber,  daß  zu  derselben  Zeit  des  Gärtners  drei  Kinder  wieder 
in  dem  Garten  waren  und  an  dem  Wasser  spielten,  da  kam  das  Kästchen  mit 
des  Königs  zweitem  Kinde  auf  dem  Strome  dahergeschwommen,  das  zogen  die 
drei  Kinder  auch  ans  Ufer  und  brachten  es  voller  Freuden  zu  ihrem  Vater, 
und  weil  der  ein  mitleidiger  Mann  war,  so  behielt  er  das  arme  hülflose  Ding 
bei  sich,  und  die  drei  Gärtnerskinder  warteten  es  und  spielten  damit. 

Nachdem,  da  ein  Jahr  vergangen  war,  wurde  die  Königin  zum  dritten 
Male  schwanger  und  hatte  wieder  ihre  Schwester  bei  sich,  und  als  sie  nun 
ein  kleines  Mädchen  kriegte,  da  legte  ihr  das  boshafte  Weib  eine  Katze  ins 
Bett  und  setzte  das  Kind  in  einem  Kasten  auf  den  Strom,  daß  es  die  Wellen 
hinaustrugen  in  das  weite  Land  hinein.  Aber  die  drei  Gärtnerskinder  ringen 
es  auf  und  brachten  es  ihrem  Vater,  der  erbarmte  sich  seiner  und  behielt 
es  bei  sich. 

Der  König,  da  er  vernahm,  daß  seine  Frau  zum  dritten  Male  ein  Thier 
zur  Welt  gebracht  hatte,  ward  seines  Zornes  nicht  mehr  Meister,  ließ  die  arme 
Königin  greifen  und  sie  in  einem  Thurm  lebendig  vermauern,  so  daß  sie  vor 
Hunger  bald  umkommen  mußte. 

Eine  Zeit  darnach  begab  es  sich,  daß  die  drei  Gärtnerskinder  krank  wurden 
und  starben,  die  Königskinder  aber  wuchsen  und  wurden  schön  und  stark, 
und   der  Gärtner  setzte   sie   zu  seinen  Erben    ein.     Da   sie    nun    einstmals   in 

61 


ihrem  Garten  spazieren  gingen,  so  kam  ein  alter  Mann  vorbei,  der  redete  sie 
an  und  sprach:  >  Wißt  ihr,  was  euch  zu  eurem  Glücke  noch  fehlt?«  »Nein!« 
sprachen  die  Kinder;  »was  sollte  uns  noch  fehlen;  wir  haben  es  ja  hier  so  gut.« 
Da  sprach  der  alte  Mann:   »Drei  Dinge  fehlen  euch  noch: 

Der  Vogel  der  Wahrheit, 
Das  Wasser  des  Lebens 
Und  der  Apfel  Sina; 
die  sind  es,  die  euch  noch  fehlen,  daß  ihr  ganz  glücklich  seid,  und  zu  finden 
sind  sie  auf  einem  hohen  Berge;  wenn  da  einer  hinaufkommt,  so  fängt  es  an 
zu  donnern   und  zu  blitzen   und   die  Erde  bebt,   und  wenn  der,   welcher   die 
drei  Dinge  holen  will,   sich  umsieht,  so  wird  er  in   einen  Stein  verwandelt.« 

Da  hub  der  älteste  Knabe  an  und  sprach:  »Nun  habe  ich  nicht  eher 
weder  Ruhe  noch  Rast,  bis  ich  den  Vogel  der  Wahrheit,  das  Wasser  des 
Lebens  und  den  Apfel  Sina  gefunden  und  erlangt  habe.  Hier  in  diesen  Baum 
stoß  ich  mein  Messer,  wenn  das  rostig  wird,  so  bin  ich  todt  und  komme  nie 
mehr  zurück.«  Damit  nahm  er  Abschied  von  Bruder  und  Schwester,  stieß 
sein  Messer  in  den  Baum  und  zog  fort  in  die  weite  Welt  hinein. 

Lange  Zeit  warteten  die  Kinder,  daß  ihr  Bruder  wiederkomme,  aber  er 
kam  und  kam  nicht,  und  als  sie  nach  dem  Messer  sahen,  so  war  es  rostig 
geworden  und  da  konnten  sie  sich  wohl  denken,  daß  ihr  Bruder  in  einen 
Stein  verwandelt  war.  Da  sprach  der  zweite  Knabe:  »Ich  lasse  meinen  Bruder 
nicht  im  Stiche,  es  mag  kommen  wie  es  will.«  Damit  nahm  er  Abschied 
von  seiner  Schwester,  stieß  auch  ein  Messer  in  den  Baum,  daß  sie  daran  er- 
kennen könnte,  ob  er  lebendig  wäre  oder  todt  und  zog  aus,  seinen  Bruder 
aufzusuchen. 

Das  Mädchen  wartete  lange  Zeit  vergeblich,  daß  ihr  Bruder  wiederkäme, 
aber  er  kam  und  kam  nicht,  und  als  sie  einmal  nach  dem  Messer  sah,  so 
war  es  auch  rostig  geworden,  wie  ihrem  ältesten  Bruder  seins.  Da  fing  sie 
bitterlich  zu  weinen  an  und  sprach:  »Nun  sind  doch  meine  beiden  Brüder 
gewiß  in  Steine  verwandelt;  aber  ich  lasse  sie  nicht  im  Stich,  es  mag  kommen 
wie  es  will,«  und  machte  sich  auf  den  Weg,  ihre  Brüder  aufzusuchen. 

Sie  mußte  erst  viele  Meilen  gehn,  bis  sie  endlich  an  den  Berg  kam,  wo 
der  Vogel  der  Wahrheit,  das  Wasser  des  Lebens  und  der  Apfel  Sina  zu  finden 
waren.  Da  faltete  sie  ihre  Hände  und  betete  erst,  und  da  sie  nun  den  Berg 
hinanstieg,  fing  es  plötzlich  an  zu  donnern  und  zu  wetterleuchten  und  die  Erde 
bebte,  doch  stieg  sie  getrost,  ohne  hinter  sich  zu  schauen,  bis  zum  Gipfel,  wo 
der  Baum  stand  mit  dem  Apfel  Sina,  und  ein  Brunnen  floß,  daraus  das  Wasser 
des  Lebens  quoll.  Nachdem  sie  den  Apfel  gepflückt  und  von  dem  Wasser 
geschöpft  hatte,  wollte  sie  wieder  fortgehen,  da  rief  der  Vogel  der  Wahrheit: 
»Vergiß  meiner  nicht!  Vergiß  meiner  nicht!«  Danahm  sie  den  Vogel  auch 
mit  sich,  den  sie  beinahe  ganz  vergessen  hätte. 

62 


Auf  dem  Berge  lagen  aber  viele  viele  Steine,  die  begoß  das  Mädchen 
mit  dem  Wasser  des  Lebens,  und  da  wurden  sie  auf  einmal  lebendig  und 
waren  auch  des  Mädchens  Brüder  dabei,  und  es  entstand  da,  als  das  Mädchen 
noch  immer  mehr  Steine  mit  dem  Wasser  begoß,  ein  groß  Gewühl  von  Menschen, 
die  zogen  nun  alle  in  Scharen  singend  den   Berg  hinab. 

Die  beiden  Brüder  und  ihre  Schwester  gingen  nun  wieder  miteinander 
in  ihre  Heimath  und  als  sie  zu  Hause  angekommen  waren,  sprach  der  Vogel 
der  Wahrheit,  sie  sollten  ein  Mahl  bereiten  und  den  König  zu  Gaste  laden 
Da  sagten  die  Kinder:  »Wie  können  wir  den  König  zu  Gaste  bitten  und  haben 
doch  keine  Speise,  die  für  einen  König  schicklich  ist?  Sprach  der  Vogel: 
wenn  sie  in  jede  Schüssel  ein  Stückchen  von  dem  Apfel  Sina  legten,  so 
würden  die  Speisen  von  selber  kommen.  Da  thaten  die  Kinder,  wie  der 
Vogel  gesagt  hatte,  und  luden  den  König  zu  Gaste,  und  als  er  kam  und  die 
Schüsseln  aufgedeckt  wurden,  da  waren  die  köstlichsten  Speisen  darin. 

Während  dem,  daß  sie  zu  Tische  saßen,  iing  der  Vogel  zu  sprechen  an 
und  fragte  den  König,  ob  er  denn  wohl  wüßte,  mit  wem  er  da  zu  Tische 
säße?  Sprach  der  König:  »Es  sind  die  Kinder  eines  Gärtners.«  »Nein,« 
sagte  der  Vogel,  »es  sind  deine  eigenen  Kinder.«  Und  da  erzählte  er  dem  Könige, 
wie  sich  alles  so  zugetragen  hatte,  und  daß  die  Königin  unschuldig  zum  Tode 
verurtheilt  wäre,  daß  ihr  die  neidische  Schwester  die  beiden  ersten  Male  zwei 
kleine  Wölpen  und  das  dritte  Mal  eine  Katze  ins  Bett  gelegt  hätte  und  daß 
die  Kinder  vor  der  Stirn  einen  goldenen  Stern  trügen.  Als  ihnen  der  König 
nun  die  Pechpliaster  vor  dem  Kopfe  wegnehmen  ließ,  so  kamen  die  Sterne 
zum  Vorschein.  Da  war  die  Freude  groß,  und  that  es  dem  Könige  nur  leid, 
daß  die  arme  Königin  das  alles  nicht  auch  mit  erleben  konnte.  Da  sprach 
der  Vogel  der  Wahrheit,  sie  sollten  ihr  nur  von  dem  Wasser  des  Lebens 
bringen,  so  würde  sie  wieder  lebendig  werden.  Das  thaten  sie,  und  von  dem 
Wasser  kam  sie  auch  wieder  ins  Leben  zurück,  und  da  hielt  der  König  zum 
zweiten  Male  Hochzeit  mit  ihr. 

26.  Der  kluge  Knecht. 

Ein  Bauer  sprach  zu  seiner  Frau:  »Nun  will  ich  zu  Markte  und  mir  einen 
neuen  Knecht  mieten;  aber  Hans  muß  er  heißen,  sonst  nehm  ich  ihn  nicht. 
Und  als  er  nun  auf  den  Markt  kam,  so  begegnete  ihm  gleich  einer,  der  fragte, 
ob  er  keinen  Knecht  nötig  hätte?  »Ja,«  sagte  der  Bauer;  »aber  wie  heißt 
du  denn?«  »Ich  heiße  Kurt,«  sprach  der  Bursche.  »Dann  kann  ich  dich 
nicht  gebrauchen,«  sagte  der  Bauer;  »mein  Knecht  muß  Hans  heißen,  sonst 
nehm  ich  ihn  nicht.«  Da  ging  der  Bursche  weg,  zog  sich  andere  Kleider  an 
und  trat  dem  Bauern  zum  zweiten  Male  in  den  Weg.  »Habt  Ihr  nicht  einen 
Knecht  nöthig?«  fragte  er  ihn.     »O  ja«,  sagte  der  Bauer;   »aber  wie  heißt  du 


denn?:  »Ich  heiße  Hans!  sprach  der  Bursche.  »Dann  geh  nur  mit  mir«, 
sagte  der  Bauer;  so  einen  habe  ich  grade  gesucht«  und  nahm  den  Burschen, 
der  kein  Dummer  war,  mit  sich  nach  Hause  und  in  seinen  Dienst. 

Des  Bauern  Frau  hielt  es  aber  mit  dem  Pastor  und  gab  ihm  immer  das 
beste  Essen  und  Trinken,  was  sie  nur  im  Hause  hatte;  und  eines  Abends, 
als  der  Bauer  nicht  zu  Hause  war,  hörte  der  Knecht  in  der  Küche  was  flüstern; 
da  legte  er  sein  Ohr  an  die  Thür  und  horchte  und  hörte,  daß  der  Pastor  mit 
des  Bauers  Frau  darinnen  war.  Sprach  der  Pastor:  »Ihr  habt  da  einen  neuen 
Knecht  gekriegt;  wenn  der  nur  nichts  merkt.«  »Ach,  nein,«  sagte  die  Frau, 
»der  sieht  mir  nicht  aus,  als  wenn  er  einer  von  den  klügsten  wäre.  Darum,  wenn 
mein  Mann  und  der  Knecht  morgen  früh  zum  Pflügen  ins  Feld  ziehen,  so 
kommt  nur  her;  wenn  es  dann  noth  thut,  so  könnt  Ihr  Euch  ja  schnell  da  in  die 
alte  Lade  verstecken.«  Da  hatte  der  Knecht  genug  gehört  und  schlich  sich 
leise  davon. 

Den  andern  Morgen  zog  der  Bauer  mit  seinem  Knechte  Hans  zum 
Pflügen  in  das  Feld  hinaus  ;  aber  der  Knecht  hatte  vorher  heimlich  den  Pflug 
so  verkeilt,  daß  nichts  damit  anzufangen  war.  Sprach  der  Bauer:  »Ich  weiß 
gar  nicht,  was  das  heute  mit  dem  Pfluge  ist;  lauf  doch  mal  schnell  nach 
Hause,  Hans,  und  hole  mir  die  Barte,  daß  ich  den  Pflug  wieder  i«n  Ordnung 
bringen  kann.«  Da  lief  der  Knecht  schnell  fort,  und  als  er  vor  das  Haus 
kam,  so  war  es  fest  zu.  Er  klopfte  »Bum!  Bum!«  Da  hörte  er  wie  die  alte 
Lade  rappelte  und  die  Bauersfrau  rief  von  innen:  »Wer  ist  da?«  »Ich  bins.« 
»Was  willst  du  denn?«  »Ich  will  die  Barte  holen.«  »Die  will  ich  dir  schon 
herausreichen.«  »Nein!«  sprach  der  Knecht,  »unser  Herr  hat  gesagt,  ich  sollte 
erst  die  alte  Lade  verkaufen,  die  in  der  Küche  steht.«  Nun  mußte  die  Frau 
wohl  aufmachen;  der  Knecht  aber  setzte  die  Lade  auf  einen  Schubkarren  und 
fuhr  damit  vor  dem  Pastor  sein  Haus,  da  guckte  die  Frau  Pastorin  gerade  zum 
Fenster    heraus.      »Wollt   Ihr  nicht   eine   Lade    kaufen?«    fragte    der   Knecht. 

Was  soll  sie  denn  kosten?«  »Fünfundzwanzig  Thaler.«  »Das  ist  zuviel,  das 
geb  ich  nicht  dafür«  »Gut«,  sprach  der  Knecht ;  »so  muß  ich  sehen,  daß  ich 
einen  anderen   Käufer    finde."      Da    rief  der   Pastor   vor   Angst  in  der  Lade: 

Frau,  kauf  sie  nur,  Frau,  kauf  sie  nur!  und  die  Frau  mußte  nun  dem  Hans 
die  fünfundzwanzig  Thaler  geben.  Damit  ging  er  fort,  holte  die  Barte  und 
kam  wieder  auf  das  Feld  zu  seinem  Herrn.  »Das  hat  ja  lange  gedauert«, 
sprach  der  Bauer.  »Seid  nur  zufrieden,  Herr!«  sagte  Hans;  »ich  habe  erst 
Eure  alte  Lade  verkauft,  dafür  habe  ich  fünfundzwanzig  Thaler  gekriegt.  Hier 
sind  sie.«  Junge,  rief  der  Bauer  voller  Freude;  »dann  sollst  du  auch 
fünf  abhaben    ,  und  gab  ihm   von   dem   Gelde  fünf  Thaler  ab. 

Den  Abend  ging  der  Bauer  ins  Wirthshaus.  Da  hörte  der  Knecht,  daß 
in  der  Küche  wieder  ein  Geflüster  war,  legte  sein  Ohr  an  die  Thür  und  horchte, 
und  es  war  wieder  der  Pastor,   der  heimlich   zur  Hinterthür  hereingekommen 

64 


war  und  mit  der  Frau  des  Bauern  eine  Unterredung  führte.  Sprach  der  Pastor: 
»Das  war  ein  schlimmer  Spaß  mit  der  Lade.  Seid  nur  ohne  Sorgen  ,  sagte 
die  Frau,  »mein  Mann  hat  nichts  gemerkt;  morgen  früh,  wenn  er  im  Felde 
ist,  so  kommt  nur  dreist  wieder  her;  sollte  es  dann  noth  thun,  so  könnt  ihr  ja 
schnell  in  die  Tonne  kriechen,  die  da  in  der  Ecke  steht.  Hans,  der  alles 
mit  angehört  hatte,  was  die  beiden  zusammen  sprachen,  schlich  sich  leise  fort 
und  ließ  sich  nichts  merken. 

Am  andern  Morgen,  da  der  Bauer  mit  seinem  Knechte  ins  Feld  kam, 
war  wieder  der  Pflug  verkeilt.  »Ich  weiß  nicht,  was  das  wieder  mit  dem 
Pfluge  ist«,  sagte  der  Bauer;  »geh  doch  mal  schnell  hin,  Hans,  und  hole 
mir  die  Barte,  daß  ich  ihn  wieder  in  Ordnung  bringe.  Da  lief  der  Knecht 
schnell  fort,  und  als  er  vor  das  Haus  kam,  so  war  es  fest  zu.  Er  klopfte 
»Bum,  Bum!«  Da  rief  die  Bauersfrau  von  innen:  Wer  ist  davor?  Ich 
bins!«  »Was  willst  du  denn?«  »Ich  will  die  Barte  holen,  daß  wir  den  Pflug 
stellen  können.«  »Die  will  ich  dir  wohl  herausreichen. «  Nein!  sagte  Hans; 
unser  Herr  hat  gesagt,  ich  sollte  noch  die  alte  Tonne  verkaufen,  die  in  der 
Küche  in  der  Ecke  steht.;  Nun  mußte  die  Frau  wohl  aufmachen;  der  Knecht 
legte  die  Tonne  auf  einen  Schubkarren,  fuhr  damit  vor  dem  Pastor  sein  Haus 
und  ließ  sich  fünfzig  Thaler  dafür  bezahlen.  Nachdem  so  ging  er  hin,  holte 
die  Barte  und  kam  wieder  auf  das  Feld  zu  seinem  Herrn.  Du  bist  ja  lange 
ausgeblieben«,  sagte  der  Bauer.  »O  Herr,  seid  nur  zufrieden,  sprach  Hans, 
»ich  habe  erst  Eure  alte  Tonne  verkauft,  dafür  habe  ich  fünfzig  Thaler  gekriegt. 
Hier  sind  sie.«  »Das  hast  du  gut  gemacht,  mein  Junge,«  rief  der  Bauer  und 
war  ganz  vergnügt;   »nun  sollst  du  auch  gleich  fünf  Thaler  abhaben. 

Den  Abend  ging  der  Bauer  ins  Wirthshaus.  Da  hörte  der  Knecht,  daß 
in  der  Küche  wieder  ein  Geflüster  war,  legte  sein  Ohr  an  die  Thür  und  horchte, 
und  es  war  wieder  der  Pastor,  der  heimlich  zu  des  Bauern  Frau  gekommen 
war.  Sprach  der  Pastor:  »Das  ist  mir  heute  Morgen  aber  wieder  ein  theurer 
Spaß  geworden  mit  der  Tonne;  wenn  nur  Euer  Mann  nichts  erfahren  hat. 
»Seid  ohne  Sorgen«,  sagte  die  Frau;  »mein  Mann  hat  nichts  gemerkt,  morgen 
früh,  wenn  er  im  Felde  ist,  so  kommt  nur  dreist  wieder  her;  sollte  es  dann 
noth  thun,  so  könnt  ihr  ja  schnell  in  den  Backofen  kriechen,  der  kann  nicht 
weggefahren  und  verkauft  werden.«  Hans,  der  alles  mit  angehört  hatte,  was 
die  beiden  zusammen  sprachen,  schlich  sich  leise  fort  und  ließ  sich  nichts  merken. 

Am  andern  Morgen,  da  der  Bauer  mit  seinem  Knechte  Hans  ins  Feld 
kam,  war  wieder  der  Pflug  verkeilt.  Ich  weiß  nicht,  was  das  wieder  mit 
dem  Pfluge  ist,«  sagte  der  Bauer,  »geh  doch  mal  schnell  hin.  Hans,  und  hole 
mir  die  Barte,  daß  ich  ihn  wieder  in  Ordnung  bringe.«  Da  lief  der  Knecht 
schnell  fort,  und  als  er  vor  das  Haus  kam,  so  war  es  fest  zu.  Er  klopfte 
»Bum  bum!«  Da  rief  die  Bauersfrau  von  innen:  »Wer  ist  davor?  »Ich 
bins!«     »Was  willst  du  denn?«      »Die  Barte  holen.       »Die  will  ich  dir  wohl 

5*  65 


herausreichen.«  »Nein,«  sagte  Hans ;  »mein  Herr  hat  gesagt,  ich  sollte  noch 
den  Backofen  heizen,  daß  Brot  gebacken  würde.«  Nun  mußte  die  Frau  wohl 
aufmachen ;  der  Knecht  aber  nahm  ein  Bund  Stroh,  schob  es  in  den  Ofen  und 
wollte  es  anzünden.  Da  schrie  der  Pastor,  der  in  dem  Ofen  saß:  »Laß  mich 
doch  erst  heraus,  laß  mich  doch  erst  heraus!«  »Nicht  anders,«  sprach  Hans, 
als  wenn  du  mir  hundert  Thaler  geben  willst.«  »Ach  ja,  ach  ja!«  schrie  der 
Pastor;  »die  will  ich  dir  ja  gerne  geben,  nur  laß  mich  aus  dem  Ofen  heraus.« 
Da  ließ  ihn  Hans  aus  dem  Ofen  steigen  und  nahm  die  hundert  Thaler  in 
Empfang ;  dann  ging  er  hin  und  brachte  seinem  Herrn  die  Barte.  Von  dem 
Gelde  sagte  er  aber  diesmal  nichts,  sondern  behielt  die  hundert  Thaler  für  sich  allein. 

Den  Abend  ging  der  Bauer  wrieder  ins  Wirthshaus.  Hans  blieb  aber  daheim 
und  horchte  an  der  Küchenthür,  denn  der  Pastor  war  wieder  zu  des  Bauern 
Frau  gegangen.  Sprach  der  Pastor:  »Das  ist  mir  aber  heute  morgen  wieder 
ein  verdammt  theurer  Spaß  geworden.«  «Ja,«  sprach  die  Frau,  »der  Hans  hat 
seine  Nase  überall;  wir  müssen  es  jetzt  anders  anfangen,  denn  hier  im  Hause 
ist  es  nicht  mehr  sicher;  darum  so  geht  morgen  früh  zu  Eurem  Acker  vor 
dem  Walde,  wo  Euer  Knecht  pflügt,  dann  will  ich  Euch  eine  gute  Suppe  und 
dem  Knecht  ein  schönes  Butterbrod  mit  Fleisch  bringen ;  mein  Mann  geht 
auch  zum  Pflügen,  aber  weit  davon,  so  daß  er  unmöglich  etwas  merken  kann.« 
Hans,  der  wieder  alles  gehört  hatte,  was  die  beiden  miteinander  verabredeten, 
schlich  sich  leise  fort  und  that,  als  wenn  er  von  nichts  was  wüßte. 

Als  nun  am  folgenden  Morgen  der  Hans  mit  seinem  Herrn  in  das  Feld 
zog,  sprach  er  zu  ihm:  »Wißt  ihr  was,  Herr;  laßt  uns  heute  nur  den  Acker 
pflügen,  der  vor  dem  Walde  neben  des  Pastors  Lande  liegt.«  Das  war  der 
Bauer  zufrieden ;  und  als  sie  hinkamen,  so  war  der  Pastor  mit  seinem  Knechte 
auch  da  und  ließ  seinen  Acker  pflügen,  der  neben  des  Bauers  Acker  lag. 

Zur  Frühstückszeit  kam  dem  Bauer  seine  Frau  dahergegangen  und  wollte 
dem  Pastor  die  schöne  Suppe  bringen.  Da  sprach  der  Knecht  Hans  zu  seinem 
Herrn:  »Seht,  Herr,  da  kommt  unsere  Frau  mit  dem  Morgenbrode,«  und  da 
konnte  sie  nicht  anders,  sie  mußte  die  Suppe  und  das  schöne  Butterbrod  ihrem 
Manne  und  dem  Knechte  Hans  bringen.  »Frau,«  sagte  der  Bauer,  »das  ist 
doch  recht  schön  von  dir,  daß  du  uns  ein  so  gutes  Morgenbrod  auf  das  Feld 
bringst.«  »Ja«,  sprach  sie  da  und  that  ganz  freundlich;  »ich  dachte,  ihr  würdet 
hier  draußen  wohl  frieren,  und  da  habe  ich  gedacht,  ich  wollte  euch  mal  recht 
was  zu  gute  thun.«  Währenddem,  daß  nun  der  Bauer  seine  Suppe  aß,  ging 
Hans  zu  dem  Pastor,  der  aus  der  Ferne  ganz  verdrießlich  zusah,  und  bei  jedem 
Schritte  ließ  er  von  seinem  Butterbrode  ein  Stück  auf  den  Boden  fallen.  Nach- 
dem er  dem  Pastor  einen  guten  Morgen  gewünscht  hatte,  ging  er  wieder 
zurück  zu  seinem  Herrn,  dem  sagte  er  leise,  daß  es  die  Frau  nicht  hören 
konnte,  ins  Ohr:  »Der  Herr  Pastor  hat  gesagt,  Ihr  solltet  doch  mal  zu  ihm 
hinkommen.«     Der  Bauer  wischte   sein    Maul  und  wollte  hingehen,  und  wie 

66 


er  ging  und  die  Stückchen  von  dem  Butterbrode  auf  der  Erde  liegen  sah,  so 
dauerte  es  ihn,  daß  die  schöne  Gottesgabe  umkommen  sollte,  darum  bückte 
er  sich  jedesmal,  wo  er  ein  Stückchen  liegen  fand  und  hob  es  auf.  Da  meinte 
nun  der  Pastor  nicht  anders,  als  der  Hans  hätte  alles  verrathen,  und  der  Bauer 
nähme  nun  Steine  vom  Boden  auf  und  wollte  ihm  damit  zu  Leibe  rücken, 
und  da  fing  er  an  zu  laufen  und  sprang  davon,  als  wenn  ihm  der  Kopf 
brannte.  »Was  mag  nur  unserm  Herrn  Pastor  eingefallen  sein«,  dachte  der 
Bauer,  »daß  der  fortläuft  wie  närrisch,  nun  er  mich  kommen  sieht.«  Als  sich 
der  Bauer  nun  umdrehte,  um  zurückzugehen,  da  sprang  seine  Frau  auch  auf 
und  lief  fort,  daß  ihr  die  Röcke  flogen,  denn  sie  meinte  auch  wie  der  Pastor, 
ihr  Mann  wisse  schon  alles  und  wolle  ihr  jetzt  zu  Leibe  rücken.  Sprach  der 
Bauer  zu  seinem  Knechte  Hans:  »Was  heißt  denn  das,  Hans,  daß  meine  Frau 
auf  einmal  so  an  zu  laufen  fängt?«  »Ach,  Herr,«  sprach  Hans,  »sie  hat  ge- 
sagt, sie  wollte  mal  sehen,  wer  am  schnellsten  laufen  könnte,  Ihr  oder  sie. 
»Ei!«  sagte  der  Bauer,  »das  müßte  doch  sonderbar  zugehen,  wenn  ich  mein 
Weib  nicht  einmal  wieder  kriegen  könnte.«  Und  da  fing  der  Bauer  auch  an 
zu  rennen,  immer  hinter  dem  Weibe  her,  und  die,  da  sie  sah,  daß  der  Mann 
hinter  ihr  her  war,  lief  nun  um  so  schneller;  aber  zuletzt  holte  sie  der  Mann 
doch  ein  und  faßte  sie  und  rief:  >:Jetzt  hab  ich  dich.«  Da  schrie  die  Frau  in 
ihrer  Angst:  »Ach  lieber  Mann,  vergieb  es  mir  doch!  Ich  will  auch  in  meinem 
Leben  nichts  wieder  mit  dem  Pastor  zu  thun  haben.«  So  hatte  sie  sich  selber 
verrathen,  und  der  Bauer  merkte  nun  wohl,  was  die  Glocke  geschlagen  hatte, 
paßte  auch  nachher  wohl  auf,  daß  seine  Frau  ihr  Versprechen  halten  mußte, 
sie  mochte  wollen  oder  nicht. 

27.    Die  alte  Slüksche. 

Die  alte  Slüksche  hatte  eine  rechte  Schnüffelnase  und  konnte  gleich 
alles  riechen,  was  im  Dorfe  gebacken  oder  gebraten  wurde.  Nun  wohnte  da 
auch  ein  junger  Bauer  mit  seiner  Frau,  der  fing,  da  er  eines  Tages  auf  dem 
Felde  pflügte,  einen  Hasen,  gab  ihn  dem  Knechte  und  schickte  ihn  damit  zu 
seiner  Frau,  daß  sie  ihn  auf  den  Mittag  braten  und  zurichten  sollte.  Die  Frau 
kriegte  den  Hasen  auch  zu  Feuer,  und  als  er  nun  recht  briet  und  brutzelte 
und  schön  braun  wurde,  so  hatte  es  die  alte  Slüksche  gleich  gewittert,  kam 
in  die  Küche  und  schnüffelte  mit  ihrer  langen  Nase  um  den  Braten  herum. 
»Ach  Gott,  Nachbarin«,  sprach  sie  zu  der  Bauersfrau;  das  riecht  mal  schön 
und  ist  so  appetitlich,  lasse  Sie  uns  mal  ein  Stück  davon  probiren  !  Nein, 
nein,«  sagte  die  Frau,  »wrenn  das  mein  Mann  merkt,  so  kriege  ich  Schläge. 
»Ach  Gott«,  sagte  die  alte  Slüksche  und  hielt  ihre  Schnüffelnase  dicht  über 
den  Braten,  »nur  ein  ganz  kleines  Stückchen,  das  merkt  er  ja  nicht.«  Da 
ließ    sich    die  Frau    bereden    und  schnitt  ein  Stück  von  dem  Braten  ab,  und 

67 


das  schmeckte  so  schön,  daß  sie  noch  ein  zweites  Stück  abschnitt,  und  als 
sie  erst  in  den  Geschmack  kamen,  da  verzehrten  sie  endlich  den  ganzen 
Braten.  »O  weh,  sprach  da  die  Frau,  »was  soll  ich  nun  sagen,  wenn  mein 
Mann  zu  Hause  kommt  und  findet  den  Braten  nicht.«  »Och,«  sagte  die 
alte  Slüksche,  »wenn  er  fragt,  so  sagt  nur,  Ihr  wüßtet  von  nichts;  er  möchte 
wohl  geträumt  haben.«     Damit  wischte  sie  ihr  Maul  und  ging  weg. 

Den  Mittag,  da  der  Bauer  zu  Hause  kam  und  die  Frau  ihm  sein  ge- 
wöhnliches Essen  vorsetzte,  fragte  er,  wo  denn  der  Hase  wäre,  den  sie  ihm 
auf  den  Mittag  hätte  zurichten  sollen.  »Ich  habe  keinen  Hasen  gesehen,« 
antwortete  die  Frau  und  stellte  sich  ganz  verwundert.  »Ei!«  sprach  der  Mann 
ich  habe  dir  doch  diesen  Morgen  durch  den  Knecht  einen  Hasen  geschickt 
und  dabei  sagen  lassen,  du  solltest  ihn  auf  den  Mittag  zurechtmachen,  und 
nun  weißt  du  von  nichts?«  »Ach  Mann,  das  hat  dir  die  Nacht  wohl  nur 
geträumt;  besinne  dich  nur  recht,  so  wird  es  dir  wohl  einfallen.«  Es  ist 
doch  sonderbar,  dachte  der  Bauer,  daß  man  so  lebhaft  träumen  kann,  meinte 
ich  doch,  ich  hätte  meiner  Frau  einen  leibhaftigen  Hasen  geschickt,  und  nun 
ist  es  doch  nur  ein  Traum  gewesen. 

Eine  Zeit  darnach  trug  es  sich  zu,  daß  der  Bauer  auf  dem  Felde  eine 
Wachtel  fing;  da  schickte  er  sie  durch  den  Knecht  zu  seiner  Frau  und  ließ 
ihr  sagen,  sie  sollte  die  Wachtel  auf  den  Mittag  braten  und  zurecht  machen. 
Die  Frau  kriegte  das  Wachtelchen  auch  gleich  in  die  Pfanne,  und  als  es  nun 
recht  briet  und  brutzelte,  so  hatte  es  die  alte  Slüksche  mit  ihrer  Schnüffel- 
nase gleich  gewittert  und  kam  in  die  Küche  geschlichen,  und  als  sie  da  das 
Wachtelchen  so  schön  braun  in  der  Pfanne  liegen  sah,  sprach  sie  zu  der 
jungen  Frau:  »Ach  Gott,  Nachbarin,  das  riecht  so  schön  und  ist  so  appetitlich; 
lasse  Sie  uns  doch  ein  Stückchen  davon  probiren.«  »Ach  nein!«  segte  die 
Frau;  wenn  das  mein  Mann  merkt,  so  kriege  ich  Schläge.«  »Ach  nur  ein 
kleines  bißchen«,  sprach  die  alte  Slüksche;  »das  merkt  er  ja  nicht.«  Da  ließ 
sich  die  Frau  bereden  und  schnitt  dem  Wachtelchen  erst,  ein  Bein  ab,  und 
dann  das  andere,  und  endlich  verzehrten  die  beiden  das  ganze  Wachtelchen, 
daß  nichts  davon  überblieb.  »O  weh,«  sprach  da  die  Frau;  »was  fange  ich 
nun  an,  wenn  mein  Mann  zu  Hause  kommt  und  findet  das  Wachtelchen  nicht?« 
I  >ch,  sagte  die  alte  Slüksche;  wenn  er  fragt,  so  sagt  nur,  das  möchte  ihm 
wohl  geträumt  haben.«     Damit  wischte  sie  ihr  Maul  und  ging  weg. 

Den  Mittag,  da  die  Frau  ihrem  Manne  sein  gewöhnliches  Essen  brachte, 
fragte  er,  wo  denn  das  Wachtelchen  wäre,  das  er  ihr  diesen  Morgen  geschickt 
hätte.  «Du  hast  wohl  wieder  geträumt,«  sprach  die  Frau  und  that  ganz  ver- 
wundert, »ich  habe  kein  Wachtelchen  gesehen.«  »Ei!«  sagte  der  Bauer,  »es 
ist  doch  sonderbar,  daß  man  so  lebhaft  träumen  kann.«  Aber  diesmal  hatte 
er  doch  gemerkt,  daß  ihn  seine  Frau  zum  besten  hatte  und  dachte,  warte  nur, 
dich  will   ich   anführen,  schnitt  sich  drei  Haselstöcke  und  brachte  sie  heimlich 

68 


in  die  Kammer.  No  ja,  dachte  die  Frau,  die  es  gesehen  hatte,  nun  gehts 
mir  aber  schlecht.     Sie  wußte  sich  aber  doch   zu  helfen. 

In  der  Abendzeit,  während  ihr  Mann  nicht  zu  Hause  war,  ging  sie  zu 
der  alten  Slükschen  und  sagte  zu  ihr:  »Wißt  Ihr  was?  Ihr  könntet  diese  Nacht 
wohl  mal  bei  meinem  Manne  in  der  Kammer  schlafen.'.  Liebend  gern,  sagte 
die  alte  Slüksche,  »das  will  ich  wohl  tun.«  Und  den  Abend  ging  sie  hin  und  legte 
sich  in  der  Frau  ihr  Bett.  Bald  darnach  kam  der  Bauer,  der  meinte,  seine 
Frau  läge  da  im  Bette,  im  Dunkeln  hereingeschlichen,  schnitt  ihr  die  Haare 
ab  und  prügelte  sie  so  lange  bis  die  drei  Haselstöcke  in  Stücken  waren,  dann 
gab  er  ihr  noch  einen  Schub,  daß  sie  aus  der  Thüre  flog. 

Am  andern  Morgen  aber  brachte  die  Bauersfrau  ihrem  Manne  ganz  ver- 
gnüglich den  Kaffee.  Sprach  der  Mann:  »Nun  Frau,  wie  haben  die  Schläge 
geschmeckt?«  »Welche  Schläge?«  »Nun  die  mit  den  drei  Haselstöcken.« 
»Ich  glaube  gar,  du  hast  wieder  geträumt;  ich  habe  keine  Schläge  gekriegt.« 
»So?  dann  habe  ich  dir  auch  wohl  die  Haare  nicht  abgeschnitten?  Setz 
mal  gleich  deine  Mütze  ab.«  Das  that  die  Frau,  und  da  sah  der  Bauer,  daß 
sie  noch  alle  Haare  auf  dem  Kopfe  hatte.  »Hol  mich  der  Kuckuck,«  rief  er 
da,   »nun  sehe  ich  doch  wohl  ein,  daß  alles  nur  ein  Traum  gewesen  ist.« 

Die  alte  Slüksche  mit  der  Schnüffelnase  hatte  aber  noch  lange  einen 
blauen  Buckel  zu  tragen  und  schnüffelte  so  bald  nicht  wieder. 


'r-v 


28.  Die  zwei  Brüder. 

Es  war  einmal  ein  Bauer,  der  wurde  so  arm,  daß  er  nur  ein  einziges 
Pferd  behielt.  Da  nahm  er  einen  Fischteich  in  Pacht,  daß  er  sich  von  der 
Fischerei  ernähren  möchte.  In  dem  Teiche  hatte  er  schon  mehrmals  einen 
mächtig  großen  Fisch  bemerkt,  der  ging  niemals  in  das  Netz  hinein,  aber  der 
Mann  hatte  nicht  eher  Ruhe  noch  Rast,  bis  er  den  Fisch  doch  endlich  ge- 
fangen hatte.  Da  er  ihn  nun  ans  Land  legte,  that  der  Fisch  sein  Maul  auf 
und  sprach:  »Du  hast  mich  nun  in  deiner  Gewalt,  Fischer,  und  ich  merke 
wohl,  daß  ich  nicht  wieder  fortkomme;  darum  befolge  meinen  Rath  und  nimm, 
wenn  du  mich  geschlachtet  hast,  mein  Herz,  meine  Leber,  meine  Galle  und 
vier  von  meinen  Floßfedern;  das  Herz  gib  deiner  Frau  zu  essen,  die  Leber 
Deinem  Pferde,  die  Galle  dem  Hunde  und  die  Floßfedern  vergrabe  unter  dem 
Tropfenfall.  Wenn  du  das  thust,  so  wird  es  dein  Glück  sein.«  Da  that  der 
Mann,  wie  der  Fisch  ihm  gesagt  hatte. 

Über  eine  Zeit,  so  gebar  des  Fischers  Frau  zwei  Knaben,  das  Pferd  warf 
zwei  Füllen,  der  Hund  zwei  Junge,  und  als  der  Fischer  unter  dem  Tropten- 
falle  nach  den  Floßfedern  sah,  so  waren  daraus  zwei  Schwerter  und  zwei 
Pistolen  geworden.  Die  beiden  Kinder,  da  sie  größer  wurden,  hatten  eine 
sonderliche  Lust,  mit  den  blanken  Waffen  zu  spielen ;  das  sah  aber  ihr  Vater 

69 


gar  nicht  gern,  nahm  sie  ihnen  weg  und  versteckte  sie  oben  im  Hause  unter 
den  Hahnenbalken ;  die  Kinder  wußten  sie  aber  doch  wieder  in  ihre  Hände  zu 
bringen.  Als  sie  sechzehn  Jahre  alt  waren,  sprach  der,  welcher  zuerst  geboren 
war,  zu  seinem  Bruder:  »Es  läßt  mir  hier  zu  Hause  keine  Ruhe  mehr;  ich  will 
jetzt  fort  in  die  Fremde  und  sehen,  daß  ich  mein  Glück  mache.«  Er  nahm 
ein  Pferd,  einen  Hund,  ein  Schwert  und  eine  Pistole,  verabschiedete  sich  bei 
Vater,  Mutter  und  Bruder  und  ritt  weg  in  die  weite  Welt  hinein.  Vorher 
stieß  er  aber  noch  ein  Messer  in  einen  Baum,  daß  sein  Bruder  daran  erkennen 
könnte,  ob  es  ihm  gut  ginge  oder  ob  ihm  ein  Unglück  widerfahren  sei. 

Er  ritt  eine  lange  Zeit;  da  kam  er  endlich  an  den  königlichen  Hof,  da 
waren  alle  Geländer  schwarz  mit  weißen  Knöpfen  darauf.  In  dem  Wirthshause 
dem  Schlosse  gegenüber  nahm  er  Herberge  und  fragte  sogleich  den  Wirth, 
was  denn  das  zu  bedeuten  hätte;  die  Gitter  um  das  königliche  Schloß  wären 
ja  alle  ganz  schwarz  mit  weißen  Knöpfen.  Sprach  der  Wirth:  »Das  kommt 
daher,  weil  die  junge  Prinzessin  morgen  dem  Drachen  geopfert  werden  muß.« 
»Warum  wird  der  Drache  denn  nicht  getödtet?«  fragte  er.  »Ach  Gott«,  sprach 
der  Wirth;  »es  haben  schon  viele  versucht,  denn  der  König  hat  dem  seine 
Tochter  versprochen,  der  den  siebenköpfigen  Drachen  besiegen  würde,  aber 
sie  sind  alle  ums  Leben  gekommen.«  Da  faßte  er  den  Entschluß,'  das  Wage- 
stück zu  unternehmen  und  ritt  den  andern  Tag  zur  bestimmten  Stunde  den 
Drachenstein  hinauf.  Da  saß  die  Prinzessin  und  war  ganz  schwarz  an- 
gezogen und  weinte  und  erwartete  jeden  Augenblick  den  greulichen  Drachen, 
und  indem,  so  kam  das  Ungeheuer  auch  schon  heulend  und  mit  Gebrause 
durch  die  Luft  dahergeflogen  und  wollte  die  Prinzessin  verschlingen.  Aber 
der  Junge  ritt  ihm  muthig  entgegen,  schwang  sein  Schwert,  und  wie  er  den 
ersten  Hieb  that,  so  flogen  drei  Köpfe  ab,  mit  dem  zweiten  Hiebe  wieder  drei 
und  als  er  zum  dritten  Male  sein  Schwert  schwang,  lag  der  siebente  und  letzte 
Kopf  des  Drachen  auf  dem  Boden.  Da  hatte  er  die  Prinzessin  erlöst;  die 
dankte  ihm  und  wollte  ihn  gleich  mit  zu  ihrem  Vater  nehmen.  Er  wollte 
aber  nicht,  so  viel  sie  auch  bat,  sondern  sprach:  »Erst  muß  ich  noch  weiter 
in  die  Welt  hinein,  bis  über  ein  Jahr,  da  will  ich  wiederkommen,  wenn  ich 
dann  noch  am  Leben  bin.«  Weil  er  sich  nun  gar  nicht  halten  ließ,  so  schenkte 
ihm  die  Prinzessin  zum  Andenken  ihr  seidenes  Tuch  und  dem  Pferde  und  dem 
Hunde,  die  bei  dem  Kampfe  treulich  mitgeholfen  hatten,  gab  sie  von  ihrem 
Korallenhalsbande  jedem  drei  Schnüre  um  den  Hals.  Daraufschnitt  der  Junge 
den  sieben  Drachenköpfen  die  Zungen  aus,  wickelte  sie  in  das  seidene  Tuch 
der  Prinzessin,  und  nachdem  er  von  ihr  Abschied  genommen  hatte,  ritt  er 
wieder  den  Berg  hinab  in  das  Wirthshaus,  zahlte  seine  Zeche  und  sprach  zu 
dem  Wirthe,  wenn  ein  Jahr  vergangen  wäre,  so  käme  er  wieder  zurück  ;  damit 
zog  er  weiter  fort. 

Nun  war  da  an  dem  königlichen  Hofe  ein  alter  General,  der  hatte  aus  der 

70 


Ferne  alles  mit  angesehen,  was  sich  auf  dem  Drachenstein  zutrug,  und  da  er 
sah,  daß  der,  welcher  den  Drachen  getödtet  hatte,  fort  und  die  Prinzessin  allein 
war,  stieg  er  zu  ihr  hinauf  und  bedrohte  sie  mit  heftigen  Worten,  daß  sie 
schweigen  oder  auf  der  Stelle  sterben  müßte;  und  dann  nahm  er  zum  Wahr- 
zeichen die  sieben  Drachenköpfe  mit  und  ging  mit  der  Prinzessin  zu  ihrem 
Vater  dem  Könige  und  gab  sich  für  den  aus,  der  den  Drachen  besiegt  und 
die  Prinzessin  erlöst  hätte.  Die  Prinzessin  stellte  aber  die  Bedingung,  daß  erst 
über  ein  Jahr  die  Hochzeit  gefeiert  werden  sollte. 

Der  rechte  Drachentödter  war  unterdeß  weiter  geritten  und  kam  an  ein 
fließendes  Wasser,  da  hinüber  führte  eine  Brücke,  die  war  so  beschaffen,  daß 
sie  wegfloß,  wenn  einer  hinüber  war.  In  demselben  Augenblicke,  da  der 
Junge  auf  der  andern  Seite  ankam,  wurde  die  Brücke  auch  von  dem  Strome 
hinweggerissen.  »Das  ist  noch  einmal  gut  gegangen«,  sprach  er,  »es  war  Zeit, 
daß  ich  hinüberkam.«  Nicht  lange  war  er  geritten,  so  kam  er  an  ein  ver- 
wünschtes Schloß,  da  war  kein  Baum  und  kein  Strauch  und  War  alles  still 
und  öde.  Bei  dem  Schlosse  war  aber  ein  großer  Pferdestall  mit  vielen  Pferden 
darin;  denen  kam  der  Hafer  von  selber  in  die  Krippen;  da  brachte  der  Junge 
sein  Pferd  in  den  Stall  und  ging  dann  in  das  Schloß  hinein. 

In  dem  Schlosse  waren  zwei  Junfern;  die  eine  war  weiß,  die  andere 
war  schwarz;  die  weiße  lag  im  Bett  und  war  nicht  lebendig  und  auch  nicht 
todt  und  konnte  kein  Wort  sprechen;  die  schwarze  aber  redete  den  Jungen  an 
und  sprach:  »Du  hast  hier  eine  schwere  Aufgabe  zu  vollbringen,  wenn  du 
uns  und  unser  Schloß  erlösen  willst.  Drei  Nächte  hintereinander  mußt  du 
wachen  und  darfst  kein  Auge  zuthun;  schläfst  du  aber  ein,  so  ist  hier  noch 
eine  alte  Zigeunerin,  die  macht  dich  todt.«  Darnach  brachte  sie  ihn  in  ein 
schönes  Zimmer,  gab  ihm  gutes  Essen  und  Trinken  und  ließ  ihn  allein.  Bis 
drei  Uhr  in  der  Nacht  hielt  es  der  Junge  aus  und  blieb  wach,  da  wurde  er 
aber  auf  einmal  so  müde,  daß  er  fest  einschlief.  Da  kam  die  alte  Zigeunerin 
hereingeschlichen  und  trug  ein  großes  Beil  in  der  Hand,  damit  hackte  sie  den 
Jungen  in  vier  Stücke,  trug  ihn  in  ein  Faß  und  salzte  ihn  ein. 

Um  dieselbe  Stunde  stand  der  andere  Bruder  daheim  bei  dem  Messer 
und  sah,  daß  es  auf  einmal  rostig  wurde.  »Nun  ist  mein  Bruder  in  großer 
Noth,«  sprach  er;  »aber  ich  lasse  ihn  nicht  im  Stich,  es  mag  kommen  wie 
es  will.«  Sogleich  setzte  er  sich  auf  sein  Pferd,  nahm  seinen  Hund,  sein 
Schwert  und  seine  Pistole  mit,  verabschiedete  sich  bei  Vater  und  Mutter  und 
zog  fort,  seinen  Bruder  aufzusuchen. 

Er  kam  auch  in  die  Stadt  und  in  dasselbe  Wirthshaus,  wo  sein  Bruder 
zuletzt  eingekehrt  war,  und  als  ihn  der  Wirth  kommen  sah,  meinte  er,  es  wäre 
der  andere  und  sprach:  Ihr  kommt  ja  früh  zurück;  ich  meinte,  Ihr  wolltet 
erst  über  ein  Jahr  wieder  hier  sein,  und  jetzt  ist  doch  kaum  ein  halbes 
verflossen.«      »Ach,  Herr  Wirth« ,  sagte  der  Junge;   »Ihr  haltet  mich  gewiß  für 

71 


meinen  Bruder;  könnt  Ihr  mir  vielleicht  sagen,  wo  er  hingeritten  ist?«  Da 
zeigte  ihm  der  Wirth  den  Weg,  den  sein  Bruder  geritten  war.  Er  zog  die 
Straße  weiter  fort  und  kam  an  das  Wasser  und  die  Brücke,  und  als  er  da 
hinüber  ritt  und  eben  auf  der  andern  Seite  war,  floß  sie  hinweg.  »Das  ist 
noch  einmal  gut  gegangen«,  rief  er;  »es  war  Zeit,  daß  ich  hinüberkam.« 
Als  er  nun  immer  weiterzog,  fand  er  auch  das  Schloß,  daraus  kam  ihm  seines 
Bruders  Hund  entgegen  gelaufen,  und  in  dem  Stalle,  wo  den  Pferden  der 
Hafer  von  selber  in  die  Krippen  fiel,  stand  seines  Bruders  Pferd.  Da  sah  er 
wohl,  daß  hier  oder  nirgends  sein  Bruder  zu  finden  sei,  band  sein  Pferd  in 
den  Stall  und  ging  in  das  Schloß  hinein. 

Es  waren  da  auch  wieder  die  beiden  Junfern,  eine  weiße  und  eine 
schwarze;  die  weiße  lag  noch  immer  im  Bette;  sie  lebte  nicht  und  war  nicht 
todt  und  konnte  kein  Wort  sprechen.  Die  schwarze  war  aber  schon  etwas  weiß 
geworden,  weil  der  erste  Bruder  bis  drei  Uhr  in  der  Nacht  gewacht  hatte,  und 
als  sie  der  andere  fragte,  ob  sein  Bruder  nicht  hier  wäre,  erzählte  sie  ihm,  wie 
es  dem  ergangen  sei,  daß  er  eingeschlafen  wäre  und  daß  ihn  die  alte  Zigeu- 
nerin ums  Leben  gebracht  hätte.  Da  ruhte  der  Junge  nicht  eher,  bis 
er  das  alte  Weib  fand,  das  sich  versteckt  hatte,  und  da  mußte  sie  aus  ihrem 
Schlupfwinkel  heraus,  und  der  Junge  bedrohte  sie  und  sprach:  »Verdammte 
alte  Hexe!  gieb  meinen  Bruder  heraus,  oder  ich  haue  dich  in  eine  halbe 
Stiege  Stücke!«  Da  wurde  das  Weib  bange,  lief  schnell  hin  und  machte  den 
Bruder  wieder  lebendig.  Als  der  andere  sah.  daß  sein  Bruder  wieder  am 
Leben  war,  schwang  er  sein  Schwert  und  hackte  der  alten  Hexe  den  Kopf  ab. 

»O  weh!«  sprach  da  die  schwarze  Junfer;  »nun  kann  das  Schloß  nicht 
anders  erlöst  werden,  als  wenn  ihr  den  sieben  Nägeln,  die  dort  hinter  der 
Thür  in  der  Wand  sitzen,  mit  zwei  Hieben  die  Köpfe  abhaut.«  Der  zweite 
Bruder  zog  sein  Schwert  zuerst,  und  mit  dem  ersten  Hiebe,  den  er  that,  flogen 
von  fünf  Nägeln  die  Köpfe  ab  und  aus  jedem  Nagelkopfe  floß  ein  Tropfen 
Blut.  »So,  Bruder;  nun  haue  du  die  andern  ab;  du  bist  zwar  eine  gute 
Weile  eingesalzen  gewesen,  aber  ich  denke,  die  beiden  letzten  Köpfe  wirst 
du  doch  wohl  herunterbringen.«  Da  nahm  der  erste  Bruder,  der  solange  im  Salze 
gelegen,  alle  seine  Kraft  zusammen  und  hieb  mit  seinem  Schwerte  den  beiden 
letzten  Nägeln  auch  glücklich  die  Köpfe  ab  und  aus  jedem  Nagelkopfe  floß 
wieder  ein  Tropfen  Blut. 

In  diesem  selben  Augenblicke  hörte  aber  auch  die  Verwünschung  auf. 
Trompeten  erschallten,  Bäume  und  Blumen  wuchsen  aus  der  Erde  und  wurde 
auf  einmal  ein  Gewühl  von  Menschen,  die  da  alle  mit  verwünscht  gewesen  waren. 
Da  wurde  auch  die  schwarze  Prinzessin  ganz  weiß,  und  die  weiße,  die  nicht 
lebendig  und  nicht  todt  war,  erwachte  nun  aus  ihrem  Zauberschlafe  und  wurde 
wieder  frisch  und  lebendig.  Ihr  gehörte  das  Schloß;  und  da  heirathete  sie 
den  jüngsten  Bruder  und  hielt  Hochzeit  mit  ihm. 

72 


Der  älteste  Bruder  aber,  als  die  Hochzeit  zu  Ende  war,  zog  wieder  von 
da  fort  nach  der  Stadt,  wo  die  Prinzessin  wohnte,  die  er  von  dem  Drachen 
erlöst  hatte  und  kehrte  wieder  in  dem  Wirthshause  ein,  das  dem  Schlosse  gegen- 
über lag.  Es  war  aber  zu  der  Zeit  gerade  ein  Jahr  vergangen,  seit  er  von 
hier  fort  war.  Sprach  derWirth:  Das  heiß  ich  pünktlich  sein;  heute  vor  einem 
Jahre  sah  es  hier  traurig  aus,  heute  aber  ist  Hochzeit  drüben  auf  des  Königs 
Schlosse,  denn  die  Prinzessin  heirathet  den  alten  General,  der  den  Drachen 
getödtet  hat.  Ein  Jahr  hatte  sie  sich  ausbedungen  und  das  ist  heute  herum. 
»Glaubt  Ihr  denn  wohl,  Herr  Wirth  \  sprach  der  Junge,  daß  mir  mein  Hund 
von  dem  Braten  holt,  der  vor  der  königlichen  Prinzessin  auf  dem  Tische  steht  r 

Das  kann  nicht  sein  ,  meinte  der  Wirth  und  verwettete  eine  große  Summe, 
daß  das  nicht  möglich  wäre.  Da  hing  der  Junge  dem  Hunde  die  drei  Reihen 
Perlen  um,  die  ihm  die  Prinzessin  gegeben,  steckte  ihm  hinten  in  das  Nacken- 
haar einen  Zettel,  worauf  er  schrieb:  Ich  wünsche  Braten  von  der  königlichen  Tafel 
zu  haben,«  und  schickte  ihn  hinüber  in  das  Schloß.  Obgleich  ihn  die  Wache 
nicht  durchlassen  wollte  und  Halt!  gebot,  so  kehrte  sich  der  Hund  doch  nicht 
daran,  sondern  ging  gerades  Wegs  in  den  Saal  zu  der  Prinzessin,  die  mit 
dem  ganzen  Hofstaate  bei  Tafel  saß  und  klopfte  ihr  mit  der  Pfote  auf  den 
Schooß.  Da  erkannte  die  Prinzessin  den  Hund  an  den  drei  Reihen  Perlen, 
ging  mit  ihm  in  das  Nebenzimmer  und  fand  in  seinem  Nackenhaar  den  Zettel, 
worauf  geschrieben  stand:  »Ich  wünsche  Braten  von  der  königlichen  Tafel  zu 
haben.«  Nachdem  die  Prinzessin  dem  Hunde  einen  Korb  mit  Braten  ins 
Maul  gegeben,  ließ  sie  der  Schloßwache  sagen,  sie  sollte  den  Hund  nur  frei 
passiren  lassen.  Der  kam  mit  dem  Braten  auch  getreulich  zu  seinem  Herrn, 
und  der  Wirth  mußte  die  Wette  bezahlen. 

Die  Prinzessin,  welche  nun  wohl  sah,  daß  ihr  Befreier  angekommen 
war,  bat  ihren  Vater,  den  König,  daß  er  den  Herrn,  dem  der  Hund  gehörte, 
holen  lassen  sollte.  Da  gab  der  König  ihren  Bitten  nach,  und  ließ  ihn  in 
einer  Kutsche  mit  vier  Schimmeln  auf  das  Schloß  holen.  Er  setzte  sich  ganz 
bescheiden  zu  unterst  an  die  Tafel,  darauf  lagen  zur  Schau  die  sieben  Köpfe 
des  Drachen,  und  es  wurde  von  den  Gästen  viel  von  der  Tapferkeit  des  alten 
Generals  hin  und  her  gesprochen.  Da  stand  der  Junge  ganz  gelassen  auf, 
sah  den  Drachenköpfen  in  den  Schlund  und  fragte  wie  das  wäre;  ob  die 
Drachen  denn  keine  Zunge  hätten?  »Nein!«  sprach  schnell  der  alte  General, 
»Drachen  haben  keine  Zungen.«  »Das  haben  sie  doch!  sprach  der  Junge, 
»und  wer  den  Drachen  getödtet  hat,  der  muß  auch  wissen,  wo  die  Zungen 
geblieben  sind.  Damit  band  er  sein  seidenes  Tuch  auf.  nahm  die  sieben 
Drachenzungen  heraus  und  zeigte  sie  den  Gästen,  und  als  er  sie  den  Drachen- 
köpfen in  den  Schlund  hielt,  so  paßten  sie  ganz  genau.  Als  der  alte  General 
das  sah,  wTollte  er  flüchten,  aber  der  König  ließ  ihn  von  der  Wache  fest- 
nehmen und  sah  nun  wohl,  wer  der  rechte  Drachentödter  gewesen  war;    dar- 

73 


nach  so  heirathete  der  Junge  die  königliche  Prinzessin.  Der  treulose  alte  General 
wurde  aber  zur  Strafe  von  vier  Ochsen  mitten  auseinandergerissen. 

29.    Der  Schmied  und  der  Pfaffe. 

Es  war  ein  loser  Pfaff,  der  hatte  dem  Schmied  seine  Frau  gern  und  sie 
ihn;  weil  aber  die  beiden  bange  waren,  daß  der  Mann  etwas  merken  thäte,  so 
sann  der  Pfaff  einen  Streich  aus,  wie  er  den  Schmied  könnte  von  da  weg- 
schaffen. Darum  so  ging  der  Pfaff  zum  Edelmann  und  sprach:  »Ihr  habt  da 
in  Eurem  Dorf  einen  sehr  kunstreichen  Schmied,  der  kann  machen  was  er 
will;  und  ist  seine  Kunst  so  groß,  daß  er  Euch  in  einer  Nacht  ein  Schloß 
auf  den  Hof  baut;  aber  Ihr  müßt  es  ihm  befehlen  bei  Leib  und  Leben,  sonst 
thut  ers  nicht.«  Da  ließ  der  Edelmann  den  Schmied  vor  sich  kommen  und 
sprach:  »Ich  habe  so  viel  von  deiner  Kunst  reden  hören,  daß  ich  dich  einmal 
auf  die  Probe  stellen  will;  so  baue  mir  denn  ein  Schloß  auf  meinen  Hof,  aber 
in  einer  Nacht  mußt  du  damit  fertig  sein.«  »Ach  Gott,  Herr,«  sprach  der 
Schmied;  »das  ist  ja  nicht  möglich,  das  kann  und  kann  ich  nicht.«  »Ich  sage 
dir,«  rief  der  Edelmann,  »ist  morgen  früh  das  Schloß  nicht  fertig,  so  lasse 
ich  dich  aufhängen,  ohne  Gnade  und  Barmherzigkeit.«  Da  ging  der  Schmied 
ganz  traurig  fort  und  nach  Hause  zu  seiner  Frau.  »Ach  Frau,«  sagte  er, 
»ich  soll  dem  Edelmann  noch  in  dieser  Nacht  ein  Schloß  bauen,  und  wenn 
ich  das  nicht  fertig  bringe,  so  muß  ich  sterben.«  »Da  ist  kein  anderer  Rath,« 
sprach  die  Frau,  »als  du  mußt  fort  und  das  diesen  Abend  noch.«  »Ja,«  sagte 
er;  »ehe  ich  so  mein  Leben  lasse,  will  ich  lieber  fortwandern,  so  weit  mich 
meine  Füße  tragen  wollen.«  So  schnürte  er  denn  in  der  Eile  sein  Bündel, 
nahm  traurig  von  seiner  Frau  Abschied  und  ging  weg-  und  gedachte  niemals 
wieder  zu  kommen.  Das  wars,  was  der  Pfaff  und  die  Frau  eben  gewollt 
hatten. 

Mit  Anbruch  der  Nacht  kam  der  Schmied  in  einen  Wald;  da  begegnete 
ihm  ein  grauer  Mann,  der  redete  ihn  an  und  fragte:  »Wohin  mein  lieber 
Schmied?«  »Ach!«  sagte  der  Schmied;  »ich  sollte  noch  in  dieser  Nacht  dem 
Edelmann  ein  Schloß  bauen,  das  hat  er  mir  befohlen  bei  Todesstrafe;  und 
weil  ich  das  nicht  kann,  so  will  ich  nun  gehen,  so  weit  mich  meine  Füße 
tragen  können.«  »Geh  nur  wieder  nach  Hause,«  sprach  der  graue  Mann; 
»ich  will  es  schon  für  dich  ausrichten;  morgen  früh  zur  rechten  Zeit  soll  das 
Schloß  fertig  sein.«  Da  kehrte  der  Schmied  wieder  um  und  ging  nach  Hause 
zu  seiner  Frau.  Die  Frau  wollte  gerade  hin  und  den  Pfaffen  holen,  und  als 
sie  nun  auf  einmal  ihren  Mann  wieder  ankommen  sah,  rief  sie  ganz  verwundert: 
»Ach  Gott,  Mann,  kommst  du  schon  wieder;  wie  will  das  nun  werden,  wenn 
morgen  früh  das  Schloß  nicht  fertig  ist.«  »Es  mag  nun  kommen  wie  es  will,« 
sprach    der    Schmied,     »aber    ich    kann    und    kann    es    nicht    aushalten,    von 

74 


dir  und  von  Haus  so  lange  fort  zu  sein.  Damit  legte  er  sich  zu  Bett  und 
schlief  ein. 

Den  andern  Morgen  stand  der  Edelmann  schon  ganz  früh  auf  und  sah 
aus  dem  Fenster  und  traute  seinen  Augen  kaum,  denn  vor  ihm  auf  dem  Hofe 
stand  ein  neues  prächtiges  Schloß,  das  glänzte  ihm  entgegen  in  den  Strahlen 
der  ersten  Morgensonne.  Als  das  der  Pfaff  erfuhr  und  sah,  daß  sein  Anschlag 
nicht  geglückt  war,  ging  er  wieder  zu  dem  Edelmann  und  sprach:  »Seht  Ihr 
nun  wohl,  daß  der  Schmied  die  Kunst  versteht;  jetzt  sagt  ihm,  daß  er  Euch 
auch  noch  bis  morgen  früh  den  Himphamp  vor  das  Schloß  bringt;  Ihr  müßt 
es  ihm  aber  bei  Leib  und  Leben  anbefehlen,  sonst  thut  ers  nicht.«  Da  ließ 
der  Edelmann  den  Schmied  zum  zweiten  Male  vor  sich  fordern.  Sprach  der 
Edelmann:  »Du  hast  das  Schloß  ganz  zu  meiner  Zufriedenheit  aufgebaut ;  nun 
bringe  mir  auch  noch  bis  morgen  früh  den  Himphamp  vor  das  Schloß,  das 
wird  dir  wohl  mit  deiner  Kunst  ein  Leichtes  sein.?«  »Ach  Herr«,  sagte  der 
Schmied,  »wie  soll  ich  Euch  den  Himphamp  bringen,  und  weiß  doch  nicht 
was  das  ist;  das  kann  und  kann  ich  nicht.«  »Einerlei  1«  sprach  der  Edelmann; 
»ich  sage  dir,  ist  morgen  früh  der  Himphamp  nicht  vor  meinem  Schlosse,  so 
lasse  ich  dich  aufhängen  ohne  Gnade  und  Barmherzigkeit.«  Da  ging  der 
Schmied  traurig  fort  und  nach  Hause  zu  seiner  Frau.  »Ach  Gott,  Frau«, 
sagte  er;  »nun  soll  ich  gar  dem  Edelmann  den  Himphamp  schaffen  bis  morgen 
früh,  und  wenn  ich  das  nicht  kann,  so  will  er  mich  aufhängen  lassen  ohne 
Gnade  und  Barmherzigkeit.«  »Da  ist  kein  anderer  Rath,«  sprach  die  Frau,  »als 
du  mußt  noch  diesen  Abend  fort  von  hier.«  »Ja«,  sagte  er,  das  wird  das 
Beste  sein;  ehe  ich  so  mein  Leben  lasse,  will  ich  doch  lieber  fortgehen,  so 
weit  mich  meine  Füße  tragen  können.«  So  schnürte  er  denn  sein  Bündel 
und  ging  fort  mit  traurigem  Herzen.  Das  hatten  aber  der  Pfaff  und  das 
treulose  Weib  nur  gewollt;  und  nicht  lange  war  er  weg,  so  schlich  der  Pfaff 
zu  dem  Weibe  in  das  Haus  hinein. 

Der  Schmied  kam  unterdessen  wieder  in  den  Wald  und  wieder  begegnete 
ihm  der  graue  Mann  und  fragte:  »Wohin  mein  lieber  Schmied?';  »Ach!«  sagte 
der  Schmied;  »nun  der  Edelmann  das  Schloß  hat,  nun  will  er  auch  den  Himphamp 
haben,  und  weil  ich  den  nicht  schaffen  kann,  so  will  ich  gehn,  so  weit  mich 
meine  Füße  tragen  können.«  »Das  hat  kein  anderer  als  der  Pfaffe  schuld,« 
sprach  der  graue  Mann,  »der  hält's  mit  deiner  Frau  und  will  dich  gerne  aus 
dem  Wege  schaffen;  aber  geh  nur  wieder  nach  Hause,  da  sind  die  beiden 
grad  beisammen;  und  wenn  du  dann  siehst,  daß  der  Pfaff  deiner  Frau  einen 
Kuß  giebt,  so  sprich  Halt  fest!«  nimm  deine  Peitsche  und  klappe  die  beiden 
vor  dir  her  aus  dem  Hause  die  Straße  entlang  zu  des  Edelmanns  Schlosse 
hin;  und  wenn  wer  kommt  und  will  sie  voneinanderreißen,  so  sprich  wieder: 
»Halt  fest!«  so  werden  sie  alle  aneinander  fest  hängen,  bis  du  sprichst:  »Laß 
los!«  Das  wird  ein  schöner  Himphamp  werden.«   Da  bedankte  sich  der  Schmied 

75 


bei  dem  grauen  Manne  und  kehrte  wieder  nach  Hause  um.  Es  war  am  frühen 
Morgen,  als  er  wieder  in  sein  Dorf  kam,  und  als  er  sieh  nun  leise  in  sein 
Haus  schlich,  50  sah  er  wie  der  PfafT seiner  Frau  grad  einen  Kuß  gab.  »Halt 
fest!«  rief  der  Schmied.  Da  der  PfafT  die  Stimme  des  Schmiedes  hörte,  wollte 
er  eilig  fortspringen,  aber  o  weh !  er  saß  an  der  Frau  fest  wie  angeleimt.  Da 
nahm  der  Schmied  seine  Peitsche  von  der  Wand  und  klappte  die  beiden  vor 
sich  her  aus  dem  Hause  hinaus  die  ganze  Straße  entlang,  und  als  sie  vor  dem 
Pfaffen  sein  Haus  kamen,  trat  gerade  die  Magd  mit  einer  Schürze  voll  Heu 
heraus  und  wollte  der  Kuh  das  Morgenfutter  bringen.  Die  Magd,  da  sie  ihren 
Herrn  in  der  schlimmen  Lage  sah,  lief  schnell  herbei  und  faßte  ihn  an,  um 
ihn  ins  Haus  zu  holen,  daß  die  Leute  seine  Schande  nicht  sehen  sollten. 
»Halt  fest!«  rief  der  Schmied  und  wie  er  das  gesagt  hatte,  saß  des^  Pfaffen 
Magd  auch  fest  und  mußte  mit.  Zu  der  Zeit  tutete  gerade  der  Kuhhirt  und 
trieb  seine  Heerde  vor  sich  her  und  da  kam  eine  alte  Kuh  und  wollte  von 
dem  Heu  fressen,  das  des  Pfaffen  Magd  in  der  Schürze  trug.  »Halt  fest!« 
rief  der  Schmied,  und  wie  er  das  gesagt  hatte,  saß  die  alte  Kuh  auch  fest 
und  mußte  mit.  Das  sah  ein  Bäcker,  der  eben  den  Ofen  geheizt  hatte  und 
nun  dabei  war,  die  Kohlen  auszuziehen.  Schnell  kam  er  angerannt  mit  seiner 
langen  Ofenlaute  und  schlug  die  Kuh  damit.  »Halt  fest!«  rief  der  Schmied, 
und  wie  er  das  gesagt  hatte,  saß  der  Bäcker  mit  seiner  mächtig  langen  Ofen- 
laute auch  fest  und  mußte  mit. 

Der  Edelmann  war  den  Morgen  schon  früh  aufgestanden,  lag  im  Fenster 
und  sah  auf  den  Hof  hinaus.  Da  kam  der  Schmied  mit  seinem  Himphamp 
angezogen,  und  als  der  Edelmann  das  sah,  fing  er  laut  zu  lachen  an  und 
sprach:  »Das  hast  du  gut  gemacht,  mein  lieber  Schmied;  das  ist  ein  schöner 
Himphamp,  den  du  mir  da  gebracht  hast;  aber  laß  sie  jetzt  nur  wieder  los, 
daß  sie  nach  Hause  gehen  können.«  Da  sprach  der  Schmied:  »Laß  los!«  und 
wie  er  das  gesagt  hatte,  lief  ein  jeder  hin,  wo  er  hergekommen  war,  der 
Pfaff,  die  Frau,  die  Magd,  die  Kuh  und  der  Bäcker  mit  seiner  langen  Ofen- 
laute. Der  Pfaff  hat  sich  darnach  aber  so  geschämt,  daß  er  niemals  wieder  in 
dem  Schmied  sein   Haus  gekommen  ist. 


&* 


30.  De  rabe  un  de  pogge. 

Et  kam  äis  en  rabe  aneflägen  un  sette  sick  an  en  dik  un  in  den  dike 
satt  ne  pogge.  Do  säe  de  rabe  mit  siner  knörigen  stimme  täo  der  poggen : 
Brauer  kum  herüt,  brauer  kum  herüt!«  »Ne,  ne!«  säe  de  pogge,  »du  hackest 
mi,  du  hackest  mi!  »Ferwahr  nich,  ferwahr  nich!«  säe  de  rabe,  un  köre 
säo  lange,  bet  de  pogge  doch  terlest  üt'n  water  herüt  kam.  Säo  bolle  awerst 
de  pogge  an  t  land  kam,  hacke  de  rabe  täo  un  kreg  mine  läiwe  pogge  bin 
hals.     Do  fong  de  pogge  an,  täo  schräien  un  räip:      Heb  eck  et -nich  esegt! 

7" 


Heb  eck  et  nich  esegt!  »Eck  heb  et  jo  nich  eswoaren,  eck  heb  et  jo  nich 
eswoaren!«  säe  de  rabe  mit  siner  knörigen  stimme  un  stök  de  pogge  hendal 
un  mene,  wenn  häi  et  nich  eswoaren  harre,  säo  brüke  häi  sin  wärt  ok  nich 
täo  holen. 

31.   Der  harte  Winter*). 

Es  war  einmal  ein  unvernünftig  kalter  Winter,  da  gingen  zwei  gute 
Kameraden  mit  einander  auf  das  Eis  zum  Schlittschuhlaufen.  Nun  waren  aber 
hin  und  wieder  Löcher  in  das  Eis  geschlagen,  der  Fische  wegen;  und  als 
die  beiden  Schlittschuhläufer  nun  im  vollen  Zuge  waren,  versah's  der  Eine, 
rutschte  in  ein  Loch  und  traf  so  heftig  mit  dem  Halse  vor  die  scharfe  Eis- 
kante, daß  der  Kopf  auf  das  Eis  hinglitschte  und  der  Rumpf  ins  Wasser  fiel. 
Der  Andere,  schnell  entschlossen,  wollte  seinen  Kameraden  nicht  im  Stiche 
lassen,  zog  ihn  heraus,  holte  den  Kopf  und  setzte  ihn  wieder  gehörig  auf,  und 
weil  es  eine  solch  barbarische  Kälte  in  dem  Wrinter  war,  so  fror  der  Kopf 
auch  gleich  wieder  fest.  Da  freute  sich  der,  dem  das  geschah,  daß  die  Sache 
noch  so  glücklich  abgelaufen  war.  Seine  Kleider  waren  aber  alle  ganz  naß 
geworden;  darum  so  ging  er  mit  seinem  Kameraden  in  ein  Wirthshaus,  setzte 
sich  neben  den  warmen  Ofen,  seine  Kleider  zu  trocknen  und  ließ  sich  von 
dem  Wirthe  einen  Bittern  geben.  >  Prost  Kamerad!«  sprach  er  und  trank  dem 
andern  zu;   »auf  den  Schreck  können  wir  wohl  Einen  nehmen.« 

Nun  hatte  er  sich  durch  das  kalte  Bad  aber  doch  einen  starken  Schnupfen 
geholt,  daß  ihm  die  Nase  lief.  Da  er  sie  nun  zwischen  die  Finger  klemmte, 
sich  zu  schnauzen,  behielt  er  seinen  Kopf  in  der  Hand,  denn  der  war  in  der 
warmen  Stube  wieder  losgethaut.  Das  war  nun  freilich  für  den  armen  Menschen 
recht  fatal,  und  er  meinte  schon,  daß  er  nun  in  der  Welt  nichts  rechts  mehr 
beginnen  könnte;  aber  er  wußte  doch  Rarh  zu  schaffen,  ging  hin  und  ließ  sich 
anstellen  als  Dielenträger,  und  war  das  eine  gar  schöne  Arbeit  tür  ihn.  weil 
ihm  dabei  niemals  der  Kopf  im  Wege  saß,  wie  andern  Leuten,  die  auch 
Dielen  tragen  müssen. 

32.    Der  Soldat  und  das  Feuerzeug. 

Es  zog  ein  abgedankter  Soldat  die  Landstraße  daher;  sein  Geld  und  seine 
Wegzehrung  waren  zu  Ende;  arbeiten  konnte  er  nicht,  stehlen  mochte  er 
nicht  und  so  blieb  ihm  nichts  anderes  übrig,  als  sich  mit  Betteln  sein  Brod 
zu  suchen.     Das  gefiel  ihm  aber  auch  nicht  sonderlich.     So  kam    er   einst  in 


*)  Wurde    in    den    fliegenden  Blattern  abgedruckt.    W.  B.     (Vergl.  FL  Bl.   1859,  Nr.  707, 
S.  22.) 


einen  dichten  Wald,  und  ganz  verloren  in  seine  trüben  Gedanken,  kam  er 
vom  Wege  ab  und  verirrte  sich.  Da  begegnete  ihm  ein  kleines  schwarzes' 
Männchen,  das  fragte  ihn,  was  ihm  denn  fehlte,  er  wäre  ja  so  traurig? 
»Ach  Gott,«  sprach  der  Soldat,  »wie  sollt  ich  nicht  traurig  sein!  Im  Kriege 
ging  es  lustig  her,  da  hatt  ich  Geld  und  Wein  vollauf,  aber  jetzt  muß  ich 
Hunger  und  Durst  leiden,  meine  Kleider  sind  zerrissen,  mein  Muth 
ist  hin  «  Das  Männchen  tröstete  ihn  und  sprach:  »Geh  nur  diesen  Weg  hier, 
so  kommst  du  an  ein  verwünschtes  Schloß,  das  wird  von  vielen  wilden  Thieren 
bewacht.  Vor  dem  Schlosse  liegt  ein  großer  Stein,  wenn  du  dich  darauf 
setzest,  so  werden  die  Thiere  fürchterlich  an  zu  brüllen  fangen,  aber  bleib 
nur  ruhig  sitzen  bis  die  Glocke  zwölf  schlägt,  da  schlafen  die  Thiere  ein. 
Dann  geh  in  das  Schloß  hinein,  da  kannst  du  dir  so  viel  Geld  nehmen,  daß 
du  deine  Lebtag  genug  daran  hast;  mit  dem  Schlage  Eins  mußt  du  aber  zurück 
sein,  sonst  geht  es  dir  schlecht.« 

Der  Soldat  bedankte  sich  und  ging  auf  dem  Wege  weiter,  den  das 
Männlein  ihm  gezeigt  hatte.  Als  er  nun  an  das  Schloß  kam  und  sich  auf 
den  großen  Stein  setzte,  fingen  alle  die  wilden  Thiere,  die  das  Schloß  bewachten, 
auf  einmal  fürchterlich  zu  brüllen  an,  aber  der  Soldat  kehrte  sich  an  nichts, 
blieb  ruhig  sitzen  bis  um  zwölf,  wo  die  Thiere  einschliefen,  und  ging  dann  in 
das  Schloß  hinein.  Zuerst  kam  er  in  ein  schönes  Zimmer,  das  war  ganz  voll 
Kupfergeld  und  lag  ein  schlafender  Riese  dabei.  Der  Soldat  füllte  seine  Taschen 
und  wollte  schon  wieder  fortgehen,  als  er  noch  eine  zweite  Thür  bemerkte. 
Er  machte  sie  auf  und  kam  nun  in  ein  zweites  Zimmer,  das  war  viel  schöner 
als  das  erste,  und  auf  dem  Boden  lagen  große  Haufen  Silbergeld,  lauter  blanke 
Thaler,  und  ein  Riese  lag  dabei  und  schnarchte.  Da  warf  der  Soldat  schnell 
sein  Kupfergeld  wieder  fort,  steckte  seine  Taschen  voll  Silbermünze,  so  viel 
nur  hineinging  und  dachte:  »Nun  hast  du  dein  Lebelang  Geld  genug,  nun 
sollst  nur  wieder  umkehren.«  Er  sah  aber  da  noch  eine  dritte  Thür,  machte 
sie  auf  und  guckte  hinein,  und  gut!  daß  er  es  gethan  hatte,  denn  da  lag  lauter 
rothes  Gold  in  großen  Haufen  und  auch  ein  Riese  dabei,  aber  der  schnarchte 
und  schlief  ganz  fest,  und  das  Zimmer  war  so  schön,  wie  der  Soldat  noch 
keins  in  seinem  Leben  gesehen  hatte.  Schnell  warf  er  sein  Silbergeld  weg 
und  packte  nun  so  viel  Gold  ein,  wie  er  nur  tragen  konnte  und  wollte  wieder 
zurückgehen.  Da  sah  er  aber  noch  eine  vierte  Thür,  die  machte  er  auch  auf  und 
kam  nun  in  das  vierte  und  letzte  Zimmer,  das  war  schöner  als  das  schönste 
Zimmer  in  des  Königs  Schlosse.  Geld  war  da  nicht,  aber  auf  der  Tafel  stand 
Wein  und  Braten,  der  roch  so  schön,  und  die  Teller,  Messer  und  Gabeln 
waren  von  purem  Golde.  Da  setzte  sich  der  Soldat  und  pflegte  seinen  hungrigen 
en  nach  Herzenslust  und  trank  von  dem  Weine  so  viel  er  nur  mochte. 
Mittlerweile  war  es  aber  Zeit  geworden,  daß  er  wieder  umkehren  mußte.  Nun 
hing  an   der  Wand  eine  Pfeife    und    ein    Tabaksbeutel    und    auf  dem    Tische 

7» 


stand  ein  Feuerzeug,  das  steckte  er  auch  noch  alles  ein,  denn  er  war  ein 
großer  Freund  vom  Rauchen,  und  darnach  so  beeilte  er  sich,  daß  er  aus  dem 
Schlosse  noch  zu  rechter  Zeit  wieder  herauskam.  Es  war  auch  die  höchste 
Zeit  gewesen,  denn  kaum  war  er  wieder  bei  dem  großen  Stein  angelangt,  so 
schlug  die  Glocke  Eins,  und  die  wilden  Thiere  erwachten  und  brüllten  fürchterlich. 

Der  Soldat  ging  nun  mit  seinem  vielen  Gelde  weiter,  kam  auch  glücklich 
aus  dem  Walde  und  gelangte  in  die  Stadt,  wo  der  König  Hof  hielt.  Er  er- 
kundigte sich  gleich  nach  dem  vornehmsten  Gasthofe,  ging  hinein  und  verlangte 
Herberge  und  weil  er  so  zerlumpt  und  schmutzig  aussah,  brachte  ihn  der 
Wirth  in  die  Bedientenstube.  »Das  ist  ja  hier  eine  elende  Wirthschaft«,  sprach 
der  Soldat;  »bringt  mir  Wein  her!«  Da  ging  der  Wirth  hin  und  holte  eine 
Flasche  von  der  schlechtesten  Sorte  und  meinte,  die  wäre  für  so  einen  Lump 
wohl  gut  genug;  aber  der  Soldat,  der  in  dem  verwünschten  Schlosse  den 
köstlichen  Wein  getrunken  hatte,  wußte  wohl  was  gut  schmeckte,  probte  den 
Wein,  schnitt  ein  Gesicht  und  rief:  »Bah!  der  Wein  ist  ja  gar  nicht  zu  ge- 
nießen! Bringt  bessern  her!«  Der  Wirth  bequemte  sich  und  holte  eine  Flasche 
von  der  Mittelsorte;  aber  der  Soldat,  da  er  ihn  geprobt  hatte,  rief  wieder: 
»Bah!  bringt  bessern  her!  Es  koste,  was  es  will;  hier  ist  Geld!«  Damit  warf 
er  ein  paar  Goldstücke  auf  den  Tisch.  Als  das  der  Wirth  sah,  wurde  er  auf 
einmal  ganz  höflich,  ging  in  den  Keller  und  brachte  eine  Flasche  vom 
besten.  »So!«  sprach  der  Soldat,  »der  läßt  sich  trinken.  Nun  gebt  mir  auch 
ein  besseres  Quartier,  daß  ich  aus  diesem  elenden  Loche  komme.«  Da  brachte 
ihn  der  Wirth  mit  tiefen  Bücklingen  in  das  schönste  Zimmer,  das  er  im  Hause 
hatte.  »Jetzt,  Herr  Wirth!«  sprach  der  Soldat,  »bringt  mir  einen  Juden  her, 
daß  er  mir  Kleider  und  Wagen  und  Pferde  schafft.«  Der  Jude  kam.  »Hör 
mal  Jude,«  sprach  der  Soldat,  »du  kannst  mir  wohl  schöne  Kleider  schaffen, 
wie  sie  der  König  trägt,  auch  drei  Kutschen  und  zu  jeder  Kutsche  sechs 
Pferde;  sechs  Schimmel,  sechs  schwarze  und  sechs  Isabellen.«  »Das  ist  recht 
schön!«  schmunzelte  der  Jud;  »aber  hat  der  Herr  auch  Geld  dazu,  mit  Verlaub 
zu  fragen?«  »Hier,  Jude,  hast  du  Geld,«  sprach  der  Soldat,  griff  in  die  Tasche 
und  warf  ein  paar  Hände  voll  Goldstücke  auf  den  Tisch.  Der  Jude  strich  das 
Geld  schmunzelnd  ein  und  ging  unter  tiefen  Bücklingen  zur  Thür  hinaus.  Er 
hatte  auch  bald  alles  aufs  beste  besorgt,  wie  es  der  Soldat  gewünscht  hatte.  Der  lebte 
nun  alle  Tage  in  Saus  und  Braus,  und  jeden  Mittag,  wenn  er  gegessen  hatte, 
fuhr  er  in  seiner  Kutsche  durch  die  Stadt  und  vor  des  Königs  Schlosse  vorbei. 

Es  hatte  der  König  aber  drei  Töchter,  die  sahen  von  ihrem  Fenster  aus, 
wie  der  Soldat  in  seinem  prächtigen  Kleide  und  in  seiner  schönen  Kutsche 
da  jeden  Tag  vorbei  fuhr.  Da  sprach  die  älteste:  »Das  ist  gewiß  ein  reicher 
Prinz,  den  will  ich  mal  zu  Gaste  bitten.«  Sie  schickte  ihren  Diener  nach 
dem  Gasthofe  und  ließ  den  Soldaten  zu  sich  einladen.  Er  kam  auch  und 
brachte   eine   ganze   Tasche  voll    Goldstücke    mit.      Nach    dem    Essen   wurde 

6  79 


Karten  gespielt;  der  Soldat  spielte  aber  so  unglücklich,  daß  er  all  sein  Geld 
verlor,  was  er  mitgebracht  hatte.  Den  andern  Abend  ließ  ihn  die  zweite 
Prinzessin  einladen;  da  erging  es  ihm  auch  so  unglücklich  beim  Spiele,  daß 
er  wieder  sein  mitgenommenes  Geld  verspielte,  und  das  war  sein  letztes. 
Den  dritten  Abend  wurde  er  zu  der  jüngsten  und  schönsten  Prinzessin  ein- 
geladen, und  weil  er  da  für  sein  Leben  gern  hinging,  sein  Geld  aber  zu  Ende 
war,  so  verkaufte  er  Wagen  und  Pferde  und  bekam  eine  hübsche  Summe 
dafür.  Damit  ging  er  zu  der  Prinzessin.  Nach  dem  Essen  wurde  wieder 
Karten  gespielt,  und  wieder  verlor  der  Soldat  alles  Geld,  das  er  mitgebracht 
hatte.  Nun  war  er  so  arm,  wie  er  gewesen  war,  da  er  seinen  Abschied 
kriegte  und  bettelnd  durch  die  Welt  zog. 

Ganz  mißmuthig  und  zerzweifelt  ging  er  in  seinen  Gasthof  zurück  und 
legte  sich  zu  Bett.  Er  konnte  kein  Auge  zuthun  und  wälzte  sich  voll  Unruhe 
von  einer  Seite  auf  die  andere.  Endlich,  weil  ers  im  Bette  gar  nicht  aus- 
halten konnte,  stand  er  auf  und  ging  im  Zimmer  auf  und  ab.  Da  fiel  ihm 
mit  einem  Male  die  Pfeife  und  das  Feuerzeug  ein,  das  er  mit  aus  dem  ver- 
wünschten Schlosse  gebracht  hatte,  und  wreil  ihm  seine  trüben  Gedanken  gar  keine 
Ruhe  ließen,  so  dachte  er  zu  seiner  Zerstreuung  eine  Pfeife  zu  rauchen,  nahm 
das  Feuerzeug  und  pinkte,  daß  die  Funken  flogen.  So  wie  er  aber1  den  ersten 
Schlag  that,  stand  plötzlich  ein  allmächtig  großer  Riese  vor  ihm,  der  war  einer 
von  den  dreien,  die  in  dem  verwünschten  Schlosse  das  Geld  bewachten. 
»Was  befiehlt  der  Herr?«  fragte  der  Riese.  »Bringe  mir  einen  Sack  voll 
Geld!«  sprach  der  Soldat.  Kaum  hatte  er  das  Wort  gesagt,  so  war  der  Riese 
auch  schon  wieder  fort,  und  kam  bald  zurück  und  schleppte  einen  großen 
Maltersack  voll  Geld  herein.  »So!«  sprach  der  Soldat;  »nun  hole  mir  auch 
die  jüngste  Prinzessin  her.«  Der  Riese  lief  fort  und  brachte  die  Prinzessin 
mit  sammt  der  Bettstelle.  Nachdem  nun  der  Soldat  die  Prinzessin  tüchtig  ab- 
geküßt hatte,  mußte  sie  der  Riese  wieder  forttragen. 

Den  andern  Morgen  sprach  die  Prinzessin  zu  ihrer  Mutter:  >Ach  liebe 
Mutter,  diese  Nacht  wars  mir  doch  gerade,  als  hätte  mich  ein  Riese  mit  der 
Bettstelle  zu  einem  schönen  Prinzen  getragen  und.  der  hätte  mich  geküßt.« 
* Liebes  Kind«,  sprach  die  Mutter,   »das  sind  Träume,  denke  nicht  mehr  daran.« 

In  der  folgenden  Nacht  nahm  der  Soldat  wieder  sein  Feuerzeug  und 
schlug  Feuer.  Sogleich  erschien  der  Riese  und  fragte:  »Was  befiehlt  der 
Herr?«  >Hole  mir  die  Prinzessin  her«,  sprach  der  Soldat.  Der  Riese  lief  fort 
und  brachte  sie  mit  sammt  der  Bettstelle.  Nachdem  nun  der  Soldat  die  schöne 
Prinzessin  wieder  tüchtig  abgeküßt  hatte,  mußte  sie  der  Riese  wieder  forttragen. 

Den  andern  Morgen  sprach  die  Prinzessin  zu  ihrer  Mutter:  »Ach  liebe 
Mutter,  diese  Nacht  war  mir's  doch  grade  so  wieder  wie  vorige  Nacht;  ein 
Riese  trug  mich  zu  dem  schönen  Prinzen  und  der  hat  mich  geküßt.«  »Liebes 
Kind«,  sprach  die  Mutter,   »das  sind  Träume;  denke  nicht  mehr  daran.«     Es 

So 


kam  der  Königin  aber  doch  sonderbar  vor,  daß  das  Mädchen  zwei  Nächte 
hinter  einander  immer  denselben  Traum  gehabt  hatte,  und  weil  sie  gern  gewußt 
hätte,  ob  etwas  Wahres  daran  sei,  so  nähte  sie  einen  Beutel,  füllte  ihn  mit 
Erbsen,  schnitt  ein  kleines  Loch  hinein,  daß  die  Erbsen  allmählich  herauslaufen 
könnten,  und  hängte  ihn  an  der  Prinzessin  ihr  Bett.  In  der  Nacht  kam  der 
Riese  auch  richtig  wieder  an ;  während  er  aber  die  Prinzessin  forttrug, 
fielen,  ohne  daß  er  etwas  merkte,  die  Erbsen  nach  und  nach  aus  dem  Beutel 
heraus  auf  den  Boden  den  ganzen  Weg  entlang,  und  als  nun  die  Königin 
am  andern  Morgen  nachsah,  merkte  sie  wohl,  daß  ihres  Töchterleins  Träume 
nicht  ohne  Grund  wraren.  Die  ausgestreuten  Erbsen  verriethen  ihr  den  Weg, 
den  der  Riese  gegangen  war,  nach  dem  Gasthause  bis  vor  des  Soldaten  Zimmer- 
thür.  Da  nahm  sie  den  Wirth  heimlich  beiseite  und  befragte  ihn,  wes  Standes 
und  Herkommens  der  Gast  wäre,  der  da  bei  ihm  im  Hause  wohnte.  Der 
Wirth  sprach,  er  wüßte  es  selber  nicht  so  recht,  aber  es  müßte  wohl  ein  ab- 
gedankter Soldat  sein,  der  plötzlich  zu  vielem  Gelde  gekommen  sei;  als  er 
angekommen,  hätte  er  eine  alte  schmutzige  Soldatenuniform  getragen.  Da 
lief  die  Königin  schnell  hin  und  holte  die  Wache,  die  nahm  den  Soldaten,  ehe 
er  sich's  versah,  gefangen  und  brachte  ihn  in  einen  festgemauerten  Gefängniß- 
thurm.  Der  König,  da  er  die  Sache  erfuhr,  verurtheilte  den  Soldaten  zum  Tode. 
Nun  hätte  sich  der  Soldat  leicht  befreien  können,  wenn  er  nur  sein 
Feuerzeug  gehabt  hätte,  das  hatte  er  aber  in  der  Eile  in  seinem  Gasthofe 
liegen  lassen.  Den  andern  Tag  sollte  er  hingerichtet  werden.  Da  saß  er  nun 
schon  des  Morgens  ganz  früh,  da  eben  der  Tag  anbrach,  ganz  traurig  vor 
dem  Gefängnißgitter,  und  wie  er  so  auf  die  Straße  hinaussah,  ging  da  gerade 
seines  Wirthes  Dienstmagd  vorbei  und  hatte  Milch  geholt.  Da  rief  er  das 
Mädchen  an  und  versprach  ihr  viel  Geld,  wenn  sie  ihm  sein  Feuerzeug  holen 
wollte,  das  er  auf  seinem  Zimmer  vergessen  hätte.  Das  Mädchen  lief  auch 
schnell  hin  und  brachte  es  ihm.  Da  schlug  der  Soldat  Feuer  und  sogleich 
stand  der  Riese  vor  ihm  und  fragte:  »Was  befiehlt  der  Herr?«  »Befreie  mich 
aus  diesem  Gefängnisse«,  sprach  der  Soldat.  Da  lief  der  Riese  fort  und  holte 
seine  beiden  Kameraden,  und  nun  brachen  sie  die  Mauer  entzwei,  daß  der 
Soldat  glücklich  in  Freiheit  kam.  Als  das  geschehen  war,  sprachen  die  Riesen: 
»Wir  haben  dir  nun  so  viele  Dienste  geleistet,  daß  du  uns  auch  wohl  den 
Gefallen  thun  kannst,  uns  zu  erlösen.  In  dem  verwünschten  Schlosse  hängt 
in  dem  ersten  Zimmer  ein  Schwert  an  der  Wand,  damit  mußt  du  uns  und 
den  wilden  Thieren  die  Köpfe  abschlagen,  dann  hört  die  Verwünschung  auf. 
»Ja,«  sagte  der  Soldat,  »so  schwer  es  mir  auch  wird,  an  euch  meinen  Wohl- 
thätern  so  zu  handeln,  wenn  es  nicht  anders  sein  kann,  will  ich  es  doch 
gerne  thun.  Nur  müßt  ihr  mir  aber  noch  zu  guter  Letzt  die  jüngste  Prinzessin 
holen,  denn  ohne  die  kann  ich  nicht  leben.«  Da  liefen  die  Riesen  fort  und 
brachten  sie  ihm.     Der   Soldat    nahm  sie  nun    mit    nach    dem    verwünschten 

6*  81 


Schlosse.  Dort  setzte  er  sich  wieder  auf  den  großen  Stein  bis  die  Glocke 
zwölf  schlug,  ging  dann  in  das  Schloß,  fand  das  Schwert  und  hieb  damit  den 
Riesen  und  den  wilden  Thieren,  die  das  Schloß  bewachten,  die  Köpfe  ab.  Da 
ertönte  auf  einmal  die  schönste  Musik  und  entstand  ein  Gewühl  fröhlicher 
Menschen,  die  huldigten  dem  Soldaten  als  ihrem  König.  Der  Soldat  aber  hielt 
bald  darnach  Hochzeit  mit  seiner  schönen  Prinzessin. 

33.    Der  Bettler  aus  dem  Paradies. 

Et  was  äis  ne  fräo  der  störv  ör  mann,  un  anse  däi  en  jähr  dote  was, 
fräie  de  fräoe  weer;  säi  harr  et  'r  awerst  nich  ten  besten  mee  drapen.  De 
mann  stund  den  ganzen  dag  un  schult,  un  wenn  de  fräoe  äis  wat  nich  rech 
emaoket  harre,  säo  sä  häi  jümmer:  »du  gösekopp,  du  gösekopp!«  Ör  selige 
mann  harr  awerst  Martin  ehäiten.  »Och  gott,  dachte  do  de  fräoe,  wenn  doch 
min  selige  Martin  noch  liäwe,  wenn  doch  min  selige  Martin  noch  liäwe!« 

Do  kam  äis  täo  der  fräoen,  anse  ör  mann  jüst  nich  inne  was,  en  ölen 
bädeler  un  bidde  um  en  almosen,  un  de  fräoe  frage  ohne,  »wo  häi  denn  här 
wörer«  »Eck  bin  ut  Paris«,  säe  de  bädeler.  »Och,  gott«,  säe  de  fräoe,  »wenn 
ji  ut'n  Paradise  sind,  säo  kenne  ji  dar  ok  wol  minen  seligen  Martin.«  »Jao!« 
säe  de  bädeler,  »dar  sind  awerst  viäle  Martins;  dar  is  en  lütken  Martin,  en 
langen  Martin,  en  dünnen  Martin,  en  dicken  Martin.«  »De  dicke«,  säe  de 
fräoe,  »däi  is  et.  Nanu  segget  mi  äis,  wo  geit  et  ohne  denn  dar?«  »Och«, 
säe  de  bädeler,  »dene  geit  et  ganz  bedreuwet,  sin  tüg  is  klaterig  un  geld  hat 
häi  ok  nich  mehr  un  mot  snurren  gaen  anse  ek  ok.«  Do  wörd  de  fräoe 
ganz  bedreuwet,  dat  et  öhren  Martin  in  jönner  weit  säo  power  gung,  un 
frage  den  bädeler,  of  häi  denn  wol  bolle  weer  mit  öhren  Martin  te  hope 
käime.  »Eck  denke«,  säe  de  bädeler,  »dat  eck'en  ünner  en  paar  dagen  weer 
täo  säin  kriege.«  »Will  ji  denn  wol  säo  gäot  wäsen«,  säe  de  fräoe,  »un  niämen 
ohne  etwas  geld  un  tüg  mee?  Eck  will  jük  jo  geren  dervär  betalen,  denn 
eck  will  nich,  dat  ji  et  ümme  süss  däoet.«  »Gott  ja,  worümme  dat  nich«, 
säe  de  bädeler,  »jäoe  Martin  is  min  beste  fründ,  un  wenn  ji  wat  an  ohne 
täo  bestellen  hebbet,  säo  giäwet  man  her,  eck  will  et  jo  geren  ümme  süss  mee 
niämen.«  Do  gung  de  fräoe  vär  öhren  kuffer  un  kreg  en  büel  vull  geld  herut, 
un  ut'n  schappe  hale  se  öhren  seligen  Martin  sin  sönndagestüg,  dat  gaf  säi 
alles  den  bädeler  hen  un  gaf'n  ok  noch  geld  awerher  vär  sine  gefälligkeit. 
»Och«,  säe  de  bädeler,  »dat  wöre  jo  nich  nödig  ewesen;  awerst  et  is  man 
jüst  van  wegen  der  stüer,  däi  eck  vär  dat  tüg  betalen  mot,  wenn  eck  dar  baben 
weer  awer  de  grenze  küome.«  Anse  de  bädeler  nu  weggung,  bestelle  de 
fräoe  noch  viäle  grüsse  an  öhren  läiwen  seligen  Martin.  »Wäset  man  ohne 
sorgen,  eck  will  wol  alles  richtig  bestellen,«  säe  de  bädeler  un  make,  dat  häi 
wegkam,  un  freie   sick,    dat  häi  säo  lichtfarig   an  geld  un  tüg  ekuomen  was. 

82 


Mitdessen  säo  kämm  der  fräoen  öhr  mann  weer  in,  un  weil  se  säo 
vergnügt  un  lächerlik  utkek,  säo  frage  de  mann,  wat  denn  passirt  würe,  säi 
säige  jao  säo  vergnügt  ut?  Do  verteile  säi  ohne  in  aller  freide,  wo  et  öhr 
egaen  harre,  dat  dar  äiner  ut'n  paradise  wäsen  wöre,  de  harre  öhr  kundschopp 
van  öhren  Martin  ebrocht,  un  do  harre  säi  ohne,  weil  häi  in  jönner  weit  noth 
lien  moste,  en  büel  vull  geld  un  sin  sönndagestüg  hen  eschicket.  »Du  göse- 
kopp!«  schult  de  mann  do;  »da  hast  du  di  doch  weer  anföhren  laten!«  un  äin, 
twäi,  dräi  kreg  häi  sin  pärd  ut'n  stalle  un  jage  grade  achter  den  bädeler  her. 

De  bädeler,  do  häi  vernam,  dat  dar  äine  täo  päre  achter  ohne  ankam, 
wusste  glik  wol,  wat  dat  täo  bedüen  harre,  tog  sick  grade  ganz  splinternäked 
ut,  smet  sin  tüg  in'n  graben  un  sprung  jümmer  risch  in  de  höchte.  Ans  de 
kerel  nu  anjagen  kam  un  dat  sach,  frage  häi  den  bädeler,  wat  häi  denn  dar 
täo  springen  döe?  »Och,  du  läiwe  tiet!«  säe  de  bädeler,  »wi  hebbet  dar 
baben  in'n  himmel  eben  en  danz  eholen,  un  do  bin  eck  der  luken  täo  nahe 
kuomen  un  bin  herdal  efallen;  nu  kann  eck  noch  jümmer  den  rechten  sprung 
nich  edräpen,  dat  eck  dar  weer  henup  kuome.«  Do  frage  ohne  de  mann,  >of  hier 
nich  eben  äine  mit'n  bündel  tüg  värbi  egaen  wöre?«  »Ja  wol!«  säe  de  bädeler, 
»jüst  eben  is  häi  hier  värbi  elopen,  häi  keek  sick  alle  ogenblick  ganz  ängstliken 
ümme,  of  ok  wer  achter  ohne  ankam  un  ans  häi  dat  pärgetrappel  höre,  läip 
häi  grade  dar  in  dat  buschwark  henin.«  »Denn  weset  säo  gäot  un  holt  äis 
min  pärd,«  säe  de  kerel,  »denn  säo  will  eck'n  wol  kriegen,«  gaf  den  bädeler 
sin  pärd  täo  holen  un  läip  in  dat  gebüsch  henin.  Underdess  tog  aber  de 
bädeler  flink  sin  tüg  weer  an,  sette  sick  up  den  kerel  sin  pärd  un  jage  weg, 
säo  grade  ans  häi  man  könne. 

Min  läiwe  kerel  sochte  nu  dat  ganze  buschwark  dör,  aber  häi  sochte  un 
sochte  un  könne  niks  finnen,  un  ans  häi  nu  weer  terügge  kam,  säo  was  sin 
pärd  wege  mit  sammt  den  manne,  däi  et  harre  holen  schöllt.  Da  sach  häi 
wol  in,  dat  häi  an  eföhrt  was,  un  ärgere  sick,  dat  häi  nu  doch  noch  eben  säo 
dumm  ewesen  was  ans  sine  fräoe,  da  häi  jümmer  vär'n  gösekopp  ut  eschullen  harre. 

Ans  häi  nu  weer  na  hüs  kam,  säo  frage  sine  fräoe  glik:  »No,  wo  is  et? 
Hast'n  weer  ekriägen.«  »Ja,«  säe  de  mann,  »de  arme  minsche  düre  mi,  dat 
häi  säo  viäl  te  drägen  harre  up  den  wien  weg,  darümme  säo  heb  eck'n  ok 
noch  min  pärd  egiäben,  nu  kann  häi  doch  ok  tewielen  rien  un  brüket  nich 
jümmer  te  fäote  te  lopen.«  Dat  säe  awerst  de  mann  man  jüst,  ümme  dat 
ohne  sine  fräoe  niks  utlachen  schölle,  un  hat  sä  sin  liäwe  nich  weer  vär'n 
gösekopp  ut  eschullen,  wenn  sä  äis  wat  verkehrt  maoke. 

Der  Bettler  aus  dem  Paradies. 

(Hochdeutsch.) 
Eine  Witwe  hatte  wieder  geheirathet.    Ihr  zweiter  Kerl  aber  schalt  viel, 
und  wrenn    sie    was  nicht   recht  machte,  so  sagte  er    immer  »Du  Gösekopp« 


zu  ihr. —  »Ach,«  seufzte  sie  oft,  »wenn  doch  mein  seliger  Martin  noch  lebte.«  — 
Einst,  als  ihr  Mann  nicht  zu  Haus  war,  kam  ein  Bettler.  —  »Wo  seid  ihr 
denn  her?«  fragte  die  Frau.  —  »Aus  Paris«,  sagte  der  Bettler.  —  »Aus  dem  Pa- 
radies?« rief  die  Frau;  »dann  kennt  ihr  auch  wohl  meinen  seligen  Martin.«  — 
»Tja!«  meinte  der  Bettler;  »es  giebt  da  viele  Martins;  da  ist  ein  kleiner  Martin, 

ein  langer  Martin,  ein  dünner  Martin,  ein  dicker   Martin« »Der  dicke«, 

rief  die  Frau,  »der  ist  es.  Wie  geht  es  ihm  denn  da?«  —  »Recht  betrübt,«  sagte 
der  Bettler;  »er  muß  schnurren  gehn,  wie  ich.  Wenn  ihr  ihm  was  schicken 
wollt,  so  will  ich  es  gern  mitnehmen,  denn  in  ein  paar  Tagen,  denk  ich, 
krieg  ich  ihn  wieder  zu  sehn.«  —  Da  lief  die  Frau  vor  das  Schapp,  holte 
ihrem  Martin  sein  bestes  Sonntagszeug,  band  es  in  ein  Bündel,  nahm  einen 
Beutel  voll  Geld  aus  der  Lade,  reichte  alles  dem  Bettler  hin  und  gab  ihm 
zuletzt  auch  fürs  Mitnehmen  noch  was  extra  überher.  —  »Och«,  sagte  der 
Bettler,  »das  wTäre  ja  nicht  nötig  gewesen;  aber  es  ist  nur  bloß  von  wegen 
der  Steuer  an  der  Grenze.« — Damit  verabschiedete  sich  der  Bettler,  nachdem 
sie  ihm  noch  viele  herzliche  Grüße  an  ihren  seligen  Martin  aufgetragen 
hatte. — Als  ihr  Mann  nach  Haus  kam,  war  seine  erste  Frage:  »Warum 
siehst  du  denn  heute  so  vergnügt  aus?«  —  Da  erzählte  sie  ihm,  was  ihr  eben 
passiert  war.  —»Du  Gosekopp!«  schrie  der  Mann.  Er  setzte  sich  aufs  Pferd 
und  jagte  hinter  dem  Bettelmann  her.  Dieser,  sowie  er  das  Pferdegetrappel 
hörte,  wußte  Bescheid.  Schnell  zog  er  sich  splitternackt  aus,  warf  das  Zeug 
in  den  Graben  und  huckte  auf  einer  Stelle  immer  risch  in  die  Höhe.  —  »Was 
machst  du  denn  da?«  fragte  der  Kerl.  —  »Och,  och!«  jammerte  der  Bettler, 
-wir  hatten  einen  Tanz  da  oben,  da  kam  ich  der  Luke  zu  nah,  und  nun 
kann  ich  noch  immer  den  rechten  Sprung  nicht  treffen,  daß  ich  wieder  hin- 
aufkomme.« Da  erkundigte  sich  der  Kerl  bei  ihm,  ob  er  nicht  Wen  gesehen 
hätte  mit  einem  Bündel  Zeug.  —  »Jüst  eben,«  sagte  der  Bettler,  »lief  so  Einer, 
der  sich  ängstlich  umsah,  dort  in  das  Buschwerk  hinein.«  —  »Dann  will  ich 
ihn  wohl  kriegen,«  rief  der  Kerl;  »halt  mal  eben  mein  Pferd  sp  lange.«  —  Der 
Kerl  sprang  ins  Gebüsch,  der  Bettler  zog  sich  schnell  an,  schwang  sich  aufs 
Pferd  und  galoppierte  davon. 

»Na,  hast'n  wiedergekriegt?«  fragte  die  Frau  ihren  Mann,  als  er  kleinlaut 
zurückkehrte.  — »Ja,«  sagte  er,  »aber  der  arme  Mensch  that  mir  leid,  weil  er 
solch  einen  weiten  Weg  hat,  und  da  hab  ich  ihm  auch  noch  mein  Pferd 
gegeben. 

Seitdem  sagte  er  nie  mehr  Gosekopp  zu  seiner  Frau. 

34.  Der  verwunschene  Prinz. 

Es  waren  einmal  ein  Mann  und  eine  Frau,  die  hatten  nur  eine  einzige 
Tochter.      Nun    begab  es    sich  aber,    daß    die  Frau  krank    wurde,    und    weil 

84 


es  von  Tage  zu  Tage  schlimmer  mit  ihr  ward  und  sie  endlich  fühlte,  daß 
ihre  Sterbestunde  gekommen  war,  rief  sie  ihr  Kind  zu  sich  ans  Bett  und  gab 
ihm  einen  Ring  von  ihrem  Finger  und  sprach:  >  Den  trage  zu  meinem  An- 
denken und  heb  ihn  wohl  auf.«  Darnach  legte  sie  sich  und  starb ;  und  noch 
war  kein  Jahr  seitdem  vergangen,  da  nahm  sich  der  Mann  eine  andere  Frau. 
Sie  war  aber  gar  nicht  gut  gegen  das  Kind;  das  Mädchen  durfte  nie  mit  in 
die  Stube  kommen,  sondern _  mußte  immer  auf  der  Diele  beim  Heerde  sitzen, 
und  als  einmal  die  Stiefmutter  den  schönen  goldenen  Ring  an  ihrem  Finger 
sah,  fing  sie  an  zu  schelten  und  bedrohte  das  Mädchen.  »Ich  sollte  dir  den 
theuren  Ring  eigentlich  wegnehmen«,  sagte  sie ;  >  aber  das  sage  ich  dir,  verlierst 
du  ihn,  so  prügele  ich  dich,  daß  du  schwarz  wirst.«  Nun  mußte  das  arme 
Mädchen  alle  Tage  Wasser  schleppen,  und  als  sie  auch  einmal  wieder  die 
Brunnenstange  anfaßte,  um  den  schweren  Eimer  in  die  Höhe  zu  ziehen, 
glitt  ihr  der  Ring  vom  Finger  und  fiel  in  den  tiefen  Brunnen  hinein.  Da- 
rüber fing  sie  bitterlich  zu  weinen  an.  Mit  dem,  so  kam  ein  Laubfröschlein 
im  Grase  dahergehüpft,  fing  an  zu  sprechen  und  fragte:  »Was  fehlt  dir 
denn,  du  wackres  Mädchen,  daß  du  so  bitterlich  weinen  thust?  Das  sage  mir, 
so  will  ich  sehen,  ob  ich  dir  helfen  kann.«  »Ach  Fröschlein!«  sprach  das 
Mädchen,  »du  kannst  mir  doch  nicht  helfen.  Ich  habe  meiner  Mutter  ihren 
goldenen  Ring  in  den  Brunnen  fallen  lassen,  und  wenn  das  meine 
Stiefmutter  erfährt,  so  werde  ich  gewiß  Schläge  kriegen.«  »Sei  nur  still  und 
laß  dein  Weinen  sein,«  sprach  das  Fröschlein;  »wenn  ich  diese  Nacht  bei  dir 
in  deinem  Bettlein  schlafen  soll,  so  will  ich  dir  den  Ring  wohl  wieder  holen.« 
»Ach  ja  liebes  Fröschlein,«  sprach  das  Mädchen,  »ich  will  ja  gerne  alles  thun 
was  du  verlangst,  wenn  ich  nur  mein  goldenes  Ringlein  wieder  kriege!«  Sprach  das 
Fröschlein:  ?So  setze  mich  in  den  Wassereimer  und  laß  mich  in  den  Brunnen 
hinab,  daß  ich  dir  dein  goldenes  Ringlein  wieder  hole.«  Da  setzte  das 
Mädchen  den  Laubfrosch  in  den  Eimer  und  ließ  ihn  in  den  Brunnen  hinab, 
da  tauchte  er  unter  und  kam  bald  wieder  angeschwommen  mit  dem  Ringlein 
in  seinem  Maule.  Das  Mädchen  zog  ihn  wieder  herauf,  nahm  den  Ring 
steckt'  ihn  voller  Freuden  an  ihren  Finger  und  ging  ins  Haus  und  dachte 
nicht  mehr  an  das  Laubfröschlein  und  was  es  ihm  hatte  versprechen  müssen. 
Des  Abends  aber,  da  das  Mädchen  wieder  wie  immer  aut  der  Hausflur  beim 
Heerde  saß  und  spann,  klopfte  mit  einmal  was  an  die  Seitenthüre  und  rief: 
»Wackres  Mädchen,  wackres  Mädchen  !  was  du  versprochen  hast,  mußt  du  auch 
halten;  setze  mich  in  dein  Haus.«  Das  Mädchen  machte  die  Thüre  auf  und 
erschrack  ordentlich ,  denn  davor  saß  das  Laubfröschlein.  Erst  wollte  das 
Mädchen  die  Thüre  wieder  zuschlagen ;  weil  es  aber  an  sein  Versprechen 
dachte,  und  daß  ihm  der  Frosch  wieder  zu  seinem  Ringe  verholten  hatte, 
setzte  es  ihn  in  ihr  Haus  herein.  Der  Frosch  hüpfte  nun  mit  an  den  Heerd 
und  sah  zu  wie  das  Mädchen   spann.    Nachdem,   da  es  Zeit  war,  schlafen  zu 

85 


gehn,  ging  das  Mädchen  in  ihre  Kammer,  zog  die  Thür  hinter  sich  zu  und 
ließ  das  Fröschlein  draußen  sitzen.  Da  klopfte  es  an  die  Kammerthür  und 
rief:  »Wackres  Mädchen,  wackres  Mädchen!  Was  du  versprochen  hast,  mußt 
du  auch  halten!  Setz'  mich  in  deine  Kammer.«  Das  Mädchen  hätte  lieber 
das  Fröschlein  draußen  gelassen,  aber  es  dachte  daran,  was  es  ihm  am  Brunnen 
versprochen  hatte,  nahm  es  und  setzte  es  in  seine  Kammer.  Nun  zog  das 
Mädchen  sein  Nachtzeug  an,  löschte  das  Licht  und  legte  sich  zu  Bett  und 
meinte,  das  Fröschlein  würde  nun  wohl  zufrieden  sein.  Aber  nein!  es  wollte 
auch  bei  dem  Mädchen  im  Bette  schlafen  und  rief:  »Wackres  Mädchen,  wack- 
res Mädchen !  Was  du  versprochen  hast,  mußt  du  auch  halten !  Setz'  mich 
in  dein  Bett.«  Da  nahm  das  Mädchen  das  Fröschlein  auch  noch  zu  sich  ins 
Bett  und  sprach:  »So!  Nun  sei  aber  auch  hübsch  still,  sonst  muß  ich  dich 
wieder  hinaussetzen.«  Bald  darnach,  weil  das  Fröschlein  ganz  stille  war, 
schlief  das  Mädchen  ein.  Den  andern  Morgen  aber,  als  es  aufwachte  und 
sich  nach  dem  Fröschlein  umsah,  war  kein  Fröschlein  mehr  da,  sondern  lag 
da  ein  wunderhübscher  junger  Prinz  im  Bette,  der  lachte  das  Mädchen  freund- 
lich an,  küßte  es  und  sprach:  »Ich  danke  dir,  daß  du  mich  erlöst  hast. 
Mein  Großvater  hatte  mich  in  einen  Laubfrosch  verwünscht,  und  nicht  eher 
konnte  ich  wieder  eine  menschliche  Gestalt  annehmen,  bis  mich  ein  Mädchen 
freiwillig  mit  in  sein  Bett  nahm.« 

Noch  denselben  Tag  zog  nun  der  Prinz  mit  dem  Mädchen  fort  in  sein 
Königreich  und  nahm  sie  zu  seiner  Frau  und  sie  hatte  es  gut  bei  ihm  bis  an 
ihr  Ende. 

35.  Das  Hemd  des  Zufriedenen. 

Es  war  einmal  ein  reicher  König,  dem  machte  das  Regieren  so  viele 
Sorgen,  daß  er  darum  nicht  schlafen  konnte  die  ganze  Nacht.  Das  ward  ihm 
zuletzt  so  unerträglich,  daß  er  seine  Räthe  zusammen  berief  und  ihnen  sein 
Leid  klagte.  Es  war  aber  darunter  ein  alter  erfahrener  Mann,"  der  erhob  sich, 
da  er  vernommen,  wie  es  um  den  König  stand,  von  seinem  Stuhle  und  sprach: 
»Es  giebt  nur  ein  Mittel,  daß  wieder  Schlaf  in  des  Königs  Augen  kommt,  aber 
es  wird  schwer  zu  erlangen  sein;  so  nämlich  dem  Könige  das  Hemd  eines 
zufriedenen  Menschen  geschafft  werden  könnte  und  er  das  beständig  auf  seinem 
Leibe  trüge,  so  halte  ich  dafür,  daß  ihm  sicherlich  geholfen  wäre.«  Da  das 
der  Konig  vernahm,  beschloß  er,  dem  Rathe  des  klugen  Mannes  zu  folgen 
und  wählte  eine  Anzahl  verständiger  Männer,  die  sollten  das  Reich  durch- 
wandern und  schauen,  ob  sie  nicht  ein  Hemd  finden  könnten,  wie  es  dem 
Könige  Noth  that.  Die  Männer  zogen  aus  und  gingen  zuerst  in  die  schönen 
volkreichen  Städte,  weil  sie  gedachten,  daß  sie  da  wohl  am  ehesten  zu  ihrem 
Zwecke    kämen;    aber   vergebens   war   ihr   Fragen    von  Haus    zu    Haus   nach 

86 


einem  zufriedenen  Menschen;  dem  Einen  gebrach  dies,  dem  Andern  das;  so 
mochte  sich  keiner  zufrieden  nennen.  Da  sprachen  die  Männer  untereinander: 
»Hier  in  der  Stadt  finden  wir  doch  nimmer,  wonach  wir  suchen;  darum  so 
wollen  wir  jetzunder  auf  das  Land  hinausgehen,  da  wird  die  Zufriedenheit 
wohl  noch  zu  Hause  sein,«  sprachen's,  ließen  die  Stadt  mit  ihrem  Gewühle 
hinter  sich  und  gingen  den  Weg  durch  das  wallende  Korn  dem  Dorfe  zu. 
Sie  fragten  von  Haus  zu  Haus,  von  Hütte  zu  Hütte,  sie  gingen  in  das  nächste 
Dorf  und  weiter  von  da,  sie  kehrten  bei  Armen  und  bei  Reichen  ein,  aber 
keinen  fanden  sie,  der  ganz  zufrieden  war.  Da  kehrten  die  Männer  traurig 
wieder  um  und  begaben  sich  auf  den  Heimweg.  Wie  sie  nun  so  in  sorgende 
Gedanken  vertieft  über  eine  Flur  dahinwandelten,  trafen  sie  auf  einen  Schwein- 
hirten, der  da  gemächlich  bei  seiner  Heerde  lag;  indem  so  kam  auch  des 
Hirten  Frau,  trug  auf  ihren  Armen  ein  Kind,  und  brachte  ihrem  Manne  das 
Morgenbrod.  Der  Hirt  setzte  sich  vergnüglich  zum  Essen,  verzehrte  was  ihm 
gebracht  war,  und  nachdem  so  spielte  er  mit  seinem  Kinde.  Das  sahen  die 
Männer  des  Königs  mit  Erstaunen,  traten  herzu  und  fragten  den  Mann: 
wie  es  käme,  daß  er  so  vergnügt  wäre  und  hätte  doch  nur  ein  so  geringes 
Auskommen?  »Meine  lieben  Herren«,  sprach  der  Sauhirt,  »das  kommt  daher, 
weil  ich  mit  dem,  was  ich  habe,  zufrieden  bin.«  Da  freuten  sich  die  Männer 
höchlich,  daß  sie  endlich  einen  zufriedenen  Menschen  gefunden  hatten,  und 
erzählten  ihm,  in  welcher  Sache  sie  von  dem  Könige  wären  ausgesandt  worden,  und 
baten  ihn,  daß  er  ihnen  möchte  für  Geld  und  gute  Worte  ein  Hemd  von 
seinem  Leibe  geben.  Der  Sauhirt  lächelte  und  sprach:  »So  gern  ich  Euch, 
meine  lieben  Herren,  in  Eurem  Anliegen  möchte  zu  Willen  sein,  so  ist  es 
mir  doch  nicht  möglich;  denn  Zufriedenheit  habe  ich  wohl,  aber  kein  Hemd 
am  Leibe.«  Als  das  die  Männer  vernahmen,  erschracken  sie  und  gaben  nun 
ganz  die  Hoffnung  auf,  ein  Hemd  zu  finden,  wie  es  dem  Könige  Noth  that. 
Betrübt  und  mit  gesenkten  Blicken  traten  sie  wieder  vor  ihren  Herrn  und 
berichteten  ihm,  wie  all  ihr  Suchen  und  Fragen  sei  vergeblich  gewesen;  sie 
hätten  manchen  gefunden,  der  wohl  ein  Hemd  gehabt  hätte,  aber  keine  Zu- 
friedenheit, und  endlich  hätten  sie  Einen  angetroffen,  der  wäre  freilich  zufrie- 
den gewesen,  aber  leider  hätte  er  kein  Hemd  gehabt. 

So  mußte  denn  der  König  seine  Sorgen  ferner  tragen  und  voll  Unruhe 
oft  Nächte  lang  auf  seinem  Bette  liegen,  ohne  daß  Schlaf  in  seine  Augen 
kam,  und  konnte  ihm  nicht  geholfen  werden. 

36.  Der  Herrgott  als  Pathe. 

Es  war  einmal  ein  armer,  armer  Mann,  dem  wurde  ein  Knabe  geboren. 
Da  nun  die  Zeit  kam,  daß  das  Kind  sollte  getauft  werden,  ging  der  Vater 
aus,  einen  Pathen  zu    suchen,    der    es    über    die  Taufe  hielte;  weil  aber  der 

87 


Mann  so  ganz  arm  war  und  keinen  Schmaus  geben  konnte,  so  wollte  ihm 
niemand  zu  Willen  sein.  Darüber  wurde  der  arme  Mann  ganz  traurig  und 
kam  in  große  Sorge,  wie  er  es  anstellen  sollte,  daß  sein  Kind  die  Taufe  er- 
hielte. Einst,  da  er  auch  in  derselben  Sache  war  über  Feld  gewesen  und 
wieder  ohne  etwas  ausgerichtet  zu  haben  den  Heimweg  ging,  begegnete  ihm 
ein  alter  Mann,  der  einen  grauen  Kittel  trug;  derselbe,  als  er  den  Armen  so 
traurig  sah,  redete  er  ihn  an  und  fragte,  was  ihm  denn  fehlte,  daß  er  so  in 
Sorgen  seines  Weges  ginge?  >Ach  Gott«,  sprach  der  Arme,  »mir  ist  ein 
Sohn  geboren  und  die  Zeit  ist  da,  daß  er  muß  getauft  werden,  aber  niemand 
will  des  Kindes  Pathe  sein;  da  bin  ich  nun  in  großer  Verlegenheit.«  »Sei 
nur  wieder  guten  Muthes«,  sprach  der  graue  Mann,  »so  es  dir  recht  ist,  will 
ich  dein  Kind  wohl  aus  der  Taufe  heben.«  Das  nahm  der  arme  Mann  mit 
Freuden  an.  Zur  bestimmten  Stunde  stellte  sich  auch  der  Pathe  ein,  und  als 
die  Taufe  nun  zu  Ende  war,  nahm  er  von  dem  Armen  Abschied  und  sprach: 
»Nun  trage  Sorge,  daß  der  Knabe  gut  erzogen  wird;  wenn  er  vierzehn  Jahre 
alt  ist,  so  will  ich  wiederkommen  und  bringen  ihm  sein  Pathengeschenk.« 
Damit  ging  er  fort.  Es  war  aber  unser  Herrgott  selber  gewesen,  der  dem 
armen  Vater  aus  seiner  Verlegenheit  geholfen  hatte. 

Der  Knabe  wuchs  nun  heran  und  wurde  so  klug  und  lernbegierig,  daß 
sich  ein  jeder  darüber  verwunderte. 

Er  wurde  vierzehn  Jahre  alt,  und  sein  Vater  hatte  schon  gar  nicht  mehr 
an  den  grauen  Mann  gedacht,  denn  der,  meinte  er,  würde  doch  wohl  niemals 
wiederkommen  und  zu  der  Zeit  schon  längst  gestorben  sein.  An  dem  Tage 
aber,  da  gerade  die  vierzehn  Jahre  herum  waren,  kam  der  Mann,  der  des 
Knaben  Pathe  war,  in  seinem  grauen  Kittel  auf  einem  wunderschönen  Schimmel 
vor  des  armen  Mannes  Haus  geritten,  stieg  ab  und  trat  in  das  Haus  hinein. 
»Die  vierzehn  Jahre  sind  nun  herum«,  sprach  er  zu  dem  armen  Manne,  »und 
ich  bin  gekommen,  mein  Wort  zu  lösen  und  deinem  Sohn  das  Pathengeschenk 
zu  bringen,  das  soll  mein  schöner  Schimmel  sein;  wenn  der  Junge  den  wohl 
achtet  und  pflegt  und  ihn  um  Rath  fragt,  wenn  er  etwas  vorzunehmen  gedenkt 
und  immer  thut,  was  das  kluge  Thier  ihm  sagt,  so  wird  er  niemals  in  Ver- 
legenheit geraten.«     Damit  ging  er  fort  und  ließ  den  Schimmel  zurück. 

Da  sprach  der  Junge  zu  seinem  Vater:  »Nun  ich  den  schönen  Schimmel 
habe,  will  ich  auch  nicht  mehr  hier  zu  Hause  bleiben,  sondern  will  wegreiten 
in  die  weite  Welt  hinein  und  will  sehen,  daß  ich  mein  Glück  mache.«  Er 
nahm  Abschied  von  Vater  und  Mutter,  setzte  sich  zu  Pferde  und  ritt  fort. 
Nicht  lange  war  er  geritten,  so  sah  er  dicht  am  Wege  eine  Feder  liegen,  die 
glänzte  wie  lauter  Gold  und  Silber.  »Ei,  ei!  die  schöne  Feder  will  ich  mir 
nehmen!  Was  meinst  du  Schimmel?«  sprach  der  Junge  und  stieg  ab  sie 
aufzuheben.  Laß  doch  die  Feder,«  sagte  der  Schimmel,  »das  sind  ja  deine 
Sprach  der  Junge :   »Lieber  Schimmel,  die  Feder  hätt'  ich  doch 

88 


gar  zu  gern  ;  da  kann  ich  schön  mit  schreiben  und  dann  ist  sie  gewiß  auch 
viel  an  Gelde  werth;  nicht  wahr,  ich  nehm  sie  nur  mit!"  AVenn  du  meinst, 
so  thu's!«  sagte  der  Schimmel,  »aber  das  sage  ich  dir  vorher,  du  thätest  besser, 
wenn  du  sie  liegen  ließest.«  Aber  der  Junge  kehrte  sich  nicht  an  die  Warnung 
seines  Schimmels,  nahm  die  Feder  mit  und  ritt  weiter.  —  Zu  Nacht  kam  er  an 
den  Hof  des  Königs,  da  gab  er  sich  für  einen  Schreiber  aus,  und  der  König, 
der  gerade  darum  benöthigt  war,  nahm  ihn  in  seinen  Dienst.  Nun  schnitt  er 
sich  die  schöne  Feder  und  schrieb  damit.  Sie  war  aber  so  glänzend  und  gab 
so  hellen  Schein,  daß  er  gar  kein  Licht  anzuzünden  brauchte,  wenn  er  des 
Abends  beim  Schreiben  saß.  Das  sah  einer  von  der  Dienerschaft,  ging  stracks 
zum  Könige  und  erzählte  es  ihm,  und  der  König,  den  es  Wunder  nahm,  ließ 
den  Schreiber  sogleich  vor  sich  kommen,  und  der  mußte  ihm  nun  die  Feder 
zeigen.  Nicht  sobald  aber  hatte  der  König  die  wunderbare  Feder  gesehen, 
als  ihn  auch  ein  heftiges  Verlangen  erfaßte  nach  dem  Vogel,  der  die  Feder 
getragen  hatte.  »Die  Feder  ist  erstaunlich  schön  und  Goldes  werth  ,  sprach 
der  König,  »aber  schöner  noch  und  unbezahlbar  muß  der  Vogel  sein,  der  die 
Feder  getragen  hat.«  »Ja!«  sagte  der  Junge;  »wenn  man  nur  wüßte,  wo  er 
zu  finden  ist.«  »Du  mühest  dich  vergeblich  mich  zu  täuschen«,  entgegnete 
der  König;  »wo  die  Feder  gewesen,  wird  auch  der  Vogel  sein;  darum  so 
gebiete  ich  dir  bei  Leib  und  Leben,  daß  du  mir  den  Vogel  zur  Stelle  schaffst.« 
Der  Junge  erschrack  und  machte  Einwendungen,  das  half  ihm  aber  alles  nichts, 
denn  der  König  verharrte  fest  auf  seinem  Sinn.  Da  ging  er  unmuthvoll  zu 
seinem  Schimmel  in  den  Stall  und  klagte  ihm  sein  Leid  und  sprach:  Ach 
lieber  Schimmel,  wie  will  das  mit  mir  noch  werden!  Nun  der  König  die 
schöne  Feder  gesehen  hat,  nun  will  er  auch  den  Vogel  haben,  der  sie  trug; 
den  soll  ich  ihm  schaffen  bei  Todesstrafe  und  weiß  doch  nicht,  wo  er  zu 
rinden  ist.  Was  soll  ich  nun  beginnen,  das  sage  mir.«  »Da  haben  wirs 
entgegnete  der  Schimmel;  »hättest  du  damals,  wie  ich  dir  rieth,  die  Feder 
liegen  lassen,  so  wärest  du  jetzt  nicht  in  Verlegenheit.  Es  läßt  sich  aber 
wohl  noch  Rath  schaffen.  Eine  gute  Strecke  von  hier  weiß  ich  ein  ver- 
wünschtes Schloß,  darin  hängt  in  einem  goldenen  Käfige  der  Vogel  an  der 
Wand;  darum  so  wollen  wir  uns  aufmachen  und  sehen,  ob  wir  ihn  nicht 
erlangen  können.«  Da  der  Junge  das  vernahm,  schwang  er  sich  alsbald  in 
den  Sattel  und  jagte  davon,  den  Vogel  aufzusuchen.  Ehe  er  aber  zu  dem 
verwünschten  Schlosse  gelangen  konnte,  mußte  er  erst  einen  großen  Strom 
passiren,  darüber  eine  Brücke  geschlagen  war.  Da  er  eben  hinüber  reiten 
wollte,  sah  er  unten  einen  Fisch,  der  war  mit  einer  Kette  an  das  Uter  fest- 
geschlossen und  zappelte  und  mühte  sich  vergebens,  loszukommen.  »Wo! 
Schimmel!«  sprach  der  Junge,  als  er  den  armen  Fisch  so  zappeln  sah,  stieg 
ab  und  setzte  ihn  in  Freiheit.  »Das  will  ich  dir  gedenken,«  rief  der  Fisch; 
»wenn  du  meiner    einmal    bedürfen   solltest,  so  rufe  nur:  König  der  Fische! 

89 


dann  will  ich  dir,  soviel  in  meinen  Kräften  steht,  behülflich  sein.«  Als  der 
Fisch  das  gesprochen  hatte,  senkte  er  sich  munter  in  die  Tiefe  des  Wassers 
hinab.  Der  Junge  aber  ritt  über  die  Brücke  hinüber  nach  dem  Schlosse  hinzu, 
band  seinen  Schimmel  vor  die  Thür  und  ging  hinein.  Er  fand  auch  richtig 
das  Zimmer,  wo  der  Vogel  in  dem  goldenen  Käfig  an  der  Wand  hing,  nahm 
ihn  herab  und  wollte  eben  wieder  umkehren,  als  er  da  auch  eine  Junfer 
sitzen  sah,  die  hielt  in  der  Hand  ein  Bund  Schlüssel  und  lag  in  festem 
Schlafe,  wie  wenn  sie  todt  gewesen  wäre.  Sie  war  aber  so  wunderschön,  daß 
der  Junge  in  seinem  Leben  nichts  schöneres  gesehen  hatte.  Eilig  lief  er  nun 
zu  seinem  Schimmel  zurück  und  sprach:  »Ach  liebster  Schimmel,  den 
Vogel  habe  ich  nun,  aber  da  im  Schlosse  sitzt  auch  eine  Junfer,  die  ist  so 
wunderschön,  daß  ich  sie  für  mein  Leben  gerne  mitnehmen  möchte;  was 
meinst  du?  Thu  ichs  wohl  ?«  »Ich  sage  dir,«  entgegnete  der  Schimmel,  »laß 
du  die  Junfer,  wo  sie  ist;  du  hast  immer  Dinge  im  Kopfe,  die  dich  nichts 
angehen.«  »Ach  lieber,  bester  Herzensschimmel,«  sprach  der  Junge,  »du  glaubst 
gar  nicht,  wie  schön  sie  ist;  ich  muß  und  muß  sie  haben,  es  mag  nun  kommen, 
wie  es  will.«  »No  ja!«  entgegnete  der  Schimmel;  »wenn  du  es  denn  durch- 
aus willst,  so  thu,  was  du  nicht  lassen  kannst;  aber  das  sage  ich  dir  vorher, 
du  wirst  dadurch  in  große  Ungelegenheiten  kommen.«  Aber  der  Junge  kehrte 
sich  nicht  an  die  Warnung  seines  Schimmels,  trug  die  Junfer,  die  noch 
immer  in  festem  Schlafe  lag,  auf  seinen  Armen  aus  dem  Schlosse,  nahm  sie 
vor  sich  aufs  Pferd,  band  den  Käfig,  worin  der  wunderbare  Vogel  saß,  an 
den  Sattel  und  ritt  in  Eile  dem  Strome  zu.  Kaum  war  er  aber  in  der  Mitte 
der  Brücke  angekommen,  so  entstand  hinter  ihm  in  der  Gegend  des  Schlosses 
ein  schrecklich  Gekrach  und  Gepolter,  wie  wenn  die  Erde  bärste,  denn  das 
Schloß  war  nun  erlöst,  die  Junfer  schrack  zusammen  und  erwachte  aus  ihrem 
Zauberschlafe,  ließ  aber  in  demselben  Augenblicke  das  Bund  Schlüssel, 
das  sie  bis  dahin  in  der  Hand  hielt,  unversehens  über  den  Brücken- 
rand in  den  Strom  fallen.  Der  Junge  ritt  nun,  ohne  sich  an  etwas  zu 
kehren,  an  des  Königs  Hof  zurück  und  brachte  ihm  den  schönen  Vogel 
in  dem  goldenen  Käfig.  Da  aber  der  König  die  wunderschöne  Junfer  sah, 
entbrannte  er  in  so  heftiger  Liebe  zu  ihr,  daß  er  von  Stund  an  darauf  bedacht 
war,  wie  er  den  Jungen  möchte  aus  dem  Wege  schaffen.  Weil  er  ihm  nun 
sonst  nichts  anhaben  konnte,  so  machte  er  allerlei  falsche  Vorwände  und  be- 
fahl ihm  zuletzt  bei  Todesstrafe  den  Hof  zu  meiden,  den  Schimmel,  den  Vogel 
und  die  Junfer  aber  zurückzulassen.  Der  Junge  erschrak  und  machte  Ein- 
wendungen, das  hall  ihm  aber  alles  nichts,  denn  der  König  verharrte  fest  bei 
seinem  Worte.  Da  ging  er  unmuthvoll  zu  seinem  Schimmel  in  den  Stall  und 
klagte  ihm  sein  Leid  und  sprach:  »Ach  lieber  Schimmel,  wie  will  das  mit 
mir  noch  werden !  Nun  der  König  die  schöne  Junfer  gesehen  hat,  nun 
will  er  mich  hier  nicht  länger  leiden;  ich  soll  den  Hof  verlassen  und  nichts 

90 


mit  mir  nehmen,  das  hat  er  mir  geboten  bei  Todesstrafe.  Was  fange  ich 
nun  an?  Das  sage  mir!«  »Da  haben  wirsl  entgegnete  der  Schimmel;  »hättest 
du  damals,  wie  ich  dir  rieth,  die  Junfer  gelassen,  wo  sie  war,  so  wärest  du 
jetzt  nicht  in  Verlegenheit.  Nun  heißt  es,  Schimmel,  schall'  Rathl«  »Ach, 
lieber  Schimmel!«  sprach  der  Junge,  »ich  will  auch  von  jetzt  an  immer  folg- 
sam sein,  wenn  du  mir  nur  diesmal  noch  aus  der  Noth  hilfst.«  Sprach  der 
Schimmel:  »So  gehe  nur,  wie  der  König  befohlen,  von  hier  fort,  dann  will 
ich  mich  krank  stellen,  und  der  Vogel  und  die  Junfer  werden  auch  wohl 
traurig  werden  ;  du  aber  verkleide  dich  als  alter  Arzt  und  komm  zurück  und 
biete  dem  König  deine  Dienste  an.  Da  unter  der  Schwelle  liegt  eine  Ruthe 
vergraben,  damit  streiche  mir,  wenn  du  wiederkommst,  über  den  Rücken, 
dem  Vogel  über  die  Federn  und  der  Junfer  hebe  damit  den  Schleier  auf, 
so  wird  wohl  alles  wieder  gut  werden.  Dann  reite  mich  auf  dem  Hofe  spa- 
zieren, den  Vogel  laß  vor  die  Thür  in  die  frische  Luft  hängen,  und  wenn 
dann  die  Junfer  vor  die  Thüre  kommt,  so  sieh  zu,  daß  du  den  rechten 
Augenblick  wahrnimmst,  zieh  die  Junfer  zu  dir  aufs  Pferd,  nimm  schnell  den 
Vogel  von  der  Wand  und  jage  fort,  so  schnell  du  kannst«. 

Der  Junge  that,  wie  ihn  der  Schimmel  geheißen  hatte,  nahm  die  Ruthe 
unter  der  Schwelle  hervor  und  ging  fort.  Nicht  lange  war  er  weg,  so  lag 
der  Schimmel  im  Stalle  und  war  krank,  der  Vogel  blusterte  die  Federn  und 
ließ  den  Kopf  hängen,  die  Junfer  aber  saß  und  weinte.  Da  kam  der  Junge, 
nachdem  er  sich  in  einen  alten  Arzt  verkleidet  hatte,  unerkannt  wieder  an 
des  Königs  Hof  und  bot  seine  Dienste  an.  »Ich  habe  da«,  sprach  der  König, 
»einen  Schimmel,  einen  Vogel  und  eine  Junfer,  die  sind  alle  drei  nicht  recht 
munter,  wenn  du  mir  die  kuriren  könntest,  so  wollte  ich  dir  viel  Geld  geben.« 
Der  Junge  sagte,  er  wollte  einmal  seine  Kunst  versuchen,  ließ  sich  zu  der 
Junfer  bringen,  die  den  Schleier  über  das  Gesicht  gezogen  hatte  und  weinte, 
hob  ihr  mit  seiner  Ruthe  den  Schleier  auf,  und  da  erkannte  sie  ihn  und  ließ 
ihr  Weinen  sein.  > Damit  es  aber  gänzlich  besser  mit  ihr  wird,«  sprach  der 
Junge,  »muß  sie  jeden  Tag  auf  dem  Hofe  die  frische  Luft  genießen;  sonst 
möchte  sie  einen  Rückfall  bekommen.«  Jetzt  ging  es  zu  dem  Vogel.  Sobald 
ihm  der  Junge  mit  seiner  Ruthe  über  die  Federn  strich,  hob  er  den  Kopf, 
putzte  sich  und  sprang  munter  in  seinem  Käfig  umher.  »Er  muß  aber  vor 
die  Thür  in  die  frische  Luft  gehängt  werden,«  sprach  der  Junge,  »sonst 
möchte  er  einen  Rückfall  bekommen.«  Nachdem  der  Vogel  kurirt  war,  gings 
an  den  Schimmel.  Sobald  ihm  der  Junge  nur  mit  der  Ruthe  über  den  Rücken 
strich,  war  er  so  munter  wie  vorher.  »Er  muß  aber  täglich  Bewegung  in 
frischer  Luft  haben,«  sprach  der  Junge,  »sonst  möchte  er  einen  Rückfall  be- 
kommen.« Nun  ritt  der  Junge  täglich  mit  dem  Schimmel  auf  dem  Hofe 
herum,  der  Vogel  ward  vor  die  Thür  gehängt  und  die  Junfer  spazierte  zu 
ihrer  Erholung  in  der  frischen  Luft  herum. 

91 


Einstmals,  da  der  Junge  wieder  den  Schimmel  ritt  und  die  Junfer  auf 
dem  Hofe  spazierte,  nahm  er  den  günstigen  Augenblick  wahr,  wo  ihn  keiner 
beachtete,  hob  die  Junfer  vor  sich  aufs  Pferd,  riß  den  Käfig  mit  dem  Vogel 
von  der  Wand  und  jagte  davon,  so  schnell  er  nur  immer  konnte.  Der  König, 
dem  das  gemeldet  ward,  hieß  sogleich  seine  Diener  zu  Pferde  steigen,  daß  sie 
den  Jungen  verfolgen  sollten;  aber  der  Schimmel  lief  wie  der  Wind  über 
Hagen  und  Zäune,  so  daß  die,  welche  ihn  verfolgten,  bald  wieder  umkehrten, 
weil  sie  wohl  einsahen,  wie  vergeblich  es  war,  den  Flüchtigen  noch  weiter 
nachzusetzen. 

Der  Schimmel  rannte  nun  in  vollem  Galopp  immer  weiter  und  weiter 
über  den  Strom  und  die  Brücke  bis  vor  das  Schloß,  welches  war  verwünscht 
gewesen;  da  stand  er  still,  als  wenn  er  nun  zu  Hause  w7äre;  ars  sie  aber 
hineingingen,  wraren  alle  Zimmer  fest  verschlossen  und  war  zu  keinem  der 
Schlüssel  zu  finden.  Nun  wohnten  da  um  das  Schloß  herum  Leute,  die  fragte 
der  Junge,  ob  sie  nicht  die  Schlüssel  zu  dem  schönen  Schlosse  wüßten. 
»Nein!«  sagten  die  Leute,  »die  sind  verloren  gegangen;  wer  sie  aber  findet, 
der  ist  Herr  des  Schlosses  und  König  über  das  ganze  Land.«  Da  ging  der 
Junge  betrübt  zu  seinem  Schimmel  und  sprach:  »Lieber  Schimmel,  wir  müssen 
wohl  weiter  reisen,  denn  was  hilft  uns  nun  das  schöne  Schloß,'  da  wTir  doch 
nicht  wissen,  wo  dazu  die  Schlüssel  sind.«  »Nur  nicht  verzagt«,  entgegnete 
der  Schimmel;  »es  läßt  sich  wohl  noch  Rath  schaffen;  als  du  damals  mit  der 
Junfer  über  die  Brücke  rittst,  ließ  sie  die  Schlüssel  in  den  Strom  fallen; 
vielleicht  kann  dir  der  König  der  Fische  sie  wieder  suchen.«  Da  erinnerte 
sich  der  Junge  daran,  was  der  Fisch  ihm  versprochen  hatte,  als  er  ihm  die 
Freiheit  wiedergab,  lief  schnell  an  den  Strom  und  rief:  »König  der  Fische, 
König  der  Fische!«  Kaum  hatte  er  das  gesagt,  so  kam  der  Fisch  ans  Ufer 
geschwommen  und  fragte:  »Was  steht  zu  Diensten?«  Sprach  der  Junge :  »Es 
ist  schon  eine  gute  Zeit  her,  da  hat  eine  Junfer  ein  Bund  Schlüssel  hier  von 
von  der  Brücke  ins  Wasser  fallen  lassen ;  wenn  du  mir  das  wieder  schaffen 
könntest,  so  geschähe  mir  ein  großer  Gefallen.«  »Was  in  meinen  Kräften 
steht,  will  ich  thun!«  entgegnete  der  König  der  Fische;  und  alsbald  rief  er  sein 
Volk  zusammen  und  machte  bekannt,  so  und  so,  zu  der  und  der  Zeit,  an 
der  und  der  Stelle  wäre  ein  Bund  Schlüssel  von  der  Brücke  ins  Wasser  ge- 
fallen und  verloren  gegangen,  und  wer  das  wieder  fände,  der  sollte  eine  gute 
Belohnung  haben.  Sieh  da!  da  entstand  ein  Gewühl  und  Gewimmel  unter 
den  Fischen;  der  eine  schwamm  hierhin,  der  andere  schwamm  dahin,  denn 
jeder  wollte  gern  die  Belohnung  empfangen ;  es  dauerte  auch  nicht  lange, 
so  kam  einer  von  den  Fischen  eilig  wieder  angeschwommen  und  meldete  dem 
Konige  :  Das  Bund  Schlüssel  wäre  da,  aber  es  läge  ein  großer,  allmächtiger 
Wallfisch  darauf,  der  wolle  nicht  von  der  Stelle  rücken.«  »Da  wollen  wir 
bald  zukommen  I«   sprach  der  König;  »dazu  haben  wir  den  Sägefisch  mit  seiner 

92 


langen  Säge.  Rufe  mir  doch  mal  gleich  Hiner  den  Sägefisch  her!  Der  Sägefisch 
wurde  gerufen  und  kam  und  sprach  :  »Was  giebt's?  Sprach  der  Konig  zu  ihm: 
»Hör  mal!  So  und  so!  Es  liegt  ein  Wallfisch  auf  einem  Bunde  Schlüssel  und 
will  nicht  von  der  Stelle;  du  kannst  ihm  wohl  mit  deiner  langen  Säge  ein 
wenig  in  den  Bauch  schneiden,  dann  wollen  wir  doch  mal  sehen,  ob  der 
Flegel  nicht  rücken  kann."  Der  Sägefisch  schwamm  fort  und  hin  und  sägte 
dem  Walltisch  in  den  dicken  Bauch.  Aul  schrie  der  Walllisch;  ich  sage 
dir,  du  läßt  das?  Aber  das  half  ihm  nichts,  er  mußte  doch  zuletzt  ein  wenig 
autlichten  ;  da  zogen  die  Fische  das  Bund  Schlüssel  hervor  und  brachten  es 
ihrem  Könige;  der  Konig  gab  es  dem  Jungen,  der  Junge  bedankte  sich  und 
lief  damit  nach  dem  Schlosse  und  öffnete  all  die  prächtigen  Zimmer,  und  war 
nun  Herr  des  Schlosses  und  König  über  das  ganze  Land  und  heirathete  die 
schöne  Junfer;  und  wenn  sie  nicht  gestorben  sind,  so  leben  sie  noch  bis 
heute  und  auf  diesen  Tag. 

37.   Aschenpüeling  (Aschenputtel). 

Et  was  äis  en  deren,  da  moste  jümmer  buten  up  der  däl  in  der  aschen 
liggen  un  kreg  nicks  täo  äten  anse  aschenmäos  un  aschenpannkäoken ;  weil  nu 
öhre  kleder  darvan  jümmer  ganz  vull  aschen  wören,  säo  nöme  sä  öhre  stäif- 
mutter  nich  anders  ans :  Aschenpüeling  (aschenpfühlchen).  Der  fräoen  öhre  beiden 
rechten  döchter  güngen  awerst  in  gladden  kledern,  putzen  sick  den  ganzen 
dag  un  döen  nicks  anse  dat  sä  mit  öhrer  süster  schüllen,  jüst  anse  de  mutter, 
un  wenn  et  wör  wat  täo  danzen  gaf,  säo  gung  et  nich  anders,  säi  mosten 
ok  hen;  ünderdess  moste  Aschenpüeling  innehöen  un  wöre  doch  ok  geren 
meegaen. 

Nu  hat  et  sick  äis  täo  edrägen,  dat  de  könig  hochtit  häilt  un  en  gröte 
festlichkeit  anstelle,  dartäo  word  ok  de  stäifmutter  enödiget.  Ans  säi  sick 
mit  öhren  beiden  döchtern  dat  hochtitstüg  antog  un  Aschenpüeling  dabi  helpen 
moste,  »Mutter,  säe  do  Aschenpüeling;  »wäset  säo  gäot  un  latet  mi  doch  ok 
mehe  na  der  hochtit  gaen,  wenn't  ok  man  up  äine  stünne  is.  »Süh  äis !  säe 
de  stäifmutter  un  köre  ganz  spitz;  »du  Aschenpüeling  wut  naer  hochtit!  Hier 
gäit  eck  di  en  himpen  saat,  un  en  himpen  asche  tä  hope,  wenn  du  däi  weer 
ut  enander  esocht  hast,  denn  konnst  du  ok  mehe  up  de  hochtit  gaen.«  Do 
göt  öhr  dat  wif  en  himpen  saat  un  en  himpen  asche  te  hope  un  gung  mit 
öhren  beiden  döchtern  weg  up  de  hochtit. 

Aschenpüeling  fong  awerst  bitterlich  an  täo  grinen,  un  dat  harte  blödde 
öhr,  dat  säi  nich  ok  meh  gaen  dröfte,  un  sä  dachte  an  öhre  verstorbene  mutter, 
bi  der  harr  säi't  jümmer  säo  gäot  ehatt.  »Ach,  gott«,  säe  säi,  sintdeme  min 
mutter  dote  is,  hebbe  ek  doch  näine  frohe  stünne  mehr.  Säi  word  säo  be- 
dreuwet  un  dat  harte  word  öhr  säo  swär,  dat  säi  in'n  huse  nich  bliben  könne 

93 


un  des  abends  henut  gung  up  den  kerkhof  an  dat  graf  öhrer  verstorbenen 
mutter;  dar  sette  säi  sick  dal  un  green  öhre  bittersten  tränen.  Do  gaf  de  läiwe 
gott  der  mutter  de  gnade  dat  säi  spräken  un  sick  bewegen  könne.  Säi  fong 
in  Öhren  sarke  an  täo  kloppen  un  säe:  »Min  läiwe  kind !  wat  grinst  du  doch 
säo  viäl  un  last  mi  näine  ruhe  hier  in  minen  grawe!«  »Och,  mutter,  mutter«, 
säe  do  Aschenpüeling;  »min  harte  is  säo  swar  un  mine  ogen  sind  roth  van 
grinen;  nu  du  dote  bist,  nu  hebbe  ek  doch  näine  freide  un  frohe  stünne  mehr 
up  düsser  weit;  mi  wör  dat  beste  dat  ek  ok  störwe  un  läige  bi  di  in  der 
kolen  eren«;  un  do  klage  säi  öhr,  dat  säi't  säo  siecht  harre,  dat  säi  nich  satt 
täo  äten  kriäge,  un  öhre  stäifmutter  un  stäifsüstern  wören  jümmer  säo  flätsch 
gegen  säi«.  »Was  man  sille,  min  läiwe  kind,  un  hör  up  täo  grinen«,  säe  do  de 
mutter  un  recke  öhr  en  lütken  stock  ut'n  grawe;  »hier  nimm  düssen  lütken 
stock  un  ga  hen  achter  use  hüs,  dar  steit  en  Alhörenböm,  wenn  du  dar  mit 
den  stocke  ansieist  un  wünschest  di  wat,  säo  kummt  ut  den  böme  alles  herut, 
wat  du  man  hebben  wut.  Nu  lat  awerst  ok  din  grinen  un  benimm  mi  de  ruhe 
nich  in  minen  grawe  «  Ans  säi  dat  esegt  harre,  wörd  säi  stille  un  släip  weer 
in  öhren  sarke  ans  värher.  Aschenpüeling  awerst  wische  sick  nu  de  tränen  af, 
nam  den  lütken  stock,  un  weil  säi  den  ganzen  dag  nicks  ekriägen  harre  ans 
aschenmäos  un  aschenpannkäoken  un  hungrig  was,  säo  gung  säi1  achter  öhr 
hüs  un  släog  an  den  Alhörenböm  un  wünsche  sick  wat  täo  äten.  Do  kam 
ut  den  bome  herut  suer  un  kartuffeln  mit  speck  darawer  gebraet,  dat  möchte 
Aschenpüeling  van  allen  spisen  an't  läiweste  äten.  Ans  säi  sick  nu  orntliken  satt 
egiäten  harre  do  säe  säi:  »Nu  will  eck  ok  na'r  hochtit  up  dat  königliche  sloss!« 
släog  mit  öhren  stocke  an  den  Alhörenböm  un  wünsche  sick  en  glatt  kled  un 
en  paar  näie  schäoe.  Kum  dat  säi  dat  wörd  esegt  harre,  säo  kam  ut  den  böme 
herut  en  wunderhübsch  witt  kled  mit  roen  stippen  un  en  paar  schäoe,  da  wören 
ganz  van  golde.  Do  wosch  sick  de  deern,  kämme  öhre  haare  un  tog  dat  gladde 
kleed  un  de  goldenen  schäo  an;  säo  gung  säi  hen  na'r  hochtit  up  dat  könig- 
liche sloss,  un  ans  säi  in  den  saal  tratt,  verwundern  sick  alle  lue  awer  de 
wunderschöne  dame;  doch  niemand  wusste  wer  säi  was,  ok  nich  öhre  stäif- 
mutter un  öhre  beiden  stäifsüstern. 

Nu  was  dar  up  der  hochtit  ok  en  jungen  riken  prinz,  ans  däi  de  schöne 
dame  sach,  kreg  häi  'se  glik  täon  danze  her,  un  den  ganzen  abend  danze  häi 
mit  süss  näiner  ans  man  jüst  mit  öhr,  un  drücke  öhr  de  hand  un  läit  säi  nich 
ut'n  ogen,  wo  säi  gung  un  stund.  In  der  morgentit,  do  de  lue  bolle  na  hüs 
güngen,  make  säi  sick  awerst  van  ohne  los  un  läip  weg;  häi  geswinde  achter 
öhr  an  un  wolle  säi  na  hus  begleiten,  könne  säi  awerst  doch  nich  weerekriegen; 
man  bi  den  graden  lopen  harre  säi  äinen  van  öhren  goldenen  schäon  verlaren, 
den  fund  de  prinz,  un  ans  häi  damee  bi  de  lucht  kam,  sach  häi  dat  de  schäo 
säo  lütk  un  zierlich  was,  ans  häi  in  sinen  liäben  noch  näinen  esäen  harre.  »De 
schöne  dame  mot  mine  weren,  anders  wcre  eck  nich  froh!«  dachte  häi  un  gung 

94 


na'n  bedde;    man    häi   könne  näin    oge   täo   däon,    denn    jümmer    un  jümmer 
moste  häi  an  de  schöne  dame  denken. 

De  deern  was  awerst  van  den  slosse  geswinde  weer  na  hüs  un  ünder 
den  Alhörenböm  elopen,  dar  tog  säi  sick  erst  ör  ole  tüg  weer  an  un  läe  sick 
darna  bi  den  fürheerd  in  da  aschen;  dat  hübsche  witte  klüd  mit  den  roen  stippen 
un  de  äine  goldene  schäo  verswünnen  awerst  weer  in  den  böm  henin.  Mit- 
dessen  säo  kam  ök  de  stäifmutter  mit  öhren  beiden  döchtern  na  hüs.  »Wöerst 
du  nu  fliedig  ewäsen,  du  Aschenpüeling,  säo  harrest  du  ok  mee  up  de  hochtit 
gaen  könnt«,  säe  de  stäifmutter;  »da  harrst  du  äis  säen  schöllt,  wat  dar  vär'ne 
hübsche  dame  was,  da  könne  säo  glad  danzen  un  harr  en  slötewitt  kled  an 
mit  roen  stippen  un  schäoe,  da  wören  ganz  van  golde.«  Dat  säe  awerst  de 
stäifmutter  man  jüst,  ümme  der  deern  dat  harte  recht  swar  täo  maken.  Man 
Aschenpüeling  sweg  still;  säi  wusste  jo  wol,  wer  de  schöne  dame  ewäsen  was. 
Den  andern  dag  läit  de  prinz  bekannt  maken  :  häi  harre  gistern  abend 
en  lütken  goldenen  schäo  efunnen ,  welker  deern  da  schäo  passe,  da  schölle 
sine  gemalinne  weren.«  Häi  gung  mit  sinen  schäo  hüs  bi  hüs,  man  dar  was 
näine,  der  de  schäo  passen  döe.  An't  leste  kam  häi  ok  in  dat  hüs  der  stäif- 
mutter. Do  moste  de  ölste  dochter  den  schäo  an't  erste  anproberen;  da  hacken 
was  awerst  täo  lang.  Do  gung  de  mutter  mit  öhr  henüt  in  de  kamer,  nam 
dat  bil  un  haue  van  den  hacken  en  stück  af;  nu  passe  de  schäo,  de  prinz  nam 
de  deern  vär  sick  up  sin  pärd  un  rct  dermee  nä  sinen  slosse  hentäo.  Säi  mosten 
awerst  dör  en  grot  holt,  dar  satt  up'n  bome  en  rabe,  de  räip: 

»schäo  vull  bläot,  schäo  vull  bläot! 

et  is  de  rechte  nich,  et  is  de  rechte  nich!« 
Do  sach  de  prinz,  dat  der  deern  dat  bläot  üt'n  schäon  läip,  dreie  sin  pärd 
herum  un  brochte  säi  weer  na  örer  mutter  un  säe:  >Dat  is  de  rechte  nich! 
hebbe  ji  süss  näine  dochter?«  Nu  moste  de  twäite  dochter  den  schäo  anpassen; 
der  was  awerst  de  grote  teen  täo  lang.  Do  gung  de  mutter  mit  ör  henüt, 
nam  dat  bil  un  haue  den  teen  af;  nu  passe  de  schäo;  de  prinz  nam  de  deern 
vär  sick  up  sin  pärd  un  ret  darmee  na  sinen  slosse  hentäo.  In  den  holte 
satt  awerst  weer  de  rabe  de  räip  : 

»schäo  vull  bläot.   schäo  vull  bläot! 

et  is  de  rechte  nich,  et  is  de  rechte  nich! 
Do  sach  de  prinz,  dat  der  deern  dat  bläot  ut'n  schäon  läip,  dreie  sin  pärd 
herum  un  brochte  säi  weer  na  örer  mutter  un  säe:  »Dat  is  ok  de  rechte  nich! 
hebbe  ji  süss  näine  dochter  mehr?«  »Ja!«  säe  de  stäifmutter,  »wi  hebbet  dar 
noch  säo'n  Aschenpüeling,  däi  is  awerst  säo  smutzig,  dat  säi  sick  vär  lüen  nich 
kann  säen  laten.«  »Latet  säi  doch  äis  herinkuomen  «,  säe  de  prinz.  Do  moste 
Aschenpüeling  in  de  dönzen  kuomen  un  passen  ok  den  goldenen  schäo  an  un 
süh  dar!  häi  satt  wie  angegaten.  Do  kek  de  prinz  der  deern  nipe  in  de  ögen 
un   sach   nu   wol,    dat   dat   sine  schöne  dame  van  gistern  abend  was.     Vuller 

*  95 


freiden  nam  häi  se  nu  vär  sick  up  sin  pärd  un  reet  dermee  na  sinen  slosse 
hentäo,  un  ans  säi  bi  den  raben  värbi  käimen,  do  släog  däi  mit  den  fittken 
un  nickköppe  un  räip: 

»dat  is  de  rechte,  dat  is  de  rechte!« 
»Ja,    min  vuogel !    dat  is  de  rechte   un   schallt  ok  bliben  nu  un  alle  tit!«  säe 
de  prinz  un  reet  mit  sinen  läiwen  Aschenpüeling  up  sin  sloss  un  häilt  hoch- 
tit  mit  ör,  de  dure  acht  dage  lang. 

38.  Friedrich  Goldhaar. 

Vor  dieser  Zeit  ist  mal  ein  armer  Mann  gewesen,   der  hatte  einen  einzigen 
Sohn  mit  Namen  Friedrich;   und  es  begab  sich,    als  er  grade  sechzehn  Jahre 
alt  war,  daß  an  dem  nämlichen  Tage  ein  Wagen  mit  vier  Hengsten  bespannt 
vor    des   Mannes  Thüre   hielt,    da  stieg  ein  vornehmer  Herr  heraus,   trat  ein 
und  fragte  den  armen  Mann,  ob  er  ihm  nicht  einen  Knecht  wüßte,  der  Friedrich 
hieße  und  grade  sechzehn  Jahre  alt  wäre.     »Da  kommt  Ihr  eben  in  das  rechte 
Haus,«  sagte  der  Mann,    »mein  Sohn  Friedrich  hat  heute  seinen  sechzehnten 
Geburtstag.«    Sprach  der  Fremde:  »So  will  ich  ihn,  wenn  es  Euch  recht  ist, 
in  meine  Dienste  nehmen  und  will  Euch  im  voraus  den  Lohn  befahlen,  aber 
nur    unter    der   Bedingung   kann    er   mein    Knecht   sein,    daß  er  sieben  volle 
Jahre   aushält  und  in  den  sieben  Jahren  niemals  zu  Hause  geht.«    Damit  war 
der  Mann  zufrieden;    der   Fremde  warf  einen   schweren  Beutel    mit  Geld  auf 
den  Tisch,    nahm    seinen    Knecht   Friedrich    mit   in   seinen  Wagen   und   fort 
gings  wie  der  Wind,  daß  den  vier  Hengsten  die  Mähnen  sausten.    Eine  Stunde 
mochten    sie  wohl    gefahren    sein,    da   ließ    der  Herr  den  Wagen  halten  und 
sprach:    »Friedrich,  sieh  mal  hinaus!«    »Ja  Herr!«    »Friedrich,  was  siehst  du?« 
»Ach    Herr«,    sprach  Friedrich,  »ich  sehe   ein  schönes  Schloß,  das  liegt  nicht 
weit  von  hier.«     Sprach  der  Herr:    »Hier  hast  du  meine  Uhr,  Friedrich,  die  ist 
grade    zehn ;    nun    geh,    derweil    ich    auf  dich  warte,  nach  dem  Schlosse,    da 
wirst  du  gut  bewirthet  werden,   aber  Punkt  elf,  nicht  früher  und  nicht  später, 
gehst  du  wieder  fort,  und  was  man  dir  dann  giebt,   das  bringe  mit.«     »Gut, 
Herr!«   sprach  Friedrich  und  ging  in  das  Schloß;    da  waren  viele  Diener,    die 
trugen  gutes  Essen  auf  und  luden  den  Friedrich  zum  Sitzen  ein.    Der  ließ  sich 
auch  nicht  lange  nöthigen,  aß  und  trank  nach  Herzenslust  und  nachdem,  da 
es   ihm    bald    Zeit    dünkte,    sah    er  nach  der  Uhr,  und  weil  es  nahe  vor  elfe 
war,  so  brach   er    auf  zum  Weitergehen.     Da  wurde  ihm  ein  Hammelbraten 
gereicht,  den   nahm  er  mit,  wie  ihm  sein  Herr  befohlen  hatte.      Als    er   nun 
wieder  an  den  Wagen  kam,  fragte  der  Herr:   »Nun,   Friedrich,  was  bringst  du 
»O    Herr,    die    haben    mir    einen  Hammelbraten    gegeben!«      »Schön! 
Friedrich,«    sprach  der  Herr,    >lege  ihn  nur  hinten  in  den  Kutschkasten,  wir 
werden  ihn   heute  wohl  noch  nöthig  haben.«    Friedrich  that,  wie  ihm  geheißen 

96 


war.  Dann  stieg  er  wieder  zu  seinem  Herrn  in  den  Wagen,  und  fort  gings 
wie  der  Wind,  daß  den  vier  Hengsten  die  Mähnen  sausten. 

So  mochten  sie  wohl  eine  Stunde  gefahren  sein,  da  ließ  der  Herr  den 
Wagen  halten  und  sprach:  »Friedrich!  Sieh  mal  hinaus!«  »Ja  Herr!« 
»Was  siehst  du,  Friedrich?  »O  Herr,  ich  sehe  nicht  weit  von  hier  ein 
Schloß,  das  ist  noch  viel  schöner  als  das  erste  war.«  Sprach  der  Herr:  »Hier 
hast  du  meine  Uhr,  Friedrich,  die  ist  gerade  zwölf;  nun  geh,  derweil  ich 
auf  dich  warte,  in  das  Schloß,  da  wirst  du  noch  besser  bewirthet  werden  als 
das  erste  Mal;  aber  Punkt  eins,  nicht  früher  und  nicht  später,  gehst  du  wieder 
fort,  und  was  man  dir  dann  giebt,  das  bringe  mit!«  »Gut,  Herr!«  sprach 
Friedrich  und  ging  in  das  Schloß;  da  waren  noch  viel  mehr  Diener  als  in 
dem  ersten  Schloß;  die  trugen  Speisen  und  Weine  auf  von  allen  Sorten  und 
luden  den  Friedrich  zum  Sitzen  ein.  Er  ließ  sich  auch  nicht  lange  nöthigen, 
aß  und  trank  nach  Herzenslust  und  als  die  Uhr  nahe  vor  eins  war,  rüstete 
er  sich  zum  Weitergehen.  Da  wurde  ihm  ein  Gänsebraten  gereicht,  den 
nahm  er  mit,  wie  ihm  sein  Herr  befohlen  hatte.  Als  er  nun  wieder  zurück 
an  den  Wagen  kam,  so  fragte  der  Herr:  »Nun,  Friedrich,  was  bringst  du 
mit?«  »O  Herr,  sie  haben  mir  diesmal  einen  Gänsebraten  gegeben!«  »Schön! 
Friedrich;  lege  ihn  nur  hinten  in  den  Kutschkasten,  wir  werden  ihn  wohl 
heute  noch  gebrauchen  können.«  Friedrich  that,  wie  ihm  geheißen  war;  dann 
stieg  er  wieder  zu  seinem  Herrn  in  den  Wagen,  und  fort  gings  wie  der 
Wind,  daß  den  vier  Hengsten  die  Mähnen  sausten. 

Eine  Stunde  wohl  mochten  sie  so  gefahren  sein,  da  ließ  der  Herr  den 
Wagen  zum  dritten  Male  halten  und  sprach:  » Friedrich  1  Sieh  mal  hinaus!« 
»Ja  Herr!«  »Friedrich,  was  siehst  du  nun?«  »O,  Herr!  Nun  sehe  ich 
nicht  weit  von  hier  ein  Schloß,  das  ist  so  schön,  wie  ich  in  meinem  ganzen 
Leben  noch  keins  gesehen  habe.«  Sprach  der  Herr:  »Hier,  Friedrich,  hast 
du  meine  Uhr,  die  ist  grade  Zwei;  nun  geh,  derweil  ich  auf  dich  warte,  in 
das  Schloß,  da  wird  man  dich  bewirthen,  wie  noch  nie;  aber  Punkt  drei  Uhr, 
nicht  früher  und  nicht  später,  gehst  du  wieder  fort  und  was  man  dir  dann 
giebt,  das  bringe  mit.«  »Gut,  Herr!«  sprach  Friedrich  und  ging  in  das  Schloß; 
da  war  ein  Leben  und  Gewühl  von  Dienern,  nicht  anders  wie  an  eines  Königs 
Hofe,  die  trugen  die  köstlichsten  Speisen  und  Weine  auf  und  luden  den 
Friedrich  zum  Sitzen  ein.  Er  ließ  sich  auch  nicht  lange  nöthigen,  aß  und 
trank  nach  Herzenslust  und  als  die  Uhr  nahe  vor  drei  war,  rüstete  er  sich 
zum  Weitergehen.  Da  wurde  ihm  ein  Schweinsbraten  gereicht,  den  nahm 
er  mit,  wie  ihm  sein  Herr  befohlen  hatte.  Als  er  nun  wieder  zurück  an  den 
Wagen  kam,  so  fragte  der  Herr:  »Nun,  Friedrich,  was  bringst  du  diesmal 
mit?«  »O,  Herr;  sie  haben  mir  einen  Schweinsbraten  gegeben.«  »Schön, 
Friedrich;  lege  ihn  nur  hinten  in  den  Kutschkasten;  wir  werden  ihn  wohl 
heute  noch  gebrauchen  können.«     Friedrich  that,  wie  ihm  geheißen  war;  dann 

7*  97 


stieg  er  wieder  zu  seinem  Herrn  in  den  Wagen  und  fort  gings  wie  der 
Wind,  daß  den  vier  Hengsten  die  Mähnen  sausten. 

Wohl  eine  Stunde  mochten  sie  so  gefahren  sein,  da  ließ  der  Herr  zum 
vierten  Male  halten.  »Friedrich!«  sprach  er  wieder;  »sieh  mal  hinaus!«  »Ja 
Herr!«  »Friedrich»,  was  siehst  du  denn  nun?«  »O  Herr,  ich  sehe  nicht 
weit  von  hier  ein  Schloß,  das  ist  so  erbärmlich  schlecht,  wie  ich  in  meinem 
ganzen  Leben  noch  keins  gesehen  habe.«  »Das  ist  aber  gerade  das  Schloß, 
mein  lieber  Friedrich,  wo  du  die  sieben  Jahre  dienen  mußt.  Jetzt  nimm  die 
drei  Braten,  die  wirst  du  gut  gebrauchen  können;  denn  um  auf  das  Schloß 
zu  kommen,  mußt  du  durch  drei  Pforten ;  vor  der  ersten  liegt  ein  Löwe,  vor 
der  zweiten  ein  Bär,  vor  der  dritten  ein  Wildschwein ;  dem  Löwen  gibst  du 
den  Hammelbraten,  dem  Bären  den  Gänsebraten  und  dem  Wildschwein  den 
Schweinsbraten,  so  werden  sie  dich  frei  passiren  lassen;  in  dem  Schlosse 
aber  wirst  du  Einen  finden,  der  wird  dir  deine  Arbeit  geben.  Leb  wohl, 
Friedrich  und  halt  dich  gut!«  Friedrich  stieg  aus,  wie  ihm  sein  Herr 
befohlen  und  fort  rollte  der  Wagen  wie  der  Wind,  daß  den  vier  Hengsten 
die  Mähnen    sausten. 

Als  Friedrich  nun  auf  das  Schloß  wollte,  so  lag  vor  der  ersten  Pforte 
ein  Löwe,  dem  gab  er  den  Hammelbraten;  vor  der  zweiten  Pforte  lag  ein 
Bär,  dem  gab  er  den  Gänsebraten,  vor  der  dritten  Pforte  aber  lag  ein  Wild- 
schwein, dem  warf  er  den  Schweinsbraten  hin;  da  ließen  ihn  die  Thiere  frei 
in  das  Schloß  hinein.  Kaum  war  er  eingetreten,  so  kam  ihm  gleich  ein 
graues  Männchen  entgegen.  »Sieh!  Friedrich!  Bist  du  da?«  sprach  das 
Männchen;  »auf  dich  habe  ich  schon  lange  gewartet.  Nun  merk  auf!  Hier 
hast  du  ein  kleines  Stöckchen,  damit  kannst  du  dir  das  nöthige  Essen  schaffen. 
In  meinem  Stalle  steht  sodann  ein  Schimmel  und  ein  Esel;  dem  Schimmel 
giebst  du  Aas  zu  fressen,  dem  Esel  Heu;  thust  du  aber  anders  und  giebst 
dem  Schimmel  Heu  und  dem  Esel  das  Aas,  so  mußt  du  sterben.  Ferner 
siehst  du  da  im  Hofe  zwei  Brunnen;  aus  dem  einen,  der  offen  ist,  kannst  du 
trinken  und  auch  dem  Vieh  daraus  zu  saufen  geben,  der  andere  ist  mit  einer 
Fallthüre  verschlossen,  da  darfst  du  aber  niemals  hineinsehen;  thust  du's  doch, 
so  mußt  du  sterben.  Noch  eins!  Merke  dir  diese  Zimmerthür;  läßt  du  dir 
jemals  einfallen,  sie  auf  zu  machen,  so  mußt  du  sterben.  Nun  weißt  du 
was  du  zu  thun  und  wie  du  dich  in  deinen  sieben  Dienstjahren  zu  verhalten 
hast.     Adieu!«      Damit   ging  das  Männchen  fort. 

Friedrich  trat  nun  seinen  Dienst  an,  fütterte  zur  rechten  Zeit  den  Schimmel 
mit  Aas  und  den  Esel  mit  Heu  und  tränkte  sie  aus  dem  offenen  Brunnen, 
wie  das  Männlein  ihm  geboten  hatte.  Mit  Hülfe  seines  Stöckleins  wünschte 
er  sich  Essen  herbei,  so  viel  er  mochte;  hüthete  sich  auch  wohl  in  den  ver- 
verdeckten Brunnen  zu  sehen  oder  das  verbotene  Zimmer  aufzumachen.  So 
vergingen  drei  Jahre.     Nun   hatte  er  aber,  da  er  so  plötzlich  von    Haus  fort- 

98 


gekommen  war,  nicht  daran  gedacht,  Kamm  und  Scheere  mitzunehmen,  darum 
wuchs  ihm  sein  Haar  zuletzt  so  lang,  daß  es  in  verwilderten  Locken  tief  über 
seinen  Nacken   hinabwallte. 

Drei  Jahre  lang  hatte  er  pünktlich  gethan,  was  ihm  befohlen  war,  da 
faßte  ihn  ein  heftiges  Verlangen,  einmal  zuzusehen,  was  wohl  in  dem  ver- 
botenen Zimmer  sein  möchte.  Kaum  aber  hatte  er  die  Thüre  aufgemacht, 
so  schlug  ihm  daraus  mit  Qualm  und  Dampf  die  heiße,  lichte  Lohe  entgegen, 
und  in  demselben  Augenblicke  erschien  auch  das  graue  Männchen,  das  sich 
sonst  in  den  drei  Jahren  gar  nicht  wieder  hatte  sehen  lassen.  »Friedrich, 
du  hast  geguckt!«  sprach  es  drohend;  »diesmal  soll  es  noch  so  hingehen;  thust 
du  es  aber  noch  ein  einziges  Mal  wieder,  so  mußt  du  ohne  Gnade  sterben!« 
Damit  verschwand  es.  »Ich  werde  mich  wohl  hüthen,«  dachte  Friedrich;  »in 
einem  Zimmer  voll  Feuer  und  Flammen  habe  ich  nichts  zu  suchen.« 

So  ging  wieder  ein  Jahr  dahin;  er  that  pünktlich,  was  ihm  befohlen 
war,  fütterte  den  Schimmel  mit  Aas  und  den  Esel  mit  Heu  und  tränkte  sie 
aus  dem  offenen  Brunnen.  Aber  einstmals,  da  er  wieder  Wasser  schöpfte, 
trieb  ihn  doch  die  Neugierde  so  sehr,  daß  er  hinging  und  den  verdeckten 
Brunnen  aufmachte  und  sich  hinüberbeugte,  zu  schauen,  was  wohl  darinnen 
wäre.  Mit  dem  so  fielen  seine  langen  Locken  in  das  Wasser  hinab,  und  als 
er  sie  zurückzog,  waren  sie,  so  weit  das  Wasser  gereicht,  ganz  golden  ge- 
worden. Da  schöpfte  er  mit  den  Händen  noch  mehr  von  dem  Wasser  und 
wusch  sein  ganzes  Haar  damit,  das  glänzte  nun  mit  sammt  den  Händen  wie 
eitel  Gold.  In  dem  nämlichen  Augenblicke  erschien  aber  auch  schon  das 
graue  Männchen  wieder.  »Friedrich!«  sprach  es  drohend;  du  hast  geguckt! 
Thust  du  das  noch  ein  einziges  Mal,  so  mußt  du  sterben  ohne  Gnade  und 
Barmherzigkeit.«  Damit  verschwand  es.  Friedrich  aber,  dem  die  Sache  noch 
jedesmal  so  glücklich  abgelaufen  war,  nahm  sich  vor,  nun  auch  dem  Schimmel 
nicht  mehr  Aas,  sondern  Heu  und  dem  Esel  nicht  mehr  Heu,  sondern  Aas 
zu  geben.  Gedacht,  gethan.  Sobald  aber  der  Schimmel  das  Heu  zu  fressen 
kriegte,  fing  er  mit  einem  Male  zu  sprechen  an.  »Friedrich,«  sprach  der 
Schimmel,  »es  wird  uns  beiden  schlimm  ergehen,  wenn  wir  nicht  suchen  zeitig 
von  hier  weg  zu  kommen;  heut  Mittag  um  zwölf  halte  dich  zur  Flucht 
bereit,  aber  vergiß  nicht,  meinen  Kamm,  meine  Bürste  und  meinen  Staub- 
lappen mitzunehmen,  sie  können  uns  vielleicht  von  größtem  Nutzen  sein.« 
Friedrich,  dem  es  auf  dem  alten  einsamen  Schlosse  auch  gar  nicht  mehr  recht 
gefallen  wollte,  that  wie  der  Schimmel  ihm  geheißen  hatte;  er  umwickelte 
sich  aber  Kopf  und  Hände  mit  Tüchern,  daß  von  dem  Golde  nichts  mehr 
zu  sehen  war,  dann  sattelte  er  den  Schimmel  und  Punkt  zwölf  Uhr  schwang 
er  sich  auf  und  jagte  ins  Weite,  so  schnell  der  Schimmel  nur  laufen  konnte. 

Nicht  lange  waren  sie  geritten,  da  rief  der  Schimmel:  ^Friedrich,  sieh 
dich  mal  um,  ob  auch  wer  kommt!«      »O  weh!«  sprach  Friedrich,   »ich  sehe 

99 


das  graue  Männchen,  das  ist  schon  ganz  dicht  hinter  uns!«  »So  wirf  schnell  den 
Kamm  zurück!«  Friedrich  that  es  und  alsbald  wurde  daraus  ein  langer  tiefer 
Graben,  den  mußte  das  Männchen  erst  umgehen,  eh  es  weiter  konnte.  Aber 
es  dauerte  nicht  lange,  da  rief  der  Schimmel  wieder:  »Friedrich,  sieh  dich 
mal  um,  ob  auch  wer  kommt!«  »O  weh«,  sprach  Friedrich;  »ich  sehe  das 
graue  Männchen,  das  ist  schon  wieder  ganz  nahe  hinter  uns.«  »So  wirf 
schnell  die  Bürste  zurück!«  Friedrich  that  es;  und  sogleich  entstand  daraus 
ein  dichter,  ganz  mit  Dorngebüsch  durchwachsener  Wald,  da  mußte  das 
Männchen  erst  mit  Mühe  hindurch,  ehe  es  weiter  konnte.  Aber  es  dauerte 
nicht  lange,  als  der  Schimmel  zum  dritten  Male  rief:  »Friedrich,  sieh  dich 
mal  um,  ob  auch  wer  kommt!«  »O  weh«,  sprach  Friedrich,  »ich  sehe  das 
graue*  Männchen,  das  ist  schon  wieder  ganz  nahe  hinter  uns.«  »So  wirf 
schnell  den  Staublappen  zurück!«  Kaum  war  es  geschehen,  so  entstand 
daraus  ein  großes,  großes  Wasser,  das  war  so  tief  und  gingen  so  hohe 
Wellen  darauf,  daß  das  Männlein  nicht  hinüber  konnte  und  verdrießlich 
wieder  nach  Hause  lief. 

Friedrich  ritt  nun  gemächlich  weiter;  und  als  er  gegen  Abend  über  einen 
Hügel  kam,  sah  er  auf  einmal  vor  sich  in  der  Ebene  ausgebreitet  eine  prächtige 
Stadt,  deren  Thürme  glänzten  weithin  von  den  Strahlen  der  rothen  Abend- 
sonne. Es  war  das  aber  die  Stadt,  wo  der  König  Hof  hielt.  Nun  stand 
nicht  weit  vom  Wege  ab  ein  großer  hohler  Eichbaum,  als  den  der  Schimmel 
sah,  sprach  er:  »Ich  will  hier  in  dem  hohlen  Baume  bleiben;  du  aber  geh 
hin  an  den  königlichen  Hof  und  vermiethe  dich  als  Küchenjunge;  alle  vier- 
zehn Tage  mußt  du  aber  kommen  und  mir  ein  Pfund  Brod  bringen.«  So 
blieb  der  Schimmel  in  der  hohlen  Eiche ;  Friedrich  aber  ging  an  den  könig- 
lichen Hof  und  fragte  den  König,  ob  er  nicht  einen  Küchenjungen  gebrauchen 
könnte.  »Du  kommst  mir  recht,«  sprach  der  König;  »einen  Küchenjungen  habe 
ich  gerade  nöthig.  Aber  was  heißt  denn  das?  Du  hast  ja  deinen  Kopf 
und  deine  Hände  verbunden.«  »Mit  Verlaub,  Herr  König!  Ich  habe  einen 
bösen  Grind.«  Sprach  der  König:  »So  kann  ich  dich  nur  unter  der  Bedingung 
in  meine  Dienste  nehmen,  daß  du  des  Nachts  bei  dem  Vieh  im  Stalle  liegst.« 
Friedrich  war  damit  zufrieden  und  wurde  nun  des  Königs  Küchenjunge;  das 
Gesinde  aber  nannte  ihn  nicht  anders  als  den  Grindhans,  darum,  daß  er 
Kopf  und  Hände  stets  verbunden  trug. 

Nach  vierzehn  Tagen  ging  er  zu  der  hohlen  Eiche  und  brachte  dem 
Schimmel  ein  Pfund  Brod.  Da  fragte  der  Schimmel:  »Nun,  Friedrich,  wie  ge- 
fällt dir  dein  Dienst?«  »Ach,  schlecht,«  entgegnete  er;  »sie  schelten  mich  immer 
Grindhans,  und  dann  muß  ich  auch  bei  dem  Vieh  im  Stalle  schlafen.«  Sprach 
der  Schimmel:  »So  geh  hin  zu  dem  Gärtner,  der  dicht  neben  des  Königs 
Schlosse  wohnt,  bei  dem  verdinge  dich  als  Gärtnerbursch.  Hier  nimm  diese 
drei  Büchsen    voll    Samen,    wenn  du    den    ausstreust,    so    werden    daraus   die 


schönsten  Blumen  wachsen.  Du  darfst  aber  auch  nicht  vergessen,  mir  alle 
vierzehn  Tage  ein  Pfund  Brod  zu  bringen.  <  Friedrich  ging  nun  hin  zu  dem 
Gärtner  und  fragte,  ob  er  nicht  einen  Burschen  gebrauchen  könnte.  »Du  kommst 
mir  gerade  recht,«  sprach  der  Gärtner;  »einen  Burschen,  wie  du  bist,  habe  ich 
schon  lange  gesucht;  aber  warum  hast  du  dir  denn  Kopf  und  Hände  verbunden?« 
»Mit  Verlaub,  Herr  Gärtner;  ich  habe  den  Grind.«  Sprach  der  Gärtner:  »So 
kann  ich  dich  nicht  anders  behalten,  als  wenn  du  im  Gartenhause  schlafen 
willst.«  Friedrich  war  damit  zufrieden;  er  streute  den  Samen  ins  Land,  den 
ihm  der  Schimmel  gegeben  hatte,  und  bald  wuchsen  die  schönsten  Blumen 
hervor. 

Eines  Morgens,  da  er  ganz  allein  im  Garten  arbeitete,  fiel  ihm  ein:  »Du 
hast  nun  so  lange  Zeit  dein  Haar  nicht  los  gehabt,  daß  es  wohl  an  der  Zeit  ist, 
es  einmal  zu  kämmen.«  Darum  so  machte  er  das  Tuch  los,  setzte  sich  an  einen 
sonnigen  Ort  und  strählte  sich  das  Haar.  Das  war  eine  Pracht  zu  sehen, 
wie  ihm  da  die  langen  goldenen  Locken  über  die  Schultern  wallten  und  wie 
sie  funkelten  und  blitzten  wie  lauter  Gold  in  der  Morgensonne.  Nun  lagen 
aber  die  Zimmer  der  königlichen  Prinzessin  nach  dem  Garten  hin;  in  die 
strahlte  der  Sonnenwiderschein  von  Friedrichs  Goldhaar  und  spielte  an  den 
Wänden,  und  als  die  Prinzessin  das  sah,  öffnete  sie  das  Fenster,  zu  schauen, 
woher  der  ungewohnte  Glanz  wohl  kommen  möchte;  da  sah  sie,  daß  des 
Gärtners  Bursche  mit  goldenen  Händen  seine  goldenen  Locken  strählte,  die 
schimmerten  in  so  lichtem  Scheine,  daß  die  Prinzessin  ihre  Augen  mit 
den  Händen  deckte.  Der  Bursche  gefiel  ihr  aber  so  wohl,  daß  sie  sogleich 
ihre  Dienerin  zu  dem  Gärtner  schickte,  er  möchte  ihr  doch  von  den  schönen 
Blumen  aus  seinem  Garten  einen  Strauß  schicken,  aber  der  Bursche  solle  ihn 
herbringen.  Als  das  Friedrich  vernahm,  pflückte  er  einen  schönen  Strauß, 
ging  damit  aufs  Schloß  und  brachte  ihn  der  Prinzessin ;  seinen  Kopf,  wie 
auch  seine  Hände  hatte  er  aber  wieder  mit  Tüchern  umwickelt,  daß  von  dem 
Golde  nichts  zu  sehen  war.  »Grober  Schlingel!«  rief  da  die  Prinzessin;  »warum 
nimmst  du  die  Mütze  nicht  ab?  Weißt  du  nicht,  vor  wem  du  stehst?«  Ihr 
seid  die  königliche  Prinzessin!«  entgegnete  Friedrich  ;  »aber  meine  Mütze  kann 
ich  nicht  abnehmen,  weil  ich  den  Grind  habe.  <  »Junge,  du  lügst!«  rief  die 
Prinzessin,  sprang  auf  ihn  zu  und  wollte  ihm  das  Tuch  vom  Kopfe  ziehen, 
er  aber  entwischte  ihr  und  lief  weg  in  den  Garten  an  seine  Arbeit.  Den  andern 
Morgen  schickte  die  Prinzessin  wieder  zu  dem  Gärtner,  er  möchte  ihr  von 
den  schönen  Blumen  noch  einen  Strauß  schicken,  aber  der  Bursche  müßte 
ihn  herbringen.  Als  Friedrich  das  vernahm ,  pflückte  er  einen  noch  viel 
schöneren  Strauß  als  das  erste  Mal,  ging  damit  aufs  Schloß  und  brachte  ihn 
der  Prinzessin ;  sobald  er  aber  in  der  Stube  war,  verschloß  die  Prinzessin  die 
Thüre.  »Grober  Schlingel!«  rief  sie  wieder;  »warum  nimmst  du  deine  Mütze 
nicht  ab?  Weißt  du  nicht,  vor  wem  du  stehst  und  daß  sich  das  nicht  schickt?« 


»Ihr  seid  die  königliche  Prinzessin,«  entgegnete  Friedrich;  »aber  verzeiht! 
meine  Mütze  kann  ich  nicht  abnehmen,  weil  ich  den  Grind  habe.«  »Junge! 
Schelm!  du  lügst!«  rief  die  Prinzessin,  sprang  auf  ihn  zu  und  rang  so  lange 
mit  ihm,  bis  sie  ihm  endlich  das  Tuch  vom  Kopfe  zog;  da  wallten  ihm  mit 
einem  Male  seine  langen  goldenen  Locken  über  den  Nacken  herab.  »Das 
wüßt  ich  wohl,  du  Goldjunge!«  rief  die  Prinzessin  voller  Freuden;  »dich 
will  ich  nun  auch  zu  meinem  Gemahle  haben,  es  mag  gehen  wie  es  will!« 
Und  da  faßte  sie  ihn  bei  den  Locken  und  küßte  ihn  und  konnte  sich 
gar  nicht  satt  sehen  an  all  dem  Glänze,  der  von  dem  goldenen  Haare 
strahlte. 

Es  währte  aber  nicht  lange,  so  ward  dem  Könige  hinterbracht,  daß  sich 
seine  Tochter  zu  dem  Gärtnerburschen,  dem  Grindhans,  hielte  und  daß  sie 
dächte,  ihn  zu  ihrem  Gemahl  zu  nehmen.  Darüber  gerieth  der  König  in  so 
heftigen  Zorn,  daß  er  der  Prinzessin  Befehl  gab,  das  Schloß  zu  verlassen. 
Da  ging  sie  hin  zu  ihrem  lieben  Gärtnerburschen,  mit  dem  wohnte  sie  nun 
zusammen  in  dem  kleinen  Gartenhause. 

Es  begab  sich  aber  zu  derselben  Zeit,  daß  ein  mächtiger  Feind  mit 
einem  großen  Kriegsheere  in  des  Königs  Land  fiel;  da  rüstete  sich  der  König, 
eine  Schlacht  zu  schlagen.  Den  Tag  vorher  aber,  ehe  der  König  auszog,  kam 
Friedrich  zu  dem  Schimmel  in  der  hohlen  Eiche  und  brachte  ihm  sein  Brod. 
Da  fragte  der  Schimmel:  »Nun,  Friedrich,  wie  gefällt  es  dir  bei  dem  Gärtner?« 
v Recht  gut!«  entgegnete  er.  Sprach  der  Schimmel:  »Morgen  früh  komme 
bei  Zeiten  wieder,  so  will  ich  dir  einen  guten  Rath  geben.«  Als  nun  Friedrich 
am  andern  Morgen  zu  dem  Schimmel  kam,  gab  ihm  der  ein  Schwert  und 
sprach  :  »Es  wird  nicht  lange  währen,  so  kommt  der  König  mit  seinem  Heere 
an  dem  Strome  heraufgezogen ;  dann  setze  du  dich  ans  Ufer  und  schlage  mit 
dem  Schwerte  ins  Wasser  und  sprich  dazu:  »Einen  erhauen,  Einen  erstochen!« 
und  wenn  das  Heer  vorüber  ist,  so  komm  zurück.«  Friedrich  that,  wie  ihm 
der  Schimmel  gesagt  hatte.  Da  nun  das  Heer  heranzog  und  ihn  sitzen  sah, 
sprachen  die  Soldaten  untereinander:  »Seht!  da  sitzt  Grindhans,  des  Königs 
Schwiegersohn!«  und  spotteten  über  ihn.  Sobald  sie  aber  vorüber  waren, 
ging  Friedrich  schnell  wieder  zu  dem  Schimmel  zurück,  der  gab  ihm  zu  dem 
Schwerte  auch  noch  eine  prächtige  Rüstung.  »Friedrich,«  sprach  der  Schimmel 
da,  -es  wird  nun  die  Zeit  sein,  wo  die  Heere  gegen  einander  stoßen,  darum 
rüste  dich  und  reite  auf  den  Kampfplatz,  wenn  du  dann  drei  Kreuzhiebe  mit 
deinem  Schwerte  thust,  so  werden  gleich  dreimal  hunderttausend  Feinde  er- 
schlagen liegen,  und  der  König  wird  heute  den  Sieg  erlangen;  verweile  dich 
aber  nicht,  sondern  reite,  sobald  es  geschehen,  hier  zu  der  Eiche  zurück,  lege 
deine  Rüstung  ab  und  setze  dich  an  den  Strom  und  thu  wie  vorhin.«  Da 
machte  Friedrich  sein  Goldhaar  los,  rüstete  sich,  schwang  sich  auf  den  Schimmel 
und    ritt    in  vollem  Galopp  dem  Heere  nach,  daß  seine  goldenen  Locken  im 


102 


Winde  wehten  ;  und  als  er  auf  das  Feld  kam,  wo  die  Heere  an  einander  waren, 
that  er  drei  Kreuzhiebe  mit  seinem  Schwerte,  da  lagen  gleich  dreimal  hundert- 
tausend Feinde  erschlagen,  die  andern  flohen.  So  war  an  diesem  Tage  die 
Schlacht  für  den  König  gewonnen.  Da  rief  der  König:  "Nun  bringt  mir  den 
Reuter  mit  dem  Goldhaar  her,  daß  ich  sehe,  wer  er  ist  und  ihn  belohnen 
kann,  denn  er  allein  hat  uns  den  Sieg  erstritten!«  Er  war  aber  nirgends 
mehr  zu  finden;  denn  Friedrich,  nachdem  die  Schlacht  entschieden,  war  sogleich 
wieder  davongeritten.  Er  brachte  den  Schimmel  wieder  in  die  hohle  Eiche, 
legte  die  blanke  Rüstung  ab  und  umwand  seinen  Kopf  mit  dem  Tuche;  darnach 
ging  er  an  den  Strom  und  haute  mit  dem  Schwerte  ins  Wasser  und  sprach 
dabei  in  einem  fort:  »Einen  erhauen,  Einen  erstochen;  Einen  erhauen,  Einen 
erstochen !« 

Da  nun  das  Heer,  des  Sieges  froh,  mit  voller  Musik  stromab  den  Heimweg 
zog  und  die  Soldaten  den  Friedrich  an  dem  Strome  sitzen  sahen,  sprachen  sie 
untereinander:  »Seht !  da  sitzt  Grindhans,  des  Königs  Schwiegersohn!«  Als 
sie  aber  vorüber  waren,  brachte  Friedrich  dem  Schimmel  das  Schwert  zurück. 
Da  sprach  der  Schimmel:  »Morgen  früh  komm  wieder  und  thu,  wie  du  heute 
gethan  hast,  denn  es  wird  noch  eine  zweite  Schlacht  zu  schlagen  sein,  weil 
des  Königs  Feinde  sich  wieder  gesammelt  haben.«  Es  kam  auch,  wie  der 
Schimmel  gesagt  hatte. 

Den  andern  Morgen  zog  der  König  mit  seinem  Heere  den  Strom  hinauf, 
und  die  Soldaten  hatten  über  Friedrich  ihren  Spott  und  sprachen  unter  einander: 
»Seht!  da  sitzt  der  Grindhans,  des  Königs  Schwiegersohn!«  Er  aber  wartete, 
bis  sie  vorüber  waren;  dann  rüstete  er  sich,  schwang  sich  in  den  Sattel  und 
jagte  ihnen  nach  in  vollem  Galopp,  daß  seine  goldenen  Locken  im  Winde 
wallten.  Es  war  auch  die  höchste  Zeit,  daß  er  auf  dem  Schlachtfelde  ankam, 
denn  schon  war  des  Königs  Heer  im  Weichen.  Da  schwang  er  rasch  sein 
Schwert  und  that  diesmal  fünf  Kreuzhiebe,  da  lagen  fünfmal  hunderttausend 
Feinde  erschlagen  und  waren  alle  todt  bis  auf  den  letzten  Mann. 

Es  hatte  aber  der  König  diesmal  den  Befehl  gegeben,  wenn  der  Reuter 
mit  dem  Goldhaar  wiederkäme,  daß  man  ihn  um  jeden  Preis  anhalten,  oder, 
wenn  er  entflöhe,  auf  ihn  schießen  sollte,  so  groß  war  des  Königs  Verlangen, 
zu  wissen,  wer  er  war  und  woher  er  käme.  Da  nun  Friedrich,  als  der  Sieg 
entschieden,  rasch  davon  jagte,  und  die  Soldaten  sahen,  daß  sie  ihn  nicht 
fangen  konnten,  gaben  sie  Feuer ;  er  entkam  aber  glücklich ;  nur  eine  Kugel 
schrammte  ihm  das  Bein. 

Nachdem  er  nun  in  der  hohlen  Eiche  seinen  Waffenschmuck  wieder 
abgelegt  und  sein  Haar  mit  dem  Tuche  umwunden  hatte,  setzte  er  sich  an 
das  Wasser;  und  als  das  Heer  nun  unter  voller  Musik  den  Strom  hinab 
marschierte,  sprachen  die  Soldaten  spottend:  »Seht!  da  sitzt  Grindhans,  des 
Königs  Schwiegersohn!«     Er    aber   kehrte  sich  nicht  daran,  sondern  brachte, 

103 


da  sie  vorüber  waren,  dem  Schimmel  das  Schwert  zurück.  Da  sprach  der 
Schimmel:  >  Jetzt,  Friedrich,  ist  deine  Prüfungszeit  zu  Ende;  darum  so  binde 
deine  Locken  los,  rüste  dich  und  ziehe  an  den  Hof  des  Königs.  Erst  aber 
thu  mir  den  Gefallen  und  schlag  mir  den  Kopf  ab,  daß  ich  nun  auch  erlöst 
werde.«  Weil  nun  der  Schimmel  so  sehr  darum  bat,  so  faßte  Friedrich  das 
Schwert  und  hieb  ihm  den  Kopf  ab.  Sobald  aber  das  Blut  floß,  verwandelte 
sich  der  Schimmel  in  eine  schöne  Dame,  und  die  war  niemand  anders,  als 
die  Schwester  des  Königs,  welche  in  den  Schimmel  war  verwünscht  gewesen. 
Da  ging  Friedrich  mit  ihr  an  den  königlichen  Hof  und  gab  sich  zu  erkennen 
und  erzählte  dem  Könige,  wie  das  alles  so  gekommen  war.  Da  ward  auch 
die  Prinzessin  aus  dem  Gartenhause  geholt,  und  der  König  vermählte  sie  nun 
mit  Friedrich  und  stellte  eine  große  Hochzeit  an;  und  als  sie  zur' Kirche 
gingen,  erstaunte  alles  Volk  und  freute  sich  über  Friedrichs  goldene  Locken 
und  Hände,  die  blitzten  und  funkelten  wie  lauter  Gold  im  Sonnenlichte. 


39.  Der  Schweinejunge  und  die  Prinzessin. 

Da  war  einmal  ein  Schweinejunge,  der  kaufte  sich,  die  Zeit  zu  kürzen, 
eine  Pfeife  und  drei  kleine  bunte  Ferklein  dazu,  und  brachte  es  durch  Zeit 
und  Fleiß  zuwege,  daß  die  Thierlein  nach  dem  Ton  der  Pfeife  gar  zierlich  auf 
zwei  Beinen  tanzen  lernten;  Galopp  und  Walzer,  kurzum  alle  Tänze,  wie 
sie  des  Landes  Brauch  waren.  Wenn  er  dann  seine  Heerde  hinaustrieb  in  den 
Wald  und  sich  da  lagerte,  so  zog  er  sein  Pfeifchen  hervor  und  spielte  eine 
lustige  Weise,  und  wie  er  pfiff,  fingen  die  drei  Ferklein  gleich  zu  tanzen  an 
und  sprangen  munter  um  ihn  herum;  das  war  ihm  eine  liebe  Zeitverkürzung 
in  der  Einsamkeit  des  Waldes. 

Nun  traf  es  sich,  daß  er  einmal  hinaustrieb  bis  vor  der  königlichen  Prin- 
zessin ihr  Sommerschloß.  Da  legte  er  sich  unter  einen  Eichbaum  in  die 
warme  Sonne  und  ließ  wieder  seine  Schweinchen  nach  der  Pfeife  tanzen. 
Das  sah  von  ihrem  Fenster  aus  die  Prinzessin  und  kam  ihr  so  lieb  und  drollig 
vor,  daß  sie  sogleich  ihre  Magd  zu  dem  Jungen  hinunter  schickte  und  ihn 
fragen  ließ,  ob  er  nicht  von  den  Ferklein  eins  verkaufen  wollte.  »Einen 
schönen  Gruß  von  der  Prinzessin«,  sagte  die  Magd  zu  dem  Jungen,  »und  ob 
von  deinen  schönen  bunten  Ferklein  nicht  eins  zu  kaufen  wäre?«  »Zu  kaufen 
nicht«,  sprach  der  Junge,  »aber  abzuverdienen.  Sage  nur  deiner  Prinzessin, 
wenn  ich  eine  Nacht  bei  ihrer  Kammerjunfer  im  Bette  schlafen  sollte,  so 
würde  ich  gern  von  meinen  Ferklein  eins  hergeben:«  Mit  dem  Bescheid  ging 
die  Magd  zu  der  Prinzessin;  die  trug  aber  so  großes  Verlangen  nach  dem 
niedlichen  Ferklein,  daß  sie  dem  Jungen  seinen  Willen  ließ.  Darnach  als  sie 
das  Ferklein  hatte,   kaufte  sie  sich    eine  Pfeife    und  wollte    das  Ferklein  aucli 

104 


tanzen  lassen,  aber  es  tanzte  nicht;  sie  spielte  die  schönsten  Tänze,  die  sie  nur 
wußte,  sie  liebkoste  das  Thier,  sie  streichelte  es,  aber  das  Ferklein  tanzte  nicht. 
»Ach  Gott«,  rief  die  Prinzessin  da,  das  Thierchen  will  gewiß  nicht  tanzen, 
weil  es  keinen  Gespielen  bei  sich  hat;  ich  muß  sehen,  daß  ich  noch  eins  dazu 
kriege.«  Sie  war  aber  ganz  traurig,  daß  ihr  Ferkelchen  gar  nicht  tanzen 
wollte. 

Den  andern  Tag  hüthete  der  Junge  wieder  sein  Vieh  in  der  Nähe  des 
Schlosses.  Da  schickte  die  Prinzessin  zum  zweiten  Male  zu  ihm,  ob  nicht 
von  den  beiden  Ferklein  noch  eins  zu  kaufen  stände.  »Zu  kaufen  nicht  ,  ließ 
der  Junge  wiedersagen,  »aber  abzuverdienen.  Wenn  ich  noch  eine  Nacht  bei 
der  Prinzessin  ihrer  Kammerjunfer  im  Bette  schlafen  soll,  so  will  ich  auch 
das  andere  Ferkelchen  hergeben;  anders  thu  ich  es  nicht.«  Die  Prinzessin,  die 
doch  gar  zu  gern  das  Ferkelchen  gehabt  hätte,  ließ  dem  Jungen  seinen  Willen. 
Darnach,  als  sie  das  Ferklein  hatte,  brachte  sie  es  zu  dem  andern,  nahm  ihre 
Pfeife  hervor  und  blies  viel  schöne  Stücklein,  aber  die  Ferklein  tanzten  nicht; 
nun  sah  sie  wohl,  daß  die  Pfeife  die  Schuld  hatte;  darum  so  wartete  sie  mit 
Ungeduld,  daß  der  Junge  wiederkäme,  ob  sie  nicht  von  ihm  das  dritte  Ferkel- 
chen sammt  der  Pfeife  erlangen  könnte. 

Der  Junge  kam  den  andern  Tag  auch  richtig  wieder  an,  legte  sich  unter 
den  Eichbaum  in  den  warmen  Sonnenschein  und  ließ  sein  einziges  Ferkelchen 
nach  der  Pfeife  tanzen,  Galopp  und  Walzer,  kurz  alle  Tänze,  wie  sie  des 
Landes  Brauch  waren.  Da  schickte  die  Prinzessin  zu  ihm  hin  und  ließ  fragen. 
ob  nicht  auch  das  dritte  Ferklein  sammt  der  Pfeife  zu  verkaufen  wäre.  »Zu 
kaufen  nicht«,  ließ  der  Junge  wieder  sagen,  »aber  abzuverdienen.  Wenn  ich 
diese  Nacht  bei  der  Prinzessin  selber  im  Bette  schlafen  soll,  so  will  ich  darum 
gern  mein  Ferkelchen  sammt  der  Pfeife  geben.«  Als  das  die  Prinzessin  ver- 
nahm, war  es  ihr  doch  ein  wenig  zu  arg;  weil  sie  aber  doch  gar  zu  gerne 
das  Ferkelchen  und  die  Pfeife  gehabt  hätte,  so  ließ  sie  dem  Jungen  sagen,  ob 
es  ihm  nicht  einerlei  wäre,  wenn  er  noch  eine  Nacht  bei  der  Kammerjunfer 
im  Bette  schliefe.  »Ne!«  antwortete  der  Junge,  hier  ist  nichts  zu  handeln. 
Wenn  die  Prinzessin  nicht  will,  was  ich  gesagt  habe,  so  ist  es  auch  gut,  so 
behalte  ich  mein  Ferkelchen  und  meine  Pfeife.«  Da  sah  die  Prinzessin  wohl 
ein,  daß  kein  anderer  Rath  war,  sie  mußte  dem  Jungen  seinen  Willen  lassen. 
Nun  hatte  sie  aber  auch  alle  die  drei  kleinen  bunten  Ferklein  beisammen,  die 
tanzten  gar  drollig  nach  dem  Tone  der  Pfeife,  Galopp  und  Walzer,  kurz  alle 
Tänze,  wie  sie  im  Lande  Brauch  waren,  und  das  war  für  die  Prinzessin  so 
ergötzlich,  daß  sie  gar  nicht  müde  ward,  den  Thierchen  aufzuspielen.  Dem 
Jungen  aber,  nun  er  seine  Ferkelchen  und  seine  Pfeife  nicht  mehr  hatte,  ge- 
fiel es  in  der  Gegend  gar  nicht  mehr;  darum  so  begab  er  sich  aut  die  Wander- 
schaft und  ging  ein  gut  Stück  Weges  in  die  weite  Welt  hinein. 

Es  begab  sich  aber  zu  derselben  Zeit,   daß  der  König  in  allen  Ländern 

105 


bekannt  machen  ließ,  wer  das  Muttermal  errathen  könnte,  das  die  Prinzessin 
an  ihrem  Leibe  hätte,  der  sollte  sie  zur  Gemahlin  haben,  er  sei  arm  oder 
reich,  hoch  oder  niedrig;  wer  aber  käme  und  könnte  es  nicht  errathen,  der 
müßte  den  Kopf  und  dazu  das  Leben  lassen.  Da  nun  diese  Kunde  dem 
Schweinejungen  zu  Ohren  kam,  machte  er  sich  alsbald  auf  den  Heimweg, 
denn  er  gedachte  das  Räthsel  zu  lösen.  Unterwegs  gesellte  sich  ein  Pfaff  zu 
ihm,  der  fragte  ihn  wohin?  und  woher?  und  in  was  für  Geschäften  er  wäre 
ausgegangen?    »Ich  will  hin  an  den  königlichen  Hof, «  entgegnete  der  Junge, 

ob  ich  nicht  das  Muttermal  der  Prinzessin  errathen  kann.«  Sprach  der  Pfaff: 
»Weißt  du  denn  schon  was  davon,  mein  Sohn?  Du  möchtest  sonst  leichtlich 
darum  den  Kopf  und  dazu  dein  junges  Leben  verlieren.«  »So  recht  weiß 
ich  es  noch  nicht,«  sagte  der  Junge,  »aber  soviel  ist  gewiß,  die  Prinzessin 
hat  in  der  einen  Seite  drei  Haare  sitzen.«  Als  das  der  Pfaff  vernahm,  gedachte 
er,  da  er  nun  das  Zeichen  wußte,  auch  sein  Heil  zu  versuchen  und  dem  Jungen 
womöglich  zuvorzukommen.  »Ich  bin  in  derselben  Sache  ausgegangen,  wie 
du  mein  Sohn«,  sprach  er  zu  dem  Jungen,  »darum  wollen  wir  den  Weg  zu- 
sammen gehen,  so  es  dir  recht  ist.«  Der  Junge  war  es  zufrieden,  und  sie 
gingen  mit  einander  weiter,  bis  sie  an  den  königlichen  Hof  kamen.  Da  ließen 
sie  sich  sogleich  bei  dem  Könige  anmelden,  und  als  der  vernahm,  um  welcher 
Sache  willen  sie  gekommen  waren,  ließ  er  den  Scharfrichter  holen,  der  mußte 
sich  mit  dem  blanken  Schwerte  bereit  halten.  »So!«  sprach  der  König,  »jetzt 
kann  die  Sache  ihren  Anfang  nehmen.  Zuerst  kommt  der  Pfaff  an  die  Reihe, 
wie  billig  ist,  und  dann  der  Schweinejunge.  Also  sagt  an,  Herr  Pfaff!  Welches 
ist. das  Zeichen,  das  meine  Tochter  an  ihrem  Leibe  hat?«  Der  listige  Pfaff, 
der  sich  schon  freute,  daß  er  zuerst  an  die  Reihe  kam,  sprach  schnell:  »Drei 
Haare  in  der  einen  Seite!«  »Ganz  recht!«  sprach  der  König;  »aber,  lieber  Herr, 
in  welcher  Seite?  und  dann,  wie  lang  sein  sie?  und  wie  dick  sein  sie?  und 
wie  sehn  sie  aus?«  Da  stand  nun  der  Pfaff  und  ließ  sein  Maul  hängen  und 
wußte  nicht,  was  er  sagen  sollte.  »Höre  mal  Pfaff!«  fuhr  ihn  der  König  an; 
>  von  Rechts  wegen  müßtest  du  jetzt  einen  Kopf  kürzer  gemacht  werden;  weil 
du  aber  doch  etwas  errathen  hast,  so  soll  dir  für  diesmal  noch  das  Leben  ge- 
schenkt  sein!«     Damit    wandte  er  sich   an  den    Schweinejungen    und   sprach: 

Nun,  mein  Junge,  jetzt  rathe  du!  Welches  ist  das  Zeichen,  das  meine  Tochter 
an  ihrem  Leibe  hat?«  »Drei  Haare  in  der  einen  Seite.«  »Ganz  recht,  mein  Sohn! 
Aber  in  welcher  Seite?«  »In  der  linken  Seite.«  »Richtig!  Aber  nun:  wie 
lang  sein  sie?  und  wie  dick  sein  sie?  und  wie  sehen  sie  aus?«  »Mit  Verlaub 
Herr  König,  sie  sind  so  lang  und  so  dick  wie  Strickstöcke  und  sind,  so  wie 
mich  dünkt,  ganz  golden.«  »Richtig,  mein  Sohn,«  rief  da  der  König;  »du 
hast  es  errathen  und  sollst  nun  auch  die  Prinzessin  haben,  und  das  von  Rechts 
So  mußte  der  Pfaff  beschämt  seines  Weges  gehn;  der  Schweine- 
junge aber  hielt  Hochzeit  mit  der  schönen  Prinzessin. 

106 


4o.  Der  Mordgraf. 

Vor  tausend  Jahren  oder  länger  ist  mal  ein  König  gewesen,  der  hatte 
eine  wunderschöne  Tochter.  Da  trug  es  sich  zu,  daß  zur  selben  Zeit  ein 
Mann  an  ihres  Vater  Hof  kam,  der  nannte  sich  Graf  von  Schwarzburg  und 
bewarb  sich  um  ihre  Hand,  und  weil  er  schön  von  Ansehn  war,  so  wurde 
ihm  die  Prinzessin  von  Herzen  zugethan  und  versprach  ihm  die  Ehe.  »Aber, 
mein  Schatz,  wo  bist  du  denn  her  und  wo  liegt  dein  Schloß?«  fragte  ihn 
einstmals  die  Prinzessin.  »Mein  Schloßt,  entgegnete  er,  »liegt  hinter  dem  Walde 
in  der  Haide,  da  wohne  ich  ganz  allein;  wenn  du  mich  da  besuchen  willst, 
so  komm  den  Mittwoch,  dann  will  ich  sicher  zu  Hause  sein.«  Die  Prinzessin 
sagte  es  zu;  ging  aber  nicht  Mittwoch,  sondern  Freitag;  »denn,  dachte  sie,  es 
wird  meinem  Bräutigam  wohl  jederzeit  recht  sein,  wenn  ich  komme,  ihn  zu 
besuchen.«  So  ließ  sie  denn  am  Freitag  vier  schwarze  Pferde  vor  ihre  Kutsche 
spannen  und  nahm  nur  eine  einzige  Junfer  zu  ihrer  Begleitung  mit.  Als  sie 
nun  an  den  Rand  des  großen  Waldes  kamen,  sahen  sie  ganz  einsam  in  der 
weiten  Haide  des  Grafen  Schloß.  Da  stieg  die  Prinzessin,  die  ihren  Bräuti- 
gam zu  überraschen  gedachte,  mit  ihrer  Junfer  aus  und  befahl  dem  Kutscher 
zu  warten  bis  sie  wiederkämen.  Als  sie  nun  vor  das  Schloß  kamen,  lag  in 
einer  Hütte  vor  dem  Thor  ein  großer,  großer  Hand,  der  schlug  mit  lauter 
Stimme  drei  Mal  an:  »Hau!  Hau!  Hau!«  und  an  dem  Giebel  des  Schlosses 
hing  ein  Käfig  mit  einem  großen  Vogel,  der  rief  drei  Mal:  Zurück!  Zurück! 
Zurück!«  Dann  war  wieder  alles  ganz  still.  Es  ließ  sich  auch  kein  Mensch 
blicken  und  war  so  öde  und  unheimlich  da;  das  Schloß  stand  so  allein  auf 
der  weiten  Haide;  der  große  Hund,  der  sonderbare  Vogel;  die  Prinzessin 
wurde  ganz  beklommen,  so  schaurig  kam  ihr  alles  vor;  doch  ging  sie  weiter 
und  in  das  Schloß  hinein.  Da  stand  auf  der  Diele  ein  Klotz,  darüber  war 
ein  weißes  Laken  gelegt,  und  als  sie  das  aufdeckte,  so  lag  ein  großes  blankes 
Beil  darunter,  und  der  Klotz  war  über  und  über  voll  Blut;  die  Prinzessin 
wurde  ganz  beklommen,  so  schaurig  kam  ihr  das  alles  vor;  doch  ging  sie 
weiter  und  in  den  Keller  hinein.  Da  standen  viele  große  Fässer,  die  waren 
voll  von  eingesalztem  Menschenfleische ,  in  dem  einen  die  Finger,  in  dem 
andern  die  Arme,  in  dem  dritten  die  Füße,  in  dem  vierten  die  Beine,  in  dem 
fünften  die  Rümpfe,  aber  die  Köpfe  fehlten.  »O  weh!«  sprach  die  Prinzessin, 
»wir  sind  in  einem  Mörderhause.«  Weil  aber  alles  still  blieb,  so  gingen  sie 
auch  noch  die  Treppe  hinauf;  in  dem  ersten  Zimmer  standen  zwei  gemachte 
Betten,  in  dem  zweiten  drei,  in  dem  dritten  vier,  und  in  dem  vierten  Zimmer 
da  hingen  an  den  Wänden  herum  lauter  Mädchenköpfe,  das  konnte  man 
wohl  erkennen  an  den  langen  Haaren.  »O  weh!«  sprach  die  Prinzessin; 
»mein  Liebster  ist  ein  Mörder  und  Mädchenräuber.«  Indem  daß  sie  das  sagte, 
sah  sie  durch  das  Fenster,  wie  ein  Mann   über  die  Haide  dahergeritten  kam, 

107 


der  hatte  vor  sich  auf  dem  Pferde  ein  Mädchen  sitzen.  »Da  kommt  er  schon!« 
rief  die  Prinzessin  und  wurde  blaß  wie  der  Tod;  »da  kommt  er  schon,  das 
ist  sein  Pferd;  wenn  er  uns  hier  findet,  so  ist  uns  der  Tod  gewiß!«  Und 
schnell  sprangen  die  beiden  Mädchen  die  Treppe  hinab  und  wollten  aus  dem 
Hause  hinaus,  aber  in  demselben  Augenblicke  ritt  auch  der  Mörder  schon  auf 
den  Hof;  da  blieb  den  beiden  nichts  anderes  übiig  als  sich  in  den  dunkeln 
Entenstall  zu  verstecken,  der  an  der  Diele  unter  der  Treppe  lag  und  mit 
einer  Gitterthüre  verschlossen  war.  Kaum  waren  sie  drin,  so  kam  der  Giaf 
mit  einem  wunderschönen  Mädchen  in  das  Haus.  Er  holte  ihr  aus  dem 
Keller  ein  Glas  Wein  und  gab  ihr  davon  zu  trinken  und  sprach:  »Nun, 
mein  Kind,  wie  schmeckt  dir  dieser  Wein?«  »Sehr  süß!«  sagte  das  Mädchen. 
»Ja!«  sprach  der  Graf,  »sehr  süß!  aber  süßer  ist  das  Leben!«  Dann  brachte 
er  ihr  ein  ander  Glas  und  ließ  sie  wieder  trinken  und  fragte:  »Nun,  mein 
Kind,  wie  schmeckt  dir  denn  dieser  Wein?«  »Sehr  bitter!«  sagte  das  Mädchen. 
»Ja,  sehr  bitter!«  sprach  der  Graf;  »aber  bitterer  ist  der  Tod;  du  mußt  jetzt 
sterben!«  Da  mußte  sie  sich  ganz  nackt  ausziehen;  und  ob  sie  gleich  laut 
weinte  und  jammerte  und  vor  dem  Bösewicht  auf  ihre  Knie  fiel  und  um  ihr 
Leben  flehte,  so  half  es  ihr  doch  alles  nichts;  er  schleppte  sie  an  den  Klotz, 
er  hob  das  weiße  Laken,  er  hackte  ihr  mit  dem  blanken  Beile  alle  ihre  schönen 
Finger  ab.  Auf  dem  einen  Finger  steckte  aber  ein  schöner  Goldring,  und 
es  traf  sich,  daß  der  Finger  von  dem  Hiebe  bei  Seite  sprang  und  sprang 
durch  die  Gitterthüre  in  den  Entenstall  und  der  Prinzessin  grade  in  den 
Schooß.  Da  fing  der  Mörder  nach  dem  Finger  zu  suchen  an,  des  Ringes 
wegen,  und  kam  mehrmals  dicht  vor  den  Entenstall.  Den  beiden  Mädchen, 
die  darin  versteckt  saßen,  stockte  das  Blut;  sie  hielten  den  Athem  an;  hätten 
sie  den  geringsten  Laut  von  sich  gegeben,  so  wären  sie  verloren  gewesen. 
Zum  Glück  gab  der  Mörder  sein  Suchen  auf  und  ging  wieder  zu  dem  un- 
glücklichen Mädchen  zurück,  das  weinte  und  jammerte  laut  und  bat  um  sein 
Leben  ;  aber  es  half  ihr  alles  nichts ;  der  Bösewicht  hackte  ihr  Arme  und 
Beine  ab  und  zuletzt  den  Kopf  und  trug  die  Stücke  in  den  Keller  und  salzte 
sie  ein.  Darauf  setzte  er  sich  wieder  auf  sein  Pferd,  das  vor  der  Thüre  an- 
gebunden stand,  und  ritt  fort. 

Als  nun  die  Prinzessin  und  ihre  Jungfer  vernahmen,  daß  der  Graf  fort 
war,  kamen  sie  aus  ihrem  Versteck  hervor  und  sahen  ihm  nach;  da  war  er 
schon  wieder  weit  hinten  auf  der  Haide.  Den  Finger  mit  dem  Goldringe 
wickelte  die  Prinzessin  in  ihr  Taschentuch,  und  nun  liefen  sie  eilig  aus  dem 
Hause;  der  große  Hund  schlug  dreimal  an:  »Hau!  Hau!  Hau!«  der  Vogel 
schrie;  sie  liefen  über  die  Haide  in  den  Wald,  sie  stürzten  sich  in  den 
Wagen,  sie  befahlen  dem  Kutscher  auf  die  Pferde  zu  schlagen;  so  jagten 
ld  einem  fort  bis  auf  den  königlichen  Hof;  da  brachen  die  Pferde  todt 
zusammen. 

108 


Den  andern  Tag  kam  der  Bräutigam  der  Prinzessin  wieder  zum  Besuch 
auf  das  königliche  Schloß;  sie  ließ  sich  aber  nichts  merken,  sondern  that 
ganz  freundlich  und  stellte  ein  großes  Gastmahl  an.  Da  sie  nun  bei  Tische 
saßen,  brachte  die  Prinzessin  einen  Vorschlag,  es  sollte  ein  jeder  nach  der 
Reihe  eine  Geschichte  erzählen,  sie  sei  kurz  oder  lang.  Da  sprach  der  Graf, 
der  ihr  an  der  Tafel  gegenüber  saß:  wer  den  Vorschlag  gethan,  der  müßte 
auch,  wie  billig,  den  Anfang  machen.  »Mir  recht  !<  entgegnete  die  Prin- 
zessin; »so  will  ich  einen  Traum  erzählen,  der  handelt  von  dir,  mein  Schatz! 
Mir  hat  heut  Nacht  geträumt,  ich  wollte  dich  besuchen  und  käme  durch  einen 
dunklen  Wald  auf  eine  weite,  weite  Haide ;  da  stand  dein  Schloß;  und  vor 
dem  Schloß  da  lag  ein  großer  Hund,  der  bellte:  »Hau!  Hau!  Hau!«  und 
an  dem  Giebel  hing  in  einem  Bauer  ein  wunderlicher  Vogel,  der  rief:  »Zu- 
rück! Zurück!  Zurück!«  Es  war  aber  alles  nur  ein  Traum.  Ich  ging  weiter 
in  das  Haus;  da  warst  du,  mein  Schatz,  nicht  daheim,  denn  ich  war  den 
Freitag  zu  dir  gekommen  und  nicht  den  Mittwoch,  da  stand  auf  der  Flur 
ein  Klotz,  der  war  mit  einem  weißen  Laken  zugedeckt,  und  als  ich  das  Laken 
aufhob,  fand  ich  ein  großes  blankes  Beil,  und  der  Klotz  war  über  und  über 
von  Blut  roth.«  »Halte  ein  wenig  ein,  mein  Schatz«,  sprach  der  Graf  und 
war  ganz  blaß  geworden;  »ich  will  mal  hinaus;  es  wird  mir  hier  so  heiß  « 
»Ach  nein!«  sprach  die  Prinzessin;  »gleich  bin  ich  zu  Ende.  Es  war  alles 
nur  ein  Traum,  aber  es  kam  mir  vor,  ich  ginge  in  den  Keller,  da  standen 
viele  große  Fässer,  die  waren  alle  voll  von  eingesalztem  Menschenfleische, 
und  als  ich  die  Treppe  hinauf  in  deine  Zimmer  kam,  da  standen  in  dem 
ersten  zwei  gemachte  Betten,  in  dem  zweiten  drei,  in  dem  dritten  vier,  und 
in  dem  vierten  Zimmer  hingen  an  den  Wänden  herum  viele  Mädchenköpfe, 
das  sah  ich  an  den  langen  Haaren.  Ist  das  nicht  schrecklich?  Es  war  aber 
alles  nur  ein  Traum.  Und  als  ich  aus  dem  Fenster  sah,  da  kamst  du,  mein 
Schatz,  über  die  Haide  daher  geritten.«  »Halte  ein  wenig  ein,  mein  Schatz, 
ich  muß  mal  hinaus;  es  wird  mir  hier  so  heiß.«  »Ach  nein,  mein  Schatz! 
Bleib  noch  ein  wenig  hier;  gleich  ist  mein  Traum  zu  Ende.  Wo  blieb  ich 
doch!  Ja  so!  Und  als  ich  aus  dem  Fenster  sah,  da  kamst  du  über  die 
Haide  dahergeritten  und  brachtest  auf  dem  Pferde  eine  schöne  Dame  mit. 
Ich  aber,  denke  dir  nur,  mein  Schatz,  ward  bange  vor  dir  und  lief  in  Eile 
die  Treppe  hinab,  da  versteckte  ich  mich  in  den  dunklen  Entenstall.  Es  war 
aber  alles  nur  ein  Traum.  Da  kamst  du  mit  der  schönen  Dame  in  das 
Haus  und  gabst  ihr  rothen  Wein  zu  trinken.«  »Halte  ein  wenig  ein,  mein 
Schatz;  ich  muß  mal  hinaus;  es  wird  mir  hier  so  heiß.«  »Ach  nein,  mein 
Schatz;  bleib  noch  ein  wenig  hier;  gleich  ist  mein  Traum  zu  Ende.  Wro 
blieb  ich  doch?  Ja  so!  Du  kamst  mit  der  schönen  Dame  in  das  Haus  und 
gabst  ihr  rothen  Wein  zu  trinken,  du  schlepptest  sie  an  den  Klotz,  du 
hörtest    nicht   auf  ihr  Weinen    und    Wehgeschrei,    du  hacktest    ihr    mit   dem 

109 


blanken  Beile  die  zarten  Finger  ab.  Da  sprang  der  eine  Finger,  worauf  ein 
schöner  Goldring  stak,  abseit  und  fiel  mir  mitten  in  den  Schooß.  Du 
suchtest  ihn,  mein  Schatz,  du  konntest  ihn  nicht  finden  —  hier  ist  der  Finger 
mit  dem  Ring!«  Bei  den  Worten  warf  die  Prinzessin  den  Finger  mit  dem 
Goldring  auf  den  Tisch.  Da  wurde  der  Mörder  blaß  wie  der  Tod,  er  sprang 
auf,  zückte  sein  Messer  und  wollte  die  Prinzessin  erstechen  ;  aber  die  Gäste 
faßten  ihn  und  banden  ihn  und  übergaben  ihn  der  Wache,  und  eine  Zeit 
darnach  ward  der  Bösewicht  gerichtet,  wie  er  es  verdient  hatte. 

41.  Hans  Hinrich  Hildebrand  und  der  Pfaffe. 

Es  war  einmal  ein  Bauer  mit  Namen  Hans  Hinrich  Hildebrand,  der  hatte 
eine  junge  hübsche  Frau;  sie  hielt  es  aber  leider  mit  dem  Pfaffen,  und  weil 
sie  darum  ihren  Mann  gerne  aus  dem  Wege  gehabt  hätte,  so  beredete  sie  ihn, 
er  wäre  krank  und  müsse  nach  dem  heiligen  Brunn,  ob  es  dann  nicht 
besser  mit  ihm  würde.  Der  treuherzige  Hans  Hinrich  machte  sich  auch  alsbald 
auf  den  Weg.  Da  begegnete  ihm  der  Stutenkerl  (Bäcker)  mit  seiner  Stuten- 
kiepe. »Nun,  Hans  Hinrich,«  fragte  ihn  der  Stutenkerl,  »wo  willst  du  denn 
hinzu?«  »Ach  Gott«,  sagte  der  Bauer,  »meine  Frau  hat  gesagt,  ich  Wäre  krank; 
nun  will  ich  nach  dem  heiligen  Brunn,  ob  es  da  nicht  besser  mit  mir  wird  « 
»Sei  kein  Tropf,  Hans  Hinrich«,  sprach  der  Stutenkerl;  »deine  Frau  will  dich 
nur  aus  dem  Wege  haben;  was  gilts?  Heut  Abend  wird  der  Pfaff  bei  ihr  sein.« 
Als  der  Bauer  das  vernahm,  kehrte  er  wieder  mit  um,  und  die  beiden  beredeten 
sich  und  machten  einen  Anschlag,  daß  der  Bauer  sich  sollte  in  des  Bäckers 
Semmelkorb  setzen,  so  sollte  ihn  der  Bäcker  des  Abends  zu  der  Frau  ins  Haus 
bringen. 

Die  Frau  hatte  auch  richtig  den  Pfaffen  eingeladen  und  hatte  ihm  ein 
gutes  Mahl  angerichtet,  und  als  sie  sich  eben  zum  Essen  setzen  wollten,  da 
klopfte  der  Stutenkerl  an  die  Thür  und  bot  seine  Semmeln  an.  Das  war  der 
Frau  eben  recht,  daß  sie  nun  zu  dem  Mahle  auch  frische  Semmeln  haben 
konnte,  und  in  ihrer  Freude  lud  sie  den  Stutenkerl  ein,  in  die  Stube  zu 
kommen  und  mitzuessen.  »Ja,  recht  gern!«  sagte  der  Stutenkerl;  »aber  meine 
Kiepe  muß  ich  mit  hineinnehmen,  es  möchte  mir  sonst  hier  draußen,  der  weil 
ich  esse,  der  Hund  oder  die  Katze  über  die  Semmeln  kommen.«  So  nahm 
er  denn  die  Kiepe,  mit  dem  Bauern  darin,  der  sich  mäuschenstill  verhielt,  mit 
in  die  Stube  und  hängte  sie  an  einen  Haken  an  die  Wand;  dann  setzten  sich 
die  drei,  der  Pfaff,  die  Frau,  der  Stutenkerl,  zu  Tisch  und  aßen  und  tranken. 
-  Der  Pfaff,  da  er  seinen  Bauch  wohl  gepflegt  hatte,  ward  über  die  Maßen 
munter.  Er  brachte  in  Vorschlag,  es  sollte  ein  jeder  von  ihnen  ein  lustig 
Reimlein  singen,  so  gut  oder  so  schlecht,  wie's  ihm  gerade  in  den  Sinn 
käme. 


Der  Pfaff  begann  und  sang: 

Weil  wir  nun  gegessen  und  getrunken  haben 
Wollen  wir  einmal  recht  lustig  sein; 
Dideldideldum,  dideldideldum 
Dideldideldideldum. 
Dann  sang  die  Frau: 

»Mein  Mann  ist  nach  dem  heiligen  Brunnen, 
Wird  auch  wohl  sobald  nicht  wiederkummen; 
Dideldideldum,  dideldideldum 
Dideldideldideldum.« 
Jetzt  kam  die  Reihe  an  den  Stutenkerl,  der  sang: 
»Hans  Hinrich  Hildebrand 
Hängt  in  der  Stutenkiepe  an  der  Wand; 
Dideldideldum,  dideldideldum 
Dideldideldideldum.« 
In  demselben  Augenblicke   hob    der  Bauer  den  Deckel  vom  Korbe  und 
sang: 

Eck  kann  nich  länger  stille  swigen, 
Eck  mot  üt  miner  stutenkiepe  stigen; 
Dideldideldum,  dideldideldum 
Dideldideldideldum. « 
Bei  den  Worten  steigt  der  Bauer  hervor,  nimmt  seinen  dicken  Dornen- 
stecken zur  Hand  und  singt  dabei: 

»Eck  mot  dem  verdammten  papen  up'et  liw, 
Dat  häi  mi  blift  van  minen  wif; 
Dideldideldum,  dideldideldum 
Dideldideldideldum« 
und  prügelte  den  erschrockenen  Pfaffen  zum  Hause  hinaus. 


in 


II.  SAGEN. 


Wenn  man  auch  nicht  alles  glauben  kann,  was  die  Leute  erzählen,  so 
hat  es  doch,  das  kann  ich  Euch  versichern,  ölinges  (in  alter  Zeit)  welche  ge- 
geben, die  Künste  verstanden.  Jetzt  ist  das  freilich  nicht  mehr  so  häufig,  und 
die,  welche  so  was  können,  kommen  nicht  mehr  so  leicht  damit  durch;  das 
ist  auch  nur  gut. 

I. 

Eine  Bauerfrau  spinnt  immer  in  kurzer  Zeit  so  viel,  daß  es  der  Magd 
auffällt.  Sie  bemerkt,  daß  die  Frau  die  Flachsrolle  niemals  ganz  abhaspelt. 
Als  die  Frau  einmal  ausgegangen  ist,  nimmt  die  Magd  alles  Garn  von  der 
Rolle ;  da  sitzt  eine  schwarze  Fliege  darauf.  Das  Mädchen  wirft  das  Thier  in 
die  Mistpfütze  vor  dem  Hause.  Die  Frau  kommt  zurück  und  wird  wüthend, 
als  sie  die  Rolle  leer  findet.     Sie  geht  an  die  Pfütze. und  ruft: 

»Use  maged  unverweeten  (unbewußt) 

hat  di  ut'n  huse  smeeten. 

kumm,  lerche,  kumm!« 
da  kriecht  das  Thier  auf  die  Rolle  zurück  und  die  Magd  sieht,  daß  ihre  Frau 
eine  Hexe  ist. 


Ein  Schuster  arbeitet  bei  einer  Frau  im  Hause,  die  nicht  für  echt  ge- 
halten wird.  Die  Frau  thut  heimlich  ein  Pulver*)  ins  Butterfaß;  da  kommt  so 
viel  Butter,  daß  sie  oben  aus  dem  Fasse  steigt.  Als  der  Schuster  das  sieht, 
will  er  das  Mittel  wissen,  und  die  Frau  verspricht  es  ihm,  wenn  er  an  einem 


•)  Nach  einer  anderen  Erzählung  läßt  die  Frau   aus   einem  Glase  Tropfen  ins  Butterfaß 

fallen ;  so  viel  Tropfen,  so  viel  Pfund  Butter  werden  es.  —  Noch  eine  andere  Erzählung  sagt, 

daß  die  Frau  sich  mit  dem  Butterfaß  unter  den  Schornstein  stellt;  da  hierdurch   bringt  ihr   der 
feurige  Drache  Butter  in  Menge. 


bestimmten  Tage  wieder  kommt.  Er  nimmt  aber  schon  heimlich  von  dem  Pulver 
etwas  mit  nach  Hause  und  thut  es  seiner  Frau  ohne  ihr  Wissen  ins  Butterfaß.  Die 
Frau,  die  es  merkt,  schilt  den  Mann  wegen  seiner  Hexerei,  so  daß  er  in  sich 
geht.  Doch  begibt  er  sich  auf  den  bestimmten  Tag  zu  der  Hexe;  die  hat 
den  Teufel  (Herodes)  in  ihrer  Kammer.  Der  legt  dem  Schuster  ein  Buch 
vor,  da  hinein  soll  er  mit  rother  Tinte  schreiben : 

»Eck  seh  .  .  .  in'n  pott 

un  denk  an  gott;« 
der  aber  schreibt:   »Das  Blut  Jesu  Christi  macht  mich  von  allen  Sünden  rein. 
Da  fährt  der  Teufel  mit  Gestank  ab  und  hinaus  und  hat  ein  ganzes  Fensterfach 
mitgenommen. 

3- 

Ein  Schmied  hat  einen  Gesellen,  der  legt  sich  eines  Mittags  zum  Schlafen 
auf  den  Stall.  Da  kommt  die  Meisterin  herauf,  und  der  Teufel  bringt  ihr 
durch  die  Bodenluke  das  Mittagessen :  Bratbeeren  und  Klumpe  und  Fleisch. 
Der  Teufel  sagt,  es  wären  zwei  Augen  zu  viel,  aber  die  Frau  beruhigt  ihn. 
Wie  es  zum  Essen  gehen  soll,  stellt  der  Geselle  sich  krank  und  klagt  über 
Leibweh.  Dem  Meister  sagt  er,  daß  seine  Frau  es  mit  dem  Teufel  zu  thun 
habe,  und  sie  beschließen,  die  Probe  mit  ihr  zu  machen.  In  der  nächsten 
Mainacht  muß  die  Frau  ihnen  beim  Schmieden  leuchten  nnd  den  Krüsel  halten. 
Um  zwölf  läßt  sie  die  Hand  sinken  und  wird  ganz  steif  und  starr.  Der 
Schmied  giebt  ihr  eine  Ohrfeige,  daß  sie  umfällt;  da  ist's  ein  alter  Weiden- 
strunk. Am  andern  Morgen  liegt  die  Frau  im  Bett  und  ist  ganz  krank.  Da 
wissen  sie,  daß  es  eine  Hexe  ist  und  übergeben  sie  dem  Gericht. 

4- 
Wenn  in  alten  Zeiten  die  Leute  einen  gewissen  Karren  xMorgens  früh 
vor  einem  Hause  stehen  sahen,  so  wußten  sie,  daß  in  dem  Hause  eine  Hexe 
war.  Auf  dem  Karren  wurde  sie  zur  Weser  gefahren  und  da  hineingeworfen ; 
ging  sie  unter,  so  war  sie  frei;  schwamm  sie  aber  oben,  so  wurde  sie  ver- 
brannt. —  Zwei  Schwestern  sahen  eines  Morgens,  als  sie  aufstanden,  den 
Karren  vor  ihrer  Hausthür  stehen ;  ihre  Mutter  war  eine  Hexe,  und  sie  ver- 
fluchten die  Mutter.  Die  aber  sagte:  »Meine  Mutter  war  schlecht,  daß  sie 
mich  das  Hexen  lehrte ;  Ihr  aber  habt  eine  gute  Mutter,  die  schon  vom  Teufel 
Schläge  genug  gekriegt  hat,  daß  sie's  Euch  nicht  lehren  wollte.« 

5- 

Ein  Junge  hat  eine  Braut,  die  sammt  ihrer  Mutter  eine  Hexe  ist.  In 
der  Mainacht  versteckt  er  sich  unter's  Bett  und  sieht,  wie  die  Weiber  aufstehen 
und  aus  einem  Topf  ihre  Stöcke  mit  einer  Salbe  bestreichen,  indem  sie  dabei 

8*  ti3 


sprechen:  »Aber  hagen  un  tüne.«  Dann  ziehen  sie  zum  Fenster  hinaus. — 
Der  Bursche  will  sehen,  wo  sie  bleiben,  machts  auch  so  wie  sie,  versieht  sich 
aber  und  sagt:  Dör  hagen  un  tüne.«  So  muß  er  durch  alle  Hecken  hin- 
durch und  kommt  ganz  zerrissen  bei  der  Hexenversammlung  an.  —  Seine 
Geliebte  sagt  ihm,  daß  er  nichts  mitnehmen  dürfe  als  was  man  ihm  gäbe. 
Es  geht  lustig  her,  sie  tanzen  und  trinken  Wein  und  der  Bursche  bekommt 
ein  Weinglas  mit  goldenem  Fuß,  das  steckt  er  ein.*)  Als  alles  vorbei  ist, 
erhält  jedes  ein  Thier  zum  Nachhausereiten.  Der  Junge  kriegt  ein  jähriges 
Kalb,  und  es  wird  ihm  gesagt,  was  auch  geschieht,  er  darf  unterwegs  bei  Leibe 
nicht  sprechen.  Sie  kommen  an  einen  großen  Fluß;  das  Kalb  springt  in  einem 
Satze  hinüber.  Da  sagt  der  Junge  erstaunt  und  verwundert:  »Das.  war  ein 
Sprung  für  ein  jährig  Kalb!«  Im  selben  Augenblick  fällt  er  zur  Erde  und 
bleibt  ganz  betäubt  liegen;  das  Weinglas  in  seiner  Tasche  ist  zum  Pferdefuß 
geworden.  Er  muß  zwei  Jahre  wrandern,  ehe  er  wieder  in  seine  Heimath  kommt. 

6. 

Friederike  Büsching  hat  diese  Geschichte  selbst  erlebt  und  mir  erzählt: 
Als  sie  noch  ein  Kind  war,  ging  sie  eines  Abends  zu  Leuten,  um  (,1a  Zichorien 
zerschneiden  zu  helfen.  Es  war  eine  ganze  Gesellschaft  versammelt.  Ein  alter 
Kerl,  der  mit  im  Hause  wohnte,  kam  auch  herein  und  sagte,  er  wolle  ihr 
auch  was  schenken,  weil  sie  am  fleißigsten  wäre.  So  gab  er  ihr  zwei  Senf- 
birnen, und  sie  aß  davon.  Ein  Junge,  der  bei  ihr  saß,  stieß  sie  mit  dem 
Ellenbogen  an  und  sagte,  sie  sollte  nicht  davon  essen,  das  würde  ihr  nicht 
gut  bekommen ;  und  als  sie  ihm  eine  Birne  abgab,  biß  er  erst  dreimal  was 
davon  und  spuckte  jedesmal  das  Stück  weg.  Dann  aß  er  die  Birne.  Als  sie 
nach  Hause  kam,  wurde  sie  krank,  daß  sie  sich  nicht  zu  helfen  wußte;  als  sie 
es  dem  Pastor  erzählte,  sagte  der,  das  wäre  dummes  Zeug.  Da  wurde  nach 
Verden  zu  einem  Manne  geschickt,  der  so  was  kannte  und  gleich  sah,  wo's 
fehlte.  Er  schickte  ihr  etwas  zum  Einnehmen,  und  sie  "mußte  schrecklich 
würgen  und  brachte  mit  vieler  Mühe  eine  Kielpogge  (Eidechse)  heraus;  die 
saß  da  vor  ihr  auf  dem  Bette  und  sah  sie  so  recht  grall  an,  als  wenn  sie 
sagen  wollte:  »Wie  gefalle  ich  dir?«  dann  huckte  sie  vom  Bette  hinunter  und 
war  unter  der  Bettsponde  verschwunden.  Danach  mußte  sie  noch  eine  ganze 
Menge  Kielpoggen  von  sich  geben,  worauf  es  besser  mit  ihr  wurde.  Dem 
Jungen  hatte  die  Birne  nicht  geschadet,  weil  er  drei  Stücke  davon  abgebissen 
und  ausgespieen  hatte. 


*)  Nach  einer  anderen  Erzählung  setzt  der  Junge  sich  auf  einen  Baum  und  sieht  zu,  was 
geschieht.  Da  wird  die  Braut  geschlachtet  und  verzehrt.  Der  Junge  nimmt  sich  heimlich  eine 
Rippe  weg.  Als  die  Hexen  mit  Essen  fertig  sind,  sammeln  sie  die  Knochen  wieder  zusammen. 
Da  fehlt  eine  Rippe,  die  können  sie  nicht  finden;  sie  sagen:  »Wenn  auch  eine  Rippe  fehlt, 
darum  können  wir  das  M.uichen  nicht  todt  lassen«  und  machen  es  so  wieder  lebendig. 

114 


Es  gilt  auch  sonst:  Wenn  einem  ein  verdächtiger  Trunk  angeboten  wird, 
so  muß  man,  ehe  man  trinkt,  drei  Tropfen  auf  die  Erde  gießen ;  dann  bleibt 
der  Zauber  ohne  Wirkung. 

7- 

Bei  Lahde  (an  der  Weser)  geht  ein  grüner  Jäger  um,  mit  einem  drei- 
eckigen Hut  und  hat  auf  jedem  Timpen  ein  Licht.  Ein  Schuster,  der  sich 
vor  nichts  fürchtet,  kommt  in  einer  dunklen  Nacht  über  Feld  und  stößt  auf 
einen  Pflug,  hinter  dem  etwas  liegt.  »Wän  hat  de  düwel  denn  dar?«  sagt 
der  Schuster;  da  steht  der  grüne  Jäger  vor  ihm  und  geht  immer  dicht  neben 
dem  Schuster  her.  Wenn  er  ihm  gar  zu  nahe  an  den  Ellenbogen  kommt, 
so  sagt  der  Schuster  barsch:  »No!«  Dann  geht  der  Grüne  weg,  drückt  sich 
aber  gleich  wieder  heran.  »No!«  sagt  der  Schuster  wieder,  und  zuletzt  hängt 
ihm  an  jedem  Haar  ein  Schweißtropfen.  Als  endlich  der  Tag  graut,  ist  der 
Spuk  verschwunden.  Der  Schuster  aber  ist  ganz  irre  gegangen  und  zuletzt 
in  den  Tannen  bei  Windheim  vor  Müdigkeit  niedergesunken.  Da  haben  ihn 
am  Morgen  die  Leute  gefunden.  Er  hat  nicht  wieder  gelacht  und  war  nach 
wenigen  Tagen  todt.  (Diese  Geschichte  ist  vor  etwa  16  Jahren  pa^irt.  Den 
Sonntag  darauf  hat  der  Pastor  davon  auf  der  Kanzel  gepredigt  und  gesagt,  die 
Menschen  hätten  in  diesem   Leben    mit    allerlei    bösen  Geistern  zu  kämpfen.) 

8. 

Eine  Frau  wollte  noch  spät  am  Abend  nach  ihrem  Dorfe  zurück,  und, 
weil  es  dunkel  war,  so  folgte  sie  einem  Flämmchen  nach,  welches  sie  für  ein 
Laternenlicht  hielt.  Aber  bald  sah  sie  zu  ihrem  Schrecken,  daß  sie  in  einen 
Sumpf  gerieth  und  dicht  bei  dem  verrufenen  Tannengebüsch  war,  wo  sich 
vor  Jahren  Einer  erschossen  hatte.  Das  Flämmchen  war  verschwunden,  und 
plötzlich  fielen  in  den  Tannen  drei  Schüsse,  und  dicht  vor  ihr  fuhr  mit  lautem 
Gelächter  ein  Feuerklumpen  in  die  Höhe,  so  groß  wie  ein  eiserner  Kochtopf. 
Mit  großer  Mühe    erreichte  die  Frau  das  Dorf,  als  es  schon  heller  Tag  war. 

9- 

In  Lahde  starb  ein  Mann,  der  konnte  im  Grabe  keine  Ruhe  finden. 
Des  Nachts  kam  er  wieder  und  leuchtete  mit  dem  Krüsel  in  der  Stube  an  der 
Brandmauer  herum  und  ging  dann  still  wieder  weg.  Weil  nun  die  Leute  im 
Hause  gar  nicht  wußten,  was  ihm  auf  dem  Herzen  lag,  sich  auch  fürchteten, 
ijin  zur  Rede  zu  stellen,  so  gingen  sie  zum  Pastor  und  baten  ihn,  in  der 
Stube  eine  Nacht  zu  wachen  und  den  Geist  anzusprechen.  Spät  am  Abend 
kam  der  Pastor  an,  setzte  sich  dem  Ofen  gegenüber  an  einen  Tisch,  legte 
seine  Bücher  vor  sich  hin  und  zündete  drei  Lichter  an.  Die  Leute  gingen 
zu  Bett.     Da  nun  die  Uhr  an  der  Wand  zwölfe  schlug,  trat  der  Geist  herein, 

117 


lautlos,  mit  dem  Krüsel  in  der  Hand.  Der  Pastor  konnte  vor  Schrecken  kein 
Wort  herausbringen.  Als  der  Geist  nach  seiner  Gewohnheit  mit  trauriger 
Miene  an  der  Brandmauer  herumgeleuchtet  hatte,  trat  er  an  den  Tisch,  löschte 
erst  ein  Licht,  dann  das  andere;  als  er  aber  das  dritte  auch  löschen  wollte, 
faßte  sich  der  Pastor  und  redete  ihn  an:  »Alle  guten  Geister  loben  Gott  den 
Herrn. <  »Ich  auch«,  sprach  der  Geist;  »aber  ich  finde  keine  Ruhe,  weil  ich 
in  die  Mauer  bei  Lebzeiten  mein  Geld  verborgen  habe.  Gebt  drei  Theile 
meinen  Kindern  und  ein  Theil  den  Armen,  dann  brauche  ich  nicht  mehr  an 
dieser  Stelle  zu  wandeln.«  Der  Pastor  versprach  es.  »So  gieb  mir  die  Hand 
darauf!«  sagte  der  Geist.  Der  Pastor  reichte  ihm  seinen  Stock,  der  wurde 
ganz  schwarz,  wie  ihn  der  Todte  berührte.  Darauf  ist  der  Geist  lautlos  wieder 
gegangen.  Am  andern  Morgen  erzählte  der  Pastor,  was  ihm  begegnet  war; 
man  brach  die  Mauer  auf,  fand  das  Geld  und  erfüllte  den  Wunsch  des  Todten, 
der  sich  von  der  Zeit  an  nicht  wieder  sehen  ließ.  Der  Pastor  ist  aber  bald 
darnach  gestorben. 

IO. 

In  Ilwese  ging  ein  feuriger  Mann  um.  Weil  man  nun  den  kürzlich 
verstorbenen  N.  allgemein  im  Verdacht  hatte,  daß  er  in  Grenzs,treitigkeiten 
einen  falschen  Eid  geschworen  habe  und  darum  nach  seinem  Tode  als  feuriger 
Mann  umgehen  müsse,  so  wollte  sich  sein  Nachbar  davon  überzeugen.  An 
einem  dunkeln  Abend  sah  er  ihn  wieder  durch  den  Kamp  ziehen,  ging  eilig 
hinaus,  folgte  ihm  und  holte  ihn  zuletzt  ein,  so  daß  er  eine  ganze  Weile 
dicht  neben  ihm  herging.  Da  sah  er  denn,  daß  es  wirklich  jener  Mann  war. 
Er  trug  eine  kurze  Hose  und  gelbe  Gamaschen,  und  aus  dem  Hosenqueder, 
rings  um  die  Hüfte,  da  schlugen  die  hellen  Flammen  heraus.  Als  jener  Mann 
sich  nun  genug  überzeugt  hatte,  wollte  er  wieder  nach  seinem  Hause  um- 
kehren. Da  hing  sich  plötzlich  der  feurige  Kerl  auf  seinen  Nacken.  Den 
mußte  er  mit  großer  Mühe  bis  vor  seine  Hausthüre  schleppen,  wo  er  zusammen- 
brach.    Er  kriegte  eine  zehrende  Krankheit  und  starb  bald' nachher. 

I  I. 

Bei  Wieden  sahl  an  der  Steinstiege  vor  der  Horst  beim  Pinkenbruche 
da  sagte  immer,  wenn  es  ander  Wetter  werden  will,  besonders  bei  Miester- 
wetter,  wer:  »Guden  Abend!  Guden  Abend!«  und  führte  die  Leute,  die  da 
vorbeikamen,  in  die  Irre.  Der  Borsteler  Meier,  der  eines  Tages  bei  dem  alten 
Wöltken  in  Wiedensahl  schmieden  ließ,  wollte  noch  spät  Abends  zurück  nach 
Hause.  Er  hatte  tüchtig  einen  getrunken,  und  der  Schmied  sagte  ihm,  er 
sollte  lieber  in  der  Nacht  da  bleiben  und  nicht  mehr  weggehen;  er  müßte 
doch  über  die  Stiege,  wo  der  Gutenabend  säße.  »Eck  bin  no  nich  bange! 
Eck  will  no  wol  na  hus  kuomen,  eck  verlate  mi  up  minen  Krückstock:,  sagte 

118 


der  aber  und  ging  weg.  Als  er  an  die  Stiege  kam,  wurde  es  mit  einem  Male 
so  dunkel  und  regnicht,  daß  er  gar  nichts  mehr  sehen  konnte;  da  rief  es  auch 
schon:  »Guden  Abend!  Guden  Abend!«  und  er  konnte  die  Stiege  nicht  finden, 
er  kam  zur  Seite  an  den  Hagen,  an  die  Hucht,  die  da  stand,  zu  grabbeln, 
dann  wieder  vor  die  Stiege.  Da  rief  es  wieder:  Guden  Abend!  Guden  Abend! 
»Dank  lieft!«  gab  er  zur  Antwort,  eck  wünsche  di  un  mi  de  ewige  Seligkeit! 
»Up  dat  woord  hew  eck  nu  all  hundert  jähr  'elurt!"  rief  der  Gutenabend. 
Dann  ward  es  still,  und  der  Borsteler  Meier  fand  die  Stiege  und  kam  glück- 
lich nach  Hause.  Er  erzählte  nachher,  dabei  wäre  ihm  aber  mal  schnell  sein 
Rausch  von  der  Nase  gegangen,  das  könnte  er  einem  versichern.  —  Darnach 
hat  sich  der  Gutenabend  nie  wieder  vernehmen  lassen. 

12. 

In  Schlüsselburg  lebten  zwei  Brüder.  Als  der  eine  starb,  mußte  der 
andere  ihm,  da  er  auf  dem  Sterbebette  lag,  versprechen,  seine  zurückgelassene 
Braut  zu  heirathen.  Der  Überlebende  aber  erfüllte  dies  Versprechen  nicht. 
Da  kam  der  Todte  in  jeder  Nacht  wieder  und  zeigte  sich  auf  dem  Hausboden 
und  rief:  »Fritz  soll  Gerke  hebben!«  Fritz  ging  zum  Pastor;  der  rieth  ihm, 
den  Geist  anzureden,  wenn  er  wieder  erschiene.  Er  that  es  in  der  nächsten 
Nacht;  da  antwortete  der  Geist:  »Es  wird  keine  Ehe  auf  Erden  gemacht, 
sie  wird  zuvor  im  Himmel  erdacht.«  Dann  sollte  Fritz  ihm  noch  einmal  ver- 
sprechen, daß  er  die  Gerke  nehmen  wollte,  und  sollte  ihm  die  Hand  darauf 
geben.     Da  reichte  er  dem  Geist  einen  Besenstiel,    der  wurde  ganz  schwarz. 

13- 

In  Rewelingen  Haus  in  Schlüsselburg  stehen  einmal  in  den  Zwölften 
(Weihnachten  bis  Heiligen  drei  Könige)  die  beiden  gegenüber  liegenden  Seiten- 
thüren  offen;  dazwischen  liegt  der  Feuerheerd.  Da  geht  es  plötzlich:  »Kift,  katf! 
Kiff,  kaff!«  Hackelberg  zieht  mit  dem  wilden  Heer  hindurch  und  läßt  einen 
Hund  zurück,  der  bleibt  das  ganze  Jahr  da  und  frißt  nichts  als  Usel*).  Der 
Hund  liegt  immer  am  Heerde,  dicht  am  Feuer,  und  das  Jahr  drauf  wird  er 
von  Hackelberg  wieder  mitgenommen.  (Ähnliches  wird  von  drei  verschiedenen 
Häusern  in  Wiederwahl  erzählt;  sie  sind  gleich  darnach  abgebrannt.  —  Deshalb 
ist  es  noch  heute  in  manchen  Häusern  Gebrauch,  in  den  Zwölften  die  Seiten- 
thüren  fest  zu  schließen,  sobald  es  Abend  wird.) 

In  Wiedensahl  will  eine  Frau  an  einem  Sommermorgen  den  Grasmähern 


*)  Asche.     Usel   nannte   man   besonders    die  verkohlte  Leinwand   in  den  Zunderbüchsen 
und  den  alten  Küchenfeuerzeugen  für  Stahl  und  Stein.  W  .  B. 

119 


das  Frühstück  hinbringen.  Sie  kommt  zu  den  Wiesen;  da  sieht  sie  hinter 
einem  Hagen  einen  schlafenden  Jäger  liegen  und  seine  Hunde  schlafen  auch; 
sie  haben  ihre  Köpfe  alle  nach  dem  Jäger  hingekehrt,  als  ob  sie  an  ihm  sögen. 
Die  Frau  läuft  hin  und  sagt  es  den  Mähern.  Als  die  kommen,  geht  es:  »Jiff, 
jatf!  Jitf,  jaff!«  da  zieht  er  hin.  —  Es  war  Hackelberg  gewesen,  der  zog  da 
weg  »über  Hagen  und  Bäume«. 

i5- 

Der  alte  Apotheker  B.  in  Wiedensahl  kam  nach  seinem  Tode  wieder 
und  trieb  es  in  seinem  Hause  gar  arg;  das  wurde  den  Leuten  endlich  zu 
schlimm,  und  sie  gingen  nach  Stolzenau  und  holten  die  Paters.  Die  beteten 
den  unruhigen  Geist  in  einen  Kessel  hinein ;  der  wurde  auf  einen  Wagen 
gebracht  und  die  Paters  setzten  sich  dabei.  Der  Knecht  aber,  der  den  Wagen 
fuhr,  sah  sich  um,  da  wurde  der  Geist  wieder  frei.  Er  warf  dem  Pater  vor, 
daß  er  selber  Sünde  gethan  und  sich  eine  Frau  gewünscht  hätte;  der  sagte, 
die  Sünde  hätte  er  schon  vollständig  wieder  abgebetet.  Nach  vielem  Beten 
wurde  der  Geist  wieder  in  den  Kessel  und  auf  den  Wagen  gebracht.  Die 
Pferde  mußten  furchtbar  schwitzen  und  mit  aller  Kraft  ziehen,  je  näher  sie 
dem  Darlater  Holze*)  kamen,  wo  sie  den  Geist  hinbringen  wollten.  'Da  ließen 
sie  ihn,  und  jedes  Jahr  mußte  dem  Geiste  dafür  ein  Bund  Stroh  geliefert 
werden,  daß  er  nicht  wieder  käme.  Der  Knecht,  der  den  Wagen  gefahren 
hatte,  wurde  bald  nachher  krank  und  mußte  von  den  Nachkommen  des  Apo- 
thekers B.  bis  an  sein  Lebensende  ernährt  werden.  — 

Einst  waren  Leute  im  Darlater  Holze  beschäftigt.  Sie  setzten  sich  zum 
Frühstück  unter  einen  Baum.  Der  eine  rief:  »Apotheker  B.  kumm  un  ett  mehe, 
wenn  du  wutt?«  Da  kommt  ein  gewaltiges  Rauschen  ohne  jeden  Wind;  der 
Baum  wurde  mit  der  Wurzel  ausgehoben  und  hätte  die  Leute  alle  erschlagen, 
wenn  sie  nicht  eilig  gelaufen  wären. 

16. 

In  Stadthagen  ist  in  einem  Hause  ein  unausstehlicher  Spuk  durch  einen 
unruhigen  Geist.  Der  wird  zum  Steinhuder  Meere  weggefahren,  wobei  sich 
niemand  umsehen  darf.  Dem  Geiste  wird  eine  Fülle  (Wasserkelle)  ohne  Boden 
mitgegeben ;  er  darf  nicht  eher  wieder  kommen  als  bis  er  damit  das  Meer 
ausgeschöpft  hat.  Als  die  Leute,  die  ihn  hingebracht  haben,  sich  auf  dem 
Rückwege  umsehen,  ist  das  Schilf  am  Ufer  ganz  im  Feuer. 

In  Heimsen    (an  der  Weser)  kommt  ein  verstorbener  Bauer  des  Nachts 


•)    Darlater  Holz:  Wald  jenseits  der  11s,  eines  kleinen  Haches  bei  Wiedensahl.     W.  B. 

l2o 


wieder  und  pflügt  seinen  Acker.  Ein  Verwandter  sieht  ihn  dabei,  will  ihm 
ausweichen,  kann's  aber  nicht  mehr.  Der  Verstorbene  bittet,  daß  er  ihn  er- 
löse; das  kann  er,  wenn  er  in  der  folgenden  Nacht*)  mit  seinen  Pferden  ihm 
pflügen  hilft.  Der  Pastor,  dem  er  das  erzählt,  warnt  ihn  vor  dem  Geist;  er 
aber  geht  doch  hin,  und  am  andern  Morgen  finden  sie  den  Mann  und  die 
Pferde  todt  an  dem  Acker  liegen.     Der  Geist  jedoch  ist  erlöst. 

18. 

Eine  Frau  kommt  jede  Nacht  wieder  und  reitet  die  Pferde  und  plagt 
sie  gewaltig.  Dem  Pater,  der  gerufen  wird,  wirft  sie  vor,  daß  er  selbst  Sünde 
gethan  hätte;  er  hätte  eine  Roggenähre  mit  der  Beinspange  an  seiner  Hose 
abgerissen.  Der  Pater  antwortet:  die  hätte  er  bezahlt;  er  hätte  einen  Sechser 
an  die  Stelle  gelegt.  —  Nun  wird  der  Geist  auf  einen  Wagen  gebetet  und 
es  wird  ihm  mitgegeben :  ein  alter  Kessel  mit  einem  Loch,  ein  Eimer  ohne 
Boden  zum  Schöpfen  und  ein  hölzernes  Beil.  Die  Frau  darf  nicht  eher  wieder 
kommen,  als  bis  sie  mit  dem  Eimer  den  Kessel  voll  Wasser  gefüllt  und  mit 
der  hölzernen  Barte  das  Holz  beim  Ellernbruche  (bei  Wiedensahl)  abgehauen  hat. 

Später  kommt  einmal  ein  Mann  da  vorbei;  er  findet  den  Kessel  und 
nimmt  ihn  mit.  Der  Geist  würde  ihn  schon  da  gefaßt  und  umgebracht  haben, 
wenn  er  nicht  ein  Gewisses  bei  sich  getragen  hätte,  was  er  bei  sich  trug. 
Zu  Hause  wurde  er  aber  doch  so  lange  böse  geplagt,  bis  er  den  Kessel  wieder 
an  Ort  und  Stelle  brachte,  wo  er  ihn  gefunden  hatte.  Der  Mann  vermaß  sich 
nachher,  er  wollte  nie  wieder  einen  alten  Kessel  mitnehmen,  wo  er  ihn  fände. 

19. 

Eine  Magd  giebt  den  Armen  im  Dorfe  Milch.  Die  Frau  schilt  darüber. 
Als  sie  gestorben  ist,  wird  die  Sau  im  Stalle  nackt  und  mager,  kann  zuletzt 
nicht  mehr  aufstehen  und  steckt  die  Nase  immer  in  den  Mist.  Sie  passen 
auf,  wie  das  zugeht,  und  Nachts  kommt  die  Frau  und  reitet  die  Sau.  Sie 
kann  erlöst  werden,  wenn  die  Armen  ihr  ein  »Gott  lohn's!«  schenken;  das 
soll  die  Magd  ihr  verschaffen  und  ihr  die  Hand  darauf  geben.  Die  Magd 
thut  es,  wickelt  aber  vorsichtig  ihre  Schürze  um  die  Hand;  die  Schürze  ver- 
brennt zu  Usel,  als  die  Todte  sie  anfaßt. 

20. 

Es  war  mal  ein  altes  Weib,  das  ging  oft  in  die  Kirche  und  sang  auch 
im  Hause  immer  fromme  Lieder.  Die  Magd  bemerkte  aber,  daß  sie  immer 
so  viel  Butter  und  auch  allerlei  Essen  kriegte,  ohne  daß  das  Mädchen  wußte, 
wo    das    alles    herkam.     Sie  ging  darum  an's  Gericht  und  zeigte  es  an.     Als 


•)    Nach  einer  anderen  Erzählung:  am  Festtagmorgen  vor  Sonnenaufgang. 


nun  die  Gerichtsleute  in  das  Haus  kamen,  saß  die  Alte  im  Kuhstalle  und  sang 
ein  geistliches  Lied  aus  dem  Kirchengesangbuche.  Der  Richter  aber  schrie 
hinein:  »Heraus  mit  dir,  du  alte  Donnerhexe!«  Da  kam  das  Weib  heraus 
und  that  so  übel  und  erbärmlich  und  unschuldig  und  beweglich,  als  wenn 
sie  ein  neugeborenes  Kindlein  wäre.  »Mine  leiben  sauten  heeren«,  sagte  sie, 
»wo  müeget  sä  doch  säo  wat  van  mi  denken;  o  lue  un  kinners,  eck  äne 
hexe !  Dat  kann  mi  doch  käner  na  seggen,  dat  eck  in  minen  leben  änen 
minschen  wat  täo  lede  daen  hebbe.  Un  nu  geit  et  mi  säo?  Bin  eck  nich 
jeden  sönndag  in  de  kerke  gaen?  Gott  ja,  lue?  eck  segge  man!  hebbe 
eck  nich  'esungen  un  'ebäet!  un  nu  meent  ji,  dat  eck  äne  hexe  bin?« 
Aber  da  half  kein  Jammern.  »Ins  Wasser«,  hieß  es,  »ins  Wasser!«  und  wurde 
das  alte  Weib  alsbald  an  die  Weser  gebracht  und  da  hinein  geworfen.  Ob 
die  Alte  nun  wohl  mit  dem  größten  Vertrauen  auf  dem  Wege  gesagt  hatte, 
ihre  Unschuld  werde  sich  schon  durch  Gottes  Hülfe  zeigen,  ja  schön !  Sie 
schwamm  nur  oben  auf  und  war  also  doch  eine  Hexe,  wurde  an  den  Pfahl 
gebunden  und  zu  Tode  gebrannt. 

21. 

Die  Weiber,  welche  hexen  können,  müssen  es  ihren  Kindern  lehren, 
wenn  sie  noch  unmündig  sind.  —  Ein  kleines  Mädchen  aus  Bulmahns  Hause 
in  Wiedensahl  spielte  mit  andern  Kindern  auf  dem  Rasen  mit  Bratbirnen. 
Da  sagte  es:  »Soll  ich  mal  Mäuse  machen?«  »Ja,  ja!«  riefen  die  Kinder. 
Und  da  schlug  das  Mädchen  mit  einem  Stocke  auf  die  Birnen,  daß  Mäuse 
daraus  wurden ;  die  liefen  munter  herum,  hatten  aber  alle  keine  Schwänze. 
— '  Man  sollte  nicht  glauben,  daß  ein  Kind  schon  solche  schlechten  Künste 
verstände!  —  Da  nun  durch  die  Kinder  diese  Sache  bald  ruchbar  wurde,  so 
nannte  man  das  Mädchen  immer  die  Müsemakersche,  und  sie  behielt  den 
Namen  auch  noch,  als  sie  in  späteren  Jahren  sich  nachNiedernwöhren  (Nachbar- 
dorf von  Wiedensahl)  verheirathete.  Übrigens  hat  man  nichts  Schlechtes  von 
ihr  gehört.     Sie  ist  erst  kürzlich  verstorben. 

22. 

Hexen  können  sich  in  Gänse,  Hasen  und  andere  Thiere  verwandeln.  Eine 
Mutter  und  ihre  Tochter  arbeiteten  eines  Tages  draußen  auf  dem  Felde.  Da 
trat  ein  Jäger  mit  seinen  Hunden  aus  dem  Walde,  und  die  Tochter  sagte  zur 
Mutter:  »Mutter,  hebbe  ji  jäon  räimen  nich  bi  juck?  snallt  'n  äis  ümme,  dat 
ji  'n  hase  weret.  Die  Mutter  thats ;  da  kamen  die  Hunde  hinter  sie,  und 
die  Tochter  rief  ihr  zu:  »Mutter,  löpet,  löpet!  dat  juck  de  swarte  nich  kriegt!« 
und  meinte  den  schwarzen  Hund.  Der  Hase  lief  aber  so  rasch,  daß  die  Hunde 
zuletzt  ganz  müde  wurden  und  zurückblieben.  Da  sah  die  Tochter,  daß  ihre 
Mutter  doch  wirklich   Künste  verstand. 

122 


23- 
In  Wiedensahl  hat  sich  früher  ein  alter  Soldat  aufgehalten,  der  war  im 
Kriege  zum  Krüppel  geschossen  und  hatte  ein  hölzernes  Bein  und  weil  er 
davon  hinkte,  so  nannten  ihn  die  Leute  » Hinkebein  -.  Er  betrank  sich  viel, 
war  aber  sehr  beliebt,  denn  er  konnte  den  ganzen  Abend  Märchen  und  andere 
Geschichten  erzählen.  Wenn  er  nun  erzählen  wollte,  so  schlug  er  mit  seiner 
Krücke  auf  den  Stuhl  und  rief:  Nu  höret,  kinner,  eck  will  juck  wat  verteilen.« 
—  So  erzählte  er  auch :  Es  ist  nun  schon  über  hundert  Jahre  her,  da  hat  auf 
Pastors  Hofe  bei  Nacht  immer  eine  Kutsche  mit  vier  Pferden  gefahren  ;  darin 
saß  der  verstorbene  Pastor.  Die  Kühe  fingen  an  zu  brüllen,  die  Thüren 
schlugen  und  den  Mägden  wie  dem  Knechte  wurden  die  Bettdecken  weg- 
gezogen. Das  ist  nicht  zum  Aushalten  gewesen.  In  einer  Nacht  ist  der 
Knecht  aufgestanden  und  in  die  Stube  gegangen,  da  hat  der  Pastor  leibhaftig 
hinter  dem  Ofen  gesessen,  mit  der  weißen  Zipfelmütze  auf  dem  Kopfe.  Als 
der  Knecht  ihn  anredete  und  fragte,  warum  er  immer  wieder  käme,  hat  er 
geantwortet,  das  wären  seine  Sachen  nicht.  —  Zuletzt,  weil  der  Spuk  hat 
gar  nicht  aufhören  wollen,  hat  man  zum  Pater  geschickt,  der  hat  ihn  endlich 
weggebetet.     Das  ist  nun  aber  schon  über  hundert  Jahre  her. 

24. 

In  einer  Mühle  im  Dorfe  kamen  allezeit  die  Mühlenburschen  um ;  sie 
wurden  am  achten  Morgen  mit  abgebissener  [Gurgel  im  Bette  gefunden, 
so  daß  zuletzt  keiner  mehr  da  bleiben  wollte.  Endlich  kam  ein  beherzter 
Müllerknecht,  der  blieb  trotz  ernster  Warnung  da. 

Der  Müller  hatte  mit  seiner  Frau  keine  Kinder,  und  sie  wollte  den 
Knecht  verführen ;  der  aber  weigerte  sich  beständig.  Des  Nachts  machte  er 
ein  Feuer  an,  legte  ein  Beil  neben  sich  und  siehe  da!  um  zwölf  Uhr  ging 
es  trapp!  trapp!  vor  der  Thür;  eine  dicke  schwarze  Katze  stand  davor.  Der 
Knecht  sagte:  »Kumm,  Katte,  un  warme  di!«  Da  rief  die  dicke  noch  eine 
Menge  anderer  Katzen,  sprechend: 

»Kättchen,  wärme  dich  ! 
Spricht  Herme  zu  mich;« 
und  unversehens  fielen  sie  über  den  Knecht  her,  der  aber  schlug  mit  dem 
Beil  dazwischen  und  verwundete  mehrere,  die  dicke  am  Kopfe  und  an  den 
Beinen.  Die  Katzen  liefen  alle  heulend  weg.  Am  anderen  Morgen  war  die 
Müllerin  krank,  sie  hinkte  und  hatte  den  Kopf  mit  einem  Tuche  verbunden. 
Da  sah  der  Bursch,  daß  seine  Meisterin  eine  Hexe  war  und  ihn  als  die  dicke 
schwarze  Katze  mit  den  anderen  Hexen  aus  der  Nachbarschaft  so  böse  ge- 
plagt hatte.     Er  sagte  es  dem  Müller,  der  wollte  es  nicht  glauben. 

In  der  zweiten  Nacht   kochte   der  Knecht  sich   Brei.     Die   dicke   Katze 

123 


kam  wieder  und    der  Bursche   sagte  zu  ihr:     »Kumm,  Katte,   un  warme   di!« 
Die  Katze  sagte: 

»Kättchen,  wärme  dich! 
Spricht  Herme  zu  mich!« 
und  rief  damit  die  anderen,  deren  nun  eine  noch  viel  größere  Zahl  wurde 
als  die  Nacht  vorher.  Der  Bursche  lud  sie  zum  Breiessen  ein,  bespritzte  sie  aber 
sofort  mit  dem  heißen  Brei,  und  der  dicken  goß  er  den  ganzen  Topf  voll  über  den 
Kopf.  Am  anderen  Morgen  lag  die  Müllerin  im  Bette,  hatte  ein  Tuch  um 
den  Kopf  und  konnte  nicht  aufstehen.  Da  sagte  der  Bursche  zu  dem  Müller: 
»Wenn  Ihr  nun  noch  nicht  glauben  wollt,  daß  Eure  Frau  eine  Hexe  ist,  so 
geht  hin  und  seht  zu,  ob  sie  einen  verbrannten  Kopf  hat!«  Der  Müllerging 
hin.  »Ei,  Frau,  bist  du  schon  wieder  krank?  Was  fehlt  dir  denn?«  »Ach, 
ich  habe  so  schreckliches  Kopfweh,  daß  es  nicht  zum  Aushalten  ist.«  »So? 
Laß  mich  mal  fühlen,  ob  du  auch  Hitze  hast?«  »O  nein,  o  nein!  Wenn  'r 
nur  eben  angetickt  wird,  so  giebt  es  mir  gleich  einen  Stich  durch  und  durch.« 
»Ach,  Frau,  dann  will  ich  gleich  den  Doktor  holen  lassen.«  »O  ne,  O  ne! 
Der  kann  mir  doch  nicht  helfen;  laß  mich  doch  endlich  in  Ruhe!«  —  Das 
that  der  Mann  aber  nicht,  sondern  er  riß  ihr  mit  Gewalt  das  Kopftuch  ab;  da  sah 
er,  daß  der  ganze  Kopf  voll  Brandblasen  war.  Da  zerrte  sie  der  Mann  aus 
dem  Bette,  knuffte  sie  in  die  Seite  und  trat  sie  mit  Füßen.  Dann  ließ  er 
das  Gericht  kommen. 

Als  nun  die  Aussage  des  Müllerburschen  zu  Papier  gebracht  war,  nahm  man 
die  Hexe  in  das  scharfe  Verhör,  worin  sie  dann  bekannte,  daß  ihre  Großmutter 
ihr  das  Hexen  beigebracht  hätte,  da  sie  noch  ein  unmündiges  Kind  gewesen. 
Nach  zwei  Tagen  wurde  um  einen  Pfahl  her  ein  Feuer  angemacht,  darin  man 
die  Hexe  vor  aller  Leute  Augen  so  lange  braten  ließ,  bis  sie  todt  war. 

25- 
Zwischen  Petershagen  und  Windheim  (an  der  Weser)  hat  sich  vor  dieser 
Zeit  eine  sonderbare  Geschichte  zugetragen  :  Es  lag  an  einem  schönen  Sommer- 
abend ein  Schäfer  mit  seiner  Heerde,  der  Weser  nahe,  auf  einem  grünen 
Anger.  Da  nun  die  Sterne  und  der  Mond  heraufgegangen  waren,  saß  der 
Schäfer  noch  spät  auf  und  hörte  zu,  wie  der  Strom  mit  leisem  Klange 
durch  die  Weiden  ging.  Ob  nun  wohl  zu  jener  Stunde  die  Luft  ganz  ruhig  war, 
so  trieb  doch  etwas  in  der  Richtung,  wie  der  Lauf  des  Wassers  war,  gleich 
einer  Feder  in  Windeseile  daher,  ließ  den  bleichen  Nebeldunst  der  Luft  bald 
hinter  sich  und  erschien  als  ein  schöngeziertes  Fräulein,  das  stand  und  fuhr 
in  einer  Muldenscherbe,  kam  bald  an  das  Ufer,  stieg  aus  und  ging  dem  Dorfe 
zu,  bis  es  nicht  mehr  zu  sehen  war.  Da  nahte  sich  der  Schäfer  der  Stelle, 
wo  das  Fräulein  ans  Land  gegangen  war,  fand  und  nahm  die  Muldenscherbe 
und  barg  sie  in  den  Uferweiden. 

124 


Als  nun  nach  einer  Weile  das  Fräulein  wieder  kam   und  sein  Schifflein 
nicht  fand,  hob  es  eine  große  Klage  an  und  rief: 
»Radderadderatt,  min  mollenschaart!*) 
Eck    mot    noch    vandäge    in    engelland    brüt    stän, 
Un    bin   noch    hier!« 
und  rang  die  Hände  und  lief  und  suchte  das  Ufer  entlang.    Da  bewegte  den 
Schäfer  dies  Klagen    und   Jammern,    daß    er    ihm    die    Muldenscherbe    wieder 
gab.    Das  Fräulein  trat  hinein,  dankte  dem  Schäfer  und  sagte:  »Morgen  um  diese 
Zeit  komme  wieder  zu  dieser  Stelle,  so  wirst  du  zwei  Stücke  weißen  Leinens 
finden,  die  nimm  zum  Lohn!«    Nach  dieser  Rede  fing  das  Spähnlein  wieder  an 
zu  gleiten  immer  den  Strom   hinab,   in  großer  Eile,  daß  es  bald  verschwand. 
Als  der  Schäfer  am  andern  Abend  zu  der  Stelle   kam,  hatte  das  Fräulein 
sein  Wort  gehalten ;  es  lagen  zwei   Stück    Leinen    an    der   Stelle,    die   waren 
weiß  gebleicht  und  über  die  Maßen  fein  gesponnen  und  gewebt. 

Andere  erzählen,  der  Schäfer  sei  erst  nach  einem  Jahr  wieder  zu  der 
Stelle  gegangen;  da  hing  das  Leinen  allerdings  in  den  Weiden,  war  aber 
schon  ganz  verrottet  und  nicht  mehr  zu  gebrauchen. 

Die  Jungfrau  fuhr  nach  England.  Woher  sie  kam?  das  weiß  man  nicht 
zu  sagen.  Was  sie  im  Dorfe  gewollt?  ist  nicht  bekannt;  doch  wird  von 
einigen  gesagt:  es  sei  eine  Mahr  gewesen. 

26. 

Einen  jungen  Burschen  drückte  und  quälte  jede  Nacht  die  Mahr.  Da- 
rum bat  er  einen  guten  Freund,  bei  ihm  zu  schlafen.  In  der  Nacht  kam  die 
Mahr  richtig  wieder ;  da  verstopfte  der  andere  Bursche  das  Loch  an  der  Thür, 
wohin  durch  der  Klinkenriemen  gezogen  war.  Da  wurde  die  Mahr  den  beiden 
sichtbar  und  erschien  als  ein  hübsches  Mädchen.  Der  Bursche,  den  sie  so 
geplagt  hatte,  wollte  sie  im  Zorne  erst  schlagen  und  mißhandeln;  doch  ob 
ihrer  Schönheit  vergaß  er  seinen  Groll  und  nahm  sie  zu  seiner  Frau  und 
lebte  mit  ihr  ein  Jahr  lang  zusammen.  Da  bekam  sie  ein  Kind.  Als  sie 
dann  wieder  ein  Kind  bekommen  sollte,  sagte  der  Bursch  zu  ihr:  »Was 
meinst  du,  solltest  du  wohl  so,  wie  du  jetzt  bist,  wieder  durch  das  Loch 
hindurch  können,  wo  du  damals  zu  mir  herein  kamst?«  Als  er  das  kaum 
gesagt  hatte,  verschwand  die  Mahr  durch  das  Riemenloch  der  Thür  und  kam 
niemals  wieder. 


*)  Sonst  fand  ich  das  Wort  seh  aar  t  nur  noch  in  Wiäserschaart,  Weserscharte 
=  Porta  Westphalica.  —  Daß  man  den  Unholdinnen  nur  neckische  Transportmittel  gelassen 
hat,  scheint  natürlich  zu  sein.  Die  Holden  von  ehedem,  mit  allem  was  drum  und  dran  war, 
sind  eben  unter  dem  Drucke  des  neuen  Glaubens  verkümmert  und  schäbig  geworden.  Einst 
hatten  sie  stolze  Rosse,  oder  Adler-  und  Schwanenhemden  zu  ihrer  Verfügung,  jetzt  müssen  sie 
sich  begnügen  mit  Schweinen,  Kälbern,  Besen,  Ofengabeln,  zerbrochenen  Sieben  und  Mulden.  W.B. 

125 


2  7.:::) 

In  einem  Hause  wohnten  Zwerge  unter  dem  Gossenstein  in  der  Küche. 
Das  Dienstmädchen  goß  immer  das  schmutzige  Wasser  hindurch  und  ver- 
brannte die  ausgekämmten  Haare.  Eines  Tages  wurde  sie  zur  Zwergenkind- 
taufe  geladen,  und  der  Pastor,  den  sie  um  Rath  fragte,  sagte  ihr,  sie  dürfte 
wohl  hingehen,  sollte  aber  nichts  essen,  was  die  Zwerge  nicht  selber  an- 
rührten und  ihr  geben  würden.  Als  sie  zu  Tische  saßen,  sah  das  Mädchen 
auf  einmal  einen  schweren  Stein  an  einem  seidenen  Faden  über  ihrem  Kopfe 
hangen.  Da  sprach  der  Zwerg  zu  ihr:  »Wie  dieser  Stein,  so  hängt  dein 
Leben  an  einem  seidenen  Faden,  hättest  du  etwas  gegessen,  ohne  daß  ich 
es  angerührt,  so  wär's  dein  Tod  gewesen.  Auch  mußt  du  mir  versprechen. 
kein  schmutziges  Spülwasser  mehr  durch  den  Gossenstein  zu  schütten  oder 
die  Haare  zu  sengen,  sonst  wird  dir's  schlimm  ergehen.«  Das  hat  das 
Mädchen  versprochen,  und  als  es  fortgegangen,  haben  ihm  die  Zwerge  Ho- 
belspäne mitgegeben,  die  sind  nachher  zu  Gold  geworden. 


28. 

Unter  einem  Pferdestall  hatten  schon  seit  langen  Jahren  Zwerge  ihre 
Wohnung,  und  alles  war  gut  gegangen,  und  es  wäre  auch  wohl  so  geblieben, 
wenn  nicht  der  Bauer  den  alten  Runen  (Wallach)  gekauft  und  auch  in  den  Stall 
gestellt  hätte.  Schon  den  nächsten  Morgen  kam  der  Vater  Zwerg  und  beklagte 
sich,  daß  der  alte  Rune  gerade  über  der  Schlafkammer  der  Kinder  stünde; 
denen  liefe  jetzt  die  Jauche  immer  ins  Bett  hinein,  ob  sich  denn  das  nicht 
ändern  ließe?  Aber  der  Bauer,  so  oft  er  auch  gebeten  wurde,  hatte  allerlei 
Ausreden.  Der  alte  Rune  blieb  stehen,  wo  er  stand.  Auf  das  hin  sind  die 
Zwerge  eines  Nachts  verschwunden  und  mit  ihnen  das  Glück  und  der  Wohl- 
stand des  Hauses. 

29. 

Es  findet  sich  in  manchen  Häusern  ein  Snakenkönig;  davon  erzählt  man 
wie  er  mit  dem  Kinde  gespielt  und  dies  in  seinem  Kinderkauderwelsch  mit 
ihm  gesprochen  habe.  --  Läßt  man  ihn  in  Ruhe,  so  legt  er  jedes  Jahr  seine 
Krone  ab,  die  hat  großen  Geldeswerth.  —  Sind  die  Snaken  in  Noth,  so 
geben  sie  einen  Pfiff  von  sich,  dann  kommen  die  andern  zur  Hülfe  herbei  — 
Hat  man  das  Glück,  einen  Snakenkönig  mit  der  Krone  anzutreffen,  so  muß 
man  ein  weißes  Tuch  auf  den  Rasen  breiten,  dann  legt  er  seine  Krone  da- 
aul.     Sie  ist  von   reinstem  Golde  und  hat  die  Eigenschaft,  daß,  wenn    man 


*    Vergl.  Volksmärchen  Nr.  13. 

I  2' 


am  Morgen  vor  Sonnenaufgänge  ein  Stück  davon  abschneidet,  dies  Stück  bis 
zum  Abend  wieder  gewachsen  ist.*) 

Ein  Reitersmann,  welcher  allein  durch  den  Wald  ritt,  sah  einen  Sna- 
kenkönig  mit  der  Krone;  er  stieg  von  seinem  Pferde,  nahm  seinen  Säbel 
und  hieb  der  Schlange  die  Krone  vom  Kopfe.  Dann  schwang  er  sich  damit 
aufs  Pferd.  Der  Snakenkönig  that  aber  alsbald  einen  hellen  Pfiff,  worauf 
die  Snaken  aus  der  ganzen  Umgegend  herbeikamen  und  den  Reiter  verfolgten. 
Obgleich  der  seinem  Pferde  die  Sporen  in  die  Flanken  drückte,  so  waren 
sie  doch  bald  dicht  hinter  ihm,  daß  sie  ihn  gewiß  erreicht  hätten,  hätte  er 
nicht  seinen  Mantel  hinter  sich  geworfen ;  den  zerstachen  die  Snaken  durch 
und  durch.  Dann  folgten  sie  wieder  dem  Reitersmanne  und  hätten  ihn 
gewiß  erreicht,  hätte  er  nicht  in  seiner  Noth  endlich  die  goldene  Krone  hinter  sich 
geworfen  und  so  sein  Leben  gerettet. 

Eine  ähnliche  Erzählung  lautet  so: 

Es  kam  ein  Reiter  allein  über  eine  weite  Haide;  da  sah  er  in  der  Ferne 
etwas  am  Boden,  das  blitzte  wie  Gold.  Er  ritt  dem  Scheine  zu,  da  wars  ein 
Snakenkönig  mit  der  Goldkrone,  der  sonnte  sich.  Der  Reitersmann  stieg  ab 
und  breitete  seinen  Mantel  auf  den  Sand.  Alsbald  legte  der  Snakenkönig 
seine  Krone  darauf,  kam  und  ging  und  trieb  allerlei  Tand  und  Männeken. 
Da  raffte  der  Reiter  schnell  den  Mantel  mit  der  Krone  zusammen,  schwang 
sich  in  den  Sattel  und  jagte  fort,  was  das  Pferd  laufen  konnte.  Sogleich 
that  der  Snakenkönig  einen  hellen  Pfiff;  da  versammelten  sich  die  anderen 
Snaken  und  setzten  dem  Reiter  nach.  Bald  waren  sie  dem  Pferde  auf  den 
Fersen  und  um  den  Reiter  war  es  geschehen ,  wenn  er  nicht  seinen  Mantel 
hinter  sich  geworfen  hätte.  Dabei  verweilten  sich  die  Snaken ;  doch  nicht 
lange,  so  waren  sie  dem  Reitersmanne  schon  wieder  ganz  nahe.  Nun  wäre 
er  gewiß  verloren  gewesen,  denn  sein  Pferd  war  matt  zum  Stürzen,  wenn 
er  nicht  an  einen  Bach  gekommen  und  mit  letzter  Kraft  hinüber  gesetzt 
wäre.  Nun  mußten  die  Snaken  zurück  bleiben,  denn  man  weiß  wohl,  daß 
kein  giftig  Thier  über  solches  Wasser  kann. 

Hat  denn  der  Reiter  die  Krone  verkauft?  Nicht  doch!  Er  schnitt  ein 
Stück  davon,  doch  immer  nur  so  viel,  daß  es  weniger  als  die  Hälfte  war. 
Den  größeren  Theil  behielt  er,  den  kleineren  verkaufte  er;  so  war  der  kleinere 
immer  wieder  gewachsen.  — 

Zu  einer  Magd,  die  täglich  in  den  Wald  ging,  die  Kühe  zu  melken, 
kam  immer  ein  Snakenkönig,  dem  gab  sie  aus  dem  Eimer  Milch  zu  trinken. 
Da  legte  die  Snake  endlich  dem  Mädchen  die  Krone  in  dem  Schooß,  daß 
es  reich  war  sein  Leben   lang. 

*)  Vergl.  Odins  Ring  Draupnir;  auch  wie  sich  Odin  in  eine  Schlange  verwandelt, 
um  den  Meth  zu  erlangen,  der  aus  Kwasirs    Blute  von  den  Zwergen  Fiolar  und  Gelar  bereitet 

W.   B. 

o  I27 


30- 

Friederike  Büsching  hat  mir  erzählt,  daß  mal  ein  Wucherer  gewesen 
sei,  der  habe,  als  er  krank  geworden,  sein  Geld  unter  dem  Kopfkissen  ver- 
wahrt. Als  nun  seine  Sterbestunde  gekommen,  befiel  ihn  eine  fürchterliche 
Angst,  so  daß  er  dem  viel  Geld  bot,  der  es  wagen  würde,  die  erste  Nacht 
nach  seinem  Tode  bei  seinem  Grabe  zu  wachen.  Aber  keiner  wollte  es  thun, 
bis  endlich  ein  ganz  armer  Mann  kam,  der  versprach  es.  Als  nun  der  Wucherer 
gestorben  und  begraben  war,  setzte  sich  der  arme  Mann  an  das  Grab  in  einen 
Kreis,  den  er  da  gezogen  hatte.  Mit  dem  Schlage  zwölf  kam  der  Teufel, 
der  hatte  einen  grünen  Rock  an.  Er  grub  das  Grab  auf,  nahm  den  Todten 
aus  dem  Sarge  und  zog  ihm  das  Fell  vom  Kopfe;  als  er  das  gethan  und 
nun  die  Leiche  wieder  einscharrte,  zog  der  arme  Mann  das  Kopffell  leise  in 
seinen  Kreis.  Als  nun  der  Teufel  die  Haut  nehmen  wollte  und  sah,  daß  sie 
der  Mann  in  den  Kreis  gezogen  hatte,  flog  er  in  feuriger  Gestalt  durch  die 
Luft  davon.  —  Es  wird  nun  erzählt,  daß  der  Teufel  die  Kopfhaut  aufpusten 
und  eine  Blase  davon  machen  wollte,  dann  muß  der  Geist  zwischen  Himmel 
und  Erde  spuken  gehen.  So  aber  wurde  sie  dem  Todten  wieder  in  den 
Sarg  gelegt,  daß  er  Ruhe  hatte.  —  i 

Von  einem  andern  Wucherer  und  einer  armen  Frau  wird  eine  ähnliche 
Geschichte  erzählt:  der  Mann  wird  in  der  Kirche  unter  dem  Altar  begraben ; 
die  Frau  setzt  sich  in  einen  Kreis;  um  zwölf  tritt  eine  Schaar  schwarzer 
Männer  herein,  die  ziehen  ihn  aus,  um  ihm  das  Fell  abzuziehen;  da  rafft  die 
Frau  einen  Strumpf  in  den  Kreis.  Dadurch  verlieren  die  Geister  ihre  Macht 
über  den  Todten.     Die  Frau  aber  ist  schwer  erkrankt. 

3i- 

In  Steinhude  soll  einmal  eine  reiche,  reiche  Frau  gewesen  sein;  als  die 
zum  Sterben  kam,  fragte  sie  den  Pastor:  ob  er  wohl  glaubte,  daß  sie  ihr 
Geld  in  jene  Welt  mitnehmen  könnte  und  da  auch  reich  und  vornehm  wäre? 
Da  hat  der  Pastor  gesagt:  »Das  wäre  nicht  möglich;  sie  sollte  lieber  an  ihrer 
Seelen  Seligkeit  denken!«  Darüber  ist  die  Frau  in  großen  Zorn  gekommen, 
weil  das  Gold  ihr  Alles  war,  und  sie  hat  geschrieen:  »Scher  dich  aus  meinem 
Hause,  du  Pfaff!  Du  lügst!  Du  lügst!«  Sie  hat  dann  ihren  Dienern  streng 
befohlen,  ihr,  wenn  sie  sterben  sollte,  das  Gold  mit  in  den  Sarg  zu  geben. 
Das  haben  sie  denn  auch  gethan  und  es  ihr  im  Sarge  unter  den  Kopf  gelegt. 
Als  nun  am  Morgen  die  Träger  auf  die  Hausflur  traten,  den  Sarg  zu  schliessen, 
saß  da  zu  Häupten  der  todten  Frau  ein  schwarzes  Hündlein,  das  schöpfte  aus 
einem  Tiegel  das  geschmolzene  Gold  und  goß  es  ihr  mit  einem  Löffel  in 
den  Mund.  Da  haben  die  Leute  rasch  den  Sargdeckel  zugeklappt  und  die 
Leiche  fortgetragen.    Das  Hündlein  wird  aber  wohl  der  Teufel  gewesen  sein. 

128 


32. 

Ein  Schäfer  ging  an  einen  Brunnen,  da  zu  trinken.  Da  kam  aus  der 
Tiefe  eine  Stimme,  die  rief  vernehmlich:  »Erlöse!  Erlöse!«  Weil  er  nun 
die  Springwurzel  besaß,  so  schloß  er  den  Boden  auf,  und  als  er  hinunter 
kam,  fand  er  ein  schwarzes  Mädchen,  das  sagte  zu  ihm,  wenn  er  dreimal 
wieder  käme,  so  wäre  es  erlöst.  Das  erste  Mal  war  sie  schon  weiß  bis  auf 
die  Brust,  das  zweite  Mal  bis  zu  den  Füßen;  da  vergaß  der  Schäfer  die 
Springwurzel  und  das  Mädchen  that  einen  schrecklichen  Schrei  und  rief: 
»Nun  muß  ich  wieder  hundert  Jahre  warten.« 

33- 

Zu  einem  Soldaten,  der  bei  Nacht  auf  dem  Posten  stand,  kam  eine  Schlange 
und  bat  ihn,  Nachts  gerade  auf  den  zwölften  Glockenschlag  drei  Freitage  hinter 
einander  in  die  Kirche  zu  kommen;  dadurch  könnte  er  sie  erlösen.  Zweimal 
kam  der  Soldat  auch  zur  rechten  Zeit;  den  ersten  Freitag  begegnete  ihm  ein 
ganz  schwarzes  Ding,  den  andern  Freitag  war  es  schon  beinahe  weiß.  Das 
dritte  Mal  kam  der  Soldat  aber  erst,  als  es  schon  zwölf  geschlagen  hatte.  Da  that 
das  Ding  einen  lauten  Schrei,  und  als  der  Soldat  eilig  aus  der  Kirche  sprang, 
schnappte  ihm  die  Thüre  den  Hacken  ab,  daß  er  lange  darum  zu  liegen  hatte. 

34- 

Es  ist  einmal  ein  wunderschönes  Mädchen  gewesen,  eines  Königs  Tochter, 
mit  Namen  Florentine;  das  war  aber  so  schrecklich  stolz,  daß  es  Gottes  Erdboden 
nicht  betreten  wollte,  darum  mußte  es  immer  getragen  oder  in  der  Kutsche  gefahren 
werden.  Alle  Freier,  die  sich  um  die  Hand  der  schönen  Florentine  bewarben, 
wurden  von  ihr  schnöde  abgewiesen,  denn  keiner  war  ihr  gut  genug.  — 
Endlich  kam  mal  Einer  an  ihres  Vaters  Hof,  der  zeigte  ihr  das  Bildniß  eines 
Mannes  von  großer  Schönheit  und  fragte  sie,  ob  sie  denn  den  wohl  nehmen 
wollte.  »Ja!«  hat  da  die  schöne  Florentine  gesagt,  »den  will  ich  haben;  aber 
er  muß  mich  auch  abholen  in  einer  goldenen  Kutsche  mit  vier  weißen 
Hengsten;  wenn  er  das  nicht  thut,  so  mag  er  bleiben  wo  er  ist.«  Das  hat 
ihr  der  Bote  versprechen  müssen.  Am  dritten  Abend  hielt  auch  richtig  die 
Kutsche  vor  ihrem  Hause;  sie  war  bespannt  mit  vier  weißen  Hengsten  und 
ganz  von  Golde,  das  leuchtete  weit  hin  durch  die  Straßen  der  Stadt.  Die 
schöne  Florentine  ließ  sich  von  ihren  Kammerzofen  in  den  Wagen  tragen, 
daß  sie  ja  Gottes  Erdboden  nicht  berührte  und  fuhr  mit  ihrem  Bräutigam 
davon,  und  alle  Leute  liefen  hinterher,  um  den  prächtigen  Wagen  zu  sehen. 
Als  sie  aber  vor  dem  Thore  auf  einem  Berge  angekommen  waren,  fingen 
Wagen  und  Pferde  auf  einmal  an  zu  glühen  wie  Feuer,  hoben  sich  in  die  Luft 
und  verschwanden.      Da  ließ  sich  eine  Stimme  vernehmen,  die  rief: 

9*  129 


»Ach  du  schöne,  ach  du  schöne  Florentine! 
Du  bist  ewig  und  ewig  verloren!« 
Da  sahen  die  Leute  wohl  klar,  daß  es  der  Teufel  gewesen  war,  der  die 
schöne  Florentine  geholt  hatte. 

35- 

Eine  Frau,  die  von  Münchehagen  nach  der  Horst  ging,  fand  im  Bruche 
einen  kupfernen  Kessel.  Nachdem  sie  sich  nach  allen  Seiten  umgesehen  hatte, 
nahm  sie  den  Kessel  mit.  Am  andern  Morgen  kriegte  sie  ihn  aufs  Feuer  und 
heizte  tüchtig  'unter,  um  für  die  Schweine  was  zu  kochen.  Sie  ging  eben 
mal  hinaus,  und  als  sie  wieder  kam,  saß  da  der  alte  verstorbene  Feldscher 
auf  dem  Kessel,  mit  weißer  Zipfelmütze,  im  Schlafrock  und  rauchte  .ganz  ge- 
müthlich  seine  lange  thönerne  Pfeife.  Die  Frau  aber  hat  einen  schönen 
Schrecken  gekriegt,  und  nur  mit  großer  Noth  haben  die  Leute  den  Kerl 
wieder  aus  dem  Hause  und  in  seinem  Kessel  wieder  in  das  Bruch  bringen 
und  bannen  können.  — 

Der  alte  Feldscher  soll  aus  jWiedensahl  gewesen  sein;  er  spukte  noch 
lange  nach  seinem  Tode  und  wurde  auf  einem  Wagen  in  das  Bruch  gefahren, 
nachdem  man  ihn  in  den  Kessel  gebannt  hatte.  Da,  wo  der  Wagen  durch  eine 
Hecke  fuhr,  wächst  auch  heute  noch  nichts  Grünes. 

36.*) 

Ein  Bauer  sieht  eines  Tages  eine  dicke  Ütsche.  Da  spricht  er:  »No! 
wenn  du  ein  Kind  kriegst,  so  will  ich  Gevatter  stehen.«  Nach  einiger  Zeit 
kommt  ein  Zwerg  und  ladet  ihn  zur  Kindtaufe  ein.  Der  Bauer  geht  hin,  und 
als  er  wieder  nach  Hause  will,  geben  ihm  die  Zwerge  eine  Tasche  voll  Hobel- 
späne, die  werden  nachher  zu  lauter  Silber. 

Der  Bauer  hat  versprechen  müssen,  wieder  zu  kommen,  wenn  das  Kind 
ein  Jahr  alt  ist.  Das  Jahr  darauf  geht  er  hin  und  nimmt  als  Geschenk  einen 
Himten  Weizen  mit.  Der  kleine  Junge  ist  ganz  kregel  und  "kann  schon  laufen. 
Die  Zwerge  nehmen  den  Bauer  freundlich  auf,  und  als  er  wieder  weggeht, 
geben  sie  ihm  die  Taschen  voll  Pferdemist;  das  kleine  Pathchen  steigt  ihm 
in  die  Taschen  und  trampelt  den  Mist  ordentlich  fest,  daß  recht  viel  hinein 
geht.  Als  der  Bauer  zu  Hause  ankommt,  sind  aus  den  Pferdekötteln  lauter 
goldene  Dukaten  geworden. 

37- 

Eine  Wöchnerin  ist  auf  Äpfel  lüstern.  Der  Mann  schleicht  sich  bei 
Nacht  in  den  Garten  des  Pastors  und  steigt  auf  einen  Apfelbaum.     Der  Pastor 


*)  Vergl.  Volksmärchen  Nr.  13. 
130 


kommt  mit  einer  Schaufel  aus  dem  Hause  und  gräbt  unter  dem  Baume  ein 
Loch,  um  seine  Schätze  da  zu  bergen.  Dann  ruft  er:  sHerodianna!  Hero- 
dianna!  Herodianna!«  Der  Teufel  erscheint  bei  diesem  Ruf,  und  der  Pastor 
will  ihm  den  Erdschatz  in  Verwahrung  geben.  Da  sagt  der  Teufel,  es  wären 
zwei  Augen  zu  viel  da,  aber  der  Pastor  beruhigt  ihn.  Da  spricht  der  Teufel, 
so  wollte  er  machen,  daß  der  Schatz  nur  dann  gehoben  werden  könnte,  wenn 
eine  reine  Jungfrau  auf  einem  glinsterschwarzen  Ziegenbock  darüber  ritte.  Damitist 
der  Pastor  zufrieden  und  geht  fort,  nachdem  er  sein  Geld  in  die  Erde  gegraben  hat. 
Der  Bauer,  welcher  alles  mit  angehört  hat,  geht  zu  Haus  und  kauft  sich 
den  ersten  schwarzen  Bock,  der  im  Dorfe  jung  wird,  zieht  ihn  auf,  setzt  sein 
kleines  Mädchen  darauf  und  läßt  es  über  die  Stelle  unter  dem  Apfelbaum 
reiten.  Die  Erde  thut  sich  auf,  der  Schatz  hebt  sich,  und  so  ist  der  Bauer 
ein  reicher  Mann  «eworden. 


.^v 


38.*) 

In  alter  Zeit  ist  mal  eine  Frau  gewesen,  die  war  eine  Hexe  und  hatte 
eine  andere  Frau  ums  Leben  gebracht,  darum  sollte  sie  zu  Tode  gebrannt 
werden.  Da  sagten  die  Richter,  wenn  sie  ihnen  ein  Räthsel  aufgeben  könnte, 
das  sie  nicht  herausbrächten,  so  sollte  ihr  das  Leben  geschenkt  sein.  Da  be- 
sann sich  das  Weib,  als  es  schon  auf  dem  Henkerswagen  saß  und  gab  ihnen 
zu  rathen  auf,  was  das  wäre : 

»Up'n  bome  satt  eck, 

Ungebören  fläisch  att  eck, 

Hartläiw  (Herzlieb)  lüchte  mi, 

Un  doch  gräode  mi.« 
Das  brächten  sie  nicht  heraus,  sagten  die  Richter,  was  denn  das  wäre. 
Da  sagte  das  Weib :  die  Frau,  die  sie  umgebracht,  hätte  ein  ungeborenes 
Kind  getragen,  das  hätte  sie  herausgeschnitten,  geschlachtet  und  gegessen ; 
ihr  eigenes  Kind,  Herzlieb,  hätte  sie  auch  geschlachtet,  das  Fett  heraus- 
gebraten und  auf  die  Lampe  gegossen;  diese  Lampe  hätte  ihr  leuchten  müssen, 
als  sie  auf  einem  Baume  saß  und  das  Fleisch  des  ungeborenen  Kindes  aß. 

Da  mußten  die  Richter  das  Weib  frei  geben  und  durften  es  nicht  ver- 
brennen, ob  es  schon  eine  Hexe  war. 

39- 

Es  heirathete  mal  ein  König  seine  eigene  Tochter,  und  als  sie  schwanger 
ward,  fürchtete  er  sich,  daß  es  ruchbar  werden  möchte  und  er  seines  Reiches 
entsetzt  würde.  Da  brachte  er  seine  Tochter  um,  schnitt  das  Kind  aus  ihrem 
Leibe  und  ließ  es  von  einer  Amme  groß  säugen. 


s)  Vergl.  Volksmärchen  Nr.  19. 

131 


Der  Knabe  war  12  Jahre  alt,  da  wollte  der  König  eine  Reise  thun.  Er 
gab  seinem  Sohne  die  Schlüssel  zu  allen  Zimmern;  aber  einen  Schlüssel  zeigte 
er  ihm,  in  das  Gemach,  wo  der  zu  paßte,  da  sollte  er  nicht  hineingehen. 
Als  der  Vater  fort  war,  ging  der  Knabe  in  alle  Zimmer;  und  endlich  nahm 
er,  obgleich  es  ihm  streng  verboten  war,  den  letzten  Schlüssel,  der  paßte  in 
die  Kellerthür,  und  als  er  da  hineinging,  so  lag  da  eine  Frau  im  Sarge;  das 
war  aber  die  ermordete  Königstochter.  Da  gab  ihr  Gott,  daß  sie  sich  auf- 
richten und  sprechen  konnte:  »Der  König  ist  dein  Vater  und  mein  Vater«, 
sprach  sie  da,  »und  ich  bin  deine  Mutter.«  Dann  hieß  sie  ihm,  daß  er  sich 
Haut  nähme  von  ihrem  Leibe  zu  Handschuhen,  und  daß  er  hinginge  in  den 
Stall  und  schnitte  einer  trächtigen  Mähre  das  Füllen  aus  dem  Leibe;  wenn 
das  groß  wäre,  so  sollte  er  sich  darauf  setzen  und  die  Handschuhe  anziehen 
von  ihrem  Leibe  und  ausreiten  zu  einer  Königstochter,  die  sie  ihm  nennen 
würde.  Die  hätte  gelobt,  den  zu  heirathen,  der  ihr  ein  Räthsel  aufgäbe,  das 
sie  nicht  rathen  könnte.     Dann  sollte  er  zu  ihr  sprechen: 

»Ungeboren  bin  ich, 

Ungeboren  reit  ich, 

Und  trage  meine  Mutter  an  der  Hand.« 
Das  würde  sie  nicht  herausbringen  können,  was  das  wäre. 
Der  Königssohn  that,  wie  ihm  seine  Mutter  geboten  hatte.     Er  zog  das 
ungeborene  Füllen  groß  und  ritt  zu  der  Königstochter;  die  konnte  das  Räthsel 
nicht  errathen  und  mußte  ihn  zum  Manne  nehmen. 


40. 

In  einem  Hause  war  mal  ein  Rabe,  der  konnte  sprechen.  Da  ging  eines 
Tages  die  Herrschaft  aus,  und  die  Magd,  welche  sich  derweilen  etwas  zu  gute 
thun  wollte,  schlug  Eier  in  die  Pfanne  und  backte  sich  einen  schönen  Pfann- 
kuchen. Mit  dem  so  kam  die  Herrschaft  schon  zurück,  und  die  Magd,  welche 
den  Pfannkuchen  nicht  wollte  sehen  lassen,  warf  ihn  verstohlen  in  den  Trank- 
eimer. Das  sah  der  Rabe,  und  nun  ging  er  immer  im  Hause  herum  und 
sprach:  »Use  maged  panke  drank!  Use  maged  panke  drank!«  Da  wurden 
die  Leute  aufmerksam,  sahen  in  den  Trank  und  fanden  den  Pfannkuchen; 
da  mußte  die  Magd  bekennen,  daß  sie  den  Pfannkuchen  heimlich  gebacken  hätte. 

Wegen  des,  so  kriegte  die  Magd  einen  großen  Haß  auf  den  Raben ; 
faßte  ihn,  da  ihre  Frau  nicht  zu  Hause  war  und  vernähte  ihm  den  Bürzel 
mit  einem  starken  Flicken,  daß  er  daran  des  Todes  sterben  sollte.  Als  nun 
die  Frau  zu  Hause  kam,  so  schrie  der  Rabe  in  einem  fort:  »Use  maged 
panke  drank!  prün  äs  täo!  prün  äs  täo!«  Da  merkte  die  Frau,  daß  dem 
armen  Thiere  der  Bürzel  vernäht  war,  trennte  den  Flicken  säuberlich  ab  und 
jagte  die  treulose  Magd  aus  ihrem  Dienste. 

132 


4L 

Ein  Mann  reitet  eines  Tages  über  Feld.  Da  ruft  eine  Stimme  aus  der 
Erde:  »O  weh!«  —  Der  Mann  reitet  erst  ruhig  weiter;  da  ruft  es  wieder: 
»O  weh!«  —  »Na,  was  ist  denn  o  weh  ?  fragt  da  der  Mann.  Da  sagt  ihm 
die  Stimme,  er  sollte  in  die  Erde  hereinkommen,  da  standen  drei  Pullen,  denen 
sollte  er  die  Pfropfen  abziehen;  wenn  er  das  thäte,  so  sollte  den  andern 
Morgen  hinter  seinem  Ofen  ein  kupferner  Kessel  mit  Geld  stehen.  Der  Mann 
dachte,  das  könnte  er  wohl  thun ;  er  ging  hinein  in  die  Erde,  fand  da  die 
drei  Flaschen  und  zog  ihnen  die  Pfropfe  ab.  —  Als  er  am  andern  Morgen 
hinter  seinem  Ofen  zusah,  so  stand  da  richtig  ein  großer  kupferner  Kessel 
voll  Geld. 

42. 

Bei  einem  Wirth  lag  ein  Reuter  in  Quartier,  der  hielt  sich  heimlich  zu 
des  Wirthes  Tochter.  Bald  darauf  mußte  er  fort  in  den  Krieg.  Da  nun  die 
Zeit  herum  war,  kriegte  das  Mädchen  einen  kleinen  Jungen,  der  war  todt; 
und  weil  sie  dachte,  daß  ihr  Liebster  wohl  nie  wieder  kommen  würde,  so  schämte 
sie  sich  vor  den  Leuten  und  scharrte  das  Kind  heimlich  bei. 

Ein  Jahr  war  der  Reuter  weg  gewesen,  da  war  der  Krieg  zu  Ende,  und 
der  Reuter  kam  wieder  zu  demselben  Wirthe,  um  zu  sehen,  wie  seine  Liebste 
sich  befände.  Er  hätte  nun  gern  erfahren,  wie  die  Sache  verlaufen  wäre  und 
auch  gern  wieder  mit  dem  Mädchen  angebunden ;  aber  es  wollte  sich  gar 
keine  Gelegenheit  finden,  daß  er  mit  ihr  unter  vier  Augen  sprechen  konnte, 
darum  fing  er  wie  im  Scherz  mit  dem  Mädchen  ein  Gespräch  in  Reimen  an, 
das  die  andern  nicht  verstehen  konnten. 

»Ans  et  te  jähr  um  düsse  tid  was, 

Do  smet  eck  en  appel  in't  gräune  gras. 

Mich  soll  wundern,  mich  soll  wundern, 

Ob  der   apfel  ist  erfunden  ? 

Ja  woll !  säe  säi. 

Allewo  läit  häi? 

Anse  häi,  säe  säi. 

Wol  auf  der  erden? 

Nein!  unter  der  erden. 

Noch  'n  mal?    säe  häi. 

Ne,  ne!  säe  säi.« 
So  kam  der  Reuter    in    so    weit  zu  seinem  Zwecke,  daß  er  erfuhr,  wie 
das  Ding  verlaufen  war;  aber    sonst    war    nichts    zu    machen;    das    Mädchen 
war  scheu    geworden    und    wollte    sich    nicht    zum    zweiten    Maie    begöseken 
lassen. 

i33 


43- 

Zur  Zeit,  da  die  preußischen  Reuter  in  Wiedensahl  sich  aufhielten,  lag 
ein  Offizier  in  einem  Hause  in  Quartier,  der  hatte  allerlei  Bücher.  Eines 
Tages  ging  er  zu  einem  Offizier  zum  Kartenspielen  aus.  Da  kriegte  der  Sohn 
vom  Hause  sich  eins  von  den  Büchern  und  fing  an  zu  lesen.  Da  kamen  Ge- 
spenster herein  und  stellten  sich  in  einer  Reihe  auf.  Der  Junge  war  ganz 
in  das  Buch  vertieft  und  merkte  nichts.  Wie  er  weiter  las,  kamen  immer 
mehr,  bis  die  Stube  von  den  gräsigen  Gestalten  ganz  voll  gepfropft  war.  Da 
sah  es  der  Junge  und  sprang  noch  mit  genauer  Noth  aus  dem  Fenster  und  sagte 
es  dem  Bedienten  des  Offiziers;  der  lief  schnell  zu  seinem  Herrn  und  erzählte 
es  ihm.  Da  kam  der  Offizier  gleich  angelaufen ;  er  las  in  dem  Buche  rück- 
wärts, da  verschwanden  die  Geister.  Dem  Jungen  aber  sagte  er,  das  sollte 
er  nicht  wieder  probieren,  sonst  könnte  es  ihm  schlecht  ergehen. 

44- 

Einem  Bauern  gingen  immer  die  Schweine  todt,  den  Tag  vorher,  wenn 
er  sie  schlachten  wollte.  Er  ging  zum  Schinder,  den  um  Rath  '  zu  fragen, 
und  der  sagte  ihm  :  er  sollte  die  todten  Schweine  im  Garten  an  die  Hecke 
legen  und  aufpassen,  wer  dann  käme.  Der  Bauer  that,  wie  ihm  gesagt  war. 
Da  kam  die  Nachbarin  und  holte  das  Schwein  weg.  —  Am  andern  Tage 
ging  der  Bauer  zu  ihr  hin  und  wollte  von  ihr  das  Hexen  lernen,  um  zu 
sehen,  ob  sie  eine  Hexe  wäre.  Die  Alte  sagte,  das  könnte  sie  nicht,  und  er 
sollte  sich  doch  ums  Himmelswillen  mit  so  was  ja  nicht  abgeben.  Doch  zuletzt, 
da  er  schon  fortgehen  wollte,  rief  sie  ihn  wieder  zurück,  und  er  mußte  mit 
ihr  in  die  Kammer  kommen  und  sollte  sagen:  »Eck  denk  an  'n  pott  un  seh  .  .  . 
in  gott.«  Der  Bauer  aber  sagte:  »Eck  seh  ...  in  'n  pott  un  denk  an  gott.« 
Danach  sprach  er:  »Ja,  warte,  du  alte  Hexe,  jetzt  geh  ich  .zum  Gericht  und 
verklage  dich.«  Das  that  er,  und  die  Hexe  wurde  weg  geholt.  —  Als  sie 
zur  Probe  schwimmen  sollte  und  ins  Wasser  geworfen  wurde,  rief  sie  den 
Teufel,  der  hatte  ihr  versprochen,  ihr  eine  Eisenstange  zu  bringen,  damit  sie 
unterginge.  Aber  da  kam  ein  Rabe  geflogen  und  brachte  ihr  eine  Nähnadel. 
Die  sollte  ihr  wohl  was  helfen !  und  richtig  schwamm  sie  oben.  —  Der 
Bauer  war  auch  festgesetzt,  bis  sich  zeigte,  ob  seine  Anklage  nicht  falsch 
gewesen  war.  Der  Henker  hatte  ihm  versprochen,  mit  dem  Hute  zu  winken, 
wenn  die  Sache  für  ihn  günstig  abgelaufen  wäre.  Als  nun  die  Hexe  oben 
schwamm  und  wieder  zurück  gebracht  wurde,  winkte  der  Henker  mit  dem 
Hute;  das  sah  der  Bauer  durch  das  Gefängnißgitter,  und  er  rief  der  Hexe  zu: 
»Nun,  Anneke,  wie  gefiel  dir  das  Bad?«  Für  das  Spottwort  mußte  er  noch 
sechs  Wochen  sitzen ;  die  Hexe  aber  wurde  verbrannt. 

134 


DER  MANN  OHNE  KOPF. 


45- 

Einem  jungen  Manne  wurde  gesagt,  seine  Mutter  wäre  eine  Hexe.  Er 
wollte  aufpassen,  ob  es  wahr  wäre,  und  in  der  Mainacht  mußte  ihm  die  Mutter 
beider  Grützemühle  leuchten.  Da  wurde  sie  auf  einmal  zu  einem  Weidenbaum. — 
Der  Sohn  legte  sich  auf  den  Stall  und  paßte  auf,  wann  seine  Mutter  wieder 
käme.  Da  kamen  eine  Menge  Hexen,  auf  Kälbern  und  Gösseln  angeritten, 
mit  Musik  ins  Haus,  und  tanzten.  Der  Teufel,  ihr  Oberster,  sagte:  »Es  sind 
zwei  Augen  zu  viel  da ;  soll  ich  sie  auspusten  ?«  Die  Frau  sagte :  »Nein  — 
weil  sie  meinte,  es  wäre  nur  das  kleine  Kind. 

Ehe  sie  weggingen,  mußte  jede  geloben,  etwas  Böses  zu  thun.  Die  Frau 
sagte:  »Wenn  ihres  Sohnes  Frau  auf  der  Diele  beim  Buttern  das  Kind  wiegte, 
so  wollte  sie  als  alte  Sau  die  Wiege  umstoßen,  daß  das  Kind  den  Arm  bräche.« 
Den  andern  Tag  sagte  der  Mann  zu  seiner  Frau,  sie  sollte  buttern,  obwohl 
sie  erst  den  Tag  vorher  gebuttert  hatte.  Die  Alte  ging  auf  der  Diele  hin, 
und  gleich  darauf  kam  eine  alte  Sau  und  warf  die  Wiege  um,  daß  das  Kind 
heraus  Hei  und  den  einen  Arm  brach.  Der  Sohn  nahm  einen  dicken  Knüppel 
und  schlug  der  Sau  zwischen  die  Ohren,  daß  Blut  floß;  und  weil  er  ihr  Blut 
gelöst  hatte,  so  stand  mit  einem  Mal  die  Alte  da.  Da  sah  der  Sohn  wohl, 
daß  seine  Mutter  eine  Hexe  war;  er  zeigte  sie  an,  und  sie  wurde  verbrannt. 


46. 

Einem  Kranken  sollte  das  Abendmahl  gebracht  werden.  Der  Pastor 
sagte  dem  Küster,  er  sollte  nur  voraufgehen;  er,  der  Pastor,  würde  gleich 
nachkommen.  Als  der  Küster  nun  auf  dem  Wege  war,  begegnete  ihm  der 
Pastor  schon,  als  käme  er  von  dem  Kranken  zurück.  Der  Küster  sah  es  ganz 
genau:  es  war  sein  Schimmel  und  sein  Mantel,  und  lautlos  ritt  der  Pastor 
an  ihm  vorüber.  Dem  Küster  ging  ein  Schauder  über  den  Rücken,  doch  er 
ging  weiter  zu  dem  Kranken.  Da  kam  der  Pastor  auch  bald  hin,  und  sie 
gaben  dem  Kranken  das  heilige  Abendmahl.  Als  sie  dann  weggingen,  erzählte 
der  Küster  dem  Pastor:  an  der  und  der  Stelle  wäre  er  ihm  vorhin  schon 
begegnet.  Als  sie  an  der  Stelle  waren,  kam  ihnen  wieder  der  Reiter  entgegen, 
dem  Pastor  sein  Ebenbild.  Da  rief  ihn  der  Pastor  an:  »Teufel!  Was  thust 
du  in  meiner  Gestalt?«  Sprach  der  Teufel:  »So  lange  du  den  Mantel  da  trägst, 
der  auf  den  heiligen  Christabend  genäht  ist,  so  lange  habe  ich  auch  Gewalt,  in 
deiner  Gestalt  zu  gehen.«  —  Da  ritt  der  Pastor  schnell  nach  Hause,  machte  ein 
Feuer  an  und  verbrannte  den  Mantel;  und  von  der  Zeit  an  nahm  der  Pastor 
den  Schneider  immer  ins  Haus,  dann  wußte  er,  daß  sein  Zeug  nicht  an  einem 
heiligen  Tage  gearbeitet  wurde. 

137 


47- 

Das  Höwif  geht  im  Bückeburger  Walde  um.  Es  läßt  sich  mit  dem  Ruf: 
Ho]!  Ho!  immer  hören,  wenn  anderes  Wetter  eintritt.  Es  soll  ein  Mädchen 
sein,  das  ihre  beiden  Zwillingskinder  umgebracht  hat  und  zur  Strafe  jetzt 
zwei  kleine  Wölfe  säugen  muß.  Einer,  der  zur  Abendzeit  durch  den  Wald 
gegangen  ist,  hat  sie  da  so  gesehen. 

48. 

Allerlei  alter  Glaube: 

Gegen  blaue  Milch  hilft  es,  wenn  man  eine  Mistgabel  glühend  macht 
und  sie  in  die  frischgemolkene  Milch  hineinsteckt. 

Wenn  man  einen  Schatz  graben  will,  muß  man  Pflöcke  in  die  Erde 
stecken  und  sie  mit  Fäden  von  ungekochtem  und  ungebleichtem  Garn  umziehen. 

Wenn  die  Schweine  behext  sind,  werden  sie  dreimal  rückwärts  durch 
ein  Stück  ungekochtes  Garn  gezogen. 

Wenn  einer  bestohlen  ist,  so  muß  er  des  Nachts  zwischen  zwölf  und 
eins  im  bloßen  Hemde  vor  die  Kirchthüre  gehen  und  es  durch  das  Schlüssel- 
loch dem  Todtenreiche  klagen,  dann  wird  ihm  der  Dieb  genannt. 

Wenn  man  viel  Butter  haben  will,  so  muß  man  einen  Stiel  von  Kreuz- 
dornholz in  das  Butterfaß  nehmen.  —  Auch  ist  Kreuzdornholz  gegen  Hexen  gut. 


öw&' 


Wenn  ein  Mädchen  ihren  künftigen  Geliebten  sehen  will,  so  muß  sie 
in  der  Christnacht  einen  Eimer  mit  Wasser  in  die  Stube  stellen,  einen  Stuhl 
dabei  und  darüber  ein  Handtuch  hängen.  Sie  selbst  muß  sich  nackend  unter 
den  Tisch  setzen.  Dann  kommt  der  Geliebte,  wäscht  sich  aus  dem  Eimer 
und  trocknet  sich  an  dem  Handtuch.  —  Eine  Magd  thut  das;  da  kommt  der  Haus- 
herr, dessen  Frau  noch  lebt.  Das  Mädchen  schämt  sich  sehr,  aber  es  vergeht 
kein  Jahr,  so  stirbt  die  Frau  und  der  Mann  heirathet  die  Magd. 

Wenn  ein  Mädchen  in  der  Christnacht  rückwärts  stillschweigend  zum 
Brunnen  geht,  rückwärts  einen  Eimer  Wasser  heraufzieht,  rückwärts  einen 
Wagen  aus  dem  Hause  schiebt,  so  hilft  ihr  der  zukünftige  Geliebte  anfassen. 

Am  Matthiasabend  (24.  Februar)  werden  zwei  Walnußschalen  mit  Ol 
gefüllt,    Dochte    hineingelegt    und    diese    angezündet.      Dann    setzt    man    die 

138 


Schalen  auf  ein  Becken  mit  Wasser,  so  daß  sie  darauf  schwimmen  und  denkt 
sich  ein  Mädchen  und  einen  jungen  Burschen.  Stoßen  die  Schalen  mit  der 
vorderen  Seite  zusammen,  so  heirathen  sich  die  zwei;  berühren  sie  sich  mit 
den  Rückseiten,  so  wird  nichts  aus  der  Heirath.  —  An  demselben  Abend 
gießen  die  Knaben  Blei,    um  zu  sehen,  welches  Handwerk  sie  lernen    sollen. 

Gesträuch,  das  ein  Meineidiger  gehauen  hat,  ins  Korn  gestellt,  verscheucht 
die  Vögel.  (Mein  Vater  erzählte,  daß  in  IKvese  ein  solcher  Mann  gewesen 
wäre,  dem  hätten  die  Leute  heimlich  Bracken  weggenommen,  oder  sie  hätten 
ihn  zum  Holzhauen  bestellt,  ohne  natürlich  den   Zweck  zu  verrathen.) 

Wenn  man  die  erste  Schwalbe  sieht,  muß  man  unter  dem  linken  Fuß 
in  die  Erde  graben,  so  findet  man  eine  Kohle,    die  gegen  das  Fieber  gut  ist. 

In  manchen  Gegenden  wird  dem  Todten  ein  Pfennig  mitgegeben.  Der 
Tischler,  welcher  den  Todten  in  den  Sarg  legt,  erinnert  die  Verwandten 
daran.*) 

Wenn  das  Heerdfeuer  sprüht  und  eine  Kohle  herabspringt,  so  giebt  es 
Streit  im  Hause,  wenn  man  nicht  schnell  ruft:   »In't  nawerhüs!  In't  nawerhus! 

Ein  heller  Schein  über  einem  Hause  bei  Nacht  zeigt  an,  daß  es  dort 
nächstens  brennen  wird.     Von   solchem  Feuervorspuk  sagt   man :    et  wabert. 

Im  Wirbelwind,  Küselwind,  der  wärwind  genannt  wurde,  der  auf  dürren 
Wegen  mit  Staub  dahinzieht,  soll  eine  Hexe  drin  sitzen. 

49- 

In  Wiedensahl  wissen  die  älteren  Leute  noch  viel  von  den  tätern«  zu 
erzählen,  wie  sie  gewahrsagt,  gestohlen  und  Zaunigel  über  dem  Feuer  gebraten 
haben.  Eine  solche  Bande  ist  hier  in  alter  Zeit  auch  mal  her  gekommen, 
dabei  ist  eine  ganz  steinalte  Mutter  gewesen;  weil  die  nun  nicht  mehr  hat  weiter 
fortkommen  können,  so  haben  die  Tatern  hinter  einer  Hecke  ein  Loch  in 
den  Rasen  gegraben,  da  hat  die  alte  Mutter  hineinkriechen  müssen.  Sie  hat 
wohl  gebeten  und  gefleht,  sie  möchten  sie  doch  nur  noch  eine  kurze  Weile 
am  Leben  lassen,  aber  die  haben  ihr  zugerufen:  »Krup  unner!  Krup  unner! 
Daß  dich  die  Bauernhunde  nicht  fressen!«  Und  so  haben  sie  ihrer  alten 
Mutter  Erde  auf  den  Kopf  geschaufelt  und  sie  lebendig   begraben.  —  In  der 


*)  Als  mein  Onkel  in  Mechtshausen  begraben  wurde,  haue  der  Tischler  es  vergessen  und 
fragte,  ob  wir  den  Sarg  auch  noch  einmal  wieder  öffnen  wollten.  O.  X. 

»39 


Wiedensahler  Gegend  ist  die  Geschichte  jedermann  bekannt.  In  Niedern- 
wöhren  (Nachbardorf  von  Wiedensahl)  sagt  man,  daß  die  Alte  am  Büchen- 
berge  zwischen  Wiedensahl  und  Loccum  begraben  sei;  die  Tatern  hätten 
dabei  gesprochen: 

»Krup  unner,  krüp  unner!  de  weit  is  di  gramm! 

Du  kannst  nich  mer  wandern,    du  musst'r  nu  ran.« 


50. 

Graf  Otto  von  Bückeburg  saß  einst  gefangen  in  einem  fernen  Lande. 
Da  gewann  er  des  Schließers  Tochter,  daß  sie  ihm  zur  Freiheit  verhülfe,  und 
versprach  ihr,  sie  zu  heirathen,  und  nannte  ihr  sein  Land  und  seinen  Stand. 
Der  Graf  hatte  aber  schon  daheim  eine  Frau,  er  verließ  das  Mädchen  und 
vergaß  sie,  da  er  nun  wieder  in  sein  Land  Bückeburg  zurückkam.  Da  nahm 
das  arme  Mädchen  ihre  Zither  und  begab  sich  auf  den  wTeiten  Weg  und  wanderte 
und  schlug  sich  mühsam  durch  von  Land  zu  Land,  bis  sie  zuletzt  an  des 
Grafen  Hof  kam.  Ihre  Kleider  waren  zerrissen,  daß  sie  aussah  wie  eine  Bett- 
lerin. Da  sie  nun  vor  dem  Grafen  zu  der  Zither  das  Lied  sang: 
»Ein  Herz,  das  sich  mit  Sorgen  quält,  , 

Hat  selten  frohe  Stunden  .  .  .« 
so  erkannte  er  sie  an  dem  Liede,  fiel  ihr  um  den  Hals  und  küßte  sie  und 
erzählte  seiner  Gemahlin,  was  das  Mädchen  an  ihm  gethan  und  wras  er  ihr 
versprochen  hätte.  Da  ließ  es  die  Gräfin  geschehen,  daß  er  das  Mädchen  zur 
Frau  nahm,  aber  mit  dem  Beding,  daß  sie  ihm  an  die  linke  Hand  getraut 
würde. 

Zu  Stadthagen    im  Mausoleum    der    fürstlichen  Familie  ist  der  Graf  mit 
seinen  beiden  Frauen  abgebildet. 

Von  seinen  Eltern  ward  Folgendes  erzählt:  Es  gaben  der  Churfürst  von 
Hannover  und  der  Churfürst  von  Hessen  einmal  eine  große  Festlichkeit.  Dazu 
war  auch  ein  alter  Prinz  gekommen,  der  war  noch  unverhefrathet,  weil  seine 
Einkünfte  nicht  ausreichten,  eine  Frau  zu  ernähren.  Es  war  auch  eine  alte 
Prinzessin  da,  die  wegen  fehlender  Geldmittel  ebenfalls  noch  ledig  war.  Da 
wurden  die  beiden  herangeholt  und  mußten  zusammen  tanzen,  und  weil  das 
den  alten  Leutchen  so  wohl  anstand,  so  hatten  der  Churfürst  von  Hannover 
und  der  von  Hessen  ihr  Ergötzen  daran,  gingen  zu  den  beiden  hin  und 
fragten,  warum  sie  sich  nicht  verheirathen  thäten?  Sie  sagten,  daß  sie  das 
gerne  thun  würden,  aber  sie  hätten  so  schon  nur  ein  kümmerliches  Aus- 
kommen, viel  mehr,  wenn  sie  eine  Familie  ernähren  sollten.  Da  nahm  der 
Churfürst  von  Hannover  den  Churfürsten  von  Hessen  bei  Seite  und  sprach: 
hwerenoth,  Bruder,  laß  uns  von  unseren  Ländern  ein  paar  Ämter  zusammen- 
schmeissen,  daß  die  beiden   alten  Leutchen  ein  Paar  werden  können.     Kinder 

140 


kriegen  sie  doch  nicht  mehr,  und  darum  fällt  ja  nach  ihrem  Tode  alles  wieder 
an  uns  zurück.«  Der  Churfürst  von  Hessen  war  damit  einverstanden;  die 
beiden  Alten  hielten  Hochzeit;  die  beiden  Churfürsten  thaten  ein  paar  Amter 
zusammen  und  gaben  sie  zur  Aussteuer,  aber  mit  dem  Beding,  daß  sie,  wenn 
keine  Erben  da  sein  sollten,  an  Hannover  und  Hessen  wieder  heimfielen.  So 
entstand  die  Grafschaft  Schaumburg-Lippe.  Das  alte  Ehepaar  kriegte  aber 
wider  Erwarten  doch  einen  Sohn,  der  Otto  genannt  ward;  eben  jener  Graf, 
der  die  beiden  Frauen  hatte. 

51- 

Von  Spiessingshol  (schaumburg-lippisches  Forsthaus)  aus  in  westlicher 
Richtung  zieht  sich  im  Bückeburger  Walde  ganz  nahe  der  Grenze  wohl  drei 
Stunden  lang  ein  Wall  hin,  der  heißt  Schanzgraben  oder  Drusenwall.  An 
einer  Stelle  ist  er  doppelt;  die  wird  der  Pferdestall  genannt. 

Es  geht  nun  die  Sage,  in  alter  Zeit  wären  die  von  Schlüsselburg  häutig 
von  der  Weser  her  nach  Wiedensahl  gezogen  und  hätten  arg  gewirthschaitet 
mit  Sengen  und  Plündern.  Zu  der  Zeit  war  auch  ein  tapferer  Ritter  in  Bücke- 
burg, den  sprachen  die  Wiedersahler  um  Beistand  an;  dafür  mußten  sie  aber 
gewisse  Abgaben  liefern  an  Geld  und  Korn.  —  Wenn  nun  die  Schlüsselburger  im 
Anzüge  waren,  so  wurde  die  Sturmglocke  gezogen  und  die  Wiedensahler 
flüchteten  mit  ihrer  Habe  in  den  Pferdestall  hinter  dem  Drusenwall;  da  lag 
dann  der  Ritter  von  Bückeburg  mit  seinen  Reitern,  so  daß  die  von  Schlüssel- 
burg nicht  wagten  nachzurücken,  sondern  abziehen  mußten,  woher  sie  ge- 
kommen waren.  — 

Es  hatte  der  Ritter  auch  eine  Frau,  und  kam  die  ins  Wochenbett,  so 
schickten  ihr  die  Wiedensahler  Eier  und  junge  Hähnchen,  daß  sie  den  Ritter 
zum  Freunde  behalten  möchten.  Was  aber  erst  guter  Wille  war,  ward  nach- 
her Zwrang;  die  Eier  und  die  jungen  Hähnchen  mußten  geliefert  werden, 
die  Frau  mochte  in  Wochen  sein  oder  nicht,  und  so  ist's  heute  noch. 


52. 
Bei  Wiedensahl  in  der  Hespe  (Weg  aus  dem  Dorfe  nach  Kloster  Loc- 
cum),  nahe  hinter  der  Länderfläche,  welche  die  »Wieme  heißt,  haben  in 
alter  Zeit  zwei  Fräulein  gewohnt,  denen  die  Wiedensahler  zu  Diensten  und 
Abgaben  verpflichtet  waren.  Diese  zwei  Fräulein  sind  einst  von  da  wegge- 
zogen nach  Sachsenhagen,  haben  aber  vorher  den  nahegelegenen  Wald  an 
die  Gemeinde  Wiedensahl  geschenkt  und  das  Land  an  die  Pfarre.  Ob  nun 
wohl  zu  jetziger  Zeit  in  der  Hespe  von  Wohngebäuden  nicht  die  Spur  mehr 
zu  finden  ist,  so  wollen  alte  Leute  doch  behaupten,  daß  der  Brunnen  jener 
zwei  Fräulein  nur    mit  Rasen  bedeckt,    sonst    aber   noch    wohl   erhalten    sei. 

141 


Weil  nun  die  Fräulein  von  Sachsenhagen  nach  Bokeloh  gezogen  und  da 
gestorben  sind,  so  hat  es  sich  zugetragen,  daß  die  Abgaben  lange  Zeit  nicht 
eingefordert  wurden,  auch  hätte  wahrscheinlich  niemand  sich  je  darum  ge- 
kümmert; aber  da  kam  einst  ein  Wiedensahler  Bürgermeister  auf  den  gescheu- 
ten Einfall,  es  könne  doch  bös  werden,  wenn  vielleicht  einmal  die  rückständigen 
Gelder  von  der  langen  Zeit  her  auf  eins  eingezahlt  werden  müßten ;  er  ging 
darum  an  das  Amt  zu  Bokeloh,  wegen  der  Sache  anzufragen.  Da  haben 
sie  ihm  den  Bescheid  gegeben,  daß  die  Wiedensahler,  weil  sie  es  denn  einmal 
so  gerne  wollten,  die  Abgaben  nur  immerhin  an  das  Amt  Bokeloh  bringen 
möchten;  sie  würden  sie  da  gerne  annehmen.  Darum  müssen  die  Wieden- 
sahler noch  heutigen  Tages  an  das  Amt  Bockeloh  Abgaben  bezahlen,  wid- 
rigenfalls es  nicht  vergessen  wird,  sie  von  dort  her  einzufordern.      , 


142 


III.  VOLKSLIEDER  UND 
REIME 


i. 

Es  flohn  drei  Sterne  wohl  über  den  Rhein, 
Es  hätt  eine  Witwe  drei  Töchterlein. 
Die  eine  starb,  wie  es  Abend  war 
Und  die  Sonne  nicht  mehr  schiene  klar, 
Die  andre  um  die  Mitternacht, 
Die  dritte  um  die  Morgenwacht. 

Sie  nahmen  sich  all'  einander  die  Hand' 
Und  kamen  vor  den  Himmel  behend, 
Sie  klopften  leise  an  die  Thür, 
Sankt  Petrus  sprach:  Wer  ist  dafür? 
Es  stehn  drei  arme  Seelen  hier, 
Ach,  mach  uns  auf  die  Himmelsthür. 

Er  sprach:  ich  muß  es  zeigen  an, 
Welche  von  euch  soll  in  Himmel  gähn. 
Darauf  ging  er  hin  und  fragte  nach; 
Dit  Himmelsstimme  also  sprach: 
Die  ältsten  zwei  soll'n  hier  eingehn, 
Die  jüngste  muß  bleiben  stehn. 

Sie  schrie  und  sprach:  was  hab  ich  gethan, 
Daß  ich  hier  bleiben  soll  bestahn? 
Sankt  Petrus  sprach:  weil  du  veracht 
Gotts  Wort,  deine  Seele  nicht  bedacht, 
So  geh  nun  hin  und  siehe  zu, 
Wo  du  find'st  in  der  Höllen  Ruh  ! 

10  143 


Denn,  wenn  du  in  die  Kirche  sollt'st  gehn, 

So  bliebst  du  vor  dem  Spiegel  stehn, 

Dein  Haupt  gekrönt,  dein  Haar  geschmieret, 

Und  dich  hoffärtig  aufgezieret; 

Drum  geh  nun  fort  und  packe  dich! 

Die  Hölle  wird  aufnehmen  dich. 

Als  sie  nun  vor  die  Hölle  kam, 

Da  klopfte  sie  gar  grausam  an; 

Der  Satan  sprach:  Wer  ist  allhier? 

Es  ist  eine  arme  Seel'  dafür! 

Drauf  sprang  er  auf  und  ließ  sie  ein 

Und  schenkt  ihr  ein  ein  glühenden  Wein. 

Als  sie  nun  aus  dem  Becher  trank, 
Das  Blut  ihr  aus  den  Nägeln  sprang, 
Er  bracht'  sie  in  den  höllischen  Pfuhl 
Und  setzt'  sie  auf  ein  glühenden  Stuhl. 
Ja,  ihre  Qual  war  übergroß, 
Sie  kriegte  manchen  harten  Stoß. 

Sie  sprach:  ist  meiner  Mutter  Schuld, 
Daß  sie  mein  Bosheit  hat  erduld't 
Und  mich  in  Frevel  lassen  gehn, 
Nicht  einmal  sauer  dium  gesehn ; 
Da  meine  Schwestern  im  Himmelssaal, 
So  sitz  ich  in  der  Höllenqual. 

Was  hilft  mir  nun  mein  Übermuth, 
Mein  Reichthum,  Ehre,  Geld  und  Gut? 
Was  hilft  mir  nun  all  Zierd'  und  Pracht? 
Ach,  hätt  ich  nie  daran  gedacht, 
So  saß  ich  nicht  in  diesen  Flammen, 
Da  alle  Qualen  schlagen  zusammen. 


2. 

Zu  Koblenz  auf  der  Brücken 
Da  lag  ein  tiefer  Schnee. 
Der  Schnee,  der  ist  verschmolzen. 
Das  Wasser  fließt  in  See. 


144 


Es  fließt  in  Liebchens  Garten, 
Da  wohnet  niemand  drein, 
Ich  kann  da  lange  warten, 
Es  wohn'  zwei  Bäumelein. 

Die  sehen  mit  den  Kronen 
Noch  aus  dem  Wasser  grün, 
Mein  Liebchen  muß  drin  wohnen, 
Ich  kann  nicht  zu  ihr  hin. 

Wenn  Gott  mich  freundlich  grüßet 
Aus  blauer  Luft  und  Thal, 
Aus  diesem  Flusse  grüßet 
Mein  Liebchen   allzumal. 

Sie  geht  nicht  auf  der  Brücken, 
Da  gehn  viel  schöne  Fraun; 
Sie  thun  mich  viel  anblicken, 
Ich  mag  die  nicht  anschaun. 

3- 

Trau  die  Frauensleute  nicht  zu  viel, 

Denn  treulos  sind  sie  alle; 

Ihr  Auge,  Nas'  und  Zungenspiel 

Führt  manchen  in  die  Falle. 

Denn  wer  den  Frau'nsleut'  zu  viel  traut, 

Der  ist  ein  dummer  Teufel. 

Der  hat  sein  Haus  auf  Sand  gebaut, 

Der  glaubet  ohne  Zweifel. 

Im  Anfang  sind  sie  fromm  und  still, 

Verstecken  ihre  Klauen 

Und  sprechen:  lieber  Jüngling  komm, 

Du  kannst  mir  sicher  trauen. 

Aber  am  Ende  der  Zeit, 

Dann  spielen  sie  hold  blinde  Maus, 

Dann  ist  sie  Frau  und  er  der  Pudelhund  im  Haus. 

4- 

Es  waren  drei  Soldaten 
Dabei  ein  junges  Blut, 
Sie  hatten  sich  vergangen, 
Der  Graf  nahm  sie  gefangen, 
Setzt'  sie  bis  auf  den  Tod. 

10»  145 


Es  war  ein  wackres  Mägdelein 
Dazu  aus  fremdem  Land, 
Sie  lief  in  aller  Eilen 
Des  Tags  wohl  zehen  Meilen 
Bis  zu  dem  Grafen  hin. 

Gott  grüß  Euch,  edler  Herre  mein, 
Ich  wünsch  Euch  guten  Tag. 
Ach,  wollt  Ihr  mein  gedenken, 
Den  Gefangenen  mir  schenken, 
Ja  schenken  zu  der  Ehr. 

Ach  nein,  mein  liebes  Mägdelein, 
Das  kann  und  mag  nicht  sein. 
Der  Gefangene  und  der  muß  sterben, 
Gotts  Gnad  muß  er  ererben, 
Wie  er  verdienet  hat. 

Das  Mädel  drehet  sich  herum 

Und  weinte  bitterlich. 

Sie  lief  in  aller  Eilen 

Des  Tags  wohl  zwanzig  Meilen 

Bis  zu  dem  tiefen  Thurm. 

Gott  grüß  Euch,  ihr  Gefangenen  mein, 
Ich  wünsch  Euch  guten  Tag! 
Ich  hab  für  Euch  gebeten, 
Ich  kann  Euch  nicht  erretten, 
Es  hilft  nicht  Gut  noch  Geld. 

Was  hat  sie  unter  ihrem  Schürzelein? 
Ein  Hemdlein,  war  schneeweiß. 
Das  nimm,  du  Allerliebster  mein, 
Es  soll  von  mir  dein  Brauthemd  sein, 
Darin  lieg  du  im  Tode. 

Was  zog  er  von  dem  Finger  sein  ? 

Ein  Ringlein,  war  von  Gold. 

Das  nimm,  du  Hübsche,  du  Feine, 

Du  Allerliebste  meine, 

Das  soll  dein  Trauring  sein. 


146 


Was  soll  ich  mit  dem  Ringlein  thun, 
Wenn  ich's  nicht  tragen  kann 
Leg  es  in  Kisten  und  Kasten 
Und  laß  es  ruhn  und  rasten 
Bis  an  den  jüngsten  Tag. 

Und  wenn  ich  über  Kisten  und  Kasten  komm 
Und  sehe  das  Ringlein  an, 
Da  darf  ich's  nicht  anstecken, 
Das  Herz  möcht  mir  zerbrechen, 
Weil  ich's  nicht  ändern  kann. 

5- 

Auf  den  Sonntag  früh  Morgen, 

Da  kam  die  hübsche  Merlind 

Und  wollte  zum  Thore  hinaus. 

Da  fragten  sie  alle  die  Leute: 

Merlind,  wo  will  sie  hin? 

Ich  will  nach  mein'  Vater  sein  Garten 

Und  pflücken  ein  rothes  Bukett. 

Und  als  sie  in  den  Baumgarten  einkam, 

Wohl  unter  dem  Rosenbusch, 

Da  lag  ein  hübsch  und  fein  Reuter 

Wohl  unter  dem  Rosenzweig. 

Steh  auf!  Es  ist  schon  die  Zeit! 

Ich  höre  die  Schlüßlein  schon  klingen, 

Meine  Mutter  ist  nicht  weit. 

Hörst  du  die  Schlüßlein  schon  klingen, 

Ei  so  dreh  dich  noch  einmal  herum 

Und  reich  mir  deinen  rosenrothen  Mund! 

6. 

Es  zog  ein  Reuter  wohl  über  den  Rhein, 
Der  wollte  dem  König  sein  Töchterlein  frein ; 
Er  konnte  so  schöne  singen, 
Daß  Berge  und  Thale   erklingen. 
Das  hörte  dem  König  sein  Töchterlein 
Dort  oben  auf  ihrem  Schlafkämmerlein, 
Sie  flocht  ihre  Haare  in  Seide, 
Mit  dem  Reuter  thut  sie  wegreisen. 


147 


»Feinsliebchen  nun  schnell  und  schwing  dich 

Auf  meinen  Rappen  hinter  mich. 

Wir  müssen  heute  noch  reiten 

Zweihundert  und  zwanzig  Meilen.« 

Und  als  sie  eine  Meile  geritten  hatten, 

Da  sprach  sie,  es  ist  schon  wieder  Tag. 

»Feinsliebchen,  wir  wollen  hüthen 

Unser  Rößlein  und  ich  bin  müde.« 

Der  Reuter  nahm  seinen  Mantelsack 

Und  breitet  ihn  auf  das  grüne  Gras. 

»Feinsliebchen,  nun  sollst  du  mich  lausen, 

Deine  goldenen  Haare,   die  sausen.« 

Er  schaute  Feinsliebchen  wohl  unter  die  Augen. 

»Feinsliebchen,   warum  bist  du  so  traurig?« 

»Warum  sollt  ich  nicht  traurig  sein? 

Ich  bin  ja  dem  König  sein  Töchterlein. 

Hätte  ich  meines  Vaters  Willen  gehorchet, 

Eine  Kaiserin  war  ich  geworden. 

Das  aber,  das  hab  ich  nun  nicht  gethan, 

Nun  muß  ich  in  dem  Lande  herummer  gähn. 

Meine  Kleider,  die  muß  ich  verkaufen, 

Das  Geld  will  der  Reuter  versaufen.« 

Sobald  Feinsliebchen  das  Wort  aussprach, 

Ihr  Haupt  im  grünen  Grase  lag; 

Hier  liege,  Feinsliebchen,  und  faule, 

Kein  Reuter  soll  über   dich  trauern. 

Er  hängt  sie  an  einen  Feigenbaum. 

Hier  häng,  Feinsliebchen,  und  hänge, 

Kein  Reuter  soll  an  dich  gedenken. 

7- 

Es  wohnt  ein  Markgraf  an  dem  Rhein, 

Der  hat  drei  schöne  Töchterlein. 

Die  ersten  beiden  heirathen  früh, 

Die  dritte  hat's  mit  Sorg  und  Müh. 

Sie  kam  vor  ihrer  Schwester  Thür, 

Ach,  braucht  ihr  keine  Dienstmagd  hier? 

Ach,  Mädchen,  du  bist  hübsch  und  fein, 

Du  liebst  ja  nur  den  Herrn  allein. 

Ach  nein!     Ach  nein!     Das  thu  ich  nicht, 

Ich  will  erfüllen  meine  Pflicht. 


148 


Sie  miethet  das  Mädchen  auf  ein  Jahr, 

Das  Mädchen  dient  ihr  sieben  Jahr. 

Und  als  die  sieben  Jahr  rummer  waren, 

Da  war  das  Mädchen   schwach  und  krank. 

Sag,  Mädchen,  wenn  du  krank  willst  sein, 

Sag,  welches  deine  Eltern  sein? 

Mein  Vater  ist  Markgraf  am  Rhein, 

Ich  bin  sein  jüngstes  Töchterlein. 

Ach  nein,  mein  Kind,  das  glaub  ich  nicht, 

Daß  du  meine  jüngste  Schwester  bist. 

Und  so  du  das  nicht  glauben  willst, 

So  geh  nach  meiner  Kiste  hin, 

Darin  wird  es  geschrieben  stehn, 

Du  kannst  es  mit  deinen  Augen  sehn. 

Und  als  sie  vor  die  Kiste  kam, 

Da  wurden  ihr  die  Wangen  naß, 

Da  fing  sie  an  zu  weinen. 

Ach,  bring  mir  Bier,  ach  bring  mir  Wein! 

Dies  ist  mein  jüngstes  Schwesterlein. 

Ach,  Schwester,  hättest  du  es  eher  gesagt, 

Die  königlichen  Kleider  hättest  du  sollen  tragen. 

8. 

Jetzt  fängt  der  Frühling  an, 

Und  alles  fängt  zu  grünen  an, 

Alles  lustig  in   der  Welt, 

Es  blühen  viel  Blumen  auf  dem  Feld, 

Sie  blühen  schön  weiß,  blau,  roth  oder  gelb. 

Als  ich  durch  das  Korn  ging, 

Da  hör  ich  die  Lerchlein  in  der  Höh, 

Wenn  ich  zu  meinem  Feinliebchen  geh. 

Als  ich  für  Schätzchens  Fenster  kam, 

Da  hört  ich  schon  einen  anderen  drin. 

Da  sagt  ich,  daß  ich  nicht  mehr  kam; 

Ich  habe  dich  alle  Zeit  treu  geliebt 

Und  dir  dein  Herz  noch  nicht   betrübt. 

Und  du  führst  schon  eine   falsche  List.   — 

Den  Sonntag  in  einer  stillen  Ruh, 

Da  kam  mir  eine  traurige  Botschaft  zu: 

Hat  denn  mein  Feinsliebchen  kein'  Urlaub  genommen: 

Ich  sollte  doch  noch  einmal  zu  ihr  kommen. 


U9 


Ich  sollte  sie  nicht  verlassen 

Ach  ja  in  keiner  Noth 

Ich  sollte  sie  treulich  lieben  bis  in  den  Tod. 

Seht  an  mein  bleiches  Angesicht, 

Wie  mich  die  Liebe  hat  zugericht? 

Kein  Feuer  auf  der  Erden, 

Das  brennt  ja  nicht  so  heiß, 

Als  die  verborgene  Liebe 

Die  ich  und  mein  Schatz  weiß. 


9- 

Als  Christus  der  Herr  in  Garten  ging, 
Und  ihm  sein  Leiden  bald  anfing, 
Da  trauerte  Laub  und  grünes  Gras, 
Weil  Judas  seiner  ganz  vergaß. 
Da  kamen  die  falschen  Juden  gegangen, 
Sie  hatten  Jesum  im  Garten  gefangen, 
Sie  hatten  ihn   gegeißelt  und  gekrönt, 
Sein  heiliges  Haupt  ward  sehr  verhöhnt. 
Da  kamen  die  falschen  Juden  zum  Zorn 
Und  schlugen  Jesum  mit  scharfen  Dorn, 
Sie  schlugen  ihm  in  einer  Stunden 
Wohl  mehr  denn  tausend  tiefe  Wunden. 
Sie  führten  ihn  ins  Richterhaus, 
Mit  scharfen  Striemen  wieder  aus, 
Sie  hingen  ihn  an  ein  hohes  Kreuz. 
Maria  beweinte  dieses  Leid, 
Maria  hört  ein  Hämmerlein   klingen. 
O  weh!   O  weh!  mein  liebes  Kind! 
O  weh!  O  weh!  meines  Herzens  Trost! 
Mein  Kind  muß  ich  verlassen  bloß.- 
Maria  kam  unter  das  Kreuz  gegangen 
Und  sah  ihr  liebes  Kindelein  hangen 
An  einem  Kreuz,  war  ihr  nicht  lieb, 
Maria  war  ihr  Herze  betrübt. 

Johannes,  lieber  Jünger  mein, 
Laß  dir  meine  Mutter  befohlen  sein, 
Nimm  sie  zu  der  Händen, 
Führe  sie  von  dannen, 

Daß  sie  nicht  schaue  meine  Marter  an.« 


150 


»Ach,  Herr,  das  will  ich  gerne  thun, 

Ich   will  sie  führen  also  gut, 

Ich  will  sie  trösten  also  schön, 

Wie  ein   Kind  seine  Mutter  trösten  thut. 

Da  kam  ein  blinder  Jude  gegangen, 

Voll  Zorn  und  Grimm,  von   Eifer  umfangen, 

Der  führt  ein  Schwert  in  seiner  Faust, 

Stach  Jesum  seine  Seite  aus.  — 

Nun  bücke  dich,  Baum,  und  bücke  dich,  Ast! 

Mein  Kind  hat  weder  Kuh  noch  Rast. 

Nun  bücke  dich,  Laub  und  grünes  Gras! 

Laß  dir  zu  Herzen  gehn  all  das! 

Die  hohen  Bäume,  die  beugten  sich, 

Die  hohen  Felsen,  die  neigten  sich, 

Die  Sonne  verlor  auch  ihren  Schein, 

Die  Vögelein  ließen  ihr  Rufen  und  Schrein.  — 

Nun  merket  auf  ihr  Frauen  und  Mann, 

Wer  dieses  Liedlein  singen  kann, 

Der  sing  es  des  Tages  nur  ein  Mal, 

Seine  Seele  wird  kommen  in  des  Himmels  Saal. 

IO. 

Hannchen  ist  mir  gut, 
Sie  ist  wie  Milch  und  Blut, 
Aber  dabei  stolz, 
Aber  dabei  stolz. 

In  der  Gartenthür 
Hat  mein  Hannchen  mir 
Sanft  die  Hand  gedrückt, 
Sanft  die  Hand  gedrückt. 

Hannchen  komm  heraus, 
Riech  auf  meinen  Strauß! 
Sollst  mal  riechen  drauf, 
Sollst  mal  riechen  drauf! 

Ich  komm  nicht  heraus 
Und  riech  auf  deinen  Strauß. 
Laß  riechen,  wer  da  will, 
Ich   komm  nicht  heraus. 


1 1. 

In  Trauern  und  in  Ruh 
Bring  ich  mein  Leben  zu. 
Kein  Trost  kann  ich  nicht  haben, 
Der  mir  mein  Herz  thut  laben. 
Drum  wein  ich  in  der  Still 
Und  seufze  oft  und  viel. 

Komm  her  und  deck  mich  zu, 

Schaff  meinem  Seufzen  Ruh 

In  dem  Schooß  der  kühlen  Erden, 

Da  du  meiner  nicht  kannst  werden, 

Auch  nichts  zu  hoffen  hab, 

Als  nur  das  kühle  Grab. 

Es  kann  nicht  anders  sein, 
In  dieser  Liebespein. 
Wenn  zwei  verliebte  Herzen 
Treu  mit  einander  scherzen, 
Da  ist  auch  alle  Mal 
Das  Lieben  ohne  Qual. 

Ich  wollt,  ich  lag  und  schlief 

Viel  tausend  Klafter  tief 

In  dem  Schooß  der  kühlen  Erden. 

Auch  nichts  zu  hoffen  hab, 

Als  nur  das  kühle  Grab. 

I  2. 

Ich  bin  so  traurig  und  so  still 
Mein  ganzer  Muth  ist  hin, 
Das  weiß  mein  allerschönster  Schatz, 
Will  mir  nicht  aus  dem  Sinn. 

Bald  hab  ich  was,  bald  pfeif  ich  was, 
Und  bin  doch  niemals  froh. 
Bald  hab  ich  mit  den  Jungens  Spaß 
Und  mein  es  doch  nicht  so. 

Ein  Mädchen  ist  ein  niedlich  Ding, 
Wenn  man  sie  recht  betracht. 
Sic  ist  wie  eine  silbern  Flint, 
Man  nimmt  sie  wohl  in  acht. 


152 


Wer  mit  der  Katze  pflügen  will, 
Der  spannt  die  Maus  voran, 
Dann  läuft  die  Katze  nach  der  Maus, 
Dann  kommen  wir  bald  nach  Haus. 

Wer  einen  steinigen  Acker  hat 
Und  einen  stumpfen  Pflug, 
Wer  einen  Schelm  zum  Schatze  hat, 
Ist  das  nicht  Leids  genug? 

13- 

Es  waren  einst  zwei  Bauersöhne 

Die  hatten  Lust  ins  Feld  zu  ziehn 

Wohl  unter  die  Husaren,  wohl  unter  die  Husaren. 

Sie  hatten  sich  ganz  anders  bedacht 

Und  hatten  sich  ganz  lustig  gemacht, 

Nach  Hause  wollten  sie  reiten. 

Und  als  sie  in  den  Hof  einkamen, 

Frau  Wirthin  ihnen  entgegen  kam: 

»Seid  Ihr  gekommen,  ihr  Herren  ? 

»Guten  Tag,  guten  Tag,  Frau  Wirthin  mein, 

Wo  thun  wir  unsere  Pferde  ein, 

Daß  sie  nicht  gestohlen  werden?« 

Sie  nahm  sie  an  ihre  schneeweiße  Hand 

Und  band  sie  oben  an  die  Wand. 

»Hier  werden  sie  nicht  gestohlen.« 

Der  Reiter  setzt'  sich  hintern  Tisch, 

Sie  trug  ihm  auf  gebratenen  Fisch, 

Dazu  ein  Glas  mit  Wein. 

»Tragt  Ihr  nur  auf.  was  Ihr  nur  wollt! 

Ich   habe  noch  Silber  und  rothes  Gold, 

Hab  auch  noch  tausend  Dukaten.« 

Und  als  es  um  die  Mitternacht  kam, 

Die  Frau  zu  ihrem  Manne  sprach: 

»Laß  uns  den  Reiter  morden!« 

»Ach  nein,  herzliebste  Fraue  mein, 

Laß  du  den  Reiter  Reiter  sein, 

Der  Reiter,  der  muß  weiter.« 

Die  Frau,  die  nahm  wohl  Mannsgewalt 

Und  nahm  das  Messer  in  ihre  Hand 

Und  stach  den  Reiter  durchs  Herze. 


i53 


Sie  schleppt  ihn  in  den  Keller  hinein 

Und  grub  ihn  in  den  Sand  hinein. 

Verschwiegen  möcht  es  bleiben. 

Es  blieb  verschwiegen  bis  an  den  Tag, 

Bis  daß  der  andere  Reiter  kam: 

»Wo  ist  denn  mein  Kamerade?« 

»Dein  Kamrad  und  der  ist  nicht  mehr  hier, 

Ist  weggeritten  aller  früh.« 

»Wie  kann  der  Reiter  weiter  sein? 

Das  Rößlein  steht  im  Stall  und  schreit 

Es  will  ja  gar  nicht  schweigen. 

Habt  Ihr  ihm  was  zu  Leid  gethan, 

So  habt  Ihrs  Eurem  Sohn  gethan, 

Der  aus  dem  Krieg  ist  kommen.« 

Die  Frau  wohl  in  den  Brunnen  sprang, 

Der  Mann  sich  in  die  Kammer  hang. 

Ist  das  nicht  Sund  und  Schande 

Um  das  verdammte  Geld  und  Gut 

Und  auch  ums  junge  Leben !  — 

14- 

Ich  stand  auf  hohen  Bergen, 
Schaut  hernieder  ins  tiefe  Thal; 
Da  sah  ich  drei  junge  Gesellen 
Bei  einer  Jungfer  stahn. 

Der  eine,  der  war  ein  Edelmann, 
Der  andere  ein  Amtmannssohn, 
Der  dritte  ein  Wanderbursche, 
Der  wollte  die  Jungfer  han. 

Der  Wanderbursche  dreht  sich  um, 
Faßt  das  Mädlein  bei  der  Hand, 
Er  führte  sie  so  lange, 
Bis  er  ein  Wirthshaus  fand. 

Frau  Wirthin,  ist  sie  drinnen, 
Hat  sie  auch  guten  Wein? 
Diese  Jungfer  hat  schöne  Kleider, 
Versoffen  sollen  sie  sein.« 


'51 


Versoffen  schöne  Kleider, 
Kein  Geld  ist  nicht  mehr  da; 
»Ei,  so  mußt  du  wackres  Mädchen 
Nach  Hause  wieder  gahn.'< 

»Nach  Hause  wieder  gehen 
Wohl  in  mein  Vaterland! 
Ei,  so  wollt  ich,  Wanderbürschlein! 
Ich  hätt'  dich  niemals  gekannt. 

15- 

Ein  Herz,  was  sich  mit  Sorgen  quält, 
Hat  selten  frohe  Stunden. 
Es  hat  sich  schon  sein  Theil  erwählt, 
Die  Hoffnung  ist  verschwunden. 
Drum  glücklich  ist,  wer  das  vergißt, 
Was  einmal  nicht  zu  ändern  ist. 

Die  Sonne,  die  so  früh  aufgeht, 
Pflegt  selten  spät  zu  scheinen. 
Das  Glücke,  das  so  früh  aufblüht, 
Pflegt  schon  am  Mittag  Weinen. 
Drum  glücklich  ist,  wer  das  vergißt, 
Was  einmal  nicht  zu  ändern  ist. 

Frisch  auf,  mein  Herz,  ermuntre  dich 

Und  sei  dein  eigner  Meister! 

Was  quälst  du  dich  so  jämmerlich 

Mit  deinen  Lebensgeistern  ? 

Wer  weiß,  wo  man  noch  Rosen  bricht, 

Drum  sei  vergnügt  und  sorge  nicht! 

Obgleich  mein  Schiff  vor  Anker  liegt 

Bei  ganz  konträrem  Winde, 

So  hab  ich  doch  die  Hoffnung  noch 

Daß  ich  den  Hafen  finde. 

Der  Hafen  liegt,  wo  Freundschaft  ruht, 

Was  lange  währt,  wird  endlich  gut. 

16. 

Schatz,  warum  bist  du  so  traurig  ? 
Ich  bin  aller  Freuden  voll. 
Meinst  du,  daß  ich  dich  verlasse? 
Nein,  du  gefällst  mir  gar  zu  wohl. 


»55 


Eh  ich  dich,  mein  Kind,  verlasse, 
Muß  der  Himmel  fallen  ein 
Und  die  Sterne  sich  verlieren, 
Und  der  Mond  muß  finster  sein. 

Sitzen  da  zwei  helle  Sterne 

An  dem   blauen  Himmelszelt. 

Der  eine  scheint  auf  mein  Feinsliebchen, 

Der  andere  ins  weite  Feld. 

Sitzen  da  zwei  Turteltauben 
Auf  dem  grünen  Dornenstrauch. 
Wo  sich  zwei  Verliebte  scheiden, 
Da  verwelket  Gras  und  Laub. 

Laub  und  Gras,  das  muß  verwelken, 
Aber  unsre  Liebe  nicht. 
Dies  soll  sein  mein  letztes  Denken, 
Dies  soll  sein  zur  guten  Nacht. 


In  kummervollen  Tagen 
Vollbring  ich  meine  Zeit, 
Dieweil  ich  nicht  kann  haben, 
Der  so  mein  Herz  erfreut. 

In  einen  Unglücksgarten 
Ließ  mich  mein  Schicksal  ziehn. 
Was  muß  ich  da  erwarten? 
Die  Rose  sah  ich  blühn. 

Und  solltest  du  verblühen, 
Daß  ich  nicht  deiner  werth, 
In   Kummer  müßt  ich  ziehen 
Ins  Grab  der  kühlen  Erd. 

Viel  Jahre  muß  ich  liegen 
Gefangen  in  der  Gruft, 
Und  muß  vergeblich  blühen 
Und  tragen  keine  Frucht. 


156 


i8. 

Schätzchen,  reich  mir  deine  Hand, 
Zum  Beschluß  und  Unterpfand. 
Zum  Beschluß  einen  Kuß, 
Weil  ich  von   dir  scheiden   muß. 
Scheiden  ist  ein  hartes  Wort, 
Du  bleibst  hier  und  ich  muß  fort, 
Ich  muß  fort  an  den   Ort, 
Wo  wir  uns  nicht  wiedersehn. 
Da  bleibt  unsere  Liebe  stehn. 
In  der  Zeit  weit  und  breit 
Werden  wir  uns  wiedersehn. 

I9. 

Es  steht  eine  Linde  im  tiefen  Thal 

Ist  unten  breit  und  oben  schmal, 

Darunter  zwei  Verliebte  saßen, 

Die  sich  ihre  Ehe  versprochen  haben. 

»Feinsliebchen,  ich  thu  es  dir  sagen, 

Ich  muß  noch  sieben  Jahre  wandern.« 

»Mußt  du  noch  sieben  Jahre  wandern, 

So  heirathe  ich  einen  andern.« 

Und  als  die  sieben  Jahre  ummer  waren, 

Da  mein  Feinsliebchen  weggegangen  war, 

Da  ging  ich  in  den   Garten, 

Feinsliebchen  zu  erwarten. 

Und  als  ich  in  den  Garten  kam, 

Feinsliebchen  unter  der  Linde  saß. 

»Guten  Tag,  guten  Tag,  du  Feine, 

Was  machst  du  hier  alleine  ? 

Sind  dir  denn  Vater  oder  Mutter  gram, 

Oder  hast  du  heimlich  einen  Mann  ? 

»Mein  Vater  und  Mutter  sind  mir  nicht  gram. 

Ich  habe  auch  heimlich  keinen  Mann.« 

Was  zog  er  von  seinem  Finger? 

Einen  Ring  von  feinem  Golde. 

Sieh  da,  du  Hübsche,  du  Feine, 

Dies  soll  dein  Denkmal  sein. 

Was  zog  er  aus  seiner  Taschen? 

Ein  Tuch  schneeweiß  gewaschen. 


157 


Trockne  ab,  trockne  ab  deine  Äugelein, 

Übers  Jahr  sollst  du  mein  eigen  sein. 

Gestern  Abend  bin  ich  geritten    durch  eine  Stadt, 

Da  dein  Feinsliebchen  hat  Hochzeit  gehalten. 

Was  wünschest  du  ihm  zu  gut, 

Daß  es  nicht  hat  seine  Treue  gehalten  ? 

»Ich  wünsch  ihm  so  viel  Gutes, 

Als  Sand  am  Meere  thut  fließen.« 

»Hättest  du  einen  Schwur  oder  Eid  gethan, 

Von  Stund  an  war  ich  geritten  davon.« 

20. 

Im  Himmel  sitzt  der  alte  Fritz 

Mit  seinen  Generälen, 

Thun  sich  viel  erzählen 

Von  Ausfall  und  Scharmütz, 

Von  Überfall  und  Schlachten 

Und  manchem  Reiterstrauß, 

Womit  sie  plötzlich  machen 

Das  deutsche  Reich. 

Und  Friedrich  Wilhelm  Rex  mit  Ruhm 

Und  Ehren  zu  vermelden 

Spaziert  mit  seinen  Helden 

Durch  das  Elisium. 

Sie  reden  durch  einander 

Manch  Wort  vom  Freiheitreich 

Von  Franz  und  Alexander, 

Von  Gottes  Reich.  — 

Da  stille  wird  es  allzumal, 

Es  hebt  sich  von  dem  Sitze 

Pur  der  alte  Fritze 

Und  reitet  durch  den  Saal. 

»Ihr  glaubt  wohl  an  Gespenster, 

Ich  bitt  um  etwas  Ruh.« 

Auf  macht  er  schnell  das  Fenster 

Und  wieder  zu. 

Ihr  Herrn,  ich  hab  es  gleich  gedacht, 
Das  war  ein  falscher  Schwindel, 
Ich  sehe  nur  Gesindel, 
Das  schlechte  Streiche  macht. 
Mir  sitzt  der  Schuß  im  Herzen, 


158 


Die  Preußennoth  ist  groß. 
Bei  uns  in  Zeit  des  Herbstes 
Ist  der  Deuwel  los!« 

2  I. 

Der  wohlbekannten 

Herzlieb  genannten, 

Schön  und  fein, 

Zart  und  rein, 

Der  Wohlgestalten  und  Frommen 

Soll  dieser  Brief  zu  Ehren  kommen. 

Und  wenn  es  dir  geht  glücklich  und  wohl, 

So  ist  mein  Herz  aller  Freuden   voll 

Und  nimmt  sich  die  Feder,  Tint  und  Papier 

Und  schreibt  nach  meines  Herzens  Begier 

Und  schreibt  ein  kleines  Briefelein 

Zu  der  Herzallerliebsten  mein. 

Und  schreibt  mir  einen  freundlichen   Gruß 

Vom  Haupte  an  bis  an  den  Fuß. 

Du  liegst  mir  in  meinem  Herzen  begraben, 

Geschrieben  mit  sechs  goldenen  Buchstaben. 

Die  erste  heißt  Lieb, 

Die  zweite  zart, 

Die  dritte,  die  mich  geboren, 

Die  vierte,  die  war  silberschön, 

Ach  könnte  ich  dich  täglich  sehn. 

Die  fünfte,  die  war  hübsch  und  fein, 

Ach  könnt  ich  immer  bei  dir  sein. 

Die  sechste,  die  war  von  Sammt  und  Seiden, 

Die  müssen  andere  Junggesellen   meiden, 

Und  mein   Herzallerliebster  bleiben. 

Dann  wünsche  ich  dir  so  viel  Glück, 

So  mancher  Stern  am  Himmel  blinkt, 

So  viel  als  Korn  wird  eingesät, 

So  viel  als  Gras  wird  abgemäht, 

Und  so  lang  sollst  du  meine  bleiben, 

Bis  ein  Löwe  in  Kasten  fliegt, 

Bis  eine  Mücke  ein  Fuder  Wein  wegzieht, 

Bis  ein  Licht  die  Sonne  anzündt, 

Bis  ein  Mühlstein  schwimmt  über  den  Rhein, 

So  lang  sollst  du  meine  Liebste  sein. 


11 


i59 


22. 

Ich  armer  Hase  in  dem  weiten  Feld 

Sie  sein  mir  ja  so  nachgestellt, 

Sie  trachten  mir  nach  dem  Leben  mein. 

Wo  bleib  ich  armes  Häselein? 

Wenn  mich  dann  der  Jäger  find, 

Und  mich  in  seine  Seite  nimmt, 

Dann  thun  die  Büchsen  knallen, 

Sie  piffen,  paffen,  schallen. 

Dann  lauten  mir  die  Hunde  vorbei, 

Wo  bleib  ich  armer  Hase  noch  frei? 

Und  komme  ich  dann  wohl  aus  dem  Busch, 

Und  meine,  ich  lebe  in  Freude  und  Lust, 

Dann  thun  sie  mit  mir  prangen, 

Daß  mir  die  Lappen  hangen. 

Ich  himmele,  ich  schwimmele 

Wohl  hin  und  her, 

Als  wenn  ich  ein  Dieb  oder  Mörder  war. 

Dann  werd  ich  gebraten  als  wie  ein  Fisch 

Und  werde  getragen  auf  den  Herrentisch. 

Dann  thun  sie  Gäste  laden, 

Sie  trinken  bei  dem  Braten 

Wohl  extra  Bier  und  franzschen  Wein. 

Der  Hase  muß  ganz  verzehret  sein. 

23- 

Beim  Flötenmachen  gesungen  zur  Lösung  des  Bastes. 

Zapp  zapp  rieke, 

up'n  gälen  dieke 

was  'n  man, 

häite  Kamm, 

har  dräi  kinner, 

äint  kam  mi  täo 

äint  kam'n  köster  täo. 

de  köster  smeet  sin't  in  de  kulen, 

läit't  verfulen; 

kam  de  ole  süäge  her, 

tog'r  dat  hast  af, 

ri  ra  rutsch  af, 

bast  af. 


160 


Fleutke  pipe  wutte  gan! 
Eck  will  deck  up  de  dören  slan. 
De  dören  sali  deck  steken 
De  rabe  sali  deck  freeten 
Zapp  äff,   zapp  äff. 

Kättchen  leip  den  barg  henup 
Mit'n  Stumpen  meste 
Sneit  meck  hut  un   hare  äff 
Aliens  wat'r  uppe  satt 
Zapp  äff,  zapp  äff. 

24. 

Zur  Unterhaltung  der  Kinder. 

De   wind   de   weiht, 

de  bahne  de  kreiht, 

de  voß  sat  up'n  tune 

un  plücke  gele  plumen. 

eck  säi,  häi  scholl  mi  äine  giäben, 

do  wolle    e  mi  lütke  stäine  giäben. 

do  natu  eck  minen  bunten  stock 

un  släog  'n  up  den  kahlen  kopp, 

do  räip  häi  mester  Jakob. 

mester  Jakob  was  nich  inne. 

do  sä  häi  't  sinen  kinne, 

dat  smeet  mi  met  'r  tangen, 

do  reet  eck  nie  na  Frangen, 

un  ans  eck  hen  na  Frangen  kam, 

do  sat  de  katt  in  käostall 

un  maoke  frische  bottern. 

de  flädermus  däi  fege  dat  hus, 

de  lütke  mus  brochte  den  dreck  henut 

bet  achter  de  schünen. 

dar  säiten  dräi  kapünen, 

däi  söchten  'r  dat  beste  hawerkarf  ut. 

dar  bräon  se  säute  beer  ut. 

de  heuner  up'n  wieben. 

däi  wollen  dar  beswieben. 

dat  beer  fong  an  te  brusen 

den  äinen  Ständer  ut'n  huse. 

do  kam  de  ole  süäge  vär't  hecke, 

der  smecke  dat  goe  beer  säo  nette. 

11*  i6r 


25- 
Betrübte  Braut. 

Es  wollt  ein  Bauer  freien, 

Er  freit  nach  Seinesgleichen, 

Er  freit  nach  seiner  Braut  sieben  Jahr. 

Die  junge  Braut  wollte  den  Herrn  nicht  haben. 

Der  Bräutigam  kam  gefahren 

Mit  vierundzwanzig  Wagen. 

Wo  ist  denn  meine  herzliebste  Braut, 

Die  mich  so  freundlich  willkommen  heißt ? 

Sie  sitzt  wohl  in  der  Kammer, 

Beweinet  ihren  Jammer, 

Beweinet  ihren  Jammer  und  Leid, 

Daß  sie  ertrinken  muß  in  dem  Rhein. 

Und  als  sie  auf  den  Wagen  stieg, 

Nahm  sie  von  ihren  Eltern  einen  traurigen  Abschied 

Ach  Eltern,  herzliebste  Eltern  mein, 

Unser  Lebtag  werden  wir  uns  nicht  wiedersehn. 

Und  eh  sie  auf  die  Brücke  kamen, 
Begegnet  ihr  eine  Schwalbe. 
Ach  Schwalbe,  du  fliegst  wo  deine  Freud  ist 
Und  ich  muß  fahren  wo  mein  Unglück  ist. 

Und  als  sie  vor  die  Brücke  kamen, 
Hieß  sie  den  Fuhrmann  stille  stehn. 
Nun  zieht  mir  aus  mein  hochzeitlich  Kleid 
Und  machet  mich  hier  zum  Tode  bereit. 

Und  als  sie  auf  die  Brücke  kamen, 

Da  brach  der  Brücke  ein  Brettlein  entzwei, 

Da  fiel  die  junge  Braut  in  den  Rhein. 

Der  Bräutigam  stand  daneben, 

Sah  seine  herzliebste  Braut  schweben. 

Ach  hätt  ich  doch  meine  Ketten  bei  mir, 

So  könnt  ich  mein  liebes  Kind  retten  hier; 

Nun  aber  hab  ich  meine  Ketten  hier  nicht, 

Nun  kann  ich  mein  liebes  Kind  retten  auch  nicht. 


162 


Dies  ist  nun  meine  siebente  Braut, 
Vielleicht  wird's  auch  die  letzte  wohl  sein. 

Was  zog  er  aus  seiner  Tasche  ? 

Ein  Messer  das  war  von  Gold  so  roth, 

Damit  stach  er  sich  selber  zu  todt. 

Diese   Fassung   des  Liedes  wurde   mir   vor   langen  Jahren    aus   der   Ein- 
becker Gegend  mitgetheilt: 

Christinchen  in  dem  Garten, 

Drei  Rosen  zu  erwarten. 

Das  hat  Christinchen   am   Himmel  gesehn. 

Daß  sie  im  Rheine  sollt  untergehn. 

Sie  ging  zu  ihrem  Vater. 

Ach  Vater,  herzliebster  Vater, 

Könnte  dies  und  das  nicht  möglich  sein, 

Daß  ich  noch  ein  Jahr  könnte  bei  euch  sein' 

Ach  nein,  das  kann  nicht  gehen, 

Diese  Heirath  muß  geschehen. 

Mein  Kind,  das  bilde  dir  ja  nicht  ein. 

Du  mußt  wohl  fahren  noch  über  den  Rhein. 

Sie  ging  zu  ihrer  Mutter. 

Ach  Mutter,  herzliebste  Mutter. 

Könnte  dies  und  das  nicht  möglich  sein, 

Daß  ich  noch  ein  Jahr  könnte  bei  euch  sein  ? 

Ach  nein,  das  kann  nicht  gehen, 

Diese  Heirath  muß  geschehen. 

Mein  Kind,  das  bilde  dir  ja  nicht  ein. 

Du  mußt  wohl  fahren  noch  über  den  Rhein. 

Der  König  kam  gefahren 

Mit  vierundvierzig  Wagen. 

Eine  Kutsche  die  war  mit  Golde  beschlagen. 

Darin  er  wollt  Christinchen  fahren. 

Und  als  sie  auf  die  Brücke  kamen, 
Zerbrachen  gleich  zwei  Bretter. 
Das  hat  Christinchen  am   Himmel  gesehn, 
Daß  sie  im  Rheine  sollt  untergehn. 

163 


Was  zog  er  aus  seiner  Tasche  ? 

Ein  Tuch  schneeweiß  gewaschen, 

Ein  Messer,  das  war  von  Golde  so  roth. 

Damit  stach  er  sich  selber  todt. 

26. 

Lustige  Hochzeit. 

Anne  Geske  sä  täon  vaar: 
wat  eck  segge  dat  is  wahr. 
krigt  dat  lüt  nich  boll  'n  mann, 
säo  beliäw  'r  Unglücke  an. 
flugs  do  word  de  schriewer  räopen, 
däi  schrew  allns  in  äinen  bräif, 
wat  de  deeren  mee  kreg: 
äinen  pott  un  äinen  släif 
äin  glad  küssen  un  äinen  püel. 
oh,  hört  äis,  lue,  is  dat  nich  viäl  ? 
heter  de  peter,  heter  de  pater 
kämm  geswinn  un  gaf  se  tehope. 
's  abens  gung  de  hochtiet  an, 
do  was  lustig  fräo  un  mann. 
Anne  Geske  soop  seck  voll, 
kreg  dat  lüt  wol  bi  den  poll. 
klapp,  kreg  se  äinen  an  de  snute, 
do  was  de  lustige  hochtit  ute. 

(Aus  Wiedensahl,  aber  von  auswärts  mitgetheilt.    Lüt  für  Mädchen  und 
dei   Name  Geske  sind  nicht  wiedensahlsch.) 

27. 

Neckische  Heilsprüche. 

Beute,  beute, 

Kreienfäute, 

Häistersteert, 

Maren  schallt  wol  bäter  wem. 

Jacob  un   Isack 

Sl äugen  seck  um'n  twiback. 

Jakob  gewunnt, 

Isack  verswund. 

164 


28. 

Verhandlung. 

Hekel,  hekel  struus. 
Hekel  plücket  di; 
O  min  Iäiwe  kinneken, 
Säi  dinget  ümme  di. 

Säi  dinget  ümme  di, 
Dat  wäist  du  jo  wol; 
Säi  dräget  di  alle  dage 
Den  breen  häot  täo. 

Den  breen,  breen  häot, 
Makt  alle  dinge  gäot 
Du  konnst  noch  wol  'eteuben, 
Bet  awermaren  freuh. 

Awermaren  freuh 

De  kummt'r  noch  wol, 

Denn  konnst  ok  noch  wol  kriegen 

Dene  du  hebben  wutt. 

(Wurde  von  einer  alten  Frau  in  Wiedensahl  gesungen  in  der  eintönigen 
Weise  der  Kinderlieder.) 

29. 

Es  schwammen  drei  Enten  auf  einem  Teich. 

Die  eine  hieß  Mäs, 

Die  zweite  hieß  Bus 

Die  dritte  Triktracktrilljäs. 

Da  sprach  die  Frau  Bäs  zu  der  Frau  Mäs : 

Was  hat  unsere  Frau  Triktracktrilljäs 

Für'n  dicken   As ! 

SO- 

Kinderspiele. 

Jammer,  Jammer !  höret  zu 
Was  ich  euch  will  sagen. 
Ich  hab  verloren  meinen  Schatz. 
Mach  auf,  mach  auf  den  Garten, 


Ob  ich  ihn  kann  finden, 

Und  wenn  ich  ihn  gefunden   hab, 

Fall  ich  ihm  zu  Füßen 

Um  seine  Hand  zu  küssen. 

Machet  auf  das  Thor ! 

Machet  auf  das  Thor! 
Ich  hab  meinen  Schatz  gefunden. 


Ich  spann  mal  grüne  Seide 

Die  grüne  Seide  war  so  schön. 

Ich  spann  mal  über  sieben  Jahr. 

Die  sieben  Jahr,  die  waren  um, 

Da  dreht  sich  Fräulein  Anna  um. 

Fräulein  Anna  hat  sich  umgedreht, 

Und  das  hat  sie  von  mir  gelehrt. 

Oranjen,  Kastanjen, 

Appelrose,  Rangen  (?) 

Die  Kugel  war  so  rund,  rund,  rund, 

Der  Kreis,  der  war  so  bunt,  bunt,  bunt. 

Ei  —  ade ! 
Von  Kopp  bet  an  de  Knee ! 

Eck  danz  miner  moder  den  fidelumfei, 

Fidelumfei,  min  swager. 

Wer  is  hir  in  düssen  kreis 

De  mi  kann  behagen  ? 

Dreih  um  den  ketel, 

Un  datt  schall  klingen. 

Wer  is  de  allerbeste? 

O,  Anna  is  de  beste  deern, 

De  fat  mi  achter  in'n  kragen 

Un  kummt  se  nich,  säo  hol  eck  ehr 

Mit  tein  gesloten  wagen. 


Eia,  in  suse 

Wo  wohnt  wol  bäcker  kruse? 
De  de  schönen  plättchen  backt. 
In  de  rosmarienstraat. 

Süh,  do  kummt  bruder  bachus  her 
Mit  den  dicken  ranzen. 
Kann   kum   komen  in   de  döör 
Woll   noch  mit  mi  danzen. 


166 


31- 

Kinderreime  und  -Rätsel. 

Wer  will,  wer  will  ! 

Eck! 
Min  Esel  sin. 
Un   du  min  Swin. 
Kannst  beides  sin. 

Schosters  und  Sniders  sind  Lumpengesellen, 

Se  knappt  de  Lüse  und  fretet  de  Schellen. 

Warum  doet  se  datt? 

Se  kriget  nich  satt, 

Se  kriget  man   anderthalf  Klütjen  up't  Fatt. 

Tuck,  tuck,  tuck  min   häuneken 

Wat  deist  in  minen  hoffr 

Du  plückst  mi  alle  bleumeken, 

Dat  is  doch  gar  täo  groff. 

Min  mutter  will  mit  di  kiben, 

Min  vader  will  di  slan. 

Tuck,   tuck,  tuck,  min  häuneken. 

Wo  will  et  di  noch  gan !  — 

De  kuckuck  up'n  tune 

Diddel  diddel  ditt 

De  kuckuck  up'n  tune  satt 

Do  regent'n  schür  un  he  word  natt. 

Do  kämm  de  blide  sünnenschin 

De  kuckuck,  de  was  hübsch  un  tin. 


Suse  muse  kättken,  wo  wutt  du  hentäo? 

Eck  will  na  nawers  huse  hentäo, 

Da  slacht  se  en  swin, 

Da  drinket  se  win 

Da  wTill  wi  drä  dage  recht  lustig  sin. 


Wutte  mee 

Na  Kattenimee? 

Ek  will'r  vorbigan, 

Du  schoft'r  heningan 

Un  laten  di'n  as  vull  Pinnen  i'lan. 


167 


De  lüttje  Jan  ölke 

Satt  up'n  kackstölke. 

Je  länger  he  satt, 

Je  körter  he  watt.    (Docht  im  Nachtlicht.) 


Röröhr,  ga  sitten 

De  kuckuck  de  kummt.     (Libelle.) 


Twe  ogen  in'n  koppe 
Twe  arften  in'n  potte 
'n  hart  in  'n  liwe 
Sind  dat  nich  fiwe? 


Jehann,  spann  an ! 
Dre  katten  väran, 
Dre  müse  värupp, 
Den  blocksbarg  henupp ! 


INHALT. 


Seite 

Vorwort 3 

I.  Volksmärchen .    9 — 11 1 

1.  De  häister  un  de  willen  duben    ...  9 

2.  Die  schwarze  Prinzessin 9 

3.  Das  Öl  der  Zwerge 11 

4.  Ilsabein .    .  12 

5.  Gerdmann  un  Alheid 13 

6.  Das  harte  Gelübde 15 

7.  Die  böse  Stiefmutter 16 

8.  Die  Zwerghütchen 18 

9.  Königin  Isabelle 20 

10.  Die  bestrafte  Hexe      23 

II.  Die  Bremer  Stadtmusikanten     .    .    .    .  27 

12.  Kükeweih 27 

13.  Der  Gärtner  und  die  Kröte 28 

14.  Bauer  Pihwitt 28 

15.  Muschetier,  Grenadier  und  Pumpedier  30 

16.  Der  dumme  Hans 35 

17.  Der  kluge  Bauer 36 

18.  Des  Todtengräbers  Sohn  ...        -38 

19.  Rettungsräthsel    ..........  41 

20.  Die  launische  Ziege 41 

21.  Des  Kaufmanns  Sohn 44 

22.  Der  Königssohn  mit  der  goldenen  Kette  47 

23.  Der  Königssohn  Johannes 52 

24.  Das  verwünschte  Schloß 57 

25.  Drei  Königskinder 59 

26.  Der  kluge  Knecht 63 

27.  Die  alte  Slüksche 67 

28.  Die  zwei  Brüder 69 

29.  Der  Schmied  und  der  Pfaffe    ...  74 

30.  De  rabe  un  de  pogge 76 

31.  Der  harte  Winter 77 

32.  Der  Soldat  und  das  Feuerzeug     .    .    .  77 

33.  Der  Bettler  aus   dem  Paradies  ....  82 


34- 
35- 
36. 

37- 
38. 

39- 
40. 
41. 


II. 

1. 
2. 

3- 
4- 
5- 
6. 

7- 
8. 

9- 
10. 
1 1. 
12. 

13- 

14. 

15- 
16. 

17- 
18. 
19. 
20. 
21. 
22. 

25- 

24. 
25. 


Seite 

Der  verwunschene  Prinz    .....  84 

Das  Hemd  des  Zufriedenen 86 

Der  Herrgott  als  Pathe 87 

Aschenpüeling      93 

Friedrich  Goldhaar 96 

Der  Schweinejunge  und  die  Prinzessin  104 

Der  Mordgraf  . 107 

Hans    Hinrich    Hildebrand     und     der 
Pfaffe 


Sagen 112 — 

Die  schwarze  Fliege   ..... 

Pulver  im  Butterfaß 

Des  Schmieds  Frau 

Der  Hexenkarren 

Dör  hagen  un  tüne    ........ 

Die  Birnen  und  Kielpoggen 

Der  grüne  Jäger 

Das  Irrlicht 

Das  Geld  in  der  Mauer 

Der  feurige  Mann 

Der  Gutenabend 

Die  zwei  Brüder 

Hackelbergs  Hund 

Der  schlafende  Jäger      

Apotheker  B.   .    .    . 

Der  unruhige  Geist 

Der  pflügende  Geist 

Der  gebannte  Geist 

Die  geizige  Frau 

Die  fromme  Hexe •   .    .    . 

Die  Müsemakersche •    .    . 

Die  Hexe  als  Hase     ........ 

Der  wiederkehrende  Pastor 

Die  Müllerin 


Das  Fräulein  in  der  Muldenscherbe 


Seite 

26.  Die  Mahr 125  2. 

27.  Die  Zwerge  unter  dem  Gossenstein     .126  3. 

28.  Die  Zwerge  und  der  alte  Rune    ...  126  4. 

29.  Der  Snakenkönig .  126  5. 

30.  Der  Teufel  und  der  Wucherer     .    .    .  128  6. 

31.  Das  Gold  des  Reichen 128 

32.  Das  schwarze  Mädchen 129  7. 

33.  Der  Soldat  und  die  Schlange   ....  129  8. 

34.  Florentine  und  der  Teufel 129  9. 

35.  Der  kupferne  Kessel 130  10. 

36.  Der  Bauer  und  die  Ütsche 130  11. 

37.  Der  Teufel  Herodianna      ......  130  12. 

38.  Rettungsräthsel 131  13. 

39.  Der  Königssohn 131  14. 

40.  Der  sprechende  Rabe 132  15. 

41.  Die  drei  Pullen    . 133  16. 

42.  Zwiegespräch ■    •    •  133  17. 

43.  Das  Zauberbuch 134  18. 

44.  Die  Hexe  mit  der  Eisenstange      ...  134  19. 

45.  Die  Hexe  als  Sau 137  20, 

46.  Der  Doppelgänger 137  21. 

47.  Das  Höwif 138  22. 

48.  Allerlei  alter  Glaube .138  23. 

49.  Krup  unner!     Krup  unner!   ....  139  24. 

50.  Graf  Otto  von  Bückeburg 140  25. 

51.  Die  Wiedensahler  und  der  Ritter  von  26. 
Bückeburg     .......    141  27. 

52.  Die  zwei  Fräulein .141  28. 

29. 

III.  Volkslieder  und  Reime  ....     143  —  168  30. 

1.  Es  flohn   drei  Sterne 143  31. 


Zu  Koblenz  auf  der  Brücken  .... 
Trau  die  Frauensleute  nicht  zu  viel    . 

Es  waren  drei  Soldaten 

Auf  den  Sonntag  früh  Morgen  .  .  . 
Es    zog    ein    Reuter    wohl   über    den 

Rhein 

Es  wohnt  ein  Markgraf  an  dem  Rhein 
Jetzt  fängt  der  Frühling  an  ....  . 
Als  Christus  der  Herr  in  Garten  ging 

Hannchen  ist  mir  gut 

In  Trauern  und  in  Ruh 

Ich  bin  so  traurig 

Es  waren  einst  zwei  Bauernsöhne  .    . 
Ich  stand  auf  hohen  Bergen     .... 

Ein  Herz,  was  sich  mit  Sorgen  quält 
Schatz,  warum  bist  du  so  traurig?  . 
In  kummervollen  Tagen    ...... 

Schätzchen,  reich  mir  deine  Hand  .  . 
Es  steht  eine  Linde  im  tiefen  Thal  . 
Im  Himmel  sitzt  der  alte  Fritz    .    .    . 

Der  wohlbekannten 

Ich  armer  Hase  in  dem  weiten  Feld 

Beim  Flötenmachen 

Zur  Unterhaltung  der  Kinder    .... 

Betrübte  Braut 

Lustige  Hochzeit 

Neckische  Heilsprüche 

Verhandlung 

Es  schwammen  drei  Enten   ..... 

Kinderspiele      ....        

Kinderreime  und  -Rätsel 


Seite 

44 
45 

4  3 
47 

47 
48 

49 
)0 
51 
)2 
J2 

53 
54 
55 
55 
>6 

57 
57 
58 

S9 

60 

60 
61 
62 
64 

64 

6  5 
65 

6) 
67 


Im  Verlage  von   LOTHAR  JOACHIM  in  MÜNCHEN 
sind  aus  WILHELM  BUSCH'S  NACHLASS  erschienen: 

HERNACH 

Ein  stattlicher  Band  mit  95  zum  Teil  farbigen  Zeichnungen 
nebst  Versen.     In  LEINWAND  gebunden  MARK  5.—. 

SCHEIN  UND  SEIN 

NACHGELASSENE  GEDICHTE 

Mit  dem  Bildnis  des  Verfassers  in   Duplex- 
Autotypie  und  einem  faksimilierten  Gedicht. 

A.  LUXUS-AUSGABE  in  1200  numerierten  Exemplaren  auf  echtes 
Büttenpapier  gedruckt.    In  biegsames  Leder  gebunden  Mark  8.  — . 

B.  GEWÖHNLICHE  AUSGABE,  auf  starkes  Daunen-Papier  gedruckt 
In  Leinwand  gebunden  ::  ::  ::  ::  ::  ::  ::  ::  Mark  3.  — . 
In  Halblederband         ::     ::     ::     ::     ::     ::     ::     ::     ::     Mark  4. — . 

sowie  die  große  Biographie  des  Dichters: 

WILHELM  BUSCH 

von  Hermann,  Adolf  und  Otto  Nöldeke 

Ein  starker  GROSS -OKTAVBAND  mit 

250  schwarzen  und   8  bunten  BILDERN. 

GEBUNDEN  IN  LEINWAND    MK.  10.— 
;yuA        GEBUNDEN  IN  PAPPBAND    MK.    8.- 


»Erst  in  diesem  geschmack-  und  verständnisvoll  geschriebenen,  von  zahlreichen 
Textillustrationen  begleiteten  Buche  lernen  wir  Wilhelm  Busch  ganz  kennen.  Es  gehört 
zu  seinen  Werken,  ähnlich,  wie  die  „Gespräche"  zu  den  Werken  Goethes.  So  wird 
dieses  Buch,  wie  die  Werke  Busch's  selbst,  seinen  Platz  in  der  Literatur  behaupten.« 

Die  Grcnzbo:en  Nr.  21,   1910. 


3 

3 

5 

3 

3 

3 

3 

4' 

4 

4- 

4'; 

4' 

45 

46 

47 
48 

49 
50 
5i 

.52. 


III. 
i.